UN: Das stille Örtchen ist häufig noch ein Fremdwort

Manchmal waren die Römer ihrer Zeit wirklich voraus

Vor fast 2000 Jahren wurde in Rosenfeld im baden-württembergischen Zollernalbkreis ein römischer Gutshof errichtet. Gut erhalten sind heute noch Teile des Gebäudes mit den Bädern – und eine Toilette. Gerade Letzteres ist keine Besonderheit für römische Zeiten. Und eigentlich sollte dies doch auch für unsere ach so fortschrittliche und globalisierte Welt gelten! Oder vielleicht doch nicht?

Mauern aus Bruchsteinen sind die Überreste einer Toilette aus römischer Zeit
Gleich drei Bewohner des römischen Gutshofs in der heutigen Stadt Rosenfeld konnten es sich auf dem stillen Örtchen gleichzeitig gemütlich machen. Und die Spülung wurde durch das Wasser aus den Bädern gespeist. Ein 2000 Jahre altes Öko-Klo! (Bild: Ulsamer)

Toiletten in manchen Regionen Mangelware

Am Vortag unseres Besuches in Rosenfeld, der eigentlich dem historischen Stadtkern und der Stadtmauer gegolten hatte, las ich in der Zeitschrift ‚kontinente‘, die von Missio herausgegeben wird, zufällig, dass in Rumänien – immerhin EU-Mitglied seit 2007 – nur 73 % der Haushalte über Sanitäranlagen verfügen. In Kamerun sind es 49 % und in Indien nur 34 %.

Und was hat dies nun mit der Alten Apotheke in Rosenfeld aus dem Jahre 1244 oder dem 500 Jahre alten Spital zu tun? Nichts, und auch der mittelalterliche Fruchtkasten, in dem für Notzeiten Getreide eingelagert wurde, hat keinen inneren Zusammenhang mit der Toiletten-Frage. Obwohl natürlich auch bei uns im Mittelalter Toiletten eher spartanisch ausfielen und die Fäkalien in offenen Rinnen durch die Dörfer flossen.

Grafische Darstellung in blauer Grundfarbe mit den Prozentzahlen sicherer Toiletten aus verschiedenen Staaten. Siehe hierzu die Angaben im Text.
In unserer Welt gibt es noch viel Nachholbedarf in Sachen Toiletten, das belegen auch die Zahlen aus ‚kontinete‘: Die Zeitschrift wird vom katholischen Hilfswerk ‚Missio‘ herausgegeben. (Bild: Ausriss aus ‚kontinente‘, Missio)

Das römische Öko-Klohäuschen

Aber die Ruinen des römischen Gutshofs, die fast zwei Jahrtausende überstanden hatten, belegen bis heute, dass sich die Römer nicht nur in warmen und kalten Bädern erfreuten, sondern sogar über eine Toilette mit mehreren Plätzen verfügten. Für die Toilettenspülung wurde im Römischen Gutshof – ganz modern und ökologisch – das Abwasser aus den Bädern Caldarium und Frigidarium benutzt. Was will man mehr?

Schauen wir auf die Zahlen aus ‚kontinente‘, dann wird mehr als deutlich, es gibt noch viel zu tun in unserer Welt! Somit ist es auch kein Wunder, dass es einen UN-Toilettentag gibt, an dem ganz direkt ein oft eher verschwiegenes Problem aufgegriffen wird. 4,5 Mrd. Menschen haben nach Angaben der Vereinten Nationen keine sicheren Toiletten. Somit sind 62,5 Prozent der Erdbewohner ohne sichere Sanitäranlagen. Und ganz folgerichtig sind bei 1,8 Mrd. unserer Mitmenschen die Trinkwasserquellen durch Fäkalien bedroht. Nun kann man sicherlich über die Frage je nach kulturellem Hintergrund lange streiten, was denn eine sichere Toilette sei, aber bei 892 Millionen Menschen gibt es nach Meinung der UN keinen Zweifel: Sie verrichten ihre Notdurft ganz einfach in die Umwelt. So betonen die Vereinten Nationen: „Toilets save lives, because human waste spreads killer diseases.“

"Nature is sending a message", so die Überschrift einer Veröffentlichung der Vereinten Nationen. In dieser Veröffentlichung wird auf die Bedeutung suicherer Toiletten für Mensch und Natur hingewiesen.
Die Vereinten Nationen haben sich im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung das Ziel gesetzt, dass bis 2030 alle Menschen über eine sichere Toilette verfügen. Ein ehrgeiziges Ziel, denn diese sichere Toilette fehlt heute noch 4,5 Mrd. Menschen. Kein Wunder, dass auch die natürlichen Ressourcen – wie das Trinkwasser – durch Fäkalien gefährdet werden. (Screenshot, Facebook, 20.11.18)

Wenn der Fortschritt zu den ‚alten‘ Römern führt

Die UN haben sich es zum Ziel gesetzt, dass alle Menschen bis 2030 über eine sichere Toilette verfügen, aber an der Erreichung dieses hehren Ziels darf man sicherlich zweifeln, wenn man sich die Geburtenraten in einzelnen Ländern anschaut. Natürlich können wir nur hoffen, dass sich die sanitäre Situation verbessert, und alle wirtschaftlich und sozial entwickelten Staaten müssen einen Beitrag zur Verbesserung leisten. Mögen römische Zeiten auch nicht immer goldene Zeiten gewesen sein, doch in Sachen Hygiene, bei Bädern und Toiletten waren sie so mancher Region deutlich voraus. Und dies ist nach 2000 Jahren eigentlich ein Armutszeugnis. Dank des ‚kontinente‘-Beitrags wurde mir auch wieder bewusst, dass viele unserer Selbstverständlichkeiten leider nicht allen unseren Mitmenschen zugänglich sind.

 

Zwei Toilettentüren für Damen und Herren in einem baden-württembergischen Rathaus.
Vor dem Hintergrund fehlender Toiletten in weiten Regionen unserer Welt relativiert sich die ‚bedeutungsvolle‘ Frage, ob wir in Deutschland mit Toiletten für Männlein und Weiblein auskommen oder eine dritte Tür für Unentschiedene benötigen – oder alle zukünftig das Unisex-Klo stürmen sollen. (Bild: Ulsamer)

 

Blick in die früheren Bäder des römischen Gutshofs. Die Mauern aus Bruchsteinen sind gut erhalten. Zum Teil ist der ehemalige Fußboden noch erkennbar.
Die Überbleibsel des römischen Gutshofs liegen heute zwar in einem Neubaugebiet, doch ein Besuch im Drosselweg in Rosenfeld – ca. 60 km südlich von Stuttgart – lohnt sich. Teilweise ist in den Bädern – Kalt-, Warm und Schwitzbad – sogar noch der ursprüngliche Boden erkennbar. Informationstafeln vermitteln einen guten Überblick. (Bild: Ulsamer)

 

Fachwerkgebäude mit weißem Putz im unteren Bereich und sichtbaren braunen Balken im oberen Stockwerk.
Von 1244 stammt die Alte Apotheke in Rosenfeld (Zollernalbkreis / Baden-Württemberg), und sie ist eines der hervorstechenden historischen Gebäude der Stadt. Manchmal frage ich mich schon, warum moderne Betonburgen schon nach vier Jahrzehnten als nicht mehr sanierungsfähig gelten? (Bild: Ulsamer)

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