Alt oder zeugungsunfähig: Todesurteil für manche Zootiere

Zoos müssen eine pädagogische Einrichtung sein

Da will der eine Zoo einen Löwen ins Jenseits befördern, weil er zeugungsunfähig ist und nicht für zugkräftige Tierbabys sorgen kann, während ein anderer Tierpark aus Platzmangel Löwenjunge tötet! Wie pervers ist das denn? Und dann wird uns Bürgern vorgegaukelt, es gehe doch darum, bedrohte Tierarten durch Zucht in Zoos für die Nachwelt zu erhalten. Merken die Verantwortlichen dieser Zoos gar nicht, dass sie auf einem Irrweg unterwegs sind? Wenn der Lebensraum für bestimmte Tierarten schwindet, ist es doch lächerlich, wenn sich Zoos dazu aufschwingen, den Bestand solcher Tiere erhalten zu wollen! Denn Tiere haben langfristig nur eine Überlebenschance, wenn wir deren Lebensraum erhalten – sei es in Europa oder wo auch immer auf unserem Globus. Zoos sind keine Ersatzwelt, sondern im besten Fall eine Chance, den Menschen Tiere und Pflanzen nahezubringen, die sie ansonsten in der freien Natur nicht erleben können. Wer aber bedrohte Tiere wegen der räumlichen Verhältnisse oder aus genetischen Gründen töten und verfüttern lässt, der missbraucht seine Position als Zoodirektor!

Zwei Löwen stehen an einem Wassergraben und schauen leicht nach links oben.
Löwen gehören zu den Lieblingstieren vieler Besucher. Und so gab es diese auch bis 2008 in der Stuttgarter Wilhelma zu sehen, ehe der letzte hoch betagt verstarb. Am Gehege war zu jener Zeit ein Schild angebracht, welches den Besuchern das Problem erklärte: „wir sind nicht krank – nur alt”. Wenn schon Tierhaltung in Zoos, dann müssen sie auch ihr Leben weiterführen dürfen, wenn sie erkennbar nicht mehr ganz so fit sind. Kein Verständnis habe ich, wenn Tiere wie in anderen Zoos aus Platzgründen getötet werden oder weil sie nicht zeugungsfähig sind. Erst 2017 zog aus dem französischen Mulhouse kommend das oben abgebildete Brüderpaar asiatischer Löwen – Shapur und Kajal – wieder im Stuttgarter Zoo ein. Dies ist ein Beispiel dafür, dass sich Zoos auch an den Lebenszyklen der Tiere orientieren und nicht nur an Entwicklungs- oder Zuchtplänen. (Bild: Ulsamer)

Zoodirektoren mit der Lizenz zum Töten?

Natürlich bin ich mir bewusst, dass täglich Millionen Tiere in unserer Welt geschlachtet werden, um auf Tellern in menschlichen Behausungen zu landen. Im Verhältnis dazu fallen die getöteten Zootiere nicht ins Gewicht, doch gerade Zoos erwecken den Eindruck, ethisch höher zu stehen als der Massentierhalter, der Hühner, Schweine oder Rinder in immer größere Ställe zwängt. Auf die teilweise unerträglichen Haltungsbedingungen von sogenannten Nutztieren bin ich schon mehrfach eingegangen, und ich halte es für abstrus, wenn in Deutschland und der Europäischen Union Zwei- und Vierbeiner auf engstem Raum zusammengedrängt werden dürfen, anstatt sie – wann immer witterungsbedingt möglich – auf die Weide zu schicken. Anders gelagert ist die Situation in Zoos, wo Tiere früher als Teil der Freizeitgestaltung zur Schau gestellt wurden. Inzwischen wird zumindest versucht, die Besucher über die ursprüngliche Herkunft der Tiere zu informieren. Das Interesse für Tiere aus anderen Regionen der Welt zu wecken und damit auch das Wissen über deren Bedrohung zu transportieren, halte ich für eine Aufgabe, die Zoos eine gewisse Existenzberechtigung gibt. Wer jedoch Zoos zu Zuchtanlagen degradiert, in denen Tiere nur wegen ihrer Fähigkeit gehalten werden, Nachkommen zu zeugen oder auszutragen, der vergeht sich an unseren Mitlebewesen.

Facebook-Post mit einem Löwen und dem Text: "Nürnberger Tiergarten diskutiert Tötung von Löwe Subali.
Darf das Löwenmännchen Subali im Nürnberger Tierpark wegen Zeugungsunfähigkeit getötet werden? Mit „Populationsmanagement” verteidigen die Befürworter von Tötungen ‚überzähliger‘ Zootiere ihr fragwürdiges Handeln. Es erinnert auch an das von manchen Parteien geforderte „Wolfsmanagement”. Im Grunde geht es bei letzterem allein um eine Dezimierung der grauen Zuwanderer. Wer nur auf das ‚Management‘ der Natur, von Pflanzen und Tieren setzt, der marschiert in eine Sackgasse. Die Natur braucht Freiräume und nicht die Gängelung durch viele Zeitgenossen. (Bild: Screenshot, Facebook, 28.10.2020)

Um dies etwas konkreter zu machen: Die Leitung des Nürnberger Tiergartens möchte das Löwenmännchen Subali töten, weil es wohl zeugungsunfähig ist. Sarkastisch möchte ich da ausrufen: Hoffentlich sind der Zoodirektor und die anderen Entscheidungsträger immer fit! So sagte Zoo-Chef Dag Encke laut Bayerischem Rundfunk, es sei gesetzlich vorgeschriebener Auftrag der Zoos und Tiergärten, “Populationen zu managen, um Arten langfristig erhalten zu können”. Und klappt es nicht mit der Zucht, wartet der Metzger! Abgedeckt werden diese Tötungen im Übrigen – zumindest indirekt – durch deutsches Recht und EU-Richtlinien. Da kommen mir allerdings tiefe Zweifel, ob die Rechtsetzung noch etwas mit Moral zu tun hat. Wohl kaum. Eine solche Nachzucht bedrohter Tiere hätte nur einen Sinn für mich, wenn mit ausgewilderten Nachkommen schwache Populationen in den Ursprungsländern gestützt werden könnten. So lange jedoch der Lebensraum der Löwen durch menschliches Wirken schrumpft und Jäger Löwen, Elefanten oder Nashörner abschießen, ist eine Zucht im Zoo ein einziger Witz! Und wenn im eigenen oder einem ‚benachbarten‘ Zoo nicht einmal Platz für die Nachkommen ist, dann ist eine Zucht ethisch nicht vertretbar!

Eine erwachsene Giraffe mit dem Hals über den Zaun gebogen frisst an Pflanzen. Im Hintergrund ihr Junges.
In Kopenhagen wurde 2014 die junge Giraffe Marius als ‚Überschusstier‘ getötet und öffentlich zerlegt. Über guten Geschmack kann man trefflich streiten, doch so richtig pervers ist es, wenn der gleiche Zoo zwei Jahre später das ‚freudige Ereignis‘ verkündet, eine Giraffe sei geboren worden. Tierbabys sind ein Publikumsmagnet, aber sie sind keine Spielmasse für Zoodirektoren. Natürlich bin ich mir bewusst, dass in der freien Wildbahn auch Giraffen von Löwenrudeln gejagt, getötet und gefressen werden. Dies ist ein natürlicher Prozess, er hat nichts mit an Eintrittsgeldern oder Zuchterfolgen orientierten Entscheidungen in Zoos zu tun. Die Giraffen hier im Bild haben es in der Wilhelma besser erwischt. (Bild: Ulsamer)

Zoos als Zuchtanlage

Noch perverser ist es, wenn der Löwe Subali in Nürnberg getötet werden soll, weil er keine Nachkommen hervorbringen kann, während kurz zuvor im schwedischen Tierpark Boras Djurpark neun gesunde Löwenjunge aus Platzmangel getötet wurden! Ja, was denn nun? Der eine Löwe soll getötet werden, weil er keine Babys mit einer Löwendame in die Welt setzen kann, doch an anderer Stelle in Europa werden junge Löwen gekillt, da für sie kein Platz vorhanden ist. Eine solche Perversion lässt sich wohl nicht sinnvoll erklären! Im Kopenhagener Zoo wurden im Oktober 2020 drei Wölfe und ein Bär getötet, weil für sie der Platz fehlt, besser gesagt: der Raum soll anderweitig genutzt werden. Wie können Menschen so unmenschlich handeln? Das Wolfsgehege soll platzmäßig in eine Anlage für Elefanten umgewidmet werden! Zoodirektoren setzen auf zugkräftige Tierarten – möglichst mit Babys, was man ihnen nicht verdenken kann, doch dann müssen sie mit neuen Attraktionen eben warten, bis die vorhergehenden Bewohner altersmäßig entschlummert sind. Tiere zu killen, um für Nachmieter Platz zu schaffen, das geht gar nicht!

Die Wissenschaftssendung ‚Quarks‘ des WDR griff das Problem von Tötungen in Zoos auf und bemerkte zu der im Kopenhagener Zoo geschlachteten jungen Giraffe Marius: „Mit dem Erbgut der Giraffe konnte der Zoo für die Zucht nichts anfangen.“ Da passen die Gene nicht und – zack-zack – wird die Giraffe getötet und öffentlich zerlegt. ‚Quarks‘ ergänzte: „Im Grunde sind Zoos so auch eine Art Tierfabrik, die am laufenden Band Tiere produziert.“ Nur ein kleiner Teil wird wirklich gebraucht! Hier stellt sich für mich eine zutiefst ethische Frage: Dürfen geschützte Tierarten in Zoos gezüchtet werden, wenn ohnehin keine Chance auf Auswilderung besteht? Ist es moralisch verantwortbar, wenn Tiere, die genetisch nicht ins Zuchtprogramm passen, kurzerhand getötet und verfüttert werden? Nach meiner Meinung muss die Zucht eingestellt werden, wenn der Nachwuchs nicht in Zoos oder der freien Wildbahn leben kann! Wenn von Zoos betont wird, Tiere müssten sich fortpflanzen dürfen oder würden erkranken, dann mag dies in bestimmten Fällen stimmen: doch wohin mit den Jungen? Scheinbar kein Platz im Zoo und keine Auswilderung. Da bleibt für mich nur der Schluss, dass die noch vorhandenen – zum Teil in die Jahre gekommenen – Tiere ihr Leben hinter Zäunen, Gittern und Glasscheiben verbringen müssen, eine Nachzucht allerdings wäre zu unterbinden!

Gorilla-Weibchen mit einem Jungtier im Zoo.
Gorillas, Orang-Utans oder Schimpansen sind in vielen Verhaltensweisen uns Menschen besonders nahe. Als Primaten haben sie einen bedeutenden Rang, was auch im Begriff ‚Menschenaffen‘ deutlich wird. Zoos engagieren sich hier gleichfalls in der Arterhaltung, aber wenn wir ganz ehrlich sind: Wir können unseren ‚Verwandten‘ nur helfen, wenn wir ihre Lebensräume schützen. Dies ist eine Aufgabe der Politik, die jeder von uns nach seinen Möglichkeiten unterstützen muss. So gilt es, Palmöl unbedingt zu vermeiden, selbst wenn ein bestimmter Schoko-Nuss-Brotaufstrich u.v.a.m. noch so gut schmecken mag, denn der Anbau der Ölpalmen zerstört z. B. den Lebensraum der Orang-Utans. Zuchtprogramme sind im Grunde Augenwischerei, wenn wir das Übel nicht an der Wurzel packen und die Zerstörung der Lebensgrundlagen für die Primaten und andere Tierarten stoppen. Die Gorilladame mit ihrem Baby lebt in der Stuttgarter Wilhelma – bei entsprechender Witterung im Außengehege. (Bild: Ulsamer)

Empathie für Tiere wecken

Ich bin kein genereller Gegner von Zoos, wenn die Elefanten, Giraffen oder Nashörner möglichst tiergerecht gehalten werden. Ich erinnere mich noch mit Schaudern an meine Kindheit, wo die Zoo-Bären in Minikäfigen mit traurigem Blick die Besucher betrachteten. Aber auch heute beschleicht mich immer ein ungutes Gefühl, wenn ich Zoos oder Tierparks besuche: Moralisch halte ich die Tierhaltung in Zoos nur für vertretbar, wenn sie Menschen mit den Lebensweisen der Tiere vertraut machen und konsequent den schwindenden Lebensraum für Wildtiere thematisieren. Zoos sind für manches Stadtkind die einzige Möglichkeit, selbst mit Schweinen und Rindern vertrauter zu werden. Daher sind auch solche Tiere im Zoo nicht zu unterschätzen, genauso wie ein ‚Streichelzoo‘ mit Ziegen oder Schafen. Wenn immer mehr kleine und große Bürger Tiere nur noch verpackt aus der Tiefkühltruhe kennen, dann fehlt die Empathie für unsere Mitlebewesen. Wer sich nie ausdauernd einen Gorilla angesehen hat, der wird kaum Mitgefühl für diese Tierart entwickeln, geschweige denn sich für ihren Erhalt einzusetzen. Gut gemachte Medien können dabei die Zoos ergänzen und bis zu einem gewissen Grad auch ersetzen.

Zwei alte Elefantendamen in einem Gehege. Sie haben sich Sand auf den Rücken geworfen.
Wer gesunde Zootiere tötet nur weil sie alt geworden sind oder nicht zur Zucht eingesetzt werden können, der handelt aus meiner Sicht sträflich und vergeht sich an Mitlebewesen. Da lobe ich mir nochmals den Zoologisch-Botanischen Garten in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart. Auf der Internet-Seite der Wilhelma heißt es: „Die Elefantenhaltung der Wilhelma begann im Jahr 1952. Heute leben im Elefantenhaus die beiden asiatischen Elefantendamen Zella und Pama. Bis zum Juli 2010 waren es noch vier Elefanten, darunter die damalige Altersrekordhalterin unter den Asiatischen Elefanten Europas, Vilja. Sie starb mit 61 Jahren. Ein Jahr später, im Juli 2011, folgte ihr Molly, die wie Pama und Zella um 1966 geboren wurde und damit ebenfalls zu den ältesten Elefanten in einem Zoo gehörte. Geplant ist, für die Elefanten eine 1,5 Hektar große Anlage am oberen Ende des Wilhelma-Parks zu bauen, in dem dann eine kleine Herde im Familienverband leben kann.” Die alten Elefanten-Damen erleben ihre letzten Jahre im bekannten Umfeld und werden nicht für neue Vorhaben ‚geopfert‘. (Bild: Ulsamer)

Wir müssen offener über die Aufgaben von Zoos diskutieren, wobei wir zwischen der von PETA geforderten Abschaffung und ihrer Funktion als Zuchtanlagen für gefährdete Tierarten einen Mittelweg suchen sollten. Dazu gehört vor allem eine veränderte Priorisierung der Aufgaben, denn die EU-Richtlinie geht zuerst auf „Forschungsaktivitäten, die zur Erhaltung der Arten beitragen“ ein und die „Aufzucht in Gefangenschaft, der Bestandserneuerung oder der Wiedereinbürgerung von Arten in ihren natürlichen Lebensraum“. Erst im nächsten Absatz werden die Aufgaben des Zoos in pädagogischer Hinsicht erwähnt: „Sie fördern die Aufklärung und das Bewußtsein der Öffentlichkeit in bezug auf den Erhalt der biologischen Vielfalt, insbesondere durch Informationen über die zur Schau gestellten Arten und ihre natürlichen Lebensräume“, so die in die Jahre gekommene Richtlinie der EU aus dem Jahr 1999 „über die Haltung von Wildtieren in Zoos“. Es kann und darf nicht sein, dass in einem Zoo ein zeugungsunfähiger Löwe getötet werden soll, während in anderen Zoos junge Löwen das gleiche Schicksal erleiden – wegen mangelnder räumlicher Verhältnisse! Hier bleibt für mich immer der fade Beigeschmack, dass ältere Zootiere weniger zugkräftig für ein potentielles Publikum sind als ‚niedliche‘ Babys.

Tiere sind unsere Mitlebewesen, und daher müssen wir gerade auch den Lebensraum der Wildtiere schützen. Ohne Empathie, Zuwendung und Mitgefühl für bedrohte Tierarten wird das nicht gehen: Hier sehe ich die zentrale Aufgabe von Zoos, Tiergehegen und Tierparks. Es geht nicht um die Zurschaustellung von Tierbabys, um Besucher anzulocken, und auch nicht um die Nachzucht bedrohter Tiere, wenn diese nicht ausgewildert werden, sondern um ein besseres Verständnis der Menschen für die Tiere in unserer Welt. Zoos und Tierparks müssen primär ein Lernort sein!

 

Ein Eisbär liegt auf dem Steinboden im Zoo. Die beiden Vorderpfoten liegen beieinander. Er schaut die Besucher an.
Wenn Tiere alt werden und nicht mehr so viele Besucher anziehen oder die Zoodirektion den Platz anderweitig nutzen will, dann werden immer wieder Vierbeiner getötet. So muss es aber nicht enden, dies hat die Wilhelma in Stuttgart bereits mehrfach bewiesen. Im Zoologisch-Botanischen Garten starben die Eisbären gewissermaßen aus, und leider droht ihnen das gleiche Schicksal durch den Klimawandel ja auch in ihrem natürlichen Umfeld. Mit 28 Jahren starb die betagte Eisbärin Corinna. Vier Jahre zuvor war ihr Partner Anton verstorben, in dessen Magen sich Reste eines Rucksacks und einer Jacke fanden, die Besucher unachtsam oder wohl eher absichtlich ins durch Glasfenster abgeschirmte Becken geworfen hatten. An anderen Eisbär-Gästen zeigte Corinna danach kein Interesse, und so verlebte sie ihre letzten Jahre alleine. (Bild: Ulsamer)

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