35 Jahre Wiedervereinigung Deutschlands

Driften alte und neue Bundesländer auseinander?

Für mich ist die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands noch immer ein Grund zur Freude, obwohl ich durchaus kritische Entwicklungen sehe. Dessen ungeachtet ist es für mich unverständlich, wenn in der jüngsten Umfrage, die von ‚forsa‘ im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur durchgeführt wurde, lediglich 35 % der Befragten meinten, die Menschen in Ost- und Westdeutschland seien mittlerweile weitgehend zu einem Volk zusammengewachsen. Bei Befragungen in den Jahren 2017 und 2019 betonte immerhin die Hälfte, dass sich die Bürger in den neuen und alten Bundesländern tatsächlich zu einem Volk zusammengefunden hätten. Bewegen sich die Lebensverhältnisse und Einstellungen in den Ländern, die zur ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gehörten und denen, die zur Bundesrepublik Deutschland zählten, wirklich auseinander oder wird die Beantwortung der Frage durch den hohen Grad an Politikverdrossenheit überlagert?

Mauer in Berlin, dahinter das Brandenburger Tor. Davor ein Schild: "Achtung! Sie verlassen jetzt West-Berlin".
Die Berliner Mauer zerschnitt von 1961 bis 1989 nicht nur Berlin, sondern zerstörte auch Familien und Nachbarschaften. In der DDR wurden die Menschenrechte von der SED mit Füßen getreten, doch für die Täter blieb dies nach der Wiedervereinigung fast immer ohne Folgen. Weitere Anmerkungen lesen Sie in meinem Artikel ‚Vor 57 Jahren wurde die innerdeutsche Grenze zur Todeszone. Viel zu schnell wurde den sozialistischen Machthabern der DDR verziehen‘. (Bild: Ulsamer)

Wiedervereinigung war historische Chance

Die Angleichung bei Löhnen und Renten ist vorangekommen, entsprechend auch der Immobilienbesitz. In den alten Bundesländern liegt die Eigentümerquote bei rd. 50 %, in den östlichen Bundesländern zwar bei 40 %, doch nannten 1990 nur 25 % der Ostdeutschen ein Haus ihr Eigen, Wohnungen befanden sich ohnehin im Staatsbesitz. Die Infrastruktur wurde in den neuen Bundesländern dank des Solidaritätszuschlags umfassend ausgebaut und ertüchtigt, während sie in den alten Bundesländern im wahrsten Sinne des Wortes zum Sanierungsfall verfiel. Als Helmut Kohl im Zuge der Wiedervereinigung versprach, aus den wirtschaftlich daniederliegenden neuen Bundesländern würden „blühende Landschaften“ entstehen, hat der damalige Bundeskanzler die Messlatte hochgelegt: Und in der Tat haben nach meinem Eindruck die Menschen in den neuen Bundesländern viel erreicht!

Ein langer Grenzzaun aus Metall durchschneidet eine Landschaft mit Wiesen und Wald. Eine breite Schneise wurde angelegt, damit die DDR-Grenzer freies Schussfeld hatten.
Viel zu schnell vergessen etliche Mitbürger, wie brutal die sozialistische DDR-Führung Berlin und Deutschland mit Mauern, Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Minen trennte. Zu häufig wird in politischen Kommentaren nur von der Berliner Mauer gesprochen, doch das Unrechtsregime der SED hatte aus der ehemaligen Demarkationslinie ein fast unüberwindbares ‚Bollwerk‘ gemacht, das so manches Mal mitten durch Häuser verlief. Weitere Informationen finden Sie in meinem Blog-Beitrag ‚DDR: Als Mauer und Stacheldraht Deutschland zerschnitten. Der 13. August 1961 darf nicht vergessen werden‘. (Bild: Ulsamer)

So mancher Nörgler sollte folgende Gedanken in seine Kritik einbeziehen: was geschähe heute, wenn der Eiserne Vorhang nicht gefallen wäre, wenn die mittel-osteuropäischen Staaten sich nicht die Freiheit erkämpft hätten, wenn russische Panzer die friedlichen Demonstranten in der DDR genauso wie am 17. Juni 1953 niedergewalzt hätten, wenn die Wiedervereinigung nicht möglich geworden wäre? Wladimir Putins Truppen würden dann in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Ost-Berlin stehen, Polen und Ungarn, Tschechen und Slowaken, Litauer, Letten und Esten sowie viele andere Menschen müssten unter russischer Vorherrschaft leben. Der Überfall auf die Ukraine durch russische Truppen auf Befehl von Präsident Putin und die vorhergehende Besetzung der Krim zeigen mehr als deutlich, aus welchem Holz der Ex-Geheimdienstler und heutige Kreml-Herrscher geschnitzt ist. Schon allein vor diesem Hintergrund bin ich froh, dass Helmut Kohl die Chance ergriff, als sich unter dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und Präsidenten Michail Gorbatschow das historisch einmalige Fenster für die Wiedervereinigung Deutschlands öffnete. Die Begeisterung für jenen Schritt war in Washington größer als in London und Paris, doch letztendlich ermöglichte der freie Westen die Wiedervereinigung. Welche Ideen Donald Trump statt George Bush sen. als US-Präsident in den Kopf gekommen wären, das möchte ich mir im Übrigen auch nicht vorstellen.

Ein graues Tor, gefolgt von einem weitern Tor. Rechts ein helles Gebäude.
Für so manchen deutschen Politiker ist die Frage bis heute nicht eindeutig beantwortet, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Zweifel daran haben u. a. Bodo Ramelow und Manuela Schwesig geäußert. Wenn eine Regierung ihr Volk mit Mauern und Zäunen einkerkert, auf unbescholtene Flüchtlinge schießen und Andersdenkende ohne rechtsstaatliches Verfahren inhaftieren lässt, dann handelt es sich für mich um einen Unrechtsstaat. Wer daran Zweifel hat, der sollte der Gedenkstätte Bautzen einen Besuch abstatten, die im ehemaligen Stasi-Knast umfassende Informationen über das Unterdrückungssystem der SED bietet. Sollten danach immer noch Zweifel bleiben, kann der ‚Karnickelberg‘ aufgesucht werden, wo die sowjetische Besatzungsmacht Gefangene verscharren ließ, die an den unmenschlichen Haftbedingungen verstorben waren. Und als die Deutsche Volkspolizei Bautzen I übernahm, verschlechterten sich die Zustände weiter. In Bautzen II hatte die Stasi das Sagen und drangsalierte die politischen Gefangenen bis zur Friedlichen Revolution 1989. Im Bild das Tor zum früheren Stasi-Knast in Bautzen. Dort quälten bereits vorher die Sowjets und die NS-Schergen politisch Andersdenkende. Mehr dazu in: ‚Bautzen I und II: Orte der Qual für Andersdenkende. In der DDR landeten Unschuldige im Stasi-Knast‘. (Bild: Ulsamer)

Aufarbeitung der SED-Diktatur bleibt wichtig

Im Osten meinen nur 23 %, dass Deutschland ein Volk geworden sei, nachdem die Zustimmung 2017 zeitweilig auf 43 % gestiegen war. Im Westen ist die Zustimmung ebenfalls gesunken und lag bei der aktuellen Umfrage vom Herbst 2025 bei 37 %. Im Jahr 2019 betrug die Zustimmungsrate noch 55 %! Bei vielfältigen Reisen in den neuen Bundesländern hatten meine Frau und ich nicht den Eindruck, dass die Differenzen zunehmen würden, ganz im Gegenteil. Und dass sich die Lebenssituation deutlich verbessert hat, das konnten wir nicht allein bei Umweltfragen selbst erleben. Die Verschlechterung der Einschätzung könnte mit einer generellen Politikverdrossenheit zusammenhängen, auf die der damalige Ostbeauftragte der Bundesregierung Carsten Schneider – jetzt Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit – in seinem Bericht hingewiesen hatte: Kärgliche 19 % der Befragten in den neuen und alten Bundesländern sind der Meinung, dass sich Politiker darum kümmern „was einfache Leute sagen“. Nur 32 % der Ost- und 42 % der Westdeutschen sind der Ansicht, dass den Politikerinnen und Politikern das Wohl unseres Landes wichtig sei. Mehr dazu finden Sie in meinem Beitrag: ‚Die Zufriedenheit mit der Politik welkt dahin. Viele Deutsche fühlen sich nicht wahrgenommen‘.

Karl Marx als sitzende Skulptur. Neben ihm stehend Friedrich Engels.
Da sitzt der Altvordere des Sozialismus, Karl Marx, und neben ihm steht sein Förderer und Mitstreiter, Friedrich Engels. Wer sich schon alles auf Karl Marx berufen hat! Die Liste scheint unendlich. Und wenn die Umsetzung seiner marxistischen Vorstelllungen mal wieder an der Realität scheiterte, dann erklingt seit Jahrzehnten immer das gleiche, wenig melodische Lied: So habe man sich das nicht vorgestellt, und beim nächsten Mal würde es auf jeden Fall klappen. Die Leidtragenden sind all die Menschen, denen man ihre Freiheit raubte, sie einsperrte oder ermordete. Heidi Reichinnek, die tätowierte Lichtgestalt der Linken, hat jüngst im Interview mit dem ‚stern‘ dieses Eigentor auch geschossen: „Das in der DDR war kein Sozialismus. Also nicht so, wie ihn sich meine Partei vorstellt“, meinte sie. Auf weitere sozialistische Experimente kann ich gerne verzichten, und vermutlich trifft das noch viel mehr auf all diejenigen zu, die unter der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) leiden mussten. Mehr zu Karl Marx und seiner heutigen Wahrnehmung finden Sie in: ‚200. Geburtstag von Karl Marx: In Bronze gegossene Geschichte. Trier und Berlin – Wenn Staatskünstler Geschichte gestalten‘. (Bild: Ulsamer)

Das Selbstbildnis der SED von ihrem eingemauerten Land hatte oft nicht viel mit der täglichen Realität zu tun. Davon zeugt das imposante Mosaik am heutigen Bundesministerium der Finanzen in Berlin. Fröhliche und tanzende Menschen machen sich auf den Weg ins sozialistische DDR-Paradies und landen doch in der tristen Wirklichkeit der Plattenbauten, der Versorgungsengpässe, einer zerstörten Umwelt – wie beim ‚Silbersee‘ – oder gleich als Andersdenkende im Knast. Ausgeführt wurde dieses Wandbild 1952 von der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meißen nach einem Entwurf von Max Lingner. Auf dem Boden vor dem Mosaik am heutigen Bundesfinanzministerium erinnert ein großflächiges Foto an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, dem der Platz 2013 gewidmet wurde. Wenn heutzutage über historische Orte gestritten wird, dann halte ich die Aufarbeitung im Sinne einer kritischen Erinnerungskultur durch den Gegensatz von Relief und Darstellung des Volksaufstands für sehr gelungen. Erfreulich ist bei der ‚forsa‘-Umfrage, dass es 85 % der Befragten für wichtig erachten, dass wir uns in Deutschland weiterhin mit der Zeit der DDR und der SED-Diktatur befassen. Die Gewichtung bei ‚sehr wichtig‘ und ‚wichtig‘ ist in Ost und West zwar unterschiedlich, doch im Osten liegt die Befürwortung der Aufarbeitung bei 80 %. Bei den 14- bis 29-Jährigen befürworten insgesamt eine Aufarbeitung der DDR-Zeit sogar 95 %!

Blick auf einen Teil der früheren Mauer in Berlin, der heutigen East Side Gallery mit Gemälden verschiedener Künstler und zahlreichen Besuchern.
Wo heute Menschen aus aller Welt entlang der East Side Gallery prominieren und sich von den einzelnen Gemälden inspirieren lassen, trennte die Mauer von 1961 bis 1989 die Menschen in Berlin. Die jüngeren Deutschen scheinen die Vorteile der Wiedervereinigung eher zu sehen. (Bild: Ulsamer)

Jüngere haben positivere Einschätzung

Nach 35 Jahren gibt es in Ost und West fürwahr viel zu tun, und wir sollten dabei nicht übersehen, dass es in den neuen bzw. alten Bundesländern wirtschaftlich prosperierende, aber auch Regionen gibt, die abgehängt zu werden drohen. Darauf bin ich in verschiedenen Beiträgen, so z. B. in ‚Städte zwischen Wohnungsnot und Leerstand. Esslingen läuft über, Goslar und Halle-Neustadt schwächeln‘ eingegangen. Die Schäden, die die sozialistische Planwirtschaft und der SED-Unrechtsstaat angerichtet haben, ließen sich nicht von heute auf morgen beseitigen, und die eine oder andere Entscheidung in der Übergangszeit war sicherlich falsch, doch insgesamt hat sich das Gebiet der ehemaligen DDR gut entwickelt. In den alten Bundesländern tun wir gut daran, die jeweilige Lebensleistung der Menschen nicht gering zu schätzen, denn sie ist unabhängig vom politischen System, wenn sich die betreffende Person nicht an der Bespitzelung und Unterdrückung Andersdenkender beteiligt hat. Im Mittelpunkt dieses Beitrags sollte die Umfrage stehen, daher verweise ich gerne auf meinen Blog-Artikel ‚Deutschland: 30 Jahre Wiedervereinigung. Freude statt Jammern ist angesagt – in West und Ost‘, in dem ich umfassender auf die Thematik der Wiedervereinigung eingegangen bin.

Blick von oben auf das frühere Gelände der Berliner Mauer. Heute wird diese durch Metallstangen nachgezeichnet. Dahinter die runde Kapelle der Versöhnung.
Blick von der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Wo einst die Mauer Menschen trennte, stehen heute zur Erinnerung Metallstangen. Im Januar 1985 ließ die SED die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße in Berlin sprengen, die ihrem perversen Perfektionismus bei der ‚Grenzsicherung‘ im Wege stand. So zitiert die Evangelische Versöhnungsgemeinde auf ihrer Internetseite aus dem „Maßnahmeplan“ der DDR die Begründung für die Zerstörung der Kirche: „zur Durchführung von baulichen Aufgaben für die Erhöhung von Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit an der Staatsgrenze zu Berlin-West“. Am 28. Februar 1985 sagte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in seinem Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland: “Das Ereignis ist ‘Symbol’. Die Sprengung der Kirche zeigt, wie lang, wie schwer und wie ungewiß der Weg ist, der noch vor uns liegt, um mit der Teilung Europas auch die Spaltung Deutschlands zu überwinden.” Zum Glück verblieben den DDR-Machthabern nur noch vier Jahre für ihre aberwitzige Politik. Wo die SED eine Kirche sprengen ließ, um freies Schussfeld zu erhalten, steht heute die Kapelle der Versöhnung mit dem geretteten Altar und zwei Glocken der alten Kirche. (Bild: Ulsamer)

Ein erfreulicher Gesichtspunkt ist für mich bei den Ergebnissen der Umfrage, dass sich die Einschätzung der Jüngeren vom Gesamtergebnis abhebt, wenn es um die Frage geht, ob die Menschen aus Ost- und Westdeutschland eher zusammengefunden haben. Betonten in der repräsentativen Umfrage 61 % aller Befragten, es überwiege das Trennende, so sind es unter den 14- bis 29-Jährigen nur 52 %, wogegen immerhin 47 % meinen, Deutschland sei eher zusammengewachsen. Bei den Befragten, die 60 Jahre oder älter sind, sehen lediglich 25 %, dass Ost- und Westdeutsche zusammengewachsen seien, für 70 % steht das Trennende im Mittelpunkt. Da mag ich nicht folgen und bekenne, dass ich zur Minderheit derer gehöre, die glauben, die neuen und alten Bundesländer seien eher zusammengewachsen. Die Wiedervereinigung von östlichen und westlichen Bundesländern halte ich für eine Erfolgsgeschichte, auch wenn ich selbst Kritik an einzelnen Entwicklungen geäußert habe.

 

Eine filigrane Brücke spannt sich über die Lausitzer Neiße. Links ein Grenzpfahl mit den deutschen Farben schwarz, rot, gold. Rechts an einem bunt bemalten Turm auf polnischer Seite ein Transparent. In Großbuchstaben heißt es: Konstytucja - Verfassung.
Der Eiserne Vorhang zwischen den westlichen Demokratien und dem von der Sowjetunion dominierten sozialistischen Ostblock ist längst gefallen, und wir sollten dies – wie die Wiedervereinigung – trotz aller Probleme schätzen. Das Transparent auf polnischer Seite in Zgorzelec fordert zur Achtung der Verfassung auf – ein Anliegen auf beiden Seiten der Lausitzer Neiße! Zgorzelec war einst ein östlicher Stadtteil von Görlitz, heute bezeichnen sich die beiden Kommunen als gemeinsame Europastadt. Ein schönes Zeichen der Versöhnung. (Bild: Ulsamer)

 

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Das Brandenburger Tor von der Ostseite mit angrenzenden Gebäuden. Zahlreiche Menschen sind beim Brandenburger Tor zu sehen.Wenn man das hermetisch abgeriegelte Brandenburger Tor zu DDR-Zeiten noch kennt, dann ist es ein Glücksgefühl, heute ungehindert von Ost nach West und umgekehrt gehen zu können. Mehr dazu in: ‚Mauerfall: Vor 30 Jahren ging der Unrechtsstaat DDR unter. Aber wir dürfen das SED-Unrecht nicht vergessen‘. (Bild: Ulsamer)

 

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