Als das Salz noch aus dem Gradierwerk stammte

Von der Salzgewinnung zum Gesundheits-Tourismus

Am Amazonas brennt der Regenwald, der Brexit steht vor der Tür, die Migrationskrise ist ungelöst und die Europäische Zentralbank klaut uns die Zinsen auf unser Erspartes – und ich schreibe einen Blog-Beitrag über Gradierwerke! So richtig passt dies sicherlich nach Meinung mancher Leser nicht mit dem Titel meines Blogs zusammen, aber von Beginn an wollte ich immer wieder auch auf historische Orte bzw. Wirtschafts- und Industriegeschichte eingehen. So gibt’s mal was zu lesen über die Völklinger Hütte bzw. die Zinnminen in Cornwall als UNESCO-Welterbestätten oder jetzt über drei Gradierwerke. Salz war in der Menschheitsgeschichte lange ein überaus kostbares Gut, auch wenn man dies heute beim Griff nach einer Packung Salz im Supermarkt oder beim Discounter nicht mehr erkennen kann. Und die Salzgewinnung gewissermaßen vor der Tür, im eigenen Herrschaftsbereich, konnte Landesherren oder Salinenbesitzer schon mal ein erkleckliches Sümmchen einbringen.

Gradierwerk in Bad Kösen. Die Holzkonstruktion enthält die Reisigbndel. Eine Zuleitung für die Sole im Vordergrund.
„Heute kann zu Recht gesagt werden, dass die noch vorhandenen Anlagen des einstigen Salzwerkes zu Kösen, einzigartig sind in ihrem Zusammenhang zwischen dem energieerzeugenden Wasserrad, der Kraftübertragungsanlage, dem Solschacht sowie dem eigentlichen Gradierwerk und der funktionierenden Technik“, so die Stadt Kösen. Aus meiner Sicht ist es eine wichtige Aufgabe, dieses und andere Gradierwerke zu erhalten, einmal als Beitrag zur Gesundheit, aber auch als historische Orte. (Bild: Ulsamer)

Anreicherung der Sole machte reich

Wenn ich heute an einem Gradierwerk wie z.B. in Bad Dürrenberg, Bad Kreuznach oder Bad Kösen entlang flaniere, dann atme ich natürlich gerne die für die Atemwege gesunde salzhaltige Luft ein, doch meine Gedanken reisen auch in die Historie dieser Anlagen zur Salzgewinnung zurück. Wurde bei frühen Gradierwerken noch Stroh eingesetzt, über das das salzhaltige Wasser aus dem Untergrund rieselte, so setzten sich zum Übergang vom 16. zum 17. Jahrhundert in den Gradierwerken – auch Leckwerke genannt – Reisigbündel vorwiegend aus Schwarzdorn durch. Stroh hatte sich durch Fäulnisprozesse sehr schnell zersetzt, dagegen bot der Schwarzdorn – auch Schlehe genannt – große Vorteile. In der Anlage tröpfelt das salzhaltige Wasser über die Reisigbündel zu Boden, wo es aufgefangen wird. Am Schwarzdorn bleiben dann die Verunreinigungen hängen, so setzt sich z. B. auch Kalk oder Gips ab. Die anhaftenden Stoffe bilden am Reisig den sogenannten Dornstein. Durch die Dorngradierung kann die Anreicherung der Sole mit Salz erhöht werden, und dies ist zumeist die Voraussetzung für einen wirtschaftlichen Betrieb der Salinen gewesen. Ansonsten hätte sich der nachgeschaltete Siedeprozess nicht gelohnt.

Dornstein an den Reisigbündeln. Gebildet aus den Verunreinigungen imn der Sole. Im unteren Bildbereich die Sole.
Die salzhaltige Sole rieselt mehrfach über das Reisig von Schlehenbüschen, wobei die Verunreinigungen den Dornstein bilden. (Bild: Ulsamer)

Heute erinnern die Gradierwerke an Epochen, in denen die Salinen in deutschen Regionen noch wirtschaftlich betrieben werden konnten. Der Abbau von Steinsalz mit modernen Geräten unter Tage, aber auch die Salzgewinnung aus Meerwasser liefen den Salinen mit Gradierwerken den Rang ab. Schon zu deren Glanzzeiten war der Kapitaleinsatz für die großen Holzkonstruktionen und das Wechseln der Reisigbündel sowie das Hochpumpen der Sole nicht unerheblich. In deutschen Landen hatten sich vor diesem Hintergrund nicht selten Monopolsalinen herausgebildet, die auch dafür sorgten, dass die Landesherren ihren Anteil am Gewinn sichern konnten.

Menschen sitzen auf Stühlen rund um einen Solezerstäuber im Kurpark von Bad Kreuznach.
Schon die Kelten und die Römer schätzten die salzhaltigen Mineralquellen in Bad Kreuznach. Und so geht es vielen Menschen noch heute: Sie nutzen den Solezerstäuber im Kurpark oder lassen rheumatische und muskuläre Probleme mit Badekuren behandeln. (Bild: Ulsamer)

Gradierwerke für die Gesundheit

So manches Gradierwerk hätte sich ohne die gesundheitlichen Vorzüge nicht bis heute erhalten, wobei ich vor Ort eher den Eindruck hatte, dass die Besucher auf historischen Pfaden wandelten und die Gesundheitsbewussten die Sole und Salzaerosole konzentriert im Sitzen im Kurpark einatmen wollten. Dabei wäre doch gerade der Spaziergang entlang der Gradierwerke eine gute Kombination. Die sechs Gradierwerke in Bad Kreuznach bringen es immerhin auf eine Gesamtlänge von 1100 Metern, die Fußwege dazwischen noch nicht mitgerechnet. So können gerade auch Asthmatiker und Mitmenschen, die von einer Pollenallergie geplagt werden, direkt an den Gradierwerken im besten Sinne des Wortes aufatmen. Das Salz befeuchtet die Atemwege und die Wassertröpfchen binden Partikel aus der Luft. Am Gradierwerk weht so gewissermaßen auch die gute Seeluft.

Stabile Holzkonstruktion als Grundlage des Gradierwerks. Darin die Reisigbündel.
Das Salinental zwischen Bad Kreuznach und Bad Münster bietet sechs Gradierwerke mit einer Gesamtlänge von 1,1 Kilometern. Europas größtes Freiluftinhalatorium ist nicht nur für Gesundheitsbewusste ein Anziehungspunkt, sondern auch für Technik- und Geschichtsinteressierte. Siebenmal wurde früher die Sole mit Wasserkraft in den Gradierwerken nach oben gepumpt und dann durch das langsame nach unten Rieseln und die Verdunstung von Wasser der Solegehalt von 1,5 auf über 25 % gesteigert. (Bild: Ulsamer)

Blicken wir weiter in die Geschichte der Salzgewinnung zurück, dann landen wir sogar in der Jungsteinzeit und Bronzezeit. Schon damals wurde z. B. im heutigen Sachsen-Anhalt Salz aus Salinen gewonnen, natürlich ohne gewaltige Gradierwerke. Unsere Vorfahren erhitzten die Sole in Keramikgefäßen, und durch das Verdampfen des Wassers erhöhte sich der Salzgehalt. Pfannen aus Eisenblech oder Blei dienten im 15. Jahrhundert dem gleichen Zweck, dem Eindampfen des Salzes. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde es technisch möglich, Salzflöße mit Wasserdruck so zu bearbeiten, dass das Salz zertrümmert und die an die Oberfläche gedrückte Sole nicht 5 %, sondern 40 % Salz enthielt. Dies reduzierte die Kosten der Salzgewinnung ganz erheblich.

Konstruktion mit Holzstämmen ohne Rinde trägt die Gesamtkonstruktion. In ihr befinden sich die Reisigbündel. Das Gadoerwerk verläuft links im Bild und setzt sich dann im rechten Einkel in Bad Dürrenberg fort.
In Bad Dürrenberg erheben sich die 12 Meter hohen Holzkonstruktionen auf einer Terrasse über der Saale. Mit 636 Metern Länge verfügt die Stadt in Sachsen-Anhalt über das längste noch vorhandene Gradierwerk in Deutschland. Einst umfasste es sogar 1821 Meter. Jüngst wurde ein ca. 100 Meter langer Teil des Gradierwerks abgerissen, da das Holz stark durch das Salz geschädigt worden war. Der Wiederaufbau soll bis zur Landesgartenschau 2022 erfolgen und ist durch einen Landeszuschuss und Spenden bereits gesichert. Besonders hervorzuheben ist auch, dass Im Vergleich zu anderen erhaltenen Gradierwerken in weiten Teilen keine Umgestaltung für die Kurinhalation stattgefunden hat. „Die Authentizität gilt besonders für die hier noch erhaltenen, typisch sächsischen (Senffsche Bauart) und für die typisch altpreußischen Konstruktionsmerkmale (Colberger Bauart). Auch die Soleverteilungsanlagen auf den Gradierwerken stellen beachtliche technische Leistungen des 18./19. Jahrhunderts dar”, so die Stadt Dürrenberg. (Bild: Ulsamer)

Geschichte bleibt lebendig

Je niedriger der Solegehalt war, desto häufiger musste die Sole in den Gradierwerken wieder nach oben gepumpt werden. Dabei kamen je nach örtlicher Lage Wasser- oder Windräder zum Einsatz. Der wirtschaftliche Niedergang der Gradierwerke beschleunigte sich bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts, doch in fast 40 deutschen Kommunen überstanden diese Anlagen den Übergang zu anderen Gewinnungsmethoden bis in unsere Tage.

Die verbliebenen Gradierwerke sind somit einerseits interessante historische Orte, die eine lange Geschichte der Salzgewinnung erzählen, und andererseits sind sie noch immer von gesundheitlicher Bedeutung.

 

Pumpanlage am Schacht, der die Sole in Bad Kösen erschlossen hat. Überwiegend aus Holz gefertigt.
Unter Bergrat J. G. Borlach wurde in Bad Kösen zwischen 1731 und 1736 ein 175 Meter tiefer Schacht abgeteuft und zwar mit je 3,5 Metern in der Breite und der Länge. Die Schüttung beträgt pro Tag 374 m³, die Sole enthält 5,26 % Kochsalz. Anschließend wird die Sole zum höhergelegenen Gradierwerk gepumpt. (Bild: Ulsamer)

 

Großes Wasserrad aus Holzteilen zum Hochpumpen der Sole in Bad Kreuznach.
Mit Wasserkraft wurde die Sole in Bad Kreuznach sieben Mal hochgepumpt, um den Salzgehalt zu erhöhen. (Bild: Ulsamer)

 

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