Bad Kleinen: Zum Luftbaden durch den Eiertunnel

Eine der ersten Unterführungen für Personen als historischer Ort

Was tun, wenn Eisenbahngleise den Weg von der Kaltwasser-Heilanstalt in Kleinen – dem heutigen Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern – zum Schweriner See versperren? Diese Frage stellte sich dem auf Kneippschen Pfaden wandelnden Leiter der Heilanstalt Dr. Armin Steyerthal, und er initiierte einen Tunnel, der ab 1896 begangen werden konnte. Seine Form gab ihm im Volksmund den Titel ‚Eiertunnel‘. Die Gebäude der Heilanstalt, die bereits während der Inflation 1922 Insolvenz anmelden musste, sind im Laufe der Zeit abgerissen worden, doch der Tunnel verbindet bis heute die Stadt für Fußgänger mit dem See. Das technische Denkmal hat tatsächlich schon 130 Jahre auf dem Buckel, und die aus Ziegeln gesetzten 38 Zentimeter starken Mauern halten trotz Zugverkehr immer noch Stand.

Der Eingang zum Eiertunnel wurde als Maul eines Seeungeheuers in das Graffiti einbezogen. Es dominieren die Farben gelb (Kopf des Seeungeheuers), blau (Wasser) und rot.
Ein gelungenes Graffiti – wie an der Seeseite des Eiertunnels – hat was, gerade wenn es von Jugendlichen aus Bad Kleinen im Rahmen eines Projekts gestaltet wurde. Man weiß ja nie, vielleicht ist mal ein zweiter Banksy unter den Künstlern. Auf dessen Werk bin ich in meinem Beitrag ‚Banksy: kritisch, humorvoll, prägnant – mit einem Schuss Anarchismus. Street-Art als politisches Kunstwerk‘ eingegangen. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass bei einem technischen Denkmal zumindest ein Eingang im Originalzustand verbleibt. (Bild: Ulsamer)

Mit Kneipp-Sandalen durch den Eiertunnel

Der Tunnel mit einer Länge von 27,2 Metern zählt zu den frühesten reinen unteririschen Verbindungen nur für Fußgänger in Deutschland. 205 cm hoch wurde der Eiertunnel und 125 cm breit. Das Bauwerk regte zu einer ‚Sage‘ an: Begegneten sich junge Menschen im Eiertunnel, dann sollte sie dies zu einer glücklichen Ehe führen. Dafür sollten die Echomännchen sorgen, die in Ritzen und Nischen des Tunnels hausten. Weniger Glück hatten die Überbleibsel der Kaltwasser-Heilanstalt, denn das Maschinenhaus mit Wasserturm hatte die Zeiten nach der Pleite zwar ein Jahrhundert lang überdauert, 2023 allerdings fiel es den Baggern zum Opfer.

Im Eiertunnel sind die roten Backsteine gut zu erkennnen, aus denen die Mauern bestehen. In weiten Teilen sind die Backsteine mit Schmierereien überzogen.
Die Backsteinwände sollten in einem technischen Denkmal für Schmierfinken tabu sein. Mit einer Wandstärke von 38 Zentimetern überzeugten sie auch Skeptiker im Baujahr 1896. (Bild: Ulsamer)

Eifrig abgerissen wurde im Übrigen bereits 2017 der 1848 eröffnete Bahnhof von Bad Kleinen, in dem am 27. Juni 1993 der RAF-Terrorist Wolfgang Grams den GSG9-Bundespolizisten Michael Newrzella erschossen hatte. Geschichte wird nicht selten voreilig plattgemacht, beispielsweise hier der Bahnhof von Bad Kleinen. Jetzt ist er weg, ersetzt durch modern wirkende Übergänge, doch bei Wind und Wetter müssen sich die wartenden Fahrgäste in den gläsernen Verbindungsstegen unterstellen.

Mehrere Gänsefamilien (Graugänse) mit Jungen schwimmen im 'Gänsemarsch' auf dem See.
Gebadet werden kann in Bad Kleinen noch immer, zwar nicht in der einstigen Kaltwasser-Heilanstalt, dafür aber im Schweriner See. Ein gutes Wort möchte ich an dieser Stelle für die Wildgänse einlegen, die in manchen Städten, so z. B. beim Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, auf der Abschussliste stehen. Mehr dazu in: ‚Der Lebensraum von Wildgänsen schwindet. Wenn Gänsewürstchen zum Politikum werden‘, (Bild: Ulsamer)

Nun aber zurück zum Eiertunnel, der ohne das Sanatorium wohl kaum gegraben worden wäre, obwohl seit dem Bau der Eisenbahnverbindungen zwischen Wismar und Schwerin (1848) bzw. Kleinen und Rostock (1850) oder Lübeck und Kleinen im Jahr 1870 der dörfliche, kleinstädtische Bereich vom See getrennt war, der nun auf Umwegen erreicht werden musste. Die von Dr. R. Heussi 1895 mit Partnern gegründete „heilgymnastische Heilanstalt“ konzentrierte sich darauf „Schäden aller Art von Knochen, Muskeln und Gelenken des Körpers, Versteifungen und Verkrümmungen, zu heilen“, so heißt es auf der Internetseite ‚mein-bad-kleinen.de‘. Das Wasser bezog „das heilgymnastische Institut mit der Wasserheilanstalt“ aus einem 20 Meter tiefen Brunnen auf der Endmoräne. „Luft und Sonnenbäder“ wurden am See angeboten, und auf diese Weise entwickelte sich die dann 1896 umgesetzte Idee einer Unterführung, um die Örtlichkeiten der Anwendungen sinnvoll zu verbinden. „Graslaufen“ und „Barfußgehen“ gehörten schon damals zu den gesundheitsfördernden Aktivitäten. Verschiedene Quellen legen den Gedanken nahe, dass die Pacht für das Grundstück aus dem Forst des Großherzogs von Mecklenburg, Friedrich Franz, zu hoch war, und dies mit zum Scheitern der Kuranstalt in den Jahren der Inflation beitrug. Bad Kleinen trägt seit 1915 stolz den Zusatz ‚Bad‘, obwohl die Spuren des gesundheitsfördernden Badebetriebs getilgt wurden, sieht man vom Eiertunnel einmal ab. In Mecklenburg-Vorpommern darf eine Stadt den schmückenden Zusatz ‚Bad‘ behalten, selbst wenn die Badetradition schon ein Jahrhundert erloschen ist.

Der Eingang zum Eiertunnel von der Stadt Bad Kleinen aus. Ein blaues Graffiti umgibt den dunklen Tunneleingang. Über dem Tunnel ist ein IC mit silberner Hülle und einem roten Längsbalken zu sehen.
Wer von der Stadtseite zum Eiertunnel kommt, der wird ebenfalls mit einem Graffiti begrüßt, an dem sich hingegen einige Schmierfinken vergriffen haben, was gleichermaßen den Tunnelbereich anbelangt. Weitere Infos zu selbst ernannten ‚Künstlern‘ lesen Sie in ‚Graffiti: Nicht jeder Schmierfink ist ein Künstler. Kommunen müssen schärfer gegen Sprayer vorgehen‘. (Bild: Ulsamer)

Der sogenannte Eiertunnel in Bad Kleinen aus dem Jahr 1896 steht für mich in einer Linie für Verkehrsprojekte aus dem 19. Jahrhundert mit dem ersten 133 Meter langen Eisenbahntunnel in Bad Dürrenberg, der ab 1836 den Kohletransport unter der Stadt erlaubte oder dem Schwabtunnel in Stuttgart, durch den ab 1896 erstmals in Deutschland Autos fahren konnten. Und man glaubt es kaum, der Schwabtunnel wurde so projektiert, dass in den Jahren von 1902 bis 1972 auch noch die Straßenbahn durchfahren konnte. Damit war er zugleich der erste Straßenbahntunnel der Welt! Ich würde mir bei aktuellen Bauvorhaben – und nicht nur beim Verkehr – mehr Schnelligkeit und Weitsicht wünschen, wie sie die ‚Bauherren‘ früherer Jahrhunderte auszeichnete. Dem Eiertunnel würde ich wünschen, dass man in Bad Kleinen etwas sorgsamer mit ihm umgeht und ihn nicht gänzlich unter Graffiti verschwinden lässt.

 

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Ein eiförmiger Tunnel aus roten Backsteinen. Das Licht lässt zur Tunnelmitte hin nach. Am gegenüberliegenden Ausgang ist eine Person zu sehen.Von der Kaltwasser-Heilanstalt ging`s durch den Eiertunnel auf direktem Weg zum Luftbad an den Schweriner Außensee. Leider ist von den Kurmöglichkeiten in Bad Kleinen nichts mehr übriggeblieben, außer dem Zusatz ‚Bad‘ auf dem Ortsschild und dem Eiertunnel. (Bild: Ulsamer)

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