Wenn Geschichte zum Klamauk verkommt

Tesla-Musk und sein Adolf Hitler als Fonds-Manager

Wenn man die trennende Wirkung der Berliner Mauer noch selbst erlebt hat, dann frage ich mich schon, ob deren historisch wichtigen Reste der richtige Hintergrund für eine ‚Hen-Party‘ sind und ob alle Zeitgenossen die Bedeutung des ‚Checkpoint Charlie‘ in Berlin wirklich begreifen, wenn sie sich dort salutierend zum Affen machen? Zwar habe ich mich schon an so manches gewöhnt, aber irgendwie hat für mich die Geschichte des eigenen Landes – aber dies gilt auch für andere Regionen – durchaus noch eine wichtige identitätsstiftende Bedeutung. Und dies gilt für die guten und die schwarzen Zeiten gleichermaßen, denn Geschichte ist unteilbar. Doch Elon Musks Hitler-Adaption als Fonds-Manager schlägt dann doch dem Fass den Boden aus. Mag bei den Tesla-Elektrofahrzeugen auch der Funken übergesprungen sein, beim Unternehmenschef Elon Musk kann ich nur eine Fehlzündung diagnostizieren.

Adolf Hitler wird bei Elon Musk zum wahnsinnigen Fonds-Manager, der gegen Tesla gewettet hat.

Adolf Hitler wird bei Elon Musk zum Fonds-Manager.
Elon Musk ist immer für eine Schlagzeile gut. Und wenn auch die Zahl der produzierten Autos in keinem Verhältnis zum Börsenwert von Tesla steht, so findet er doch immer ein offenes Ohr für seine Phrasen in den Medien. Aber Adolf Hitler als verzweifelten Fonds-Manager, der an der Börse gegen Tesla gewettet hat, das geht dann doch zu weit! Die deutsche Geschichte darf nicht zum Spielball Ich-bezogener Wirtschaftsführer werden. (Bild: Screenshot, Twitter, 11.8.18)

Das abstruse Hitler-Filmchen des Elon Musk

Als ich für die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft ‚Erinnerung, Verantwortung und Zukunft‘ um die Jahrtausendwende aktiv sein durfte, habe ich zahlreiche frühere Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter kennengelernt, die während der Diktatur der Nationalsozialisten in deutschen Unternehmen unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten. Wenig Verständnis kann ich daher dafür aufbringen, wenn Elon Musk per Twitter seinen Adolf Hitler als Fonds-Manager verbreitet, der, dem Wahnsinn nahe, sich darüber empört, dass Tesla 5000 Fahrzeuge die Woche produziert und so seine Pläne durchkreuzt. Musks Hitler hatte auf das falsche Pferd gesetzt und an der Börse gegen Tesla gewettet: „If Tesla doesn’t go bankrupt soon I’ll lose everything“, so die Untertitel zu Auszügen aus dem Film ‚Der Untergang‘. Bezeichnend ist es auch, dass Elon Musk nicht Stalin oder Mao Tse-tung für seine fragwürdige Parodie auswählte, sondern Adolf Hitler. Sein Angriffsziel ist die deutsche Automobilindustrie: Er sollte seine Attacke allerdings besser mit hohen Verkaufs- und Produktionszahlen vortragen als mit abstrusen Hitler-Persiflagen, die dem Unheil nicht gerecht werden, das Adolf Hitler über die Welt brachte.

Fahrzeugfertigung bei Tesla in einem Zelt: Ein rotes Fahrzeug im Mittelpunkt.
Elon Musk ist sicherlich ein genialer Verkäufer seiner Ideen, denn welcher deutsche Chef eines Automobilunternehmens könnte es seinen Aktionären und den Medien als Erfolg verkaufen, dass die neue Fertigungslinie in einem eilig errichteten Zelt aufgebaut wurde? (Bild: Screenshot, Twitter, 11.8.18)

Obgleich es nicht ganz zum Titel meines Beitrags ‚Wenn Geschichte zum Klamauk wird‘ passt, sei doch noch erwähnt, dass ich mich frage, wer unendlich viel Geld in Tesla pumpt und so einen Aktienkurs begünstigt, der mit der realen Wertschöpfung von Tesla nichts gemein hat. Wenn die ‚Times‘ am 9. August berichtet, dass der Börsenwert von Tesla 64 Mrd. Dollar beträgt und damit 12 Mrd. Dollar über General Motors, dem größten US-Autoproduzenten liegt, dann zweifle ich doch etwas am Verstand mancher Anleger. Immerhin verkaufte General Motors 2017 2,6 Mio. Fahrzeuge und Tesla gerade mal     100 000! Aber Gemach, würde Elon Musk da wohl sagen, wir holen auf und produzieren jetzt im Zelt unsere Elektrofahrzeuge.

Hen-Party an der Berliner Mauer

Aber nicht nur Elon Musks absurde Hitler-Adaption empört mich, sondern auch das Verhalten mancher Mitmenschen an den wenigen Relikten der Berliner Mauer, die früher dank der SED in Berlin Familien zerriss und Städte und Dörfer entlang der Zonengrenze zerschnitt.

Bunt geleidete Frauen und ein Fotograf mit Ausrüstung an der Berliner Mauer.
Eine ‚Hen-Party‘, ein Junggesellinnenabschied, ausgerechnet an der Bernauer Straße? Dort wo sich verzweifelte Menschen abseilten oder aus den Fenstern sprangen, um in den freien Teil Berlins zu gelangen? Da bekomme ich schon das Gefühl, dass sich viele Menschen nicht mehr der Bedeutung von Teilung und Wiedervereinigung bewusst sind. Klamauk hat an historischen Orten nichts verloren. (Bild: Ulsamer)

Wir fuhren mit der U-Bahn zur Bernauer Straße und hatten bei unserer weiteren Stadtwanderung ein Erlebnis der anderen Art: Eine Gruppe von Damen versammelte sich an einem Mauerstück, ein professioneller Fotograf richtete Kamera und Beleuchtung aus und eine Arrangeurin stellte das Grüppchen in die richtigen Positionen. Vom Outfit und Gehabe her war alles klar: Die Freundinnen begleiteten die Braut vor ihrer Hochzeit zur ‚Hen-Party‘: Ein Junggesellinnen-Abschied war am Start. Nun muss man sich nicht tagtäglich Gedanken über die Berliner Mauer machen, die die sozialistische DDR-Regierung schuf, um die Flüchtenden aufzuhalten, die ihr Heil im freien Westen suchten, aber ein wenig Respekt könnte dann doch nichts schaden. Respekt vor den Menschen, die sich aus den Fenstern in der Bernauer Straße abseilten oder unter Lebensgefahr in den Westen sprangen, ehe diese Fluchtmöglichkeit auch versperrt wurde.

Mag der Mauerfall auch bald 30 Jahre her sein, so dürfen wir die Zeitgeschichte und damit verbundene historische Orte in Deutschland und Europa nicht vergessen. So schrieb Carlo Schmid in seinen „Erinnerungen“: „Ohne solide Kenntnis seiner Geschichte kann kein Volk seine Zukunft sinnvoll gestalten.“ Carlo Schmid prägte nicht nur die Politik im Südwesten Deutschlands – dies sei hier kurz angemerkt – und war einer der Väter des Grundgesetzes, sondern war auch ein geborener Europäer: Die deutsch-französische Aussöhnung war ihm als Sohn eines deutschen Lehrers und einer französischen Pädagogin in die Wiege gelegt. Aber zurück zur Mauer und den Grenzanlagen der DDR-Regierung, die dörfliche Gemeinschaften ohne jede Rücksicht zerschnitten und getrennten Familien großes Leid zufügten: Respekt vor den Menschen, die ihr Leben ließen bei dem Versuch, den freien Teil Deutschlands zu erreichen, sollte auch heißen, die Mauer nicht zum Ort des Klamauks zu machen.

Brandenburger Tor umgeben von Werbung und Klohäuschen.
Der freie Zugang zum Brandenburger Tor darf auch bei Großveranstaltungen – wie dem Public Viewing bei der Fußball-Weltmeisterschaft – nicht durch Zäune, Bühnen und Klohäuschen versperrt werden, darin wäre sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl sicherlich mit seinem Vor-Vor-Gänger Willy Brandt einig. Aber dem rot-rot-grünen Senat ist dies gleichgültig. (Bild: Ulsamer)

Das Brandenburger Tor und die Klo-Häuschen

Aber wen wundert es, denn auch der rot-rot-grüne Berliner Senat hat keinen Respekt vor den Orten der Teilung und der Wiedervereinigung: So wurde das Brandenburger Tor bei der Fußball-Weltmeisterschaft – aber auch bei vielen anderen Veranstaltungen – durch eine undurchdringliche neue Berliner Mauer aus Absperrgittern, Bauzäunen und Sichtschutzfolien versperrt. Und zur Krönung wurde das Brandenburger Tor auch noch von etlichen Klo-Häuschen umgeben.

Auf meinen Blog-Beitrag erhielt ich eine ausweichende Antwort aus der Senatskanzlei: „Sie kritisieren die Ihrer Meinung nach zu weitläufigen Absperrungen um das Brandenburger Tor anlässlich des Public-Viewings zur diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft, weshalb Sie nicht dicht an das Brandenburger Tor heran- bzw. durch das Tor hindurchgehen konnten. Infolgedessen werfen Sie – wenn ich Ihre Internetseite richtig interpretiere – dem jetzigen Berliner Senat mangelndes Geschichtsbewusstsein vor. Selbstverständlich kann ich Ihre Kritik als Berlin-Tourist bezüglich der Absperrungen des Brandenburger Tores durchaus nachvollziehen; Ihre Kritik des fehlenden Geschichtsbewusstseins weise ich jedoch zurück.“ Den Wortlaut der Antwort habe ich bei meinem Beitrag „Die neue Berliner Mauer zur Fussball-Weltmeisterschaft. Wie das Brandenburger Tor verschandelt wurde“ eingestellt. Ich bleibe aber bei meiner Einschätzung, dass es dem jetzigen Berliner Senat an Geschichtsbewusstsein fehlt, und dies wird auch deutlich, wenn man an der ‚East Side Gallery‘ entlanggeht und die rücksichtslosen Durchbrüche betrachtet, die dem Zugang zu Bauprojekten dienen.

Salutierende Jux-Soldaten am Checkpoint Charlie

Nicht weniger erschreckend ist für mich das Verhalten vieler in- und gerade auch ausländischer Gäste, die am Checkpoint Charlie fleißig salutierend neben zwei berufsmäßig dreinschauenden US-Fake-Soldaten stehen und sich ablichten lassen. Kann man sich wirklich derart zum Trottel machen? Den Checkpoint Charlie erlebte ich noch als einen der zentralen Grenzübergänge zwischen dem US-amerikanischen und dem sowjetischen Sektor der geteilten Stadt Berlin. Selbstverständlich bin ich froh, dass es heute keine Grenze in Berlin und innerhalb ganz Deutschlands gibt und auch das Lachen vieler Besucher ist mir lieber als das stoische Gesicht vieler sowjetischer oder ostdeutscher Grenzsoldaten, aber muss ein solcher historischer Ort wirklich zu einem Treffpunkt des Klamauks werden?

Vier Besucherinnen und Besucher salutieren mit zwei Fake-US-Soldaten am Checkpoint Charlie.
Am Checkpoint Charlie trafen einst der US-amerikanische und der sowjetische Sektor in Berlin aufeinander und damit auch Freiheit und Unfreiheit. Wenn sich heute viele Besucher am Checkpoint Charlie salutierend zum Affen machen, dann finde ich dies blamabel. Da ist es auch vollends egal, dass die US-Soldaten auf der falschen Seite – sprich der Ost-Seite – stehen. (Bild: Ulsamer)

Ich hoffe sehr, dass die besondere Örtlichkeit rund um den Checkpoint Charlie auch bei der Planung und Genehmigung eines Hotelkomplexes mit 380 Zimmern und weiteren Büros, Restaurants und Wohnungen berücksichtigt wird. Selbst in der britischen ‚Times‘ wurde diese Thematik aufgegriffen und mit der Frage verbunden, ob hier ein reines Immobilienprojekt durchgezogen wird oder auch der historische Ort Berücksichtigung findet. Beim Berliner Senat habe ich allerdings keine große Hoffnung, dass dieser ein Herz für die historische Bedeutung hat oder ein echtes Stadtquartier für die Menschen schafft, die hier leben.

Deutsche Geschichte kein Spielball

Sicherlich würde es nichts nutzen, wenn man Elon Musk erklären würde, dass sich Adolf Hitler nicht zum Fake-Fonds-Manager eignet, denn er scheint in anderen Sphären zu schweben, sei es auf dem Weg in den Weltraum oder bei seinen E-Fahrzeugen. Dennoch möchte ich betonen, dass die deutsche Geschichte – und gerade ihre dunkelsten Jahre – nicht zum Spielball geeignet ist für Ich-bezogene Selbstdarsteller wie Elon Musk.

Aber etwas mehr Respekt würde ich mir auch von all meinen Mitmenschen erhoffen, die die Berliner Mauer oder den Checkpoint Charlie als Orte des Klamauks herabwürdigen. Ganz bewusst habe ich in diesem Beitrag auf Fotos verzichtet, die auch Personen zeigen, die beim Denkmal für die ermordeten Juden Europas den notwendigen Respekt vermissenlassen. Wir alle tragen auch die historisch-moralische Verantwortung für das Geschehen in der Zeit des Nationalsozialismus, obwohl wir dank der späteren Geburt keine direkte Verbindung zum damaligen Geschehen haben, doch ein Bisschen Rücksichtnahme würde niemandem schaden.

Menschen gehen an der Lücke in der East Side Gallery vorbei, die der Berliner Senat in die Überbleibsel der Berliner Mauer schlagen ließ.
Die East Side Gallery ist ein historisch wichtiger Abschnitt der Berliner Mauer, den Künstler aus aller Welt mit ihren Werken zu einem besonderen Teil der Erinnerungskultur gemacht haben, doch der rot-rot-grüne Senat lässt für allerlei Bauprojekte Schneisen hineinschlagen. So viel zum Geschichtsbewusstsein der Berliner Landesregierung. (Bild: Ulsamer)

Mit einem Zitat von Carlo Schmid habe ich begonnen und möchte mit einer Aussage des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl enden, der in seiner Bundestagsrede vom 1. Juni 1995 zur Geschichte der Vertreibung betonte: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“ Recht hat er! Wir müssen mehr in unseren Schulen, aber auch im öffentlichen Leben dafür tun, dass unsere deutsche Geschichte nicht in Vergessenheit gerät. Zu dieser Geschichte gehört auch die Wiedervereinigung, die Helmut Kohl durch beherztes Handeln mit ermöglichte, und durch sie wurde die Berliner Mauer überwunden und der Checkpoint Charlie hinfällig, doch wir sollten uns immer deren Bedeutung bewusst sein.

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