Zwischen Hungersnot und Volksfest

Was verband Württemberg und Irland im 19. Jahrhundert?

Wenn wir heute durch Württemberg – oder auch Baden und Hohenzollern – reisen, dann erinnert nur noch wenig an die Mühsal der Menschen im frühen 19. Jahrhundert, es sei denn man besucht z.B. ein (Freilicht-) Museum. Die moderne Landwirtschaft, neue Wohnbebauung und die umfassende Industrialisierung haben die Überbleibsel von Hunger und Not in der Landschaft und den Siedlungen getilgt. Etwas anders ist dies in manchen Regionen auf der grünen Insel. In Irland finden sich nicht nur die Grundmauern in jener Zeit verlassener Dörfer und Gehöfte noch heute und auch die kleinräumige Einteilung der Feldflur wird deutlich sichtbar in der Landschaft durch Steinriegel. Auch in der Touristenhochburg Dingle ruft ein Friedhof die Zeit von Hunger und Seuchen in Erinnerung. Bemerkenswert war es in Württemberg, dass König Wilhelm I., zusammen mit seiner Frau, der russischen Zarentochter Katharina, die tiefen Probleme der landwirtschaftlichen Bevölkerung nicht nur wahrnahm, sondern auch handelte. Die meist gar nicht vor Ort lebenden englischen Großgrundbesitzer vernachlässigten dagegen auch nach der Hungersnot von 1816 die Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Produktion – mit fatalen Folgen.

Ein Grabstein mit irischer Aufschrift auf grünem Gras. Im Hintergrund ein weißes Kreuz.
Auf dem ‚Paupers Graveyard‘ liegen im südwestirischen Dingle zwischen 7 000 und        10 000 Opfer von Hunger, Cholera und Typhus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ganz in der Nähe lag das Arbeitshaus, das spätere Krankenhaus, in dem viele mittellose Iren ein kärgliches Dasein fristeten. (Bild: Ulsamer)

Ein Vulkanausbruch verdunkelt die Welt

Schlecht ging es vielen Menschen im frühen 19. Jahrhundert, vor allem in den von der Landwirtschaft geprägten Gebieten, an denen die frühe Industrialisierung noch vorbeigegangen war. Selbstredend war auch die soziale Lage der ArbeiterInnen in den aufkommenden Industriebetrieben schwierig, doch zeichneten sich zumindest wirtschaftliche Chancen ab. Dann kam das Jahr 1815, als im fernen Indonesien der Tambora ausbrach, ein Vulkan, der im April 1815 rd. 140 Milliarden Tonnen an Staub- und Aschepartikeln auswarf. Zehntausende von Opfern kostete dieser gewaltige Vulkanausbruch im Umfeld, denn die Eruption entsprach einer Sprengkraft von 170 000 Hiroshimabomben.

Die Staub- und Ascheteilchen wurden von den Luftströmungen um die ganze Erde getragen und erreichten auch die irische Insel und Deutschland. Der Himmel verdunkelte sich, es lag eine Art Schleier über den Menschen. Nicht nur in Württemberg oder Baden wurde 1816 vom Jahr ohne Sommer gesprochen, sondern in ganz Europa: In Irland regnete es im Sommer acht Wochen lang, auch in Württemberg blieb die Sonne aus, auf den Feldern verdarb die Ernte, die Kartoffeln verfaulten. In Württemberg verteuerten sich im Herbst 1816 die Lebensmittel derart, dass sie für viele zunehmend unerschwinglich wurden. Darauf folgte im Frühjahr des nächsten Jahres die eigentliche Hungerkatastrophe. Das sogenannte Hungerbrot wurde mit Flechten, Gras, Blättern und Sägemehl gestreckt: Immer mehr Bürgerinnen und Bürger hungerten oder starben an nachfolgenden Seuchen wie Typhus, die die geschwächten Menschen hinwegrafften. Weder die Württemberger noch die Iren konnten sich die Ursache für das dramatisch verschlechterte Wetter erklären, denn Informationen eilten noch nicht um den Globus und die Zusammenhänge waren auch noch nicht wissenschaftlich untersucht worden.

Das Hauptgebäude der Universität Hohenheim. Heller Putz und dunkles Dach.
Die Universität Hohenheim hat ihre Ursprünge in der vom württembergischen König Wilhelm I. und seiner Frau Katharina 1818 gegründeten landwirtschaftlichen Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt. Nur eine bessere Ausbildung und innovative, dabei aber einfache Techniken konnten die landwirtschaftliche Misere beheben. (Bild: Ulsamer)

Württemberg: Wilhelm und Katharina setzen auf Reformen

Die Ausgangsbasis war somit denkbar schlecht, als Wilhelm I. im Oktober 1816 den Thron von seinem verstorbenen Vater übernahm. Dieser hatte als Friedrich I. erstmals den Königstitel getragen, doch die Zuneigung zu den ärmeren Schichten in seinem Königreich Württemberg war eher rudimentär ausgeprägt. Ganz anders sein Sohn, der bewusst den Namen Wilhelm I. annahm und wegen der Dauerkonflikte mit seinem Vater nicht der zweite Wilhelm auf dem Thron sein wollte. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Katharina richtete er sein Augenmerk auf die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage seiner Untertanen.  Viele moderne Impulse kamen von Katharina und beeinflussten Wilhelm I. auch nach ihrem frühen Tod.

Katharina war eine Tochter des russischen Zaren Paul und seiner Ehefrau Maria Fjodorowna,  in Württemberg geboren als Herzogin Sophie Dorothee. Katharina gründete den ‚Zentralen Wohltätigkeitsverein‘, aber auch das Katharinenstift und das Katharinenhospital in Stuttgart gingen auf ihre Initiativen zurück. Gleichfalls verdanken die Württembergische Landessparkasse und das Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg Katharina ihren Start. Soziale Hilfsvereine sollten möglichst kurzfristig Hilfe bringen, doch längerfristig musste die darbende Landwirtschaft auf die Zukunft ausgerichtet werden. Wilhelm und Katharina gründeten dazu 1818 die landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt Hohenheim. Platz fand diese Bildungseinrichtung im leerstehenden Schloss Hohenheim, das in der Nähe der fruchtbaren Felder auf den Fildern liegt. Johann Nepomuk Hubert Schwerz (1759-1844) wurde der erste Direktor der Musteranstalt. Gemeinsam mit zwei weiteren Lehrern unterrichtete er zu Beginn gerade einmal 16 Schüler in Landwirtschaft, Mathematik, Physik, Chemie, Mineralogie und Botanik. Aus diesen kleinen Anfängen entwickelte sich später die Universität Hohenheim.

Angegliedert wurde auch eine sogenannte Waisenanstalt, die spätere Ackerbauschule. Es ging von Anfang an auch darum, moderne Ackergeräte nicht nur in Hohenheim und Umgebung, sondern möglichst umfassend zum Einsatz zu bringen, um die Erträge zu erhöhen. „Da viele Wagner und Schmiede nichts mit gezeichneten Plänen anfangen können, entwickeln die Wissenschaftler der Ackergerätefabrik maßstabsgerechte funktionsfähige Modelle ihrer Geräte, die weltweit versandt werden“, so heißt es auf der Internet-Seite der Universität Hohenheim. „Diese Modelle können dann problemlos nachgebaut werden. Sie machen Hohenheim zum international gefragten Lieferanten innovativer Technologien – eine Art Silicon Valley des 19. Jahrhunderts.“ Lehrangebote zu Forst und Gartenbau gesellten sich bald hinzu.

Dunkler großer Suppentopf aus Gusseisen inim irischen Dingle.
Suppenküchen hielten viele Hungernde notdürftig am Leben. Und protestantische Organisationen versuchten auch die Gunst der traurigen Stunde zu nutzen, um irische  Katholiken zur Konversion zu bewegen. (Bild: Ulsamer)

Irland: Suppenküchen statt Gleichstellung

Suppenküchen schlagen den tristen Bogen in jenen Jahren zwischen Württemberg und Irland. Katharina regt solche Hilfsmaßnahmen an, um Menschen vor dem Hungertod zu bewahren. Suppenküchen werden auch in Irland eingerichtet, nicht selten wollen protestantische Gruppen Katholiken so zu einem Übertritt bewegen. Eine umfassende Bewegung zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion unterbleibt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Irland, denn es fehlt an einem Landesherrn, der die Not lindern will. Nachdem die Katholiken in die Rechtlosigkeit getrieben worden waren, hatten britische Adlige das Land unter sich aufgeteilt oder erhielten es von der englischen Krone. Viele der Landbesitzer waren nicht mit dem Elend täglich konfrontiert, da sie auf ihren Schlössern in England Hof hielten und höchstens per Brief von zumeist voreingenommenen, den rechtlosen Pächtern feindlich gegenüberstehenden Verwaltern über die desaströse Lage unterrichtet wurden. Die geografische Entfernung führte auch zu einer immer stärkeren Entfremdung zwischen englischen, protestantischen Grundherrn und ihren in tiefer Armut lebenden katholischen Tagelöhnern und Pachtbauern.

Während in Württemberg ein vorausschauender König das Ruder herumwarf und auf Modernisierung setzte, wurden die Hungertoten in Irland von den englischen Grundherrn nicht als Warnsignal empfunden. Ohne Reformen schlitterte Irland bei erneut zunehmender Überbevölkerung in die nächste, noch schlimmere Hungerkatastrophe. Die Große Hungersnot (Great Famine) wurde durch die Kartoffelfäule ausgelöst: Eine Millionen Iren starben, rd. zwei Millionen wollten als Migranten ihr Überleben sichern. Von 1800 bis 1840 verdoppelte sich die Bevölkerung Irlands nahezu auf 8 Millionen Menschen. Die Kleinbauern mussten das Getreide als Pacht an die englischen Grundherren abliefern, und dies auch während der Hungersnot. Der Ausfall der Kartoffelernte, die auf den kleinen Parzellen zur Eigenversorgung der Pächterfamilien gedacht war, zerstörte die Nahrungsgrundlage für Pachtbauern und Tagelöhner komplett. Sie mussten auswandern oder verhungern. Diese furchtbare Katastrophe hat sich ins nationale Bewusstsein der Iren tief eingebrannt, und dies gilt auch für viele Diskussionen in unseren Tagen.

Dunkle Holzkojen im Bauch der Dunbrody. Jeweils eine ganze Familie oder eine Gruppe Reisender musste sich mit einer Koje begnügen.
Hunderttausende von Menschen aus Württemberg und Millionen Iren blieb im 19. Jahrhundert nichts anderes übrig, als die Auswanderung – zumeist nach Nordamerika. Im irischen New Ross liegt heute ein Nachbau eines Emigrantenschiffes vor Anker. Die Dunbrody war eines der wenigen Schiffe, das die Passagiere zumeist unbeschadet an den Zielort brachte. Eine Koje ‚bot‘ Platz für eine mehrköpfige Familie. Viele der Segelschiffe waren Seelenverkäufer, die sicherlich mit Booten zu vergleichen sind, die heute Schlepperbanden im Mittelmeer einsetzen. (Bild: Ulsamer)

Auswanderung um jeden Preis

Württemberg und Baden oder Irland standen sich in nichts nach, wenn es um die Auswanderung im 19. Jahrhundert ging. Gerade auf der grünen Insel wurde die Migration zum Ventil, das den Bevölkerungsdruck linderte, doch mit der Zeit wurde es Wilhelm I. in Württemberg mulmig, wenn er wieder von dem Weggang gerade auch junger und gut ausgebildeter Bürger hörte. Alleine 1816 hatten sich rd. 16 000 Württemberger aufgemacht, zumeist in die USA. Sein Minister Karl von Koerner sollte die Ursachen ermitteln, und dieser schickte Friedrich List, damals Oberrevisor nach Heilbronn. Dort machten sich zahlreiche Württemberger per Kahn über den Neckar und den Rhein zu den Nordseehäfen auf, und dann ging es per Dreimaster über den Atlantik. So mancher irische Migrant hat wohl seine württembergischen Leidensgenossen von Segelschiff zu Segelschiff gesehen.

„In den fünfeinhalb Jahrzehnten zwischen Wiener Kongreß und Gründung des Deutschen Reiches, die eigentliche Periode der Massenauswanderung aus Südwestdeutschland, emigrierten mindestens 400 000, möglicherweise fast 430 000 Menschen aus dem Königreich Württemberg und 133 000 – 134 000 allein von 1845 bis 1854 aus dem Großherzogtum Baden.“ (Willi A. Boelcke: Sozialgeschichte Baden-Württembergs 1800-1989).* Millionen Iren taten es ihnen im selben Zeitraum gleich.

Die Grafik zeigt die Auswandererströme von Irland in die USA und nach Großbritannien.
Diese Grafik stammt aus einem meiner ersten veröffentlichten Beiträge für Libertas aus dem Jahre 1978 mit dem Titel „Geschichte als prägende Kraft für Irland“. Damals hatte ich nicht gedacht, dass ich päter jedes Jahr einige Monate verbringen könnte. Aber durch die Gespräche vor Ort wurde für mich noch deutlicher, welchen starken Einfluss auf das Denken vieler Iren auch heute noch die Hungersnöte, die Unterdrückung der Katholiken durch die englische Krone und die Teilung in Nordirland und die Republik haben. (Bild: Ulsamer)

Friedrich List nahm in seinem Bericht kein Blatt vor den Mund: „Sie wollen lieber Sklaven in Amerika sein als Bürger in Weinsberg.“ Und die Aufzählung der Migrationsgründe – neben der Knappheit an Nahrungsmitteln – ließ Wilhelm I. sicherlich aufhorchen. „Viele Gründe kamen bei Lists Erhebung zusammen, aber sie liefen fast alle auf dasselbe hinaus: die Teuerung, die Bedrückungen durch die Beamten und Schultheiße, Schreibergebühren, Abgaben jeder Art an den Adel, Arbeitslosigkeit.“ (welt.de) Bei List reifte der Gedanke, dass sich die deutschen 38 Staaten des Deutschen Bunds zu einer Zollunion verbinden müssten, um die wirtschaftlichen Belastungen durch Zölle und Abwicklungskosten zu minimieren. Sein Vorbild: ausgerechnet Großbritannien. Dort hatte sich eine unglaubliche wirtschaftliche Dynamik durch die Industrialisierung entwickelt, aus der auch zusätzliche Arbeitsplätze resultierten. Dies fehlte damals noch weitgehend in Württemberg und Baden, und noch weit mehr in Irland – wenn man von Belfast absieht. Die Iren profitierten jedoch nicht von dieser industriellen Entwicklung, sondern wurden weiterhin durch die stark steigende Bevölkerungszahl und neue Missernten getroffen.

Ein großes Gebäude mit hellem Putz in einem grünen Umfeld oberhalb Dingles und dem Meer.
In den 1850er Jahren wurde auch als Folge der Hungersnot ein größeres Arbeitshaus in Dingle errichtet, das rd. 700 Bedürftige beherbergte. Erst in den 1920er Jahren wurde das Workhouse geschlossen und zum Krankenhaus umgewidmet. Heute steht es leer und harrt einer neuen Funktion. (Bild: Ulsamer)

Wenn die Scholle zu klein wird

Zwar brachte Friedrich List mit seinen politischen und journalistischen Aktivitäten immer mehr Gegner gegen sich auf, doch nach einer von König Friedrich I. verkürzten Haftstrafe, konnte er in die USA emigrieren und folgte so den von ihm einst befragten Auswanderern. Als US-Konsul kehrte er später nach Baden zurück und konnte miterleben, wie seine Idee eines Zollvereins politische Realität wurde. Im Bereich der Landwirtschaft wurde schrittweise in Württemberg und Baden die Leibeigenschaft aufgehoben, auch dies ein unerlässlicher Schritt hin zu einer modernen Landwirtschaft und Gesellschaft. In Irland mussten die Pachtbauern dagegen weiterhin das schwere Joch der Abhängigkeit tragen, und dies ergänzt durch die Entrechtung der Katholiken.

Blick vom Connor Pass. Im Hintergrund das Meer. Unten eine durch Steinmauern in kleine Parzellen aufgeteilte Landschaft mit zerfallenen Gehöften.
Noch heute sind in vielen Regionen Irlands, wie hier am Connor Pass in Kerry, die kleinen Parzellen erkennbar, die zunehmend die Familien der Pachtbauern nicht mehr ernähren konnten. Und selbst in Zeiten, in denen die Kartoffeln auf den Feldern verfaulten, exportierten die Grundherren Getreide nach Großbritannien. Das Schicksal der hungernden Bauern war vielen von ihnen gleichgültig. In Württemberg hatte die Realteilung im Erbrecht zu einer ständigen und dramatischen Aufsplitterung der landwirtschaftlichen Flächen geführt. (Bild: Ulsamer)

Was bringt ein Vergleich der Situation in Württemberg oder Baden mit Irland im 19. Jahrhundert, so kann man natürlich zurecht fragen. Nach meiner Meinung ergeben sich aus der historischen Betrachtung durchaus auch Hinweise für zukünftiges Handeln. Dies bezieht sich nicht auf die Landwirtschaft in den genannten Ländern, aber die gleichen Probleme betreffen auch viele Regionen in unseren Tagen. „Auch für Württemberg bestätigte sich der enge Zusammenhang von Kleinstbesitz, Überbevölkerung und Auswanderung“, so Christoph Borcherdt in ‚Die Landwirtschaft in Baden und Württemberg 1850-1980‘.** Durch die Realteilung im Erbrecht war z.B. landwirtschaftlich genutzter Boden immer weiter zersplittert worden. Auch in Irland reichte die Scholle zunehmend nicht mehr zum Erhalt der Familie, dort allerdings den Grundherren und ihren Pachtgrößen geschuldet. Eine wirkliche Entlastung brachte in Württemberg und Baden die aufkommende Industrie, die Arbeiter benötigte und nicht selten auch eine Kombination ermöglichte: Der Nebenerwerbslandwirt war geboren.

Neue Geräte und zukunftsweisende Ideen

Nicht nur die bereits angesprochenen neu entwickelten Agrargeräte oder die verbesserte Dreifelderwirtschaft bringen in Württemberg – und anderen deutschen Regionen – die Landwirtschaft voran, sondern auch die zaghaft aufkeimende Industrialisierung schafft neue Arbeits- und Überlebenschancen. Das Interesse der englischen Landesherren – ‚absentee landlords‘ – konzentriert sich im Gegensatz dazu weiterhin auf die Ausbeutung von Menschen und Besitz. So werden auch die Getreideexporte nach Großbritannien nicht gestoppt, obwohl die Pachtbauern und ihre Familien wegen der Kartoffelfäule verhungern. Dies spricht Bände.

Die verdunkelte Welt weicht 1817 langsam wieder, die Sonne kämpft sich durch den Aschenebel, die Temperaturen normalisieren sich wieder und die Ernteerträge werden besser. Der neu gekrönte König Wilhelm I. in Württemberg setzt nicht nur auf die bereits skizzierten neuen sozialen, technologischen und wirtschaftlichen Ansätze, sondern will seine Bürgerinnen und Bürger auch emotional aufbauen: Im Herbst 2018 lädt der König erstmals zum Volksfest nach Stuttgart ein. Dabei geht es – im Gegensatz zu heute – nicht um Maßkrüge, Bierschwemme und Gourmet-Häppchen, sondern um landwirtschaftliche Innovationen und die Freude über die überwundene Krise. So beging das Volksfest in Stuttgart 2018 sein 200jähriges Bestehen, doch dem König war das erstmalig veranstaltete ‚Landwirtschaftliche Fest‘ sicherlich wichtiger. Die Fruchtsäule, die noch heute das Volksfest in Stuttgart überragt, ist ein wichtiger Beleg für den Ursprung. Zum Jubiläumsfest veranstalteten die Stuttgarter neben dem Dirndl- und Bier-Fest auch ein historisches Volksfest auf dem Schlossplatz, um an die Ursprünge zu erinnern. Das von König Wilhelm I. für seine Untertanen gestiftete Volksfest hat so gewissermaßen zu den Ursprüngen zurückgefunden. Es ging nicht um einen Amüsierbetrieb für Millionen, sondern um ein (Ernte-Dank-) Fest nach der überwundenen Hungerkatastrophe.

Eine kleine Bude mit der Aufschrift Flohzirkus als Teil des Historischen Volksfests in Stuttgart auf dem Schlossplatz.
König Wilhelm I. stiftete 1818 für seine Bürgerinnen und Bürger, seine Untertanen, ein landwirtschaftliches Fest, das sie zur Weiterbildung und zum Einsatz neuer Methoden in der Landwirtschaft anregen sollte. Daran erinnerte zum 200jährigen Jubiläum auch ein historisches Volksfest in Stuttgart. Moderne Technik für die Bauern wurde damals auch mit einem emotionalen Schub nach dem Jahr ohne Sommer verbunden. (Bild: Ulsamer)

Fortschritt ist gemeinsam machbar

Der Direktor des landwirtschaftlichen Museums in Stuttgart-Hohenheim unterstreicht den Wunsch von König Wilhelm I. seine Bauern zu unterstützen: „Das Wetter konnte er nicht beeinflussen, wohl aber die Landwirte mit neu gezüchtetem Saatgut, neuen Tierrassen und verbesserten Ackergeräten ausstatten.“ Und Jürgen Weisser fährt fort: „Um 1800 war die Landwirtschaft weniger technisiert als zur Zeit der Römer.“ (Stuttgarter Volksfestzeitung)

Hungersnöte gehörten auch nach dem ersten Volksfest in Stuttgart nicht der Vergangenheit an, doch die Fortschritte im Agrarbereich zeigten Wirkung. Ganz anders die Situation in Irland, wo strukturelle Verbesserungen unterblieben: Die nächste noch größere Hungersnot ließ nicht lange auf sich warten. Und Hunger und Seuchen füllten die Friedhöfe oder zwangen Millionen zur Auswanderung.

Damit wird aber auch deutlich, dass es in unserer Zeit gleichfalls nicht ausreicht, die Lage in wirtschaftlich und technisch weniger entwickelten Regionen zu beklagen, sondern gerade die Landwirtschaft muss konsequent weiterentwickelt werden. Dies heißt nicht, die Ackerflächen beispielsweise weltweit aktiven Agrarkonzernen aus westlichen Staaten oder aus China zu überlassen, sondern ganz besonders Kleinbauern zu fördern. Sie brauchen unsere Unterstützung bei der Einführung neuer Anbaumethoden, sie benötigen Saatgut, das keine Abhängigkeiten zu den Herstellern schafft und sie haben Anspruch auf sachgerechte Geräte und Absatzchancen im eigenen Land und in der Europäischen Union. Die unterschiedliche historische Entwicklung in der württembergischen oder irischen Landwirtschaft im 19. Jahrhundert macht deutlich, dass Krisen überwunden werden können. Dabei kommt es aber auch auf die Zuwendung der jeweiligen Regierung und der Landbesitzer zum Menschen an. Ausbeutung schafft keine neuen Chancen, sondern setzt nur den Kreislauf des Elends fort. Veränderungen zum Besseren können nur gemeinsam erarbeitet werden!

Hinweis zu den genannten Büchern:

* Willi A. Boelcke: Sozialgeschichte Baden-Württembergs 1800-1989. Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 1989

** Christoph Borcherdt, Susanne Häsler, Stefan Kuballa und Johannes Schwenger: Die Landwirtschaft in Baden und Württemberg. Veränderungen von Anbau, Viehhaltung und landwirtschaftlichen Betriebsgrößen 1850-1980, herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung, Baden-Württemberg, Stuttgart 1985

 

 

Eine Antwort auf „Zwischen Hungersnot und Volksfest“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.