170 Jahre Bahnbetrieb auf der Geislinger Steige

Michael Knoll gelang eine ingenieurtechnische Meisterleistung

Wer schon mal mit dem ICE durch Deutschland tourte, der hat sich vielleicht über die langsame Fahrt ab Geislingen an der Steige bis nach Amstetten auf der Schwäbischen Alb gewundert, wenn er von Stuttgart über Ulm nach München fuhr. Hier erhielten Fuhrwerke einst Vorspann, und noch heute hilft eine zweite Lok Güterzügen beim beschwerlichen Aufstieg. Mag diese Strecke in Baden-Württemberg auch etwas aus der Zeit gefallen erscheinen, so war sie doch vor 170 Jahren ein Meilenstein des bahntechnischen Fortschritts. Eines ist sicher, die heutigen Bauherren, die die neue Schnellbahntrasse von Stuttgart nach Ulm umsetzen, haben nicht das zackige Tempo, das im 19. Jahrhundert vorlegt wurde. Nun gut, die zahlreichen Tunnel und Brücken der zukünftigen Verbindung – und schon gar nicht der unterirdische Durchgangsbahnhof in Stuttgart – lassen sich mit dem Projekt aus der frühen Bahngeschichte vergleichen, aber die damaligen Arbeiten am Albaufstieg wurden in drei Jahren abgeschlossen, obwohl seinerzeit noch Schaufel und Spitzhacke als wichtigste Arbeitsgeräte im Einsatz waren. Für die ingenieurstechnische Meisterleistung wurde dem damaligen württembergischen Oberbaurat Michael Knoll ein Denkmal errichtet, das noch heute unmittelbar an der Noch-ICE-Strecke steht – allerdings in einem eher bedauernswerten Zustand.

Eine Büste von Michael Knoll. Im Hintergrund Bäume.
Michael Knoll schuf mit 3000 Arbeitern den bis heute genutzten Albaufstieg zwischen Geislingen an der Steige und Amstetten auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg. Am 29. Juni 1850 befuhr nach dreijähriger Bauzeit der erste Zug die steile Strecke zwischen Geislingen und Amstetten. (Bild: Ulsamer)

Nachhaltige Konstruktionen

Zum traurigen Erscheinungsbild des Gesamtensembles, zu dem ein Springbrunnen aus Albtuffstein gehört und das Michael Knoll gewidmet wurde, haben zwar keine Denkmalstürmer beigetragen, die derzeit wieder mal en vogue sind, sondern der Zahn der Zeit nagt vor allem am Brunnen. Die politischen Nachfahren des damals so wegweisenden Bahnbaus scheint dies heutzutage allem Anschein nach nicht zu kümmern. Es würde dagegen nichts schaden, sich an Technikpioniere zu erinnern: vielleicht wäre das auch ein Ansporn, sich wieder an die Spitze einer Technologieoffensive zu stellen. Stattdessen zerfällt allenthalben die Verkehrsinfrastruktur, und so manche Brücke macht nach wenigen Jahrzehnten schlapp, obwohl es durchaus noch Bahn- und Straßenbrücken gibt, die nach 150 Jahren ihren Dienst tun. Da könnten sich moderne Baumeister mal eine Scheibe abschneiden!

Denkmal für Michael Knoll. Im blau bemalten Brunnen ohne Wasser steht ein großer Tuffstein. Der Brunnen wächst zu, einzelne Teile sind zerbrochen.
Etwas mehr Respekt vor der Geschichte würde ich mir wünschen, denn dann würde auch das Michael Knoll gewidmete Denkmal nicht langsam aber sicher zerfallen. Der Brunnen bröselt vor sich hin, die Zuleitungen für das Wasser sind in Mitleidenschaft gezogen und die Abdeckungen verschiedener Schächte sind längst zerfallen. (Bild: Ulsamer)

Musterbeispiele für langlebige Konstruktionen sind die Clifton Suspension Bridge im englischen Bristol und die Royal-Albert-Brücke am Übergang von England nach Cornwall, die mich sehr beeindruckt haben. Beide wurden von Isambard Kingdom Brunel entworfen. Aber auch Eisenbahnbrücken in Deutschland leisten seit Mitte des 19. Jahrhunderts treu ihren Dienst: In Bietigheim-Bissingen entstand 1851/53 ein Viadukt, das die erste Bahnverbindung zwischen Württemberg und Baden erlaubte, und im sächsischen Vogtland wurde 1851 die bis heute größte Ziegelsteinbrücke der Welt eingeweiht. Man mag es kaum glauben, doch diese Brücken haben 170 Jahre auf dem Buckel und noch immer rollen die Züge. Das Gleiche gilt für den Albaufstieg, den Michael Knoll projektierte.

Ein langer Güterzug mit hellen Waggons fährt die Geislinger Steige hoch.
Lange Güterzüge meistern mit Unterstützung einer zweiten Lok bis heute den Höhenunterschied von 112 Metern. (Bild: Ulsamer)

Ein Wagnis eingegangen und gemeistert

Nun aber zurück zum Albaufstieg, den 3000 Arbeiter unter Leitung des bereits erwähnten Michael Knoll dem harten Gestein der Schwäbischen Alb und der Steigung abtrotzten. Die Zahl der Arbeiter, die aus ganz Württemberg zusammengeströmt waren, überstieg die der Einwohner der Stadt Geislingen – damals 2345 – die dank des Bahnanschlusses einen wirtschaftlichen Aufschwung nahm. Daniel Straub, der eine Mühle in Geislingen betrieb, förderte den Eisenbahnbau und eröffnete einen Reparaturbetrieb, der später zur Maschinenfabrik Geislingen wurde. Die Grundlagen für die 1880 gegründete WMF – die Württembergische Metallwaren-Fabrik -, hatte ebenfalls Daniel Straub – mit Gewinnen aus dem Eisenbahnbau – gemeinsam mit den Brüdern Louis und Friedrich Schweizer gelegt. Im Übrigen arbeitete auch der Automobilpionier Gottlieb Daimler drei Jahre als Konstrukteur für die Metallwarenfabrik Straub & Schweizer.

Zentraler Teil des Knoll-Denkmals mit dem Text "Dem Erbauer des Eisenbahn-Alb-Übergangs Michael Knoll Oberbaurat Aus Geislingen 1850".
Michael Knoll projektierte als Oberbaurat des Königreichs Württemberg die Bahntrasse auf die Schwäbische Alb, die in seiner Geburtsstadt Geislingen beginnt. (Bild: Ulsamer)

Michael Knoll, der aus Geislingen stammte, kannte das schwierige Terrain der Alb und überwand auf etwas weniger als sechs Kilometern einen Höhenunterschied von 112 Metern. Die engen Kurven und die Steigung sind auch für moderne Züge herausfordernd, daher wurde nach Jahrzehnten des politischen Ringens die neue Schnellbahntrasse von Stuttgart nach Ulm konzipiert, die sich jetzt in der Realisierung befindet. „Die Geislinger Steige war und ist nicht nur die steilste Normalspurstrecke Deutschlands, sondern auch in Europa“, so ist auf der Internetseite ’Industriekultur im Filstal‘ zu lesen. Bevor Michael Knoll und seine Mitstreiter ihre Pläne umsetzten, galt ein solches Unterfangen als unmöglich. Diesen Willen, schwierige Projekte in einem engen Zeitrahmen umzusetzen, vermisse ich heute vielfach nicht nur in Deutschland, sondern in Europa. Wagnisse müssen – wenn verantwortbar – eingegangen und gemeistert werden.

Silberner ICE mit rotem Längsbalken fährt am Knoll-Denkmal vorbei.
Nach 170 Jahren fährt der ICE noch am Denkmal für Michael Knoll vorbei, doch eine Schnellbahntrasse von Stuttgart nach Ulm ist in der Umsetzung, die die Fahrzeit deutlich verkürzen wird. Die Bahnverbindung von Paris nach Budapest soll so attraktiver werden. (Bild: Ulsamer)

Nachhaltig und zeitorientiert bauen

Die Eisenbahn war nicht nur in Württemberg oder anderen deutschen Landen ein zentraler Impuls für die Industrialisierung, sondern auch im damals industriell führenden England. Michael Knoll, der vorher den Straßenbau vorangetrieben hatte, bekam mit der Umsetzung der Ostbahn von Esslingen nach Ulm einen herausfordernden Auftrag. Die Westbahn führte dagegen eher durch flachere Profile, zu ihr gehörte beispielsweise das oben erwähnte Viadukt in Bietigheim. Beim Geislinger Albaufstieg waren schon allein die bahntechnischen Vorarbeiten eine Herausforderung: „Bereits einige Kilometer vor dem vehementen Anstieg der Steige musste der Schienenstrang entlang des Tegelbergs zwischen Gingen und Geislingen so viel an Höhe gewinnen, dass das Niveau des Geislinger Bahnhofs erreicht werden konnte.“, schreibt Hartmut Gruber in einer Veröffentlichung des Stadtarchivs Geislingen zur Eröffnung des Bahnbetriebs zwischen Geislingen und Ulm am 29. Juni 1850. „Allein für das Hufeisen, den Dreiviertelbogen rund um den heutigen Stadtteil Seebach, waren umfangreiche Aufschüttungen quer durch die sumpfige Talsohle des Eybtals und im Katzenloch notwendig, die vermutlich im Jahr 1846 getätigt wurden.“ Von der Burg Helfenstein, deren mächtige Ruinen malerisch über der Stadt Geislingen thronen, kann man sich einen guten Überblick verschaffen über die Zulaufstrecke und den eigentlichen Beginn des Albaufstiegs, der einem einstmaligen Handelsweg folgt.

Informationstafel zum Michael-Knoll-Denkmal mit Fotos und einführendem Text.
Der ‚Erlebnispfad Geislinger Steige‘, der die Burg Helfenstein und den Ödenturm einbezieht, führt auch zum Michael-Knoll-Denkmal. Eine Wegbeschreibung finden Sie unter www.erlebnispfad-geislinger-steige.de. Eine Begehung des Abstechers zum Denkmal sollte man wirklich nur bei trockenem Wetter und mit festem Schuhwerk in Angriff nehmen, da der Auf- und Abstieg über sehr steiles Gelände verläuft. (Bild: Ulsamer)

Im Gegensatz zu heute wurde die Steilstrecke auf die Schwäbische Alb in Rekordzeit gebaut, und auch die politischen und medialen Hinterlassenschaften zum großen Ereignis, der ersten Fahrt der Bahn, sind bescheiden: „Weder in den Ratsprotokollen der Stadtgemeinde noch in der Lokalpresse, dem Alp & Filsthal-Boten, lassen sich redliche Quellen finden, dass dieser Tag gebührend gefeiert worden ist“, so nochmals Hartmut Gruber. Damals überwog die Begeisterung für die neue Trasse, und die Presse berichtete nur in kurzen Meldungen, da die Bürgerschaft gewissermaßen geschlossen der Premiere beiwohnte. In unseren Tagen wird Jahre, nicht selten Jahrzehnte über Verkehrswege gestritten, und selbst wenn die Tunnel – wie bei Stuttgart 21 – vorgetrieben sind, marschieren die ewig Gestrigen noch auf und fordern eine Umwidmung. So ist es kein Wunder, dass Deutschland in Sachen Infrastruktur zurückfällt. Da bauen die Schweizer den Gotthard-Basistunnel, und in Deutschland kommt der Ausbau der Zulaufstrecken nicht voran.

Manchmal wünschte ich mir, dass in Deutschland wieder mit dem gleichen Elan wie im 19. Jahrhundert die Verkehrsinfrastruktur ausgebaut bzw. ertüchtigt würde und vor allem mit der gleichen technischen Nachhaltigkeit. Wünschen würde ich mir aber auch einen fürsorglicheren Umgang mit dem Michael Knoll gewidmeten Brunnenensemble.

 

Blick von den Burg Helfenstein auf Geislingen. Im Vordergrubnd passiert ein Güterzug.
Mit der Aufnahme des Zugverkehrs ab 1850 von Geislingen nach Ulm begann auch eine intensive Industrialisierung in Geislingen und dem Filstal. (Bild: Ulsamer)

 

Eine Brücke für die Schnellbahntrasse ist bereits über dem Filstal errichtet worden. Die zweite ist im Bau. Zahlreiche bunte Kranen.
Zur im Bau befindlichen Schnellbahnverbindung von Stuttgart nach Ulm gehören verschiedene Tunnel und die beiden eingleisigen Filstalbrücken bei Wiesensteig in Baden-Württemberg. (Bild: Ulsamer)

 

Zwei historische Infrastrukturprojekte, über die ich bereits berichtet habe:

Der erste Autotunnel in Deutschland – 1896 setzte Stuttgart Maßstäbe
Der erste Eisenbahntunnel in Deutschland – “Buddeln” für die Industrielle Revolution

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