Ein Wolf im Nationalpark Schwarzwald wird zum Wahlkampfopfer
Wir leben wirklich in einer verdrehten Welt, und dies gilt leider auch für führende Grüne, die sich nun vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg als Wolfsjäger in die Herzen von Weidetierhaltern, Jägern und Wolfshassern schleichen wollen. Ausgerechnet die Spitzenkandidatin von Bündnis90/Die Grünen, Thekla Walker, gab den Abschuss eines Wolfs im Nationalpark Schwarzwald frei, und der Möchte-gern-Ministerpräsident Cem Özdemir, die Nummer 2 auf der grünen Landesliste, betonte in einem Interview in Bezug auf den Wolf GW2672m: „Deshalb habe ich mich sehr darüber gefreut, dass der abgeschossen werden soll. Das Kommando ist schon unterwegs“. Da läuft es mir doch kalt den Rücken runter! „Das Kommando ist schon unterwegs“ – bisher zwar nur im Wald … Wer so spricht, der gehört nicht als Ministerpräsident in die Villa Reitzenstein! Verwunderlich ist es für mich dagegen, in welch kaltschnäuziger Weise das Töten von Wildtieren bei grünen Politikern gerechtfertigt oder gar gelobt wird. Aber bereits Steffi Lemke hatte sich als grüne, für den Naturschutz zuständige Bundesministerin selbst dafür gelobt, man habe „eine Regelung beschlossen, die es bundesweit möglich macht, Wölfe nach Rissen auf Weidetiere schnell und unkompliziert abzuschießen“. Und Lemke hatte noch eins draufgesetzt „Diese Schnellabschüsse sind unbürokratisch und praktikabel umsetzbar.“ Ist die grüne Seele bei Bündnis90/Die Grünen nur verwelkt oder hat es sie – außer im Parteinamen – nie gegeben?

Abschussgenehmigung für Wolf im Nationalpark Schwarzwald
Bedauerlicherweise muss ich das letzte Quäntchen Hoffnung aufgeben, dass sich zumindest die Grünen der großen Koalition der Wolfsjäger nicht anschließen, die CDU/CSU, SPD, FDP, AfD und die bayerischen Freien Wähler einschließt. In Wahlkampfzeiten scheint den Grünen jedes Mittel recht zu sein, noch den einen oder anderen Jäger, Weidetierhalter oder Wolfshasser gewinnen zu können, um den Rückstand auf die baden-württembergische CDU zu verkleinern, die in Wahlumfragen auf Platz eins liegt. Wer ist denn nun der Isegrim, der aufs Korn genommen werden darf? Hat er sich ständig an Schafen vergriffen, statt unter Rehen seinen Hunger zu stillen? Fehlanzeige. Dann hat er sicherlich Rotkäppchen aufgelauert und ihre Großmutter verspeist. Wieder falsch! Dieser Wolf hat niemanden gefährdet oder gar attackiert. Selbst in der Pressemitteilung des baden-württembergischen Umweltministeriums heißt es: „Der Wolf hatte in der jüngeren Vergangenheit ein auffälliges Verhalten gezeigt, indem er sich während der Paarungszeit Hunden und deren Besitzerinnen und Besitzern teilweise bis auf wenige Meter näherte. Er war dabei nicht aggressiv, zeigte aber nur wenig Scheu vor Menschen.“ Wie das wohl kommt? Wurde der Wolf, der rund um die Hornisgrinde im Ortenaukreis lebt, vielleicht angefüttert, um entsprechende Videos für Instagram oder TikTok zu erstellen? Im Grunde sucht der Wolfsrüde GW2672m eine Partnerin, die sich im Schwarzwald jedoch unter Seinesgleichen nicht finden lässt, weil nur vier männliche Wölfe dort sesshaft sind. Hätte man nicht in Ministeriums- und Bürokratenkreisen auf die Idee kommen können, während der Ranzzeit bestimmte Wege und Gebiete für Spaziergänger mit Hündinnen zu sperren? Nicht wenige Fachleute kommen zu dem Schluss, wenn auch unter vorgehaltener der Hand, dass nicht konsequent genug andere Mittel genutzt wurden, um den Wolf wieder auf Distanz zu Menschen zu halten. So heißt es in ‚tagesschau.de‘: „Seit Bekanntwerden der Pläne der Landesregierung wollen immer weniger Experten ihre Kritik zum geplanten Abschuss öffentlich äußern. Diese Insider sagen im Gespräch mit dem SWR, dass das Umweltministerium Baden-Württemberg kritische Äußerungen eindämmen wolle, es war sogar von einem ‚Maulkorb‘ die Rede.“ Nicht wenige Mitbegründer der Grünen dürften über eine solche Vorgehensweise wenig begeistert sein, hatten sie doch stets mehr Transparenz und Offenheit im politischen Geschehen gefordert.
„Das Umweltministerium hatte daher zunächst Mitte 2024 angeordnet, den Wolf zu fangen und zu besendern. Dann hätte die Möglichkeit bestanden, ihm durch gezieltes Vergrämen eine wieder erhöhte Scheu vor Menschen anzutrainieren. Diese Versuche führten nicht zum Erfolg“, so das baden-württembergische Umweltministerium. Mehrere hundert Spaziergänger und Wanderer haben den Wolf inzwischen gesehen und Fotos bzw. Videos erstellt, doch Fachleuten soll es nicht gelungen sein, an den Wolf mit einem Betäubungsgewehr heranzukommen? Da bleiben nicht nur bei mir Zweifel, ob nicht mit der Ausnahmegenehmigung zum Wolfsabschuss ein Wahlkampfthema geschaffen werden sollte. „Zugleich mehrten sich in jüngster Zeit Berichte über einen Wolfstourismus in der Region, da der Wolf im Gegensatz zu anderen Artgenossen deutlich häufiger gesichtet wird. Das Tier anzulocken, um Foto- und Filmaufnahmen zu tätigen, steigert jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass der Wolf die letzte Scheu vor Menschen verliert. Möglicherweise gefährliche Situationen lassen sich vor diesem Hintergrund nicht mehr ausschließen.“ Lese ich solche Sätze aus Thekla Walkers Haus, dann frage ich mich, ob man in einem Nationalpark nicht den überzogenen Wolfstourismus eindämmen müsste, anstatt den Wolf zum Abschuss freizugeben. Die Grünen haben sich in Baden-Württemberg engagiert für die Schaffung des Nationalparks und dessen minimale Erweiterung eingesetzt, doch der Gedanke scheint ihnen fremd zu sein, dass sich dort die Natur möglichst frei entfalten sollte.

Wird der Hornisgrindewolf zum Wahlkampfopfer?
Nicht nur der baden-württembergische FDP-Fraktions- und Landesvorsitzende Hans-Ulrich Rülke äußert einen schlimmen Verdacht: „Der Wolf GW2672 wird als Opferlamm für Özdemirs Wahlkampf in die Geschichte eingehen.“ Diesen Gedanken greifen zunehmend auch Medienvertreter auf. „Wolf im Schwarzwald. Özdemirs Opferlamm. In Baden-Württemberg soll nach 180 Jahren wieder ein Wolf legal geschossen werden. Die grüne Umweltministerin hilft damit Cem Özdemir im Wahlkampf“, wie es im Titel des Beitrags in der ‚taz‘ von Benno Stieber heißt. „Ich meine, die Grüne Willkommenskultur für den Wolf ist krachend gescheitert“, so Heiner Kunold vom ‚SWR‘. „Es ist ein Schlag ins Gesicht aller engagierten Umweltschützer und Tierfreunde im Nordschwarzwald. Durch das Zielfernrohr des Wolfskommandos betrachtet werden sämtliche Versuche einer friedlichen Koexistenz mit den wilden Wölfen Makulatur – also hinfällig. Schade!“ Da kann ich beiden Autoren nur zustimmen. Ich hoffe sehr, es fällt Thekla Walker und Cem Özdemir, dem grünen Spitzenduo im baden-württembergischen Landtagswahlkampf, auf die Füße, dass sie einen Wolf zum Abschuss freigeben, um politisch zu punkten. Zum ersten Mal soll nach 180 Jahren ein Wolf in Baden-Württemberg legal erschossen werden. Ob rechtliche Maßnahmen dauerhaft zum Erfolg führen, ist ungewiss, doch das Verwaltungsgericht in Stuttgart stoppte vorläufig – auf eine Klage des Vereins Naturschutzinitiative (NI) hin – die Jagd auf den Wolfsrüden an der Hornisgrinde. „Mit Blick darauf, dass das letzte dokumentierte problematische Verhalten des Wolfes längere Zeit zurückliegt, ist die Gefahrensituation nicht derart dringend, dass öffentliche Interessen einem Abwarten für kürzere Zeit entgegenstehen.“, beschied das Verwaltungsgericht. So hat der Wolf zumindest eine Überlebenschance bis zur Verhandlung. Als NABU-Mitglied frage ich mich, ob ich noch im richtigen Verein bin, denn der Landesvorsitzende dieser Organisation, Johannes Enssle, hatte Verständnis für die fragwürdige Entscheidung des Landesumweltministeriums geäußert. Haben da die Telefone geglüht? Immerhin ist sein Amtsvorgänger Andre Baumann Staatssekretär im baden-württembergischen Umweltministerium, und kandidiert für den Landtag.

Selbst der Landesjagdverband Baden-Württemberg schrieb in einer Presseerklärung: „Der Zeitpunkt der artenschutzrechtlichen Ausnahmegenehmigung GW2672m ist jedoch überraschend. Seine Verhaltensauffälligkeiten sind bereits seit Mai 2024 bekannt. Der Landesjagdverband hofft, dass die politische Entscheidung der Umweltministerin Thekla Walker auf einer rein fachlich fundierten Wissensbasis anerkannter Wildbiologen beruht.“ Dies ist eine durchaus kritische Einschätzung für einen Verband, der den Wolf ins Jagdrecht aufnehmen lassen will. Über das Töten von Wildtieren wird es fortlaufend Streit geben, doch wäre es sicherlich besser gewesen, wenn Walker und Özdemir die Debatte nicht in den Wahlkampf hineingetragen hätten. Ob man auf diese Weise den Wolfsgegnern in der CDU, die sich immer um den Noch-Landwirtschaftsminister Peter Hauk scharten, Wähler abjagen kann, das muss sich noch zeigen. Die Frage, ob Wildtiere in unserer Restnatur noch einen Platz haben, geht weit über den Wolf von der Hornisgrinde hinaus. Da wanderte ein Wisent, der jahrelang unbehelligt durch polnische Dörfer gezogen war, nach Brandenburg, und schon wurde er auf amtliches Geheiß erschossen. Bruno, der Bär kam aus Italien, und die Büchse knallte in Bayern. Und nun soll es dem aus einem österreichischen Rudel stammenden Wolf GW2672 in Baden-Württemberg genauso ergehen! Mehr zur Grundsatzfrage, welche Chancen Wildtiere bei uns noch haben, finden Sie in meinem Beitrag: ‚Lebensrecht für Wildtiere in der Natur. Nur hinter Gittern eine Zukunft?‘
Die Umweltministerin Thekla Walker, grüne Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl am 8. März, und Cem Özdemir, der gerne dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann im Amt folgen möchte, wollen den Hornisgrinde-Wolf „durch ein spezialisiertes Jagd-Team entnehmen lassen“, so die Pressemitteilung des Umweltministeriums. Wenn ich den Begriff „entnehmen“ schon höre! Dieser Wolf soll erschossen werden! Ob es Sinn macht auf Einsicht bei Thekla Walker und Cem Özdemir zu hoffen? Das würde ich mir zwar wünschen, aber im Politgeschehen ist das wohl kaum zu erwarten. Dann können Naturfreunde nur auf die Gerichte setzen und hoffen, dass die Abschussgenehmigung endgültig gestoppt wird und der Wolf in Ruhe im Nationalpark leben kann, was gleichzeitig bedeutet, Personen fernzuhalten, die nicht die Natur erleben wollen, sondern ein ‘nettes’ Selfie mit einem Wolf im Sinn haben.

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Wölfe haben es nicht leicht in unserem Land: Zuerst wurde ihre Zuwanderung von Naturfreunden begrüßt, doch als nächstes rottete sich eine breite Koalition der Wolfsgegner zusammen, denen kein noch so fadenscheiniger Grund zu banal ist, um ins Jagdhorn zu blasen. Eine kunterbunte Jagdgesellschaft hat sich zur Hatz auf den Wolf aufgemacht! Reißt ein Wolf ein Schaf, dann sind die Politiker am lautstärksten bei der Forderung nach einem Abschuss, um vorgeblich die Weidetiere zu schützen, die zuvor keinen Finger gerührt haben, um die Weidetierhalter ökonomisch besserzustellen. Mehr dazu in: ‚Kunterbunte Jagdgesellschaft bläst zur Wolfshatz. Die ganz große Koalition legt auf die Wölfe an‘. Das obige Bild entstand im Alternativen Wolf- und Bärenpark im Schwarzwald. (Bild: Ulsamer)


Vielen Dank für ihren wertvolle ausführliche Infos. Ich bin ganz ihrer Meinung. Bitte lasst den armen Wolf am Leben. Er hat es schwer genug. Einsam ohne Fähe , ohne Rudel kämpft er um sein Leben. Stoppt den Wahnsinn. Lasst ihn Leben🙏🏻🐺❤️
Sehr geehrter Herr Dr. Ulsamer,
es ist sicher zutreffend, dass die Gefährlichkeit des Wolfes übertrieben dargestellt wird und ein Wildtier, sobald es Deutschland erreicht zum Problem wird.
Da es wahrscheinlich wenige Wählerinnen und Wähler gibt, die sich für den Wolf und dessen Erhalt interessieren oder gar einsetzen, ist die politische Reaktion, insbesondere in Wahlkampfzeiten gerade zu zwingen. Die übertriebene martialische Äußerung von Herrn Özdemir, zeigt dies deutlich. Er wird wohl einwenden, so kriegerisch sei es nicht gemeint. In diesem Zusammenhang habe ich vor ca. 50 Jahren als Referendar von meinem Ausbilder gelernt “Wer ungenau spricht, denkt ungenau”. Ein Zusammenhang, der in der Politik Beachtung finden sollte.
Eine Rückkehr in alte Wolfjagdzeiten ist entbehrlich und die Jagd bleibt auch erfolgreich, wenn sich der Wolf als Mitbewerber beteiligen kann.
Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Walter