Stuttgart: Ein Wischmopp für die Kulturschickeria!

Die „Probegrube“ vor dem Schauspielhaus wegen Regen geschlossen

Wenn man in Stuttgart von einer „Probegrube“ spricht, dann zuckt so mancher Bürger zusammen: Haben wir denn mit Stuttgart 21 nicht schon genug Baugruben? Aber gemach, gemach, die sogenannte „Probegrube“ hat nichts mit der Tieferlegung des Hauptbahnhofs zu tun, sondern ist eine Kunstinstallation vor dem Stuttgarter Schauspielhaus im Schlossgarten. Die Grube erreicht man auch nicht über eine Treppe in die Tiefe, sondern man muss nach oben steigen. „Nehmt die Stadt in Beschlag“ hatte die Stuttgarter Zeitung einen Beitrag zur Installation von Tobias Rehberger überschrieben, und nun wollten wir genau dieses tun oder uns zumindest einen eigenen Eindruck verschaffen. Doch, was ist da los? Eine rot-weiße Absperrkette! Und da prangt ein handgeschriebenes Schild: „HEUTE LEIDER FRÜHER GESSCHLOSSEN AUFGRUND VON RUTSCHGEFAHR DURCH REGEN !!!!!“

Die "Probegrube" von Tobias Rehberger mit dem Bahnhofsturm im Hintergrund -in: „Stuttgart: Ein Wischmopp für die Kulturschickeria! Die „Probegrube“ vor dem Schauspielhaus wegen Regen geschlossen“ – www.deutschland-geliebte-bananenrepublik.de
Die Kunstinstallation von Tobias Rehberger weckt schon von außen Interesse: Die aufgesprühten Motive sind den Stuttgart 21 Baugruben entlehnt, und im Hintergrund ist noch der reale Turm des Hauptbahnhofs zu sehen. (Bild: Ulsamer)

Macht Regen der Kultur den Garaus?

So ist das mit der Kunst, könnte man ausrufen, da wird diese Kunstinstallation schon geschlossen, wenn es mal regnet. Dabei wurde das ‚Kunstwerk‘ doch vom TÜV abgenommen. Aber vielleicht haben sich die Initiatoren des Projekts im Schauspielhaus einfach in der Weltregion geirrt? Sollte die „Probegrube“ gar in der Sahara aufgebaut werden? Gut, in Stuttgart haben wir so unsere Probleme mit Baugruben, und so blickt Stuttgart 21 schon auf eine 25jährige wechselvolle Geschichte zurück. Dabei geht es aber auch um viele Tunnel, Baugruben, Zugstrecken nach Ulm usw. Und bei Stuttgart 21 habe ich schon Bauarbeiter bei Regen emsig weiterarbeiten sehen. Dabei wollten wir doch gar nicht selbst Hand anlegen, sondern Tobias Rehbergers Beitrag zur aktuellen Debatte um die Stadtentwicklung kennenlernen. Von außen sind Teile der Baugrube aufgesprüht, und im Innern wohl eine Zukunftsvision für das Rosensteinquartier zu erkennen. Ja, aber nur, wenn es nicht tröpfelt.

Blaue Treppen führen zur "Probegrube" hinauf. Vorne abgesperrt mit rot-weißen Ketten.
Leicht verblüfft standen wir und weitere potentielle Besucher vor rot-weißen Absperrketten, dabei kamen wir doch während der Öffnungszeiten der „Probegrube”. (Bild: Ulsamer)

Ein Blick zum Himmel: Sonne und Wolken, seit geraumer Zeit kein Regentropfen über der „Probegrube“ mehr. Die Treppe nach oben ist ebenso trocken wie die Bodenplatten zwischen dem Schauspielhaus und der von dort initiierten „Probegrube“. Da wird doch niemand erschrocken sein, weil sich hie und da eine kleine Pfütze noch nicht in den Untergrund verabschiedet hat. Über die Kraftausdrücke, die nicht nur mir, sondern auch einem anderen potentiellen Besucherpaar entfuhren, wollen wir das Tuch des Schweigens ausbreiten. Die Hand des Mannes neben uns reckte sich langsam nach der rot-weißen Kette, und da passierte es: Es kam zwar niemand mit einem Wischmopp, um die letzten Regenspuren aufzusaugen, sondern der Mitarbeiter eines Security-Unternehmens schwang sich aus dem neben dem Zugang geparkten Fahrzeug. Freundlich erklärte er, dass der Zugang wirklich gesperrt sei und enttäuscht traten wir alle den Rückzug an.

Ein grünes Schild mit dem Text: „HEUTE LEIDER FRÜHER GESSCHLOSSEN AUFGRUND VON RUTSCHGEFAHR DURCH REGEN !!!!!“ -in: „Stuttgart: Ein Wischmopp für die Kulturschickeria! Die „Probegrube“ vor dem Schauspielhaus wegen Regen geschlossen“ – www.deutschland-geliebte-bananenrepublik.de
Leider scheint bei der Kulturschickeria keiner daran gedacht zu haben, dass es in Stuttgart auch mal regnen könnte. Und dabei hat der Himmel seit Stunden aufgeklart, die Zugangstreppe und der Boden zwischen „Probegrube” und Schauspielhaus ist trocken. Vielleicht hätte ein Wischmopp geholfen? (Bild: Ulsamer)

Security statt Wischmopp-Fee

Da frage ich mich als Steuerzahler schon, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, die Installation so zu gestalten, dass sie auch nach vorbeigezogenem Regen begehbar wäre. Vielleicht wäre es sogar preisgünstiger, einen guten Geist mit Wischmopp anzufordern, der vielleicht noch die ‚dramatischen‘ Regenspuren entfernt hätte, anstatt Security-Mitarbeiter abzustellen! Dies macht nun wirklich einen mehr als provinziellen Eindruck. Oder hätte nicht auch ein Hinweis genügt, dass man die Installation auf eigene Gefahr betrete?

Als geborener Stuttgarter kann ich mich seit einigen Jahren ohnehin nur wundern: Das Wilhelmspalais wird zum StadtPalais und die Skulptur des letzten württembergischen Königs, Wilhelm II, landet hinter dem Haus an einer abgelegenen Stelle. Hat man denn Angst vor der eigenen Geschichte? Und das frage ich, obwohl ich ganz und gar kein Monarchist bin! Doch auch mit der Zukunft ist das so eine Sache: Statt einer angedachten filigranen Fußgängerbrücke wird zwischen Landtag und dem Großen Haus des Staatstheaters ein weiterer ebenerdiger Überweg angelegt, der letztendlich nur zu weiteren Stopps der unzähligen Fahrzeuge führen wird. Aber an dieser Stelle scheinen Feinstaub & Co. keine Rolle zu spielen, obwohl nicht weit entfernt das Neckartor den Ruf erlangte, die schmutzigste Kreuzung Deutschlands zu sein. Die Liste der stadtpolitischen Merkwürdigkeiten ließe sich beliebig verlängern, dazu ein andermal mehr.

Security-Mitarbeiter statt Fee mit Wischmopp - in: „Stuttgart: Ein Wischmopp für die Kulturschickeria! Die „Probegrube“ vor dem Schauspielhaus wegen Regen geschlossen“ – www.deutschland-geliebte-bananenrepublik.de
Statt einer guten Fee – genderneutral! – mit Wischmopp eilt ein Security-Mitarbeiter herbei, der verdeutlicht, dass die Probegrube geschlossen sei, obwohl doch der Regen längst weggezogen ist. (Bild: Ulsamer)

Kulturschickeria – weltfremd?

Es dürfte schwierig werden, die „Probegrube“ auch zukünftig zu besteigen, denn an diesem Tag hatte ich den Wetterbericht detailliert gelesen, und dort wurde berichtet, dass ab 11 Uhr kein Regen mehr drohe. Wir wollten ohnehin nach einem Ausstellungsbesuch im Hauptstaatsarchiv zu Mechthild von der Pfalz, der Mitgründerin der Universität Tübingen, nicht im Regen herumlaufen. Doch selbst ein Abstecher in die Markthalle und zum Mittagessen in die Alte Planie genügten nicht, um bei der „Probegrube“ offene Tore vorzufinden. Das muss ja wirklich eine obskure Installation sein, wenn sie auch Stunden nach dem abgezogenen Regen nicht begangen werden darf. Da bin ich ja beinahe wieder mit dem Marschtempo bei Stuttgart 21 versöhnt, denn dort wird auch bei einigen Regentropfen nicht zugesperrt.

So war es uns nicht vergönnt, die vom ehemaligen Direktor der Staatsgalerie, Christian von Holst, als „Riesengewinn“ für Stuttgart bezeichnete Installation von Tobias Rehberger selbst zu begehen. Haben eigentlich weder der Intendant des Schauspielhauses, Burkhard Kosminski, noch der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn oder der IBA-Chef Andreas Hofer, die die Eröffnungsreden hielten, darüber nachgedacht, ob Steuergelder gut angelegt sind, wenn eine Installation im Freien bei Regentropfen geschlossen werden muss? Als wir vor den rot-weißen Absperrketten standen, da hätte ich mir gewünscht, dass ich den Wischmopp einem Mitglied der Kulturschickeria in die Hand hätte drücken können. Kopfschütteln über den grünen Zettel am Eingang war das wenigste was die nicht wenigen abgewiesenen Interessenten äußerten. Neue Kunstfreunde werden mit solchen Methoden ganz bestimmt nicht gewonnen.

 

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