Am Meer: Ein Spülsaum voller Plastikteilchen

EU-weites Pfandsystem für Plastikflaschen erforderlich

Am Abend sieht man im Fernsehen mal wieder, wie in manchen asiatischen Städten der gesamte Müll per Lkw in die großen Flüsse geschüttet wird, und dennoch bücken wir uns bei unseren Strandwanderungen im irischen Kerry, wie manch andere auch, wieder und wieder nach kleinen und großen Plastikteilen, klauben sie auf und schaffen sie in unseren eigenen Mülleimer. Manchmal fragen wir uns schon, ob wir uns zum Deppen machen, denn gegen die Plastikflut, die sich in anderen Weltregionen in unsere Meere ergießen, ist unsere Sammelei natürlich ein Witz. Aber dennoch ist es wichtig, dass sich jeder an seinem Platz der katastrophalen Verunreinigung von Flüssen, Seen und Meeren mit Plastikgegenständen annimmt. Von der Politik erwarte ich jedoch, dass konsequenter als bisher vor der eigenen Haustüre – Stichwort Recycling – gekehrt wird, und auch anderen Nationen sollten wir unter Freunden ungeschminkt die Wahrheit sagen: Gerade der Müll aus Plastik gehört nicht in unsere Ozeane! Wir erwarten mehr Verantwortung für unsere gemeinsame Welt!

Teul eines Fischernetzes mit engen Maschen, verwoben mit Seetang.
Im Meer treibende Kunststoffnetze, die von Fischtrawlern verloren wurden, sind eine tödliche Gefahr für Robben, Wale, Delfine oder Seevögel, aber auch kleine Netzteile können tödlich sein. (Bild: Ulsamer)

Tödliche Kunststoffflut

Die Umweltverschmutzung nimmt immer wieder Formen an, die mich erschrecken lassen. Dennoch ist der Weg ins Plastik-Meer auch umkehrbar, das haben wir zumindest in den letzten 25 Jahren an verschiedenen Stränden im irischen Kerry erlebt. Die Zahl der Strandbesucher, die ihren Müll mit nach Hause nehmen, ist gestiegen. Und mehr Spaziergänger bücken sich inzwischen und sammeln gerade auch Kunststoffteile auf, die durch ihre Langlebigkeit besondere Gefahren hervorrufen. Vorbei scheinen die Tage, in denen wir von Iren am Strand angesprochen wurden, wir seien sicherlich Deutsche, als wir wieder anderer Leute Müll aufhoben und in unseren Sammelrucksack beförderten. Viele Strände sind heute deutlich sauberer und dies nicht nur nach organisierten Putzeten, sondern auch ganzjährig. An Küstenabschnitten, an denen nicht gesammelt wird, fühlt man sich allerdings in die trostlose Vergangenheit voller Unrat zurückversetzt. Noch immer wird mit den Wellen jener Plastikmüll angespült, den verantwortungslose Zeitgenossen über Bord eines Schiffes geworfen oder anderswo dem Ozean überantwortet haben.

Alter schwarzer Autoreifen am Steinstrand.
Altreifen gehören nicht ins Meer, da auch sie beim Zerfall Mikroplastik freisetzen. (Bild: Ulsamer)

Besonders gefährlich sind Teile engmaschiger Kunststoffnetze, die von Fischerbooten verlorengingen oder den Fluten überlassen wurden. Diese Überbleibsel der Fischerei finden sich oft derart verwoben mit Seetang, dass sie von vielen Meerestieren verschluckt werden. Großflächige Netze werden zur tödlichen Falle für Delfine, Robben und auch Wale, die elendig eingehen, da sie sich selbst mit aller Kraft nicht mehr aus den Kunststoffmonstern befreien können. So muss man schon fast glücklich sein, wenn die Netze nicht mehr im Meer treiben, sondern angespült werden: sie lassen sich dann mit gutem Willen relativ einfach beseitigen. Die Maschengröße – eigentlich die erschreckend kleinen Abmessungen – machen aber besonders deutlich, dass kaum noch ein Fisch oder gar ein größerer Meeresbewohner aus den riesigen Netzen entfliehen kann. Solche Treibnetze mit Mini-Maschen wirken wie ein Staubsauger und leeren unsere Ozeane. Obwohl ich gerne mal Fisch esse, wenn wir an der Küste sind, bin ich zunehmend fassungslos, wie mit gewaltigen Trawlern und Verarbeitungsschiffen den Fischen zu Leibe gerückt wird, und dies auch zu Lasten der Fischer mit kleinen Booten.

Durchsichtige, gelbliche und grüne Plastikflaschen und andere Kunststoffteile an einem steinigen Strand.
Die EU setzt bei ihrer Kunststoffstrategie teilweise falsche Schwerpunkte: Statt ihr Augenmerk auf Wattestäbchen zu richten, muss ein EU-weites Pfandsystem für Plastikflaschen eingeführt werden! (Bild: Ulsamer)

Die Plastikwellen rollen

Jährlich gelangen in der Europäischen Union unglaubliche 200 000 bis 500 000 Tonnen Kunststoffe in die Meere, was zeigt, dass die Vermeidung und das Recycling von Kunststoffteilen weiter intensiviert werden muss. Zusätzliche Probleme macht der verstärkte Einsatz von Mikroplastik in unterschiedlichen Erzeugnissen wie Peelings oder Zahncreme. Erschreckende 75 000 bis 300 000 Tonnen Mikroplastik gelangen pro Jahr in die EU-Umwelt. Im globalen Maßstab liegt Europa zumindest beim Plastikmüll nicht an der Spitze: Weltweit landen rd. 5 bis 13 Mio. Tonnen Kunststoffe jedes Jahr im Meer! China nimmt hier über den Jangtsekiang einen fragwürdigen Spitzenplatz ein. Die Forscher des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (UFZ) „haben zudem berechnet, dass die zehn Flusssysteme mit der höchsten Plastikfracht (acht davon in Asien, zwei in Afrika) – in denen zum Teil hunderte Millionen Menschen leben – für rund 90 Prozent des globalen Plastikeintrags ins Meer verantwortlich sind.“ Dies heißt selbstredend nicht, dass wir uns zufrieden zurücklehnen könnten, ganz im Gegenteil! Jedes Plastikteil, das nicht im Meer oder in Flüssen landet, trägt zu einer besseren Umwelt bei. Und natürlich ist das beste Einmal-Plastikteil das, welches erst gar nicht hergestellt wurde.

Kleine Plastikreste und angetrockneter Seetang am Strand.
Die kleinen Plastikteile werden auch bei vielen Strandputzeten nicht aufgesammelt. Sie sind aber gerade für die Tierwelt eine große Gefahr. (Bild: Ulsamer)

„Von den jährlich 78 Millionen Tonnen der weltweit gebrauchten Plastikverpackungen gelangen 32 Prozent unkontrolliert in die Umwelt, wie zum Beispiel in die Meere“, so der WWF. „Zudem gelangen auch Mikroplastikpartikel in Gewässer und die Ozeane. Im Meer sind gerade diese kleinen Partikel ein großes Problem, da sie von den Meerestieren mit Nahrung, zum Beispiel Plankton, verwechselt werden. So konnten in Muscheln, die Planktonfiltrierer sind, diese kleinen Plastikpartikel nachgewiesen werden.“ Man sieht: es geht nicht nur um die Umwelt, die Natur oder einzelne gefährdete Tierarten, sondern auch um uns Menschen. Reste von Kunststoffflaschen an den Stränden oder treibende Plastiktüten sind nicht nur optisch ein Alarmsignal, sondern sie sind gewissermaßen nur die sichtbaren Vertreter der Plastikflut, denn die kleinen Teilchen am Spülsaum oder gar Mikroplastik stechen nicht gleichermaßen ins Auge.

Ein angeschwemmtes Kunststoffnetz als Knäuel am Strand.
Fischer sollten ein Pfand für ihre Netze hinterlegen müssen, das bei Verlust dazu dient, möglichst viele umhertreibende Geisternetze zu bergen und Netze an Stränden einzusammeln. Es ist schon fast ein ‚Glücksfall‘, dass dieses Netz am Ventry Beach in Irland angespült wurde, da konnte es abtransportiert werden. (Bild: Ulsamer)

Langlebige Gefahr

Kunststoffe haben den Nachteil, dass sie sich in der Natur nicht zersetzen und gefahrlos auflösen, sondern sie zerfallen in immer kleinere Teile und gelangen so in den Verdauungstrakt der Tiere und letztendlich auch in uns Menschen als letztem Glied der Nahrungskette. Laut NABU zersetzt sich, „eine Plastiktüte in 25 Jahren, eine Plastikflasche in 450 Jahren, ein Fischernetz in bis zu 600 Jahren.“ Doch nicht nur die Langlebigkeit von Plastik wird zur Gefahr: „Delfine und Fische verfangen sich in alten Netzen, Tauwerk oder Folien und ersticken jämmerlich. Bis zu einer Million Seevögel sterben Jahr für Jahr. Wie auch Meeresschildkröten verwechseln sie Tütenfetzen oder Spielzeug mit ihrer natürlichen Nahrung. Sie verhungern mit vollem Magen oder sterben an inneren Verletzungen.“

Leere Bier und andere Getränkedosen in verschiedenen Farben auf angespültem Seetang.
Büchsen aus Aluminium oder Weißblech bergen weniger Gefahren für Flora und Fauna als Kunststoffbehältnisse, aber sie gehören auch nicht an den Strand – oder in Wald und Flur. Ein hohes europaweites Dosenpfand könnte helfen, den Müll einzudämmen. Dennoch wird es faule Zeitgenossen geben, die achtlos ihre leergetrunkenen Dosen zurücklassen, doch dann lohnt sich für eifrige Sammler zumindest das Bücken. (Bild: Ulsamer)

Rund 10 Prozent der Plastikabfälle, die ins Meer gelangen, haben ihren Ursprung in der Fischerei. Dazu tragen kilometerlange Fischernetze bei, die wegen Beschädigungen illegal ins Meer versenkt werden oder sich bei Stürmen losreißen. „In einer Studie der Welternährungsorganisation ist von 25.000 Netzen die Rede, die allein in den europäischen Meeren jährlich auf diese Weise verloren gehen“, so Greenpeace. Solche riesigen Netzgeflechte – Geisternetzen gleich – verselbständigen sich und treiben durch die Ozeane. Nicht nur sie sind tödliche Gefahren für Meerestiere, sondern auch ihre Zerfallsprodukte. Eigentlich müssten nach den EU-Fischereiregelungen verlorene Netze gemeldet und geborgen werden. Doch hier fehlt es bisher an durchgängigen Aktivitäten.

Aus einer durchsichtigen Kunststoffflasche am Strand wächst bereits Strandhafer. Daneben ein blaues Tau.
Schon fast ein Kunstobjekt: Eine Plastikflasche mit Strandhafer! Sozusagen ‚müll-art‘! Aber auch kleinste Partikel von zerfallenden Kunststoffflaschen können für Fische und andere Lebewesen in unseren Ozeanen tödlich sein. (Bild: Ulsamer)

Ausbau der Pfandsysteme

Vom Fischernetz bis zur Zigarettenkippe, von der Getränkeflasche bis zur Einwegverpackung für Fastfood muss ein Pfandsystem eingeführt werden. Es kann ja nicht die Lösung des Problems sein, dass Natur- und Umweltschützer dauerhaft den Müll anderer Leute einsammeln. Plastikteile und Zigarettenkippen sind an den Stränden und in den Meeren nicht nur unschön, sondern eine Gefahr. Das Pfand muss selbstredend so hoch sein, dass sich auch der letzte Zeitgenosse überlegt, ob er die Plastikflaschen oder Getränkedosen nicht doch besser wieder beim Handel abgibt. Ganz bewusst beziehe ich hier auch Dosen aus Aluminium oder Weißblech mit ein, obwohl sie in unseren Meeren, Flüssen und Seen natürlich weniger Schaden anrichten. Allerdings habe ich ganze Dosenhaufen am Strand oder im Wald mehr als satt.

Reste von Kunststoffflschan mit Seetang am Strand.
Die Zerfallsprodukte von Plastikflaschen vermengen sich immer wieder mit Seetang und werden von Meeresbewohnern nicht selten verschluckt. (Bild: Ulsamer)

Es wundert mich sehr, dass sich die Europäische Union bei der Initiierung ihrer Kunststoffstrategie viel zu lange an Trinkhalmen, Wattestäbchen oder Einmalgeschirr aus Plastik abarbeitete, anstatt ein europaweites Pfandsystem für Plastikflaschen voranzutreiben. In der EU-Plastikstrategie werden Pfandsysteme nur in relativ allgemeiner Weise erwähnt. Nicht alle Mitgliedsstaaten werden vermutlich die politische Kraft aufbringen, ein Pfandsystem durchzusetzen. Die irische Regierung konnte noch nicht einmal Gebühren für Leitungswasser durchsetzen, da kann ich mir gut vorstellen, welch Gezänk und Gezerre über ein Pfandsystem ausbrechen würde! Aber man soll die Hoffnung ja nie aufgeben! Gerade die zerfallenden Flaschen übersäen nicht selten die Strände mit ihren Überresten, dagegen sind Plastikgabeln oder Wattestäbchen eher selten zu finden. Die EU bringt leider zu selten den Mut auf, die vordringlichsten Themen beherzt aufzugreifen und hier hat sich auch nach dem Übergang der EU-Kommissionspräsidentschaft vom früheren EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker auf  Ursula von der Leyen nichts geändert: Auf große Worte folgen kleine Taten!

Sandstrand, völlig übersät mit leeren Flaschen und anderem Müll. Dahinter grüner Bewuchs.
In Asien werden unvorstellbare Mengen an Kunststoffabfällen über die großen Flüsse ins Meer eingeleitet. Aber wie an diesem süditalienischen Strand sollte es nirgendwo in Europa oder der Welt aussehen. (Bild: Ulsamer)

Asiatische Plastik-Flüsse  

Nach pessimistischen Schätzungen gibt es 2050 mehr Kunststoffabfälle als Fische im Meer, doch schon heute besteht der Müll in unseren Ozeanen zu Dreivierteln aus Plastik. So gelangen nach Angaben des WWF „jedes Jahr 4,8 – 12,7 Millionen Tonnen Plastik in die Meere“. Dadurch relativiert sich natürlich unser persönlicher Sammelerfolg! Dennoch sollten wir alle mit anpacken und uns keinesfalls entmutigen lassen. Jedes Plastikteilchen, das nicht im Meer treibt, kann auch keinen Seevogel, Wal, Delfin oder Fisch schädigen.

Ich halte es aber für ein Unding, wenn alleine über den Jangtse in China jährlich über 330 000 Tonnen Plastikmüll ins Meer eingetragen werden! Der Ganges in Indien bringt es auf rd. die Hälfte dieser Menge, der XI und der Huangpu – beide China – steuern nochmals über          100 000 Tonnen an gefährlichen Kunststoffen bei – so die von ‚Quarks‘ genannten Mengen. China beruft sich nicht nur bei Corona darauf, interne chinesische Entwicklungen würden den Rest der Welt nichts angehen, und bei Umweltproblemen verhält es sich ebenso. China ist für Deutschland und Europa ein wichtiger Handelspartner – keine Frage. Doch Kritik muss sich auch ein von der Kommunistischen Partei geführtes Land gefallen lassen!

Ein Mann in Regenjacke und mit Mütze bückt sich und sammelt kleine Kunststoffteile am Spülsaum ein.
Wenn ich mich schon bücke und anderer Leute Plastikmüll einsammle, dann erwarte ich von der Politik, dass sie entschlossener als bisher weltweit gegen die Plastikflut vorgeht. Wer noch puristischer denkt als ich, der wird sich über meine Plastiktüte wundern, doch die passt nun mal in jede Jackentasche und ist immer ‚sammelbereit‘. (Bild: Ulsamer)

Wir machen uns den Rücken krumm

Die Verschmutzung der Ozeane durch Plastikteile lässt sich nur stoppen, wenn vor allem die großen Verursacher mitspielen – und diese sitzen nicht in Europa. Hier müssen die deutsche und die europäische Politik Druck machen! Gleichzeitig müssen wir aber auch selbst alles tun, um die Plastikflut zu stoppen. Dazu gehören für Deutschland die Vermeidung von Kunststoffverpackungen aller Art und das Recycling ausschließlich im eigenen Land. Gelbe Säcke dürfen nicht durch die Welt geschippert werden. In der EU wünsche ich mir ein Pfandsystem, das wirklich den Bogen spannt von der Getränkeflasche aus Kunststoff über Fischernetze bis zu Zigarettenkippen.

Eine dunkle Plastikflasche wird am Strand mit Seetang angeschwemmt.
Da kommt die nächste Plastikflasche angeschwommen. (Bild: Ulsamer)

Wenn wir – wie viele andere auch – uns schon den Rücken krumm machen, um Plastikmüll sorgloser, schlampiger Zeitgenossen an den Stränden oder wo auch immer aufzusammeln, dann erwarten wir im Gegenzug von der Politik konsequente und sachorientiere Taten zur Eindämmung der Plastikflut! Ich stelle die Forderung an die Politiker sämtlicher Couleur, nicht nur eine Kunststoffstrategie wie bei der EU zu erarbeiten, oder Initiativen wie  das ‚Basler Übereinkommen über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung‘ zu unterzeichnen, sondern einen aktiven Kampf der politischen Entscheidungsträger zu führen gegen die Vermüllung unserer Meere mit Plastik! Bürokraten auf bequemen Bürostühlen nutzen uns nichts, wir wollen Kämpfer für die Umwelt sehen!

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