Wie die römische Porta Nigra in Trier als Kirche überlebte

Die Baukunst der Römer setzte auf Nachhaltigkeit

Zwar regierte Kaiser Konstantin der Große sein römisches Reich nur in den Jahren von 306 bis 312 von Trier aus, doch die baulichen Hinterlassenschaften aus jener Zeit sind durchaus noch einen Besuch wert. Die Porta Nigra, Ruinen der Thermen, ein Amphitheater und eine noch heute für den Autoverkehr genutzte Brücke, deren Fundamente bereits von den Römern in der Mosel gesetzt wurden, bieten interessante Einblicke in das Leben vor rd. 1700 Jahren. Immer wieder auffallend ist der hohe technische Entwicklungsstand der römischen Kultur, auf die nach dem endgültigen Zerfall des römischen Weltreiches das Mittelalter folgte. Im englischen Sprachraum wird das Mittelalter häufig als ‚dark ages‘ bezeichnet, und wenn man den zivilisatorischen Stand, die Hygiene von Bädern bis Toiletten, oder die Wasserversorgung anschaut, dann ist eine solche Charakterisierung nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Aber Karl der Große, der als erster westeuropäischer Herrscher nach der Antike im Jahr 800 wieder die Kaiserwürde erlangte, und den Dom in Aachen errichten ließ, zählt zu den Ausnahmeerscheinungen des Mittelalters. Spätestens mit dem Stauferkaiser Friedrich II., der z.B. das Castel del Monte im italienischen Apulien erbauen ließ, und die Wissenschaften förderte, waren die ‚dunklen‘ Zeiten durchschritten.

Goldfarben schillert die Porta Nigra bei dieser Nachtaufnahme.
Die Porta Nigra, ein Stadttor der römischen Stadt Augusta Treverorum, ist noch heute ein bemerkenswertes Bauwerk – und zieht deutlich mehr Besucher an als die Statue von Karl Marx, dessen 200. Geburtstag im Jahr 2018 begangen wurde. Als Teil einer christlichen Kirche überdauerte die Porta Nigra bewegte Zeiten, ehe auf Napoleons Anordnung die nicht römischen Teile weitestgehend beseitigt wurden. (Bild: Ulsamer)

Die Porta Nigra – das Tor zur römischen Stadt

Die Porta Nigra, eines der Stadttore von ‚Augusta Treverorum‘, dem heutigen Trier, hat sein Überleben der baulichen Integration in eine christliche Kirche zu verdanken. Die anderen Tore wurden abgebrochen und die Steine anderweitig verbaut. Erst der französische Kaiser Napoleon I. sorgte nach 1804 dafür, dass alle nichtrömischen Teile des Gesamtgebäudes entfernt wurden. Eine Ausnahme gibt es allerdings: In Erinnerung an den griechischen Eremiten Simeon, der hier fünf Jahre in seiner Zelle verbracht hatte, ließ Erzbischof Poppo von Babenberg eine Kirche ‚einbauen‘. Auch dies trug in den nachfolgenden Jahrhunderten zum Erhalt der Porta Nigra bei. Noch heute sind die Unterschiede der eher trutzigen Außenansicht und die der damaligen Stadt zugewandte Seite gut zu erkennen. Der 30 Meter hohe Westturm beeindruckt die zahlreichen Besucher Triers ebenso wie die Breite des Gebäudes von immerhin 36 Metern und die Tiefe von 21 Metern. Die Tiefe ergibt sich auch aus der Konstruktionsform des Stadttores als Doppeltoranlage, die den Innenhof umgibt. Sollten feindliche Angreifer das Fallgitter überwunden haben, so konnten sie im Zwinger von allen Seiten attackiert werden, ehe sie das stadtseitige Tor aufzubrechen vermochten.

Falls Sie nach einem Besuch der Porta Nigra, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, und dem danebenliegenden Stadtmuseum noch einen kurzen Abstecher in die neuere deutsche Geschichte machen wollen, so finden sie gewissermaßen hinter dem Stadtmuseum eine überlebensgroße Skulptur von Karl Marx. Für meinen Geschmack ist sie dem chinesischen Staatskünstler Wu Weishan zwar etwas zu groß geraten, aber einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul.

Die Basilika wurde mit roten Backsteinen erbaut.
Der römische Kaiser Konstantin der Große ließ in seiner Residenzstatt Augusta Treverorum eine Palastaula zu Beginn des 4. Jahrhunderts errichten. Das als Basilika bezeichnete Backsteingebäude beherbergt heute eine evangelische Kirche – und hat 1700 Jahre überstanden! (Bild: Ulsamer)

Die Basilika – auch nach 1700 Jahren noch standhaft

Wenn Kaiser Konstantin in Trier Hof hielt, so z.B. Audienzen gewährte oder Gesandte aus anderen Regionen empfing, dann musste auch ein entsprechend repräsentatives Gebäude her: Die sogenannte Basilika – eine Palastaula. Die Länge von über 70 Metern und die Breite von ca. 32 Metern ist auch heute noch beeindruckend, wie auch die Höhe von 40 Metern. Und dies alles aus roten Ziegeln gebaut. „Die Basilika hat, der ihr zugedachten Funktion gemäß, monumentale Ausmaße und gilt als eine der größten Raumschöpfungen in der Antike überhaupt, auch von Gebäuden in der Metropole Rom nicht übertroffen.“ (UNESCO-Welterbe. Trier u.a.) Für mich ist es immer wieder frappierend, dass Gebäude aus römischer Zeit fast zwei Jahrtausende überstehen, und ich frage mich dann schon, warum im 20. Jahrhundert moderne Bauten errichtet wurden, die schon nach wenigen Jahrzehnten als nicht mehr sanierungsfähig gelten. Im Sinne der Nachhaltigkeit sollten die heutigen Baumeister und ihre Auftraggeber doch mal in sich gehen, und nach besseren Lösungen suchen.

Wie Napoleon an der Porta Nigra so ließ der preußische König Friedrich Wilhelm IV. an der Basilika An- und Umbauten entfernen und so das Erscheinungsbild aus Römertagen wieder herstellen. Die Basilika dient heute als evangelische Kirche.

Blick in den aus Steinen gemauerten Keller der Kaisertherme. Von dort aus wurden z.B. die Bäder beheizt.
Das Kaltbad (frigidarium), ein Warmluftbad (tepidarium) und das Heißbad (caldarium) gehörten in römischen Zeiten zu Gutshöfen und Villen, aber in weitläufiger Form auch ins Stadtbild. Im Gegensatz zu den Barbarathermen wurden die Kaiserthermen (im Bild) nicht fertiggestellt, sondern nach Kaiser Konstantins ‚Umzug‘ nach Konstantinopel umgewidmet. (Bild: Ulsamer)

Wellness bei den ‚alten‘ Römern

Erst jüngst hatte ich über das römische Leben im ‚Kleinen‘ – sprich auf einem Gutshof in der heutigen Stadt Rosenfeld in Baden-Württemberg – berichtet. Und im Gegensatz zu Milliarden Erdenbürgern, die noch heute – nach UN-Angaben – über keine sichere Toilette verfügen, gab es dort im 3. Jahrhundert nach Christus bereits eine Toilette, die mit dem ablaufenden Wasser aus den verschiedenen Bädern gespült wurde. Gewissermaßen ein Öko-Klo der Antike.

Natürlich fielen die kalten und warmen Bäder – inklusive Fußbodenheizung – in Augusta Treverorum deutlich weitläufiger aus. Die Barbara- bzw. die Kaiserthermen nahmen jeweils die Fläche mehrerer Wohnquartiere in der Stadt ein. Die Trierer Kaiserthermen standen in der Größe vergleichbaren Anlagen in Rom in nichts nach. Allerdings blieben die Kaiserthermen unvollendet, und dies ‚verdankten‘ sie dem politisch-strategischen Wohnungswechsel von Kaiser Konstantin. Dieser hatte sich in einer schwierigen Gemengelage gegen allerlei Wettbewerber militärisch durchgesetzt und lenkte sein Reich zunehmend nicht aus Trier oder Rom, sondern aus der nach ihm benannten Stadt Konstantinopel, dem heutigen Istanbul.

Aber auch bei Wellness und Gesundheit lässt sich feststellen, dass es im geschichtlichen Verlauf nicht immer nach oben geht: Die sanitären Verhältnisse verschlechterten sich nach dem Niedergang des römischen Reiches zuerst einmal beträchtlich. Zwar wurden die Barbarathermen nach dem Überfall der Alemannen im Jahre 275 hergerichtet, doch dann … „In der Völkerwanderungszeit des 5. Jahrhunderts jedoch verloren die Stadt und die darin verbliebenen Bewohner alle wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und technischen Voraussetzungen und Kenntnisse zum Betreiben einer solchen Anlage.“ (UNESCO-Welterbe. Trier u.a.)

Die mit Sand belegte Arena ist der zentrale Bereich des Amphitheaters. Es ist von einer 4 Meter hohen Mauer umgeben. Über dieser erheben sich die Zuschauerränge.
Etwa 18 000 Zuschauer konnten in der römischen Blütezeit in der Arena Gladiatorenkämpfe verfolgen. Die Grundstruktur des Amphitheaters ist in Trier noch sehr gut zu erkennen. Auch dieser historische Ort trägt das Siegel als Welterbestätte der UNESCO. (Bild: Ulsamer)

Wo einst die Gladiatoren kämpften

Nach dem Abstecher zur Wellness in den Thermen zog es viele Menschen damals – und heute – zum Unterhaltungsprogramm. Im Regelfall werden für unser Amüsement keine wilden Tiere auf Menschen gehetzt und die Gladiatoren schlagen nicht mit Schwertern aufeinander ein, doch viele BürgerInnen erlebten genau dies im etwas höher gelegenen Amphitheater. Zwar sind bei dieser Anlage viele Steine abhanden gekommen, doch alle Funktionen sind noch immer gut erkennbar. Auch das Amphitheater hatte – wie die Porta Nigra – eine Überlebenschance, da es früh in die Stadtmauer einbezogen und so auch von nachfolgenden Generationen nicht geschliffen wurde.

Die gemauerten Zugänge von der Stadtseite wurden in der nachrömischen Zeit mit Erde gefüllt, um das Eindringen feindlicher Truppen zu verhindern, später aber auch als Keller benutzt. Und so blieben auch diese gut erhalten, und es ist noch immer ein Teil des ursprünglichen Verputzes zu erkennen. Die eigentliche mit Sand bestreute Arena, mit einer Fläche von 70 mal 48 Metern, besaß eine Unterkellerung, aus der mit einer Hebeeinrichtung Requisiten oder Kämpfer nach oben befördert werden konnten. Ein Teil dieses Kellers ist noch heute begehbar. Anhand von Resten der hölzernen Bühnentechnik konnte eine Datierung auf die Zeit um 300 nach Christus vorgenommen werden.

Brückenpfeiler aus Basaltquadern und darüber gemauerte Steine. Darüber die moderne Straßenbrücke.
Fünf Brückenpfeiler aus römischer Zeit tragen noch heute die sogenannte Römerbrücke über die Mosel. Aus Basaltquadern errichtet, haben diese Pfeiler alle Irrungen und Wirrungen der Geschichte überstanden. Sie sind ein Beleg für die hohe Baukunst der Römer, die sich an der Nachhaltigkeit orientiert hat. Da machen moderne Brückenkonstruktionen deutlich schneller schlapp. (Bild: Ulsamer)

Die Römer und das Wasser

Mit ausgetüftelten Systemen sorgten die römischen Planer und Bauherren für die Zuführung von Trinkwasser, aber auch für die Abwässer. Sogar der Brückenbau konnte sich sehen lassen. Ein Entwässerungskanal leitet noch heute problemlos das Niederschlagswasser, genauso wie das Sickerwasser aus dem Amphitheater ab. Da könnte sich so mancher zeitgenössische Planer von Abwasserkanälen mal eine Scheibe abschneiden. Oftmals fehlt es heute an der mangelnden Unterhaltung von Kanälen, die Abwässer oder ganze Bäche ableiten. Ein neues Beispiel aus Esslingen am Neckar: Die einzige direkte Straßenverbindung zu drei Stadtteilen muss für mindestens ein Jahr gesperrt werden, da die Verdolung des Geiselbachs nach 100 Jahren einzustürzen droht. Das wäre den Römern wohl nicht passiert!

Aus südlichen Regionen Europas kennen wir die gewaltigen Aquädukte aus römischer Zeit, über die Wasser für die Städte oder die Landwirtschaft herbeigeschafft wurde. Aber auch in Trier wurden täglich bis zu 25 000 Kubikmeter Trinkwasser aus dem Hunsrück zugeführt. Aus dem unteren Ruwertal floss das Wasser durch einen mit Sandsteinplatten ausgelegten Kanal. Die komplexen Wasserversorgungssysteme der Römer könnten in manchen Regionen der Welt noch heute als Vorbild dienen.

Auch im Wasser zeigten sich die Römer als hochqualifizierte Baumeister: Noch heute tragen fünf Pfeiler aus dunklen Basaltquadern eine Moselbrücke, über die der Straßenverkehr abgewickelt wird. Eine beachtliche Leistung, denn inzwischen sind fast 2000 Jahre vergangen und der Verkehr hat gewaltig zugenommen. Aber nicht nur die Römer hatten uns so manches an Nachhaltigkeit – zumindest beim Bauen – voraus, sondern auch im walisischen Bristol erträgt die Clifton Suspension Bridge noch heute den Fahrzeugverkehr. Statt einzelner Pferdekutschen und Fußgänger – wie bei der Einweihung im Jahre 1864 – rollen heute täglich 10 000 Fahrzeuge über die Hängebrücke, die sich in 100 Metern Höhe über die Schlucht des Avon spannt. Die Einnahmen aus der Maut von einem Pfund pro Fahrzeug kommt unmittelbar der Erhaltung der Brücke zugute. Im Vergleich dazu ist es schon erschütternd, dass an der A 81 in der Nähe des baden-württembergischen Engen die beiden Immensitzbrücken aus dem Jahre 1971 nicht mehr sanierungsfähig waren und abgerissen worden sind. Autobahn- und andere Straßenbrücken sollten bei entsprechender Instandhaltung doch länger benutzt werden können!

Verschiedene Türme des Doms und der Liebfrauenkirche erheben sich über den Vorplatz.
Der Dom zu Trier und die daneben liegende Liebfrauenkirche gehen auf Gebäude aus der Römerzeit zurück. Konstantins Mutter Helena stellte wohl – dies belegen archäologische Funde – ihr Stadtpalais für den Dombau zur Verfügung. (Bild: Ulsamer)

Trier – die älteste Stadt Deutschlands

Augusta Treverorum wurde bereits im Jahr 17 vor Christus gegründet, und Trier ist damit die älteste Stadt Deutschlands. Um 300 nach Christus betrug die Einwohnerzahl der römischen Metropole für damalige Zeiten fast unvorstellbare 80 000 bis 100 000. Damit war Augusta Treverorum die größte Stadt nördlich der Alpen. Das heutige Trier bringt es auf rd. 110 000 Einwohner und tut sich eher schwer, diese Einwohnerzahl zu sichern. Erwähnenswert ist auch die Herkunft des Namens, denn Augusta, also die Benennung nach Augustus, war eine Ehrung, Treverorum ein Bezug zum keltischen Stamm der Treverer, der in dieser Region lebte.

Hervorzuheben ist die hohe Zahl der Bauten, die in Trier zu den UNESCO-Welterbestätten gehören: Die bereits erwähnte Porta Nigra, die Barbara- und Kaiserthermen, Amphitheater, Konstantin-Basilika, die Römerbrücke und die Igeler Säule. Aber auch der Trier Dom und die fast damit zusammengebaute Liebfrauenkirche tragen das UNESCO-Siegel, beide Sakralbauten gehen auf eine römische Doppelbasilika zurück.

Kaiser Konstantin, der von etwa 280 bis 337 gelebt hat, fand in der Geschichtsschreibung immer eine zwiespältige Aufnahme, doch hervorzuheben ist sein Toleranzedikt von Mailand aus dem Jahr 313, in dem er gemeinsam mit dem Ost-Kaiser Licinius Religionsfreiheit gewährte. Eingezogener Besitz wurde der christlichen Kirche zurückgegeben.

Die Porta Nigra, erbaut aus weißem Sandstein. Links daneben ein Bus für Touristen, der auch auf die Marx-Ausstellungen hinweist.
Das frühere stark bewehrte Stadttor der römischen Stadt Augusta Treverorum: die Porta Nigra von der ehemaligen Landseite. (Bild: Ulsamer)

Die Römer bauten für Jahrhunderte

Trier bietet auf engem Raum eine Palette an römische Geschichte, die sehenswert ist. Wenn man gut zu Fuß ist, lassen sich die historischen Örtlichkeiten problemlos erwandern. Eine solche Stadtwanderung führt auch am Rheinischen Landesmuseum vorbei, das eine interessante Ausstellung zu den Funden aus römischer Zeit bietet. Die Nachhaltigkeit des römischen Bauens ist für mich bis heute bemerkenswert. Viele Bauwerke haben – wenn auch zum Teil in Ruinen – fast 2000 Jahre überdauert. Bei der Porta Nigra und der Konstantin-Basilika sind nicht nur die Grundstrukturen, sondern auch die Baukörper erhalten geblieben. Die Basilika aus Konstantins Zeiten ist als Kirche voll funktionsfähig und die Pfeiler der Römerbrücke stützen eine moderne Brücke über die Mosel. Es wäre sicherlich nützlich, auch unsere Art des Bauens so auszurichten, dass Brücken und Gebäude aus modernen Materialien im Sinne des nachhaltigen Bauens höhere Nutzungszeiten zulassen.

 

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