Driften alte und neue Bundesländer auseinander?
Für mich ist die Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands noch immer ein Grund zur Freude, obwohl ich durchaus kritische Entwicklungen sehe. Dessen ungeachtet ist es für mich unverständlich, wenn in der jüngsten Umfrage, die von ‚forsa‘ im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur durchgeführt wurde, lediglich 35 % der Befragten meinten, die Menschen in Ost- und Westdeutschland seien mittlerweile weitgehend zu einem Volk zusammengewachsen. Bei Befragungen in den Jahren 2017 und 2019 betonte immerhin die Hälfte, dass sich die Bürger in den neuen und alten Bundesländern tatsächlich zu einem Volk zusammengefunden hätten. Bewegen sich die Lebensverhältnisse und Einstellungen in den Ländern, die zur ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gehörten und denen, die zur Bundesrepublik Deutschland zählten, wirklich auseinander oder wird die Beantwortung der Frage durch den hohen Grad an Politikverdrossenheit überlagert?

Wiedervereinigung war historische Chance
Die Angleichung bei Löhnen und Renten ist vorangekommen, entsprechend auch der Immobilienbesitz. In den alten Bundesländern liegt die Eigentümerquote bei rd. 50 %, in den östlichen Bundesländern zwar bei 40 %, doch nannten 1990 nur 25 % der Ostdeutschen ein Haus ihr Eigen, Wohnungen befanden sich ohnehin im Staatsbesitz. Die Infrastruktur wurde in den neuen Bundesländern dank des Solidaritätszuschlags umfassend ausgebaut und ertüchtigt, während sie in den alten Bundesländern im wahrsten Sinne des Wortes zum Sanierungsfall verfiel. Als Helmut Kohl im Zuge der Wiedervereinigung versprach, aus den wirtschaftlich daniederliegenden neuen Bundesländern würden „blühende Landschaften“ entstehen, hat der damalige Bundeskanzler die Messlatte hochgelegt: Und in der Tat haben nach meinem Eindruck die Menschen in den neuen Bundesländern viel erreicht!

So mancher Nörgler sollte folgende Gedanken in seine Kritik einbeziehen: was geschähe heute, wenn der Eiserne Vorhang nicht gefallen wäre, wenn die mittel-osteuropäischen Staaten sich nicht die Freiheit erkämpft hätten, wenn russische Panzer die friedlichen Demonstranten in der DDR genauso wie am 17. Juni 1953 niedergewalzt hätten, wenn die Wiedervereinigung nicht möglich geworden wäre? Wladimir Putins Truppen würden dann in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Ost-Berlin stehen, Polen und Ungarn, Tschechen und Slowaken, Litauer, Letten und Esten sowie viele andere Menschen müssten unter russischer Vorherrschaft leben. Der Überfall auf die Ukraine durch russische Truppen auf Befehl von Präsident Putin und die vorhergehende Besetzung der Krim zeigen mehr als deutlich, aus welchem Holz der Ex-Geheimdienstler und heutige Kreml-Herrscher geschnitzt ist. Schon allein vor diesem Hintergrund bin ich froh, dass Helmut Kohl die Chance ergriff, als sich unter dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und Präsidenten Michail Gorbatschow das historisch einmalige Fenster für die Wiedervereinigung Deutschlands öffnete. Die Begeisterung für jenen Schritt war in Washington größer als in London und Paris, doch letztendlich ermöglichte der freie Westen die Wiedervereinigung. Welche Ideen Donald Trump statt George Bush sen. als US-Präsident in den Kopf gekommen wären, das möchte ich mir im Übrigen auch nicht vorstellen.

Aufarbeitung der SED-Diktatur bleibt wichtig
Im Osten meinen nur 23 %, dass Deutschland ein Volk geworden sei, nachdem die Zustimmung 2017 zeitweilig auf 43 % gestiegen war. Im Westen ist die Zustimmung ebenfalls gesunken und lag bei der aktuellen Umfrage vom Herbst 2025 bei 37 %. Im Jahr 2019 betrug die Zustimmungsrate noch 55 %! Bei vielfältigen Reisen in den neuen Bundesländern hatten meine Frau und ich nicht den Eindruck, dass die Differenzen zunehmen würden, ganz im Gegenteil. Und dass sich die Lebenssituation deutlich verbessert hat, das konnten wir nicht allein bei Umweltfragen selbst erleben. Die Verschlechterung der Einschätzung könnte mit einer generellen Politikverdrossenheit zusammenhängen, auf die der damalige Ostbeauftragte der Bundesregierung Carsten Schneider – jetzt Bundesminister für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit – in seinem Bericht hingewiesen hatte: Kärgliche 19 % der Befragten in den neuen und alten Bundesländern sind der Meinung, dass sich Politiker darum kümmern „was einfache Leute sagen“. Nur 32 % der Ost- und 42 % der Westdeutschen sind der Ansicht, dass den Politikerinnen und Politikern das Wohl unseres Landes wichtig sei. Mehr dazu finden Sie in meinem Beitrag: ‚Die Zufriedenheit mit der Politik welkt dahin. Viele Deutsche fühlen sich nicht wahrgenommen‘.

Das Selbstbildnis der SED von ihrem eingemauerten Land hatte oft nicht viel mit der täglichen Realität zu tun. Davon zeugt das imposante Mosaik am heutigen Bundesministerium der Finanzen in Berlin. Fröhliche und tanzende Menschen machen sich auf den Weg ins sozialistische DDR-Paradies und landen doch in der tristen Wirklichkeit der Plattenbauten, der Versorgungsengpässe, einer zerstörten Umwelt – wie beim ‚Silbersee‘ – oder gleich als Andersdenkende im Knast. Ausgeführt wurde dieses Wandbild 1952 von der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meißen nach einem Entwurf von Max Lingner. Auf dem Boden vor dem Mosaik am heutigen Bundesfinanzministerium erinnert ein großflächiges Foto an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, dem der Platz 2013 gewidmet wurde. Wenn heutzutage über historische Orte gestritten wird, dann halte ich die Aufarbeitung im Sinne einer kritischen Erinnerungskultur durch den Gegensatz von Relief und Darstellung des Volksaufstands für sehr gelungen. Erfreulich ist bei der ‚forsa‘-Umfrage, dass es 85 % der Befragten für wichtig erachten, dass wir uns in Deutschland weiterhin mit der Zeit der DDR und der SED-Diktatur befassen. Die Gewichtung bei ‚sehr wichtig‘ und ‚wichtig‘ ist in Ost und West zwar unterschiedlich, doch im Osten liegt die Befürwortung der Aufarbeitung bei 80 %. Bei den 14- bis 29-Jährigen befürworten insgesamt eine Aufarbeitung der DDR-Zeit sogar 95 %!

Jüngere haben positivere Einschätzung
Nach 35 Jahren gibt es in Ost und West fürwahr viel zu tun, und wir sollten dabei nicht übersehen, dass es in den neuen bzw. alten Bundesländern wirtschaftlich prosperierende, aber auch Regionen gibt, die abgehängt zu werden drohen. Darauf bin ich in verschiedenen Beiträgen, so z. B. in ‚Städte zwischen Wohnungsnot und Leerstand. Esslingen läuft über, Goslar und Halle-Neustadt schwächeln‘ eingegangen. Die Schäden, die die sozialistische Planwirtschaft und der SED-Unrechtsstaat angerichtet haben, ließen sich nicht von heute auf morgen beseitigen, und die eine oder andere Entscheidung in der Übergangszeit war sicherlich falsch, doch insgesamt hat sich das Gebiet der ehemaligen DDR gut entwickelt. In den alten Bundesländern tun wir gut daran, die jeweilige Lebensleistung der Menschen nicht gering zu schätzen, denn sie ist unabhängig vom politischen System, wenn sich die betreffende Person nicht an der Bespitzelung und Unterdrückung Andersdenkender beteiligt hat. Im Mittelpunkt dieses Beitrags sollte die Umfrage stehen, daher verweise ich gerne auf meinen Blog-Artikel ‚Deutschland: 30 Jahre Wiedervereinigung. Freude statt Jammern ist angesagt – in West und Ost‘, in dem ich umfassender auf die Thematik der Wiedervereinigung eingegangen bin.

Ein erfreulicher Gesichtspunkt ist für mich bei den Ergebnissen der Umfrage, dass sich die Einschätzung der Jüngeren vom Gesamtergebnis abhebt, wenn es um die Frage geht, ob die Menschen aus Ost- und Westdeutschland eher zusammengefunden haben. Betonten in der repräsentativen Umfrage 61 % aller Befragten, es überwiege das Trennende, so sind es unter den 14- bis 29-Jährigen nur 52 %, wogegen immerhin 47 % meinen, Deutschland sei eher zusammengewachsen. Bei den Befragten, die 60 Jahre oder älter sind, sehen lediglich 25 %, dass Ost- und Westdeutsche zusammengewachsen seien, für 70 % steht das Trennende im Mittelpunkt. Da mag ich nicht folgen und bekenne, dass ich zur Minderheit derer gehöre, die glauben, die neuen und alten Bundesländer seien eher zusammengewachsen. Die Wiedervereinigung von östlichen und westlichen Bundesländern halte ich für eine Erfolgsgeschichte, auch wenn ich selbst Kritik an einzelnen Entwicklungen geäußert habe.

Zum Beitragsbild
Wenn man das hermetisch abgeriegelte Brandenburger Tor zu DDR-Zeiten noch kennt, dann ist es ein Glücksgefühl, heute ungehindert von Ost nach West und umgekehrt gehen zu können. Mehr dazu in: ‚Mauerfall: Vor 30 Jahren ging der Unrechtsstaat DDR unter. Aber wir dürfen das SED-Unrecht nicht vergessen‘. (Bild: Ulsamer)

