Wenn blühende Wiesen verschwinden

Jan Haft: ‚Die Wiese‘ – eine Rezension

In den vergangenen Jahren hat schleichend die Zahl der Insekten in unserem Land abgenommen, dies belegen zahlreiche Studien. Zu diesem Schwund hat maßgeblich auch die industrialisierte Landwirtschaft beigetragen, und dabei sehe ich die Schuld nicht bei den Landwirten, sondern bei einer Fehlorientierung durch die EU-Agrarförderung. So weit so gut oder besser so schlecht. Aber auch die Zersiedelung, die Zerschneidung der Landschaft durch Verkehrswege, der Einsatz der chemischen Keule selbst in Parks und Gärten, oder gleich noch Schottergärten machen den Insekten das Leben schwer. Und wenn man mit offenen Augen durch unsere Landschaft wandert, dann wird schnell klar: Es fehlen gerade die blühenden Wiesen als Nahrungsquelle für Bienen und Schmetterlinge – und all ihre Leidensgenossen.

Blühende Wiesen werden zur Seltenheit - „Wenn blühende Wiesen verschwinden. Jan Haft: ‚Die Wiese‘ – eine Rezension“ – www.deutschland-geliebte-bananenrepublik.de
Artenreiche Wiesen sind immer stärker einem Einheitsgrün oder Ackerflächen zum Opfer gefallen. (Bild: Ulsamer)

Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge suchen eine Heimat

Viele Leserinnen und Leser dieses Beitrags werden mir bei diesen Aussagen zustimmen, wobei ich leider gerade bei Facebook immer wieder an den empörten Reaktionen auf meine kritischen Anmerkungen spüre, dass es noch ein langer Weg ist, bis Insekten und Vögel die ihnen gebührende Beachtung finden. Unsere Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge sind in vielen Regionen heimatlos geworden. An dieser Stelle möchte ich auf das Buch ‚Die Wiese‘ von Jan Haft hinweisen, das wirklich einen ‚Lockruf in eine geheimnisvolle Welt‘ – so der Untertitel – erklingen lässt. Der eine oder andere wird sich fragen, ob der Autor denn 250 Seiten mit interessanten Aspekten zu unseren Wiesen zu füllen vermochte. Ja, er kann es. Und unterhaltsam geschrieben ist das Buch dazuhin.

Als ich das Buch von meinen Töchtern und ihren Ehepartnern zu meinem Geburtstag geschenkt bekam, da war ich nicht überrascht, denn sie kennen natürlich meinen Hang zum Themenfeld Natur. Ich hätte mir aber nicht vorstellen können, dass ein Naturfilmer einen solch faszinierenden Einblick in den Lebensraum Wiese geben kann und dies ganz ohne Kamera, wenn man von Fotos einiger Wiesenbewohner einmal absieht.

Drei Hummeln tummeln sich auf einer Scarbiose-Blüte - in: „Wenn blühende Wiesen verschwinden. Jan Haft: ‚Die Wiese‘ – eine Rezension“ – www.deutschland-geliebte-bananenrepublik.de
Insekten haben um bis zu 75 % in Deutschland abgenommen. So ist es schon ein Glücksfall, gleich drei Hummeln vor die Linse zu bekommen. (Bild: Ulsamer)

Der Lebensraum ‚artenreiche Wiese‘ verschwindet

„Kein anderer Lebensraum ist so schnell und so radikal von der Deutschlandkarte verschwunden wie die artenreiche Wiese.“ Wenn wir Jan Haft folgen, dann wird klar, dass nicht jedes Fleckchen Grünland auch für Insekten und andere Tiere als Lebensraum dienen kann. Das Einheitsgrün mancher Flächen hebt sich zwar von Monokulturen wie Raps oder Mais ab, doch auf diesen Wiesen ist der Artenreichtum längst verschwunden. „Das heißt, die artenreichen Wiesen, die ab und zu mit Stallmist gedüngt und ein- oder zweimal im Jahr gemäht werden, sind gerade dabei, von der Landkarte zu verschwinden“, so Haft. Und so möchte ich ergänzen: Der Hochleistungskuh in der Massentierhaltung entspricht das überdüngte Grünland. Leider!

Mit den Blühwiesen verschwinden jedoch nicht nur die Bestäuber, sondern auch viele Vogelarten. Sie finden keinen Brutplatz in der ausgeräumten Landschaft, und immer häufiger fehlen ihnen die Insekten als Nahrung bei der Aufzucht der Jungen. Nicht nur der direkten Gülleflut oder der chemischen Keule fallen artenreiche Blühwiesen zum Opfer, denn auch „die Düngung magerer Standorte mit Stickstoff, der vom Himmel kommt“, führt „zu einer Verarmung der Insektenwelt“, unterstreicht Jan Haft.

Der Schwalbenschwanz braucht magere Wiesen.
Der Schwalbenschwanz sucht magere Wiesen. Doch nicht nur Gülle oder chemische Dünger, sondern auch Stickstoff aus der Luft bedrohen artenreiche Magerwiesen. (Bild: Ulsamer)

Verinselung der letzten Blühwiesen

Jan Haft macht deutlich, dass wir uns durch einzelne Blühstreifen und artenreiche Wiesen nicht täuschen lassen dürfen: Diese vereinzelten Biotope können letztendlich kaum einen Beitrag zum Erhalt von Insekten leisten, wenn es nicht gelingt, sie wie Trittsteine zu vernetzen. Dann können Tiere und Pflanzen ‚wandern‘ und sich ausbreiten. Wichtig sind dabei Hecken und der Schutz von Kleingewässern. Letzteres gilt auch für Vertiefungen und Tümpel: „Einige Frösche, Unken, Kröten und Molche vermehren sich ausschließlich in Kleingewässern, die zwischenzeitlich immer wieder austrocknen. Denn dort leben dank der regelmäßigen Trockenphasen keine Fische und kaum räuberische Insekten, Libellenlarven etwa, die den Lurchnachwuchs gefährden würden.“

Der Rückgang der artenreichen Blühwiesen ist bei jeder Wanderung leicht erkennbar. Und wo nichts blüht, da können auch Insekten nicht leben: „Insekten als Bestäuber, Insekten als Nahrung für andere Tiere und Insekten als Lebensformen mit einem eigenen, angestammten Existenzrecht müssen sich in der Landschaft entwickeln können. Und da sieht es momentan düster aus.“ Blicken wir allerdings 70 Jahre zurück, dann zeigte sich noch eine gänzlich andere Situation: „Forscher gehen davon aus, dass es in der Mitte des letzten Jahrhunderts, also um die 1950er Jahre, eine größere Anzahl von heute seltenen Wiesentieren gab als jemals zuvor. Die kleinräumige Landwirtschaft mit extensiver Bewirtschaftung sparte ungünstige Standorte wie nasse Senken, Bachufer, Gehölze, feuchte und magere Wiesen aus. Das Grünland wurde kaum gedüngt und nur zweimal im Jahr gemäht“, betont Jan Haft.

Der Storch braucht Wiesen und Feuchtgebiete - in: „Wenn blühende Wiesen verschwinden. Jan Haft: ‚Die Wiese‘ – eine Rezension“ – www.deutschland-geliebte-bananenrepublik.de
Störche brauchen Wiesen und Feuchtgebiete. Beide Lebensräume fielen immer stärker einer intensiven Landwirtschaft zum Opfer. (Bild: Ulsamer)

Zurück ins Paradies der Insekten und Vögel?

Die Flurbereinigungen sind mit ein Grund für die heutige großflächige Agrarflur, und in den neuen Bundesländern lassen sich noch heute die sozialistischen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) erkennen. Aber auch die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union trägt bis heute mit der an der Fläche orientierten Subventionsvergabe zu einer intensiven Nutzung selbst des letzten Stückchen Bodens bei. Daran können leider die ‚Greening‘ genannten Aktivitäten nichts ändern. Vorbei sind daher Zustände wie Mitte des vergangenen Jahrhunderts: „Paradiesische Verhältnisse, wohlgemerkt nicht für die Menschen, sondern für die Biodiversität!“

So singen in unserer Feldflur weniger Vögel, und Wildbienen sowie Schmetterlinge machen sich zunehmend rar. Ein Zurück wird es nicht geben, doch wir müssen Innehalten und vor allem die Landwirtschaft neu ausrichten. Ansatzpunkte gibt es viele: „Wo es praktikabel ist, sollte die Weidehaltung ausgeweitet werden, schon den Nutztieren zuliebe.“ Aber auch das Mähregime kann es Insekten und anderen Tieren erleichtern, zu überleben. Wer kleinflächig mäht, der muss dafür einen stärkeren finanziellen Ausgleich erhalten. Es reicht nicht aus, fünf Prozent der landwirtschaftlichen Flächen als ökologische Vorrangflächen zu behandeln. Nicht länger dürfen normale landwirtschaftliche Maßnahmen als ‚Greening‘ zu einer Subvention führen. Auch wenn wir das Paradies für Insekten auf unseren Wiesen nicht zurückholen können, so müssen wir doch alles für eine Verbesserung der Lage von Wildbienen und Schmetterlingen tun.

Unsere Insekten brauchen Blühwiesen - in: „Wenn blühende Wiesen verschwinden. Jan Haft: ‚Die Wiese‘ – eine Rezension“ – www.deutschland-geliebte-bananenrepublik.de
Wer Insekten und Vögel erhalten möchte, der muss sich für artenreiche Blühwiesen einsetzen. (Bild: Ulsamer)

Landwirte zu Landschaftspflegern machen

Der international mit Preisen geradezu überhäufte Tierfilmer Jan Haft vermittelt ein breites Wissen über die Tiere und Pflanzen, die unsere Wiesen bevölkern. In vielen Fällen gilt: sie könnten sie zum Leben erwecken, wenn wir Menschen mehr Rücksicht auf die Natur nehmen würden. Kenntnisreich geht er nicht nur auf die heutigen Verhältnisse ein, sondern skizziert auch die Entstehung von Wiesen und Weiden in historischen Dimensionen.

Jan Haft nutzt sein exzellentes Wissen, um politisch notwendige Veränderungen in der Agrarpolitik anzumahnen. „Landwirte sind die geborenen oder besser gesagt: gelernten Landschaftspfleger.“ Aber dies gilt nur, wenn man auch die vom Autor geforderten Veränderungen in der EU-Agrarförderung umsetzt. Dazu gehört nicht nur ein Bewusstseinswandel bei Politikern und Landwirten, sondern erst recht bei uns Verbrauchern. „Wenn wir als Gesellschaft blühende Wiesen voller singender Heuschrecken und bunter Schmetterlinge wollen, dann müssen wir dafür auch bezahlen, denn niemand kann auf Dauer unentgeltlich Leistungen bringen.“ Und wer im Supermarkt zum billigsten Schnitzel greift, der muss sich nicht wundern, wenn die Tiere in Massenställe gepfercht werden, die Gülleflut bis ins Grundwasser dringt und Monokulturen dominieren.

Ein Grasfrosch streckt seinen gelben Kopf aus einer mit Wasser gefüllten Fahrrinne.
Kleingewässer bieten Lebensraum für Frösche, Kröten und Lurche. Oft liegen die Tümpel, Teiche oder feuchten Senken vereinzelt in der Agrarlandschaft, doch sie müssen zu Trittsteinen in einem Biotopverbund werden. (Bild: Ulsamer)

Landwirtschaft an Ökologie und Nachhaltigkeit orientieren

Wenn eine ökologische Neuorientierung Erfolg haben soll, dann muss der Erhalt der Biodiversität „zum Agrarprodukt werden“, so Jan Haft. Bisher ist allerdings nicht zu erkennen, dass die EU-Institutionen eine Abkehr vom bisherigen Flächenwahn und einer ständigen Intensivierung andenken würden. Hier wird es ohne politischen Druck aus der Bürgerschaft nicht gehen. Jan Haft ist im übrigen der Überzeugung, dass wir nicht umhinkommen, weniger Fleisch zu essen, denn dies würde beispielsweise den Flächendruck reduzieren. Ein erster Ansatz, denke ich, wäre das Ende der Überproduktion mancher Nutztiere in Deutschland: Damit würden sich auch abstruse Exporte     z. B. von Hühnerflügeln erübrigen, die in afrikanischen Staaten die lokalen Produzenten aus dem Markt drängen. Mit dieser menschenverachtenden Methode tragen wir Europäer auch noch zur Migration nach Europa bei.

„Meine Vision für die Zukunft ist, dass die Grenzen zwischen Schutzgebieten und landwirtschaftlichen Flächen unscharf werden. Viele Wiesen gleichen wieder einem vielfältig grünen Ozean, der übersät ist von Farbtupfern. Landauf, landab hört man im Frühling das Konzert der Feldgrillen, aus dem das melancholische Kjuu-witt-witt-witt der Kiebitze und das Trillern der Brachvögel klingen. Im Sommer springen Heuschrecken, Käfer und Zikaden nach allen Seiten …“

Von dieser Vision Jan Hafts lasse ich mich gerne auf eine blühende Wiese entführen.

‚Die Wiese‘ von Jan Haft sollten Sie unbedingt lesen!

 

Jan Haft: Die Wiese. Lockruf in eine geheimnisvolle Welt, München 2019, Penguin Verlag, 253 Seiten

 

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