Bundesrat: Wolfs-Hysterie soll von wichtigeren Themen ablenken

Weidetierhalter brauchen Herdenschutzhunde statt Polit-Palaver

In Sachsen hat ein Wolf zahlreiche Schafe gerissen, und schon macht sich Ministerpräsident Michael Kretschmer auf und informiert sich vor Ort. Gut so, wollte ich schon ausrufen, denn Politiker sollen sich um die Sorgen der Menschen kümmern. Und selbstverständlich würde auch ich mir Gedanken um meine Weidetiere machen, wenn ein Wolf durchs Land schleicht. Aber was meint der sächsische Ministerpräsident nach seiner Visite in Förstgen mit dem Satz: „Wir wollen einen vernünftigen Umgang, wenn der Wolf für Mensch und Weidetiere gefährlich wird.“ Sollten wir uns des Themas nicht schon annehmen, ehe es für uns gefährlich wird? Wir brauchen doch einen „vernünftigen Umgang“ bereits vor den aufkommenden Gefahren! So habe zumindest ich mir Politik vorgestellt: Es geht darum Gefahren zu vermeiden und zwar ohne Schäden für Mensch und Natur.

„Wir brauchen ein vernünftiges Wolfs-Management“, so Ministerpräsident Kretschmer ergänzend. So viel „vernünftig“, das macht mich schon etwas stutzig. Ich glaube, dass weder die Halter von Weidetieren noch die Naturliebhaber und Wolfsfreunde oder gar die ängstlichen Eltern, die ihre Kinder nicht mehr im Garten spielen lassen, mit solchen Allgemeinplätzen etwas anfangen können. Und in diesem Fall kann auch nicht der Verdacht aufkommen, die Aussagen des Ministerpräsidenten seien aus dem Zusammenhang gerissen, denn er postet sie ja selbst über Facebook.

Ministerpräsident Kretschmer min einem Facebook-Post mit Anzug und Krawatte. Mit der Aussage: „Wir wollen einen vernünftigen Umgang, wenn der Wolf für Mensch und Weidetiere gefährlich wird.“
Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer will „einen vernünftigen Umgang, wenn der Wolf für Mensch und Weidetiere gefährlich wird.“ Ich würde mir dagegen wünschen, dass wir schon vernünftig mit dem Wolf umgehen, ehe er gefährlich wird. Höhere Zäune und Herdenschutzhunde müssen zum Einsatz kommen, ehe Wölfe gefährlich werden. Wölfe, die sich Häusern nähern, müssen vergrämt werden, ehe sie sich den Menschen zu sehr nähern. Und ich würde mir auch wünschen, dass Bewohner entsprechender Regionen keinesfalls Wölfe anfüttern, denn dies ist dann zumeist ihr Todesurteil. ‚Problemwölfe‘ werden im Regelfall durch falsches Verhalten von uns Menschen gemacht. (Bild: Screenshot, Facebook, 16.10.18)

Weidetierhalter haben Anrecht auf Förderung

Ich frage mich auch, ob der CDU-Ministerpräsident guten Gewissens Weidetierhalter besuchen kann, wo doch seine Parteifreunde im XXL-Bundestag die Weidetierprämie abgelehnt hatten. Und dies gemeinsam mit SPD und FDP. Schutzmaßnahmen gegen Wölfe – vom höheren Zaun bis zum Herdenschutzhund – sollten nach meiner Meinung generell aus öffentlichen Haushalten getragen werden – und dies zu 100 Prozent. Längst hätte die Bundesregierung innerhalb der Europäischen Union auf eine Heraufsetzung des Förderanteils von 80 % auf Vollförderung drängen müssen. Eine Entschädigung bei Wolfsrissen muss unbürokratisch bezahlt werden. Und die Weidetierprämie muss gerade auch für Wanderschäfer eingeführt werden, die keine EU-Fördergelder über eigene Flächen erhalten. Bei all diesen sinnhaften Maßnahmen zeigt sich die Union zögerlich bis ablehnend: Vielleicht setzen CDU und CSU viel zu stark auf die industrialisierte Landwirtschaft, in der Weidetiere ohnehin nur ein Schattendasein fristen.

Die Weidetierhalter haben die Förderung der Bundes- und Landespolitik sowie der Europäischen Union mehr als verdient, denn im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft sind viel zu viele Tiere dauerhaft in Ställen eingesperrt. Ich glaube, viele Rinder und Schweine aus Massentierhaltung oder Hühner aus Legebatterien würden gerne das Risiko, einem Wolf zu begegnen, auf sich nehmen, wenn sie dafür den Großteil des Jahres an der frischen Luft leben dürften. Mit dem Gezeter um den Wolf soll nur davon abgelenkt werden, dass wir eine Neuorientierung der Landwirtschaft an Ökologie und Nachhaltigkeit brauchen. Und wer heute den Wolf zum Abschuss freigeben möchte, der bejagt demnächst auch den Luchs oder den Bären. Biber gehören nach Meinung mancher Politiker ohnehin in den Kochtopf und nicht in unsere Natur. Immer häufiger habe ich gerade bei Unions-Politikern den Eindruck, dass sie Tiere nur hinter Zäunen ein Lebensrecht zubilligen und die Natur eine Art gepflegter Park sein soll. Und selbst Insekten haben unter Glyphosat-Politikern zu leiden!

Ein Mutterschaf mit Hörnern und drei Lämmer weiden auf einer grünen Wiese.
Schafen gehören zu meinen Lieblingstieren, und daher brauchen sie Schutz – auch gegen den Wolf: Höhere Zäune und Herdenschutzhunde müssen aus öffentlichen Haushalten zu 100 Prozent gefördert werden. Der Marktzugang für Schafprodukte muss ausgeweitet werden. Und die Weidetierhalten brauchen auch in Deutschland die Weidetierprämie, die im Übrigen 22 EU-Mitgliedsstaaten bezahlen. (Bild: Ulsamer)

Wolfs-Hysterie führt in die Sackgasse

Ist es nicht irgendwie pervers: Solange keine großen Beutegreifer in unseren Wäldern unterwegs waren, da galten sie als Symbol einer intakten Landschaft. Doch kaum streichen Wölfe durch die deutschen Lande, da wird der Isegrim aus den Fabeln erneut zum Bösewicht stilisiert. „Wir werden nicht dabei zusehen, wie Kindergärten und Schafsherden weiträumig umzäunt werden, damit der Wolf in Freiheit leben kann“, so Dirk Toepffer, der Fraktionsvorsitzende der CDU im niedersächsischen Landtag. Nun möchte ich auch nicht, dass meine Enkelkinder von einem Wolf belästigt werden, doch ganz ehrlich, gibt es nicht wahrhaftig akutere Gefahren, deren Eindämmung des Schweißes der Edlen wert wären? Aber die CDU scheint längst vergessen zu haben, dass der Naturschutz einst ein wichtiges Anliegen des Bürgertums war. Auch die CSU, die dem Thema Natur noch offener gegenüberstand, hat jetzt in Bayern die Quittung dafür bekommen, dass sie ganze Themenfelder den Grünen überlassen hat. Unter Bundeskanzlerin Angela Merkel scheinen die Bestände an Wertvorstellungen in Unionskreisen ohnehin dem Machterhalt geopfert worden zu sein.

„Lebensministerium“, so möchte Julia Klöckner ihr Ministerium benannt wissen. Das klingt gut als Bezeichnung für das Landwirtschaftsministerium im Bund, aber was soll dann die ständige Forderung nach der Dezimierung der wenigen Wölfe?  Und selbst die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, reihte sich bei den Wolfsgegnern ein: Vielleicht hätte sie zur Vorbereitung auf ihr neues Amt im Sinne von Bildung nach „Rotkäppchen“ noch ein weiteres Buch über den Wolf lesen sollen! Und die Forschungsergebnisse zu den Wölfen haben die Forschungsministerin wohl leider auch nicht erreicht. Wir brauchen nicht weniger Wölfe, sondern eine Weidetierprämie für Schäfer und Landwirte – wie sie in 22 anderen EU-Staaten bezahlt wird. Genau da wollten aber Union und SPD im Bundestag nicht mitziehen und lehnten entsprechende Anträge ab.

Julia Klöckner in einem Facebook-Post von ZDF heute.
Wird man so von der Weinkönigin zur Landwirtschaftsministerin? Die stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, Julia Klöckner, rief in den Medien zur Dezimierung der Wölfe auf. So ganz scheint mir dies nicht zu ihrem Anspruch zu passen, das Landwirtschaftsministerium sei ein „Lebensministerium“. Und mehr Ehrlichkeit würde ich mir auch wünschen, denn „Entnahme“ klingt so nett, doch der betroffene Wolf ist anschließend im Regelfall tot. (Bild: Screenshot, Facebook, 6.2.18)

Wolf dient der Ablenkung

Generell habe ich ohnehin den Eindruck, dass der Wolf sich bestens dafür eignet, von anderen Themen abzulenken. Geht es Weidetierhaltern schlecht und gibt es kaum Nachwuchs bei Schäfern: Der Wolf wird umgehend zum Schuldigen gestempelt. Da treten ach so ‚banale‘ Fragen wie der Marktpreis für Schaffleisch oder deren Wolle, die Verdienstmöglichkeiten als Schäfer oder das Verdrängen von Weidetieren durch die industrielle Landwirtschaft in den Hintergrund. Auch der Deutsche Bauernverband spielt in diesem Konzert der Wolfsgegner fleißig mit, anstatt sich für die kleineren bäuerlichen Betriebe mit Weidetierhaltung einzusetzen. Bernhard Krüsken, der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands und ein erklärter Fahnenträger der industriellen Landwirtschaft, will den Wölfen nur „extensiv genutzte Gegenden im Südosten der Republik, Truppenübungsplätze“ als Lebensraum zubilligen und ansonsten „regulieren wir die Bestände und versuchen, den Wolf aus diesen Regionen rauszuhalten“ („DLF“, 25.10.17). Dies ist für mich eine perfide Augenwischerei: Generalsekretär Krüsken leugnet zwar, aber letztendlich geht es um die erneute Ausrottung des Wolfes oder soll er per Helikopter in die wenigen angedachten Gebiete fliegen? Und wehe, er setzt seine Pfoten auf die falsche Seite der Demarkationslinie, dann kracht der Schuss.

Aber nicht nur bei manchen CDU-PolitikerInnen frage ich mich, wes Geistes Kind sie eigentlich sind, denn auch Die Linke versucht sich auf völlig abwegige Weise am Wolf abzuarbeiten. „Herzlich Willkommen! … aber benimm Dich! Sagt Die Linke“. Was heißt hier im sozialistisch-marxistischen Sinne, der Wolf solle sich benehmen? Sicherlich möchte Die Linke nicht, dass er in einem kapitalistischen Konsumtempel einkauft, aber die HO-Läden aus DDR-Zeiten sind auch vergangen … Was soll der Wolf nun tun? Er wird sich am Wildbestand oder an Weidetieren ‚vergreifen‘, wenn diese nicht besser als bisher geschützt werden. Daran wird auch der ulkige Aufruf der Linken nichts ändern. Zur Ehrenrettung muss ich aber sagen, dass die Linke – zusammen mit Bündnis 90/Die Grünen – im Bundestag für die Weidetierprämie gestimmt haben. Im Übrigen tat dies auch die AfD.

Facebook-Post mit der Befürchtung, dass Wölfe vor Kindergärten herumlungern.
Mit Attacken gegen den Wolf kann man keinen Wahlkampf gewinnen: Musterbeispiel war der zweite Platz der CDU bei der Landtagswahl in Niedersachsen. „Andere schützen den Wolf – wir auch Menschen und Nutztiere“, so der etwas simple Slogan der CDU in Niedersachsen. Aber die CDU hat nichts daraus gelernt und sieht jetzt schon Wölfe vor unseren Kindergärten herumlungern. Auch wenn man sich – wie der Autor – für den Wolf als Teil unserer Natur engagiert, heißt dies doch nicht, dass man sich nicht ebenso für die Sicherheit der Menschen und den Schutz der Nutztiere einsetzt. Aber solche Kampagnen tragen dazu bei, die Wolfs-Panik immer wieder zu beflügeln, und sie wirken lange nach. (Bild: Screenshot, Facebook, 20.10.18)

Feuer frei auf Wölfe?

Aber nicht nur auf der linken Seite des politischen Spektrums geistern die Wölfe herum, sondern natürlich auch auf der rechten. Wäre es nicht so traurig, dann müsste ich schon beinahe lachen, wenn die AfD in Sachsen die CDU in Sachen Wolfsjagd noch übertreffen möchte. Aber irgendwie passt das ja doch, denn bei der letzten Bundestagswahl überholte die AfD die CDU in Sachsen zumindest stimmenmäßig. „Sachsen-CDU beim Thema Wölfe saft- und kraftlos wie immer!“, meint die AfD-Landtagsabgeordnete Silke Grimm. Dabei steht doch der Bautzener CDU-Landrat, Michael Harig, an vorderster Front, wenn es um den Abschuss eines Wolfsrudels bei Rosenthal geht. Liest man die Äußerungen des Landrats, dann geht es ihm nicht nur um einzelne Wölfe, sondern um eine generelle Reduktion bis zur Ausrottung: „Ich glaube, es ist nicht ausreichend, dass man sich auf Problemwölfe konzentriert, sondern die Wölfe müssen bejagt werden, damit ein Jagddruck entsteht und damit die Nutztierhaltung hier im ländlichen Raum überhaupt noch eine Chance hat.“ („MDR“, 24.10.17). Würden sich doch manche Politiker einen Wettlauf um die Lösung der täglichen Probleme liefern, statt besonders eifrig auf die Wolfshatz zu ziehen, dann wäre Deutschland wirklich gedient.

Die CDU-Landtagsfraktion in Brandenburg bläst auch zur Jagd auf Wölfe, obwohl sie sich als Oppositionspartei doch stärker um die wirtschaftlichen Strukturschwächen ihres rot-rot-regierten Bundeslandes und die daraus resultierenden sozialen Probleme kümmern sollte. So erklärt der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion Dieter Dombrowski die „Wolfsverordnung ist gescheitert“ und hat auch Vorschläge für den Umgang mit Wölfen: „Die Brandenburgische Wolfsverordnung löst den Konflikt zwischen der Weidetierhaltung und Problemwölfen nicht. Wir hatten deshalb vorgeschlagen, Schutzjagden nach schwedischem Vorbild einzuführen“.

AfD-Facebook-Post mit dem Text "Sachsen-CDU beim Thema Wölfe saft- und kraftlos wie immer!"
Man mag es kaum glauben, aber der Wolf eignet sich auch noch zum Wettstreit der Parteien: Gibt es bald Kerben am Gewehr für jeden erlegten Wolf? Jetzt eifern AfD und CDU um die erste Position im Dezimieren von Wölfen in Sachsen. Das hat unserer Demokratie gerade noch gefehlt! Und dies lässt auch Schlimmes für den Landtagswahlkampf im Jahr 2019 befürchten. (Screenshot, Facebook, 25.2.18)

Der arme Wolf findet sich auch im Koalitionsvertrag

Aber auch die Vertreter der kleinsten GroKo aller Zeiten haben sich selbstredend bereits im Koalitionsvertrag mit dem Wolf befasst. Und der Koalitionsvertrag gilt, wenn man Wortführern von CDU, CSU und SPD glauben darf, als so eine Art Bibel, die jetzt abgearbeitet werden soll. Der Ansatzpunkt im Koalitionsvertrag der irrlichternden CDU, CSU und SPD ist clever gewählt: „Die Weidetierhaltung ist aus ökologischen, kulturellen und sozialen Gründen sowie zum Erhalt der Artenvielfalt und Kulturlandschaft zu erhalten.“ Wer möchte da dem Koalitionsvertrag widersprechen? Ich sicherlich nicht, da die Bedeutung der Schafsbeweidung unbestritten ist in Bezug auf eine ökologisch ausgerichtete Flächenbewirtschaftung. Aber hätten dann Unionisten und Genossen im XXL-Bundestag nicht für die Weidetierprämie stimmen müssen?

„Im Umgang mit dem Wolf hat die Sicherheit der Menschen oberste Priorität“ heißt es weiter im Koalitionsvertrag. Sicherlich ebenfalls richtig, aber bisher hatte ich bei keiner Wanderung durch den Wald ein flaues Gefühl im Magen, denn ich habe das „Rotkäppchen“ auch eher im Märchen verortet, wo es ja um eine ganz andere inhaltliche Deutung geht (Widerstand gegen Verführungen aller Art usw.). Und dann kommen die Autoren des Koalitionsvertrags auf den eigentlichen Kern ihres höchst fragwürdigen Vorstoßes zu sprechen.  „Wir werden die EU-Kommission auffordern, den Schutzstatus des Wolfs abhängig von seinem Erhaltungszustand zu überprüfen, um die notwendige Bestandsreduktion herbeiführen zu können.“ Also darum geht es den Koalitionären: Weniger Wölfe sind das Ziel. Wie geht das z.B. in Baden-Württemberg? Da schaffte es doch echt ein Wolf aus Niedersachsen bis in den Schwarzwald, um dort kurzerhand von Unbekannt erschossen und in den Schluchsee geworfen zu werden. Die Polizei konnte diese Straftat bisher nicht aufklären. Wollte er etwa aus Niedersachsen ‚flüchten‘, wo während des damaligen Wahlkampfs die CDU die Dezimierung der Wolfsbestände gefordert hatte? Aber selbst im grün-schwarz regierten Baden-Württemberg ging es ihm – wenn auch illegal – an den Kragen. War dies die von manchen Politikern und Verbandsvertretern geforderte Reduktion?

Die SPD in Niedersachsen streitet schon lange „für wolfsfreie Zonen“, so z.B. an den Deichen. Wie diese genau wolfsfrei gehalten werden sollen, das sagen weder Ministerpräsident Weil noch seine Mitstreiter. Bevor Urlauber und Einheimische unter Beschuss genommen werden, wäre es sinnvoller über Alternativen nachzudenken. Dabei bin ich mir bewusst, dass dem Aufbau von Zäunen an Deichen Grenzen gesetzt sind, und der Wolf kann nun mal schwimmen. Aber wenn in angrenzenden Gebieten eine höhere Präsenz an Herdenschutzhunden vorhanden wäre und Wölfe notfalls auch vergrämt würden, dann dürfte sich die Zahl der Wölfe gegen Null bewegen, die sich an allen geschützten Bereichen ausgerechnet bis zu den deckungslosen Deichen vorarbeiten.

Tweet mit Hinweis auf die Bundesratsinitiative von Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen gegen den Wolf.
Manchmal frage ich mich schon, ob sich PolitikerInnen nicht schämen, wenn ihre Parteifreunde im Bundestag gegen die Weidetierprämie stimmen, aber im Bundesrat betonen sie: „Die Haltung von Weidetieren im Offenland leistet als besonders tierwohlgerechte Form der Nutztierhaltung einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität.“ Da kann ich nur zustimmen, aber wie passt dies zur Geringschätzung der Weidetierhaltung im Bundestag? Dafür machen sich dann CDU und SPD für eine Dezimierung der Wölfe stark. (Bild: Screenshot, Twitter, 20.10.18)

Bundesratsmitglieder auf leisen Pfoten

Es ist immer wieder frappierend in welch dreister Weise sich Politiker als Freund der Weidetierhalter aufspielen, obwohl ihre Parteien im Bundestag die Weidetierprämie abgelehnt haben. Jüngstes Beispiel: Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen betonen in einem gemeinsamen Entschließungsantrag für den Bundesrat „Die Haltung von Weidetieren im Offenland leistet als besonders tierwohlgerechte Form der Nutztierhaltung einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität.“ Da frage ich mich schon, warum CDU- und SPD-Minister einen solchen Text guten Gewissens unterschreiben können, wo doch ihre Parteigenossen im XXL-Bundestag für die Ablehnung der Weidetierprämie stimmten. Es ist doch so einfach und billig, das Feuer auf die Wölfe zu eröffnen, anstatt zuerst und nachhaltig die Weidewirtschaft zu fördern.

„Auch die Möglichkeit von lokal bzw. regional bestandsregulierenden Maßnahmen sollte dabei erwogen werden“, so die Vertreter von Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen am 19. Oktober im Bundesrat. Wäre es nicht ehrlicher, von Abschuss zu sprechen? Oder wie soll die Bestandsregulierung funktionieren? Und dann kommt wieder die politische Keule der Angstmacherei: „Die Sicherheit der Menschen ist zu gewährleisten. Tierhaltung im Freiland soll auch dort dauerhaft möglich sein, wo Prävention nicht oder nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand umsetzbar ist.“ Selbstredend steht die Sicherheit der Menschen im Mittelpunkt, aber da fallen mir noch einige andere innenpolitische Aufgaben ein, die der Lösung harren. Wer hat denn heute wegen des Wolfes ein ungutes Gefühl beim Waldspaziergang? Haben wir nicht eher ein flaues Gefühl, wenn wir in der Dunkelheit durch bestimmte Stadtteile laufen?

„Annäherungen des Wolfes an Aufenthaltsgebäude von Personen sollen vermieden werden.“ Wie viele Wölfe warten tagtäglich in Deutschland vor Wohnhäusern oder lungern gar – wie von der CDU in Niedersachsen apokalyptisch an die Wand gemalt – vor Kindergärten herum? Und so mancher Wolf fühlt sich vom Menschen doch nur angezogen, weil er angefüttert wurde. Wer macht denn hier den Fehler? Der Mensch oder der Wolf?

„Dazu bedarf es eines handlungsfähigen Staates, der Rechtssicherheit bei Entnahmen zur Abwendung ernster wirtschaftlicher Schäden sowie bei Gefährdung von Personen schafft.“, so der Text der Bundesratsinitiative weiter. Oft würde ich mir einen handlungsfähigen Staat wünschen, nicht zuletzt in der Flüchtlingskrise. Aber ausgerechnet bei der Dezimierung der Wölfe, da fällt dieser Grundsatz drei Bundesländern ein. Die Priorisierung ist derart schräg, dass es mich nicht wirklich wundert, wenn CDU und SPD scharenweise die WählerInnen davonlaufen.

Wolf in einem Zeitungsbeitrag mit der Überschrift "SPD will wolfsfreie Zonen".
Die SPD setzt sich in Niedersachsen für „wolfsfreie Zonen“ ein, und daher ist es auch kein Wunder, dass SPD und CDU zusammengefunden haben. Offen ist noch, ob Touristen bei einem Deichbesuch dann eine gelbe Warnweste tragen müssen, damit sie nicht mit einem zum Abschuss freigegebenen Wolf verwechselt werden. (Bild: Screenshot, Nord Westzeitung, 16.10.18)

Mehr Ehrlichkeit ist gefragt

Zu meinen Lieblingstieren gehören Schafe, daher ist für mich auch der Wolf nicht sakrosankt. Es wird immer Tiere geben, bei denen ein Abschuss notwendig werden kann, aber auch dann sollten wir ehrlich miteinander umgehen und nicht von „Entnahme“ sprechen. Keinerlei Verständnis habe ich aber dafür, dass bei jedem auftauchenden Wolf sofort eine Polit-Hysterie ausbricht. Viele andere Probleme scheinen manche PolitikerInnen dagegen kalt zu lassen. Bei explodierenden Mieten und Wohnungsnot habe ich bisher vergleichbare Aufschreie vermisst.  Höchstens beim ‚Diesel‘ bricht allmählich die gleiche Panik aus, obwohl auch diese alles andere als gerechtfertigt ist.

Für eine glatte Unverschämtheit halte ich es, wenn Union und SPD im Koalitionsvertrag die Vorteile der Weidetierhaltung für Gesellschaft und Natur in blumigen Worten preisen, dann im Bundestag aber eine Weidetierprämie ablehnen. Und dann wird die Bedrohung der Weidetierhaltung kurzerhand dem Wolf zugeschoben, obwohl der nichts für schlechte Preise bei der Vermarktung oder geringe Verdienstmöglichkeiten kann. Scheinheilig ist da noch der freundlichste Begriff, der mir einfällt! Die Weidetierhalter müssen bei allen Schutzmaßnahmen finanziell unterstützt werden, und ein deutlich größerer Anteil der Agrarförderung muss den Tierhaltern zukommen, die ihre Schafe, Ziegen und Kühe noch gute Teile des Jahres im Freien halten. Manchen Politikerinnen und Politikern kann ich nur anraten, sich um die gravierenden Fragen unserer Zeit zu kümmern und sich nicht als Wolfsjäger hervorzutun! Und zur Ehrlichkeit in der Politik gehört es auch, dass die Parteien in Sachen Wolf schweigen sollten, die eine Weidetierprämie abgelehnt haben!

Ein stilisierter Wolf in einem Facebook-Post der Linken. MIt dem Text "Herzlich willkommen ...aber benimm dich gut!"
Die Linke in Wesel trägt auch noch zum Thema Wolf bei, wobei sie sein Auftauchen zumindest als gutes Signal für die Natur ansieht. Ob dann allerdings der Hinweis „aber benimm Dich!“ satirisch oder ernst gemeint ist, das bleibt noch abzuwarten. Denn ohne Schutzmaßnahmen wird der Wolf auch kaum an weidenden Schafen oder Ziegen vorbeistreichen, sondern sich sein Abendessen holen. Hat er sich dann nach Meinung der Linken schlecht benommen? (Bild: Screenshot, Facebook, 16.10.18)

 

Ein Wolf im Bild eines Facebook-Posts der CDU in Brandenburg mit der Aufforderung "Schutzjegden" auf Wölfe durchzuführen.
„Schutzjagden“ auf Wölfe fordert die CDU-Landtagsfraktion im Brandenburger Landtag. So ist das allenthalben: Wichtige Themen – wie zukunftsorientierte Arbeitsplätze für Braunkohlekumpel – greift keiner auf, aber viele blasen zur Hatz auf Wölfe. Einst dachte ich, dass der Naturschutz ein konservatives Anliegen sei, doch das war wohl ein Irrtum. (Bild: Screenshot, Facebook, 23.2.18)

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