Verdrehte Welt: Zwischen Rotkäppchen und dem gestiefelten Kater

Wölfe und Luchse im Fadenkreuz von Bauern, Jägern und Politikern?

Schaue ich mir die Reaktionen mancher Bauern, Jäger, Politiker und Medienvertreter an, wenn sich ein Wolf oder Luchs in unseren Landen blicken lässt, frage ich mich schon, in welcher Welt diese Leute leben! Hysterie ist noch ein gelinder Begriff, der hier zu passen scheint. Reißt ein Wolf einige Schafe, dann droht das Ende der Weidetierhaltung. Frisst sich ein Luchs an einem Reh satt, dann erklingt ein Aufschrei der Empörung, als hätten nicht die gleichen Personen vor einigen Jahren noch geklagt, die überhandnehmenden Rehe würden den Aufwuchs von Tannen verhindern. Aber nicht nur bei Wolf und Luchs, sondern auch bei anderen Tierarten kommt es zu Überreaktionen und Verdrehungen: Auf den Fildern nahe der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart sollen verstärkt Füchse geschossen werden, um Rebhühnern und Feldhasen das Leben zu erleichtern. Wer die Fildern kennt, der kann eigentlich beim besten Willen nicht auf die Idee kommen, dass der Fuchs, der alte Märchenbösewicht, die Rebhühner dezimiert hat: Intensiv genutzte Felder, Flughafen, Autobahn, versiegelte Flächen noch und noch, und dann ist es mal wieder ein Tier, das anderen Tieren das Leben ‚raubt‘.

Wann immer ich mich für den Wolf in Diskussionen einsetze, so z.B. auch in „Facebook“, dann lassen Vorwürfe nicht lange auf sich warten, man habe etwas gegen Weidetiere. Ganz im Gegenteil! Schafe gehören zu meinen Lieblingstieren, und es verblüfft mich immer wieder, mit welchen Fähigkeiten sie ausgestattet sind. Da sollte es doch uns Menschen auch gelingen, unsere Möglichkeiten zu ihrem Schutz zu nutzen: Höhere Elektrozäune, Herdenschutzhunde usw. Und nicht nur zu deren Anschaffung und Unterhalt sollten die Landesregierungen ihren finanziellen Beitrag leisten, sondern auch im Fall eines Wolfsrisses entsprechende Ausgleichszahlungen leisten. Wer einen Blick auf die Milliardenbeträge wirft, die die EU, Bund und Länder insbesondere für die industrielle Landwirtschaft ausgeben, der kann leicht erkennen, dass die Beträge für den Wolfsschutz aus der Portokasse bezahlt werden könnten. Ich kann die Naturschutzverbände und Organisationen wie „Wolfschutz Deutschland in Pro Naturschutz Sachsen“ nur bestärken, sich weiterhin für das Lebensrecht des Wolfes einzusetzen. (Bild: Ulsamer)

Industrielle Landwirtschaft ist der Feind der Rebhühner

„Füchse sterben zum Wohl des Feldhasen“, so lautete die Überschrift in der ‚Stuttgarter Zeitung‘: Wenn schon zum großen Halali geblasen werden soll, dann doch bitte nicht mit solch fadenscheinigen Begründungen. Wenn sich Rebhühner rar gemacht haben in unseren Regionen, dann liegt dies an der industriellen Landwirtschaft, an teilweise überzogenen Flurbereinigungen, die nicht nur unsinnige Flurstückgrenzen, sondern gleich noch Hecken, Bauminseln oder Felsen beseitigt haben. Und natürlich tragen auch unsere anderen Lebensgewohnheiten zu einer Verarmung der Natur bei. Aber jetzt zu glauben, dass man die Rebhühner in einer total zersiedelten und landwirtschaftlich genutzten Umgebung durch den Abschuss von Füchsen wieder aufpäppeln kann, das grenzt schon ans Absurde.

Nicht nur beim Wolf halte ich die Berichterstattung in den Medien über Wildtiere zum Teil für irreführend bis abstrus. So wird in der „Stuttgarter Zeitung“ der Fuchs zum größten Feind von Rebhuhn und Feldhasen. Als der NABU 1991 das Rebhuhn zum Vogel des Jahres kürte, nannte dieser Verband ganz andere – und die richtigen Gründe – für dessen dramatischen Rückgang: „Die Einengung seines Lebensraums, ein schrumpfendes Nahrungsangebot, aber auch die fortdauernde Bejagung brachten das Rebhuhn bundesweit auf die Rote Liste der gefährdeten Vogelarten.“ Ganz folgerichtig hat das Rebhuhn – aber auch Kollege Feldhase – wenig Chancen in einer intensiv genutzten Landschaft wie auf den ‚Fildern‘ bei Stuttgart. Meine Frau und ich haben dort vor Jahren auch einige Rebhühner gesehen, aber nicht auf den Krautäckern, sondern am Rande eines mit Büschen und Gräsern bewachsenen Dreiecks innerhalb einer Autobahnausfahrt. (Ausriss aus der „Stuttgarter Zeitung“ vom 3.11.17)

Längst sind die Zeiten der Brüder Grimm vorbei, die in ihrem Märchen „Der gestiefelte Kater“ noch über einen König berichtete, der „aß die Rebhühner so gern“. Und: „Der ganze Wald war voll, aber sie waren so scheu, daß kein Jäger sie erreichen konnte.“ Der trickreiche Kater fing sie dann und brachte seine Beute zum König. Auch wenn der Kater sein Unwesen getrieben hat, so trägt er – wie auch der Fuchs – sicherlich nicht die Schuld am Verschwinden der Rebhühner. Ihr Bestand ging alleine seit 1980 um über 90 % zurück, und dies als Folge der Zerstörung intakter Lebensräume. Wenn sich Rebhühner auch gerne in Steppen- und Heidelandschaften tummeln und sich dort von Sämereien, Wildkräutern und Getreidekörnern ernähren, dann dürfte ihr Erhalt oder ihre Wiederansiedlung auf den Fildern schwerfallen, denn dort dominiert der Krautanbau – und von Wildkräutern keine Spur. Da kann man auch dem einen oder anderen verbliebenen Feldhasen nur alles Gute wünschen zwischen viel befahrenen Straßen und Intensivlandwirtschaft mit reichlich Dünger und Insektiziden. Kein Wunder, dass bei einer solchen Agrarstruktur auch die Insekten dramatisch zurückgehen.

Die Märchen der Brüder Grimm sind noch immer lesenswert, aber sicherlich sollte man sie nicht mit der heutigen Realität verwechseln. Weder der ‚Kater‘, Füchse oder Waschbären haben die Rebhühner auf dem Gewissen, sondern wir Menschen. Überdenken wir unseren Umgang mit der Natur nicht – und gerade auch mit intensiv genutzten Agrarflächen –  dann nutzt auch der Abschuss von Füchsen nichts.

Politiker als Rotkäppchen?

Wenn wir schon in Grimms Märchen reinlesen, dann lohnt auch noch ein Ausflug zu Rotkäppchen. Und damit wären wir beim viel geschmähten Wolf. So lange er nicht wieder nach Deutschland zugewandert war, gab es löbliche Aussagen zur Bedeutung von ‚Beutegreifern‘ wie Wolf, Bär und Luchs – kaum sind sie zurückgekehrt, da werden sie blitzschnell wieder zum ‚Raubtier‘. Aber nicht nur die Wortwahl wechselt, sondern auch der Wandel in der Tonart: Aggressivität ersetzt den Dialog! Zwar trägt der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk kein rotes Käppchen, aber irgendwie scheint er doch durch das Märchen geprägt zu sein. Für ihn sei „die Beweidung und Offenhaltung der Kulturlandschaft wichtiger als eine Art, die auch noch vorkommt“, so Hauk, der damit den Wolf meint. „Da hilft nur noch der Abschuss oder die Falle, die gestellt wird.“

Panik auf der Titanic? Sind etwa schon hunderte von Wölfen hinter Schafen und Ziegen her? Ach nein: Ein Wolf wurde ja schon im vorauseilenden Gehorsam im Schwarzwald erschossen und in den Schluchsee geworfen. Eigentlich ist dies ja ein kriminelles Vergehen, aber wer wird dies wohl ahnden, wenn schon ein Minister den Abschuss einfordert. Und dies alles, weil ein anderer Wolf im Raum Heilbronn drei Lämmer gerissen hatte. Zumeist fallen Wölfe nicht nur in Baden-Württemberg, sondern auch in anderen Bundesländern, ohnehin dem Verkehr zum Opfer.

Wann immer ich mich für den Wolf in Diskussionen einsetze, so z.B. auch in „Facebook“, dann lassen Vorwürfe nicht lange auf sich warten, man habe etwas gegen Weidetiere. Ganz im Gegenteil! Schafe gehören zu meinen Lieblingstieren, und es verblüfft mich immer wieder, mit welchen Fähigkeiten sie ausgestattet sind. Da sollte es doch uns Menschen auch gelingen, unsere Möglichkeiten zu ihrem Schutz zu nutzen: Höhere Elektrozäune, Herdenschutzhunde usw. Und nicht nur zu deren Anschaffung und Unterhalt sollten die Landesregierungen ihren finanziellen Beitrag leisten, sondern auch im Fall eines Wolfsrisses entsprechende Ausgleichszahlungen leisten. Wer einen Blick auf die Milliardenbeträge wirft, die die EU, Bund und Länder insbesondere für die industrielle Landwirtschaft ausgeben, der kann leicht erkennen, dass die Beträge für den Wolfsschutz aus der Portokasse bezahlt werden könnten. (Bild: Ulsamer)

Gefährdet sind aber nicht nur wie bei den Brüdern Grimm Großmütter, sondern natürlich auch kleine Mädchen, die mit Kuchen und Wein auf dem Weg zu ihrer Großmutter sind. „Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb …“. Da hat der Wolf sein schlechtes Image weg – und bis heute scheinen einige Politiker den Sinn des Märchens nicht verstanden zu haben, das u.a. davor warnt, sich durch Verführer aller Art nicht vom rechten Weg abbringen zu lassen. Aber nicht nur der Wolf gilt inzwischen als Bedrohung, sondern auch Herdenschutzhunde, die in vielen Ländern gute Dienste leisten, werden problematisiert.

Leider kann ich die Fotos von friedlichen Herdenschutzhunden in Süditalien hier nicht abbilden, denn … Oh nein, nicht die Herdenschutzhunde oder gar der Wolf haben mir meine Kamera entrissen, sondern Zweibeiner, die unser Auto aufbrachen, zwei Scheiben einschlugen und einen Reifen zerstachen, um – direkt vor einer kleinen Kapelle – die Kamera mitsamt den gespeicherten Fotos zu entwenden, keine 150 m von uns entfernt am Strand und als wir gerade hungrige, verwahrloste Straßenhunde fütterten. So viel zu den wirklichen Gefahren in unserer Welt.

Apokalypse im ‚Weideland‘?

Wer heute das Ende der Weidetierhaltung verkündet, weil der Wolf in deutschen Landen aufgetaucht ist, der verdreht bewusst die Realität: Weidetierhaltung mit Schafen und Ziegen lohnt sich zumeist nicht mehr wegen der niedrigen Preise für das Fleisch der Tiere und die nahezu ‚wertlose‘ Wolle. Längst hätten die Apokalyptiker, statt ihr Anti-Wolfs-Geschrei anzustimmen, für eine andere Agrarpolitik kämpfen sollen, die Schäfern und Bauern ein sachgerechtes Einkommen durch den Verkauf ihrer Erzeugnisse sichert. Und viele Politiker, die heute nach dem sofortigen Abschuss von ‚Problemwölfen‘ rufen, sollten sich besser für die finanzielle Unterstützung von Bauern und Schäfern einsetzen, die höhere Elektrozäune kaufen oder Herdenschutzhunde einsetzen. Häufig habe ich den Eindruck, dass manche Politiker nur zu geizig für diese Maßnahmen sind und stattdessen auf den billigeren Abschuss setzen.

Als ich im August meinen Beitrag „Feuer frei auf Wölfe, Bären, Luchs und Biber?“ schrieb, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass an verschiedensten Orten in Deutschland innerhalb weniger Monate kurzerhand Wölfe und Luchse und sogar noch ein friedlich umherziehender Wisent niedergestreckt werden.

Kaum streift ein Luchs durch unsere Wälder sehen manche Jäger den Wildbestand bedroht, obwohl sie noch vor kurzem über die hohe Zahl der Rehe geklagt haben, die den Aufwuchs neuer Bäume im Wald verhindern. Und brechen auch noch Luchse aus ihrem Gehege aus – wie jüngst in Brandenburg -, dann wird voreilig zum Gewehr gegriffen. (Bild: Ulsamer)

Wölfe und Luchse im Fadenkreuz

Werden im Nationalpark Bayerischer Wald von menschlichen Geisterfahrern Wölfe aus einem Gehege freigelassen, da beginnt sofort die wilde Hatz. Wer sich nicht einfangen lässt, sondern seine Zukunft auf vier Pfoten in der Freiheit sieht, der hat verspielt: Wenn Lebendfallen und Narkosegewehre nichts nutzen, dann fällt der letzte Schuss. Schnell waren zwei der sechs Wölfe erlegt, einen dritten erwischte ein Zug. Auf meine kritische Mail an den Leiter des Nationalparks, Dr. Franz Leibl, erhielt ich zumindest eine umfängliche Antwort. Diese gipfelte in der Besorgnis, dass die Gehegewölfe keine Scheu gegenüber Menschen hätten, und es daher zum ‚Streit‘ um Beute in den Ortschaften kommen könnte. Ob dies so ist, kann ich nicht einschätzen, allerdings habe ich den Eindruck, dass wir generell die Gefahren, die durch Wölfe hervorgerufen werden können, überbetonen. Dies lässt sich auch daran erkennen, dass der Ruf nach dem Abschuss nicht nur bei entlaufenen Wölfen, sondern in nahezu gleicher Weise bei freilebenden Zuwanderern erschallt.

Aus einem Gehege in der brandenburgischen Schorfheide waren vier Luchse ausgebrochen, dieses Mal nicht mit Hilfe von Menschen, sondern dem Sturm ‚Xavier‘. Dieser hatte einen Baum entwurzelt, der auf den Gehegezaun gefallen war und die – wie wir immer hören – auf den Menschen und seine Fütterung angewiesene Luchse kletterten flugs in die Freiheit. Und schon regierte wieder das Gewehr, da sie Mufflons, Schafe und ein Reh gerissen hatten. Was, bitteschön, hatten die zuständigen Personen, so z.B. die Leiterin des Wildparks, Imke Heyter, gedacht, würden hungrige Beutegreifer so tun?

Wolf und Wisent – Gefahr im Verzug?

Für manchen Journalisten, Politiker und Bürger war es geradezu ein makaberes ‚Geschenk‘ für deren Argumentation, als eine britische Touristin in Griechenland attackiert wurde: Für die einen waren es Wölfe, für die anderen einige der über drei Millionen herumstreunenden Hunde. Ein Fachmann war leider keiner greifbar, da tippte der zuständige Gerichtsmediziner auf Wölfe, obwohl Wissenschaftler dies bezweifelten, da die Nähe des Tatorts zum Strand eher auf verwilderte Hunde hindeutete. Wölfe, außer den speziellen Küstenwölfen in Alaska, meiden das Meer und die Strandnähe als Lebensraum. Selbstredend habe ich im Internet nach aktuellen Informationen gesucht, vielleicht nach den Ergebnissen einer DNA-Analyse, aber vergeblich. Nach dem ersten Hype mit marktschreierischem Wolfshorror hatte sich wohl niemand mehr um weitere Details gekümmert.

Ziegen und Schafen kommt gerade in schwierigem Gelände große Bedeutung beim Offenhalten der Kulturlandschaft zu, so wie hier in der Nähe von Bernau im Biosphärengebiet Schwarzwald. Schon heute werden diese naturschutzfachlichen Aufgaben vielfach zu gering bewertet und damit auch kaum kostendeckend bezahlt. Statt das Ende der Weidetierhaltung an die Wand zu malen, sollten Bauern, Schäfer und andere Tierhalter in die Lage versetzt werden, von ihren Tieren zu leben. Voraussetzung ist eine Neuorientierung der Agrarpolitik, die sich an Ökologie und Nachhaltigkeit orientiert. Ganz ohne Wolf fiel die Zahl der Schafe von rd. 4,4 Mio. (Bundesrepublik Deutschland und DDR) auf 1,6 Mio. im Jahre 2016. Die gleiche Zahl erreichte 1950 die Bundesrepublik Deutschland alleine, in der damaligen DDR weidete nochmals eine Million. Zum Vergleich: 1816 lebten rd. 15 Mio. Schafe in Deutschland, 1913 nur noch 5,5 Mio. Die Zahl der Ziegen in Deutschland steigt seit einigen Jahren an und hat 2016 rd. 140 000 Tiere erreicht. (Bild: Ulsamer)

Aber apropos Fachleute: Auch der unglückliche Wisent, der aus Polen auf Erkundungstour nach Brandenburg die Oder durchschwommen hatte, wurde auf Anordnung des Amtsdirektors von Lebus, Heiko Friedmann, erschossen. Als ‚Fachberater‘ hatte er den Amtsbrandmeister zugezogen, der sogleich die öffentliche Sicherheit bedroht sah! So kann es gehen, armer Wisent, Jahr für Jahr wanderst du ohne Probleme oder Schäden zu verursachen durch Polen, doch einen Tag bist du in Deutschland, und schon beendet eine Kugel dein Leben.

Tiere als Konkurrenten?

Gefahren all überall, so sehen wohl manche, der Natur entfremdete Menschen, unsere direkte Umwelt: Kormorane fressen den Anglern die Fische weg, Fischotter kommen Fischzüchtern ins Gehege, der Graureiher besucht Gartenteiche, der Biber überschwemmt Wiesen. Bären, Wölfe und Luchse tummeln sich in den Wäldern und stillen ihren Hunger an Rehen und Schafen. Der Fuchs jagt Rebhühner – und kaum einer traut sich noch, die Frage nach unserem Verständnis von Natur zu stellen, wenn Panikmacher den Markt der Information beherrschen. Vielleicht sollte ich es zumindest anmerken: Zu meinen Lieblingstieren gehören gerade die Schafe! Deshalb brauchen sie auch mehr Schutz, wenn Wolf und Luchs durchs Land schleichen. Aber Schutz heißt nicht Gewehr, sondern Zäune und Herdenschutzhunde sowie Entschädigungszahlungen bei gerissenen Herdentieren.

Wenn manche Politiker und Journalisten, einige Jäger und Bauern mit dem roten Käppchen durch die Lande geistern, dann sollten wir ihnen nicht folgen. Auch Rotkäppchen hat gelernt, dass es zukünftig nicht mehr vom rechten Weg abgehen soll, und dies sollten auch wir tun: Naturschutz darf kein wohlfeiler Begriff für Sonntagsreden sein, sondern er muss an allen Tagen gelebt werden. Für mich ist es bestürzend, wenn sich in immer mehr Bundesländern die lautstarken Stimmen in Verwaltung und Politik mehren – so z.B. auch in Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Bayern und Baden-Württemberg -, die den Abschuss von Wölfen fordern.

Panikmache nutzt Schafen und Wölfen nichts

Wäre die Panikmache nicht so leicht erkennbar, dann würde ich auf einen ernsthaften Dialog hoffen, aber wer schon bei einigen Wölfen so tut, als handle es sich um eine lebensbedrohliche Plage und nach deren Eliminierung ruft, der kann nicht als echter Partner angesehen werden. Es können in der Zukunft sicherlich Bestandsentwicklungen erkennbar sein, die ein Eingreifen des Menschen notwendig machen, aber wer beim ersten Wolf schon nach dem Abschuss ruft, der spricht sich für eine erneute Ausrottung des Wolfs – und des Luchses – aus. Und diesen Weg in die naturschutzpolitische Sackgasse kann und möchte ich nicht mitgehen. Das Geschrei einiger Wolfsgegner erinnert mich auch an die Äsop zugeschriebene Fabel „Der Hirtenjunge und der Wolf“: Der Hirtenjunge ruft immer wieder, ‚der Wolf kommt`, obwohl keiner heranschleicht. Die Dorfbewohner eilen ihm zu Hilfe, aber dann haben sie seine Lügen satt. Und als der Wolf wirklich kommt und zur Gefahr wird, dann nehmen die anderen sein Rufen nicht mehr ernst und niemand hilft dem Hirtenjungen mehr.

Eine äußerst sinnvolle Handreichung ist die vom NABU und dem Landesschafzuchtverband in Baden-Württemberg herausgegebene Publikation „Herdenschutz in Baden-Württemberg. Erste Erfahrungen und Empfehlungen für die Praxis“. Jetzt ist es aber auch an der Politik, umfassende Konzepte für den Schutz der Weidetiere bei gleichzeitiger Sicherung des Lebensrechts von Wolf und Luchs umzusetzen – und natürlich mit entsprechenden Budgetmitteln zu unterlegen.

In Zeiten wichtiger politischer Fragen ist es für mich auch überraschend und irgendwie bezeichnend, dass in Niedersachsen der Wolf zum Wahlkampfthema wurde und sich in Baden-Württemberg der grüne Umwelt- und Naturschutzminister Franz Untersteller und der CDU-Landwirtschaftsminister Peter Hauk über einen Wolf in die Haare gerieten. Gibt es denn keine wichtigeren politischen Fragen? Wenn Peter Hauk sich als Landwirtschaftsminister für Nutztiere und gegen den Wolf ausspricht, dann habe ich dafür Verständnis, aber nur wenn er sich in seinem Ressort auch mit gleichem Engagement für die Bereitstellung der Finanzmittel einsetzt, die zum Schutz eben dieser Nutztiere notwendig sind.

Letztendlich ist es doch kein Ding der Unmöglichkeit, die Weidetierhaltung durch Schutzmaßnahmen mit staatlicher Unterstützung zu sichern und Wolf und Luchs ihr Lebensrecht in der Natur zu erhalten. Viele Schafe und Ziegen sind heute im marktwirtschaftlichen Sinne ohnehin kein Einkommensfaktor mehr, sondern sie halten im Auftrag des Naturschutzes Weideflächen offen – und dies ist wichtig. Eine Erhöhung der Kostensätze im Naturschutz sowie die Förderung nachhaltiger Schutzmaßnahmen würde den Haltern der Schafe und Ziegen mehr helfen als Alarmgeschrei.

 

Eine Antwort auf „Verdrehte Welt: Zwischen Rotkäppchen und dem gestiefelten Kater“

  1. Lieber Herr Ulsamer,
    ein schöner Beitrag der das Thema gut umreißt. Bei fast keinem anderen naturschutzpolitischen Thema sind soviel Emotionen dabei wie bei diesem. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir mehr und mehr zu einer Versachlichung der Debatte kommen werden, auch wenn es wohl mit den ersten Wölfen und Rissen erst noch mal ganz groß aufschlagen wird.
    Beste Grüße
    JE

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