Selbstverliebte grüne Social-Media-Tiefflieger

Muss wirklich immer alles hinausposaunt werden?

Wenn sich Franck Ribéry bei Instagram mit seinem 1200 EURO-Goldsteak brüstet, da wird man sich doch wohl mal auf dem Rücken eines Pferdes in den Anden oder Eis schleckend in Kalifornien zeigen dürfen? Und warum sollte man nicht mal kurz den Bayern oder Thüringern die demokratische Gesinnung absprechen? Ja, so könnte man fragen, was hat denn der eine Social-Media-Fehltritt mit den anderen Fettnäpfchen zu tun? Auf den ersten Blick nichts, aber dennoch sollten Nachfragen erlaubt sein.

Cem Özdemir mit Sonnenbrille, breitkrempigem Hund und ritem Poncho vor der Bergkulisse.
Cem Özdemir, der Cowboy der Anden, hatte bei seinem Post ganz vergessen, dass die Grüne Jugend den Autoverkehr um 85 % reduzieren möchte und Euro 4-Diesel-Fahrer in Städten ausgesperrt werden: Da kommt so ein Reitausflug in den Anden nicht ganz so gut. Viele seiner politischen Äußerungen schätze ich durchaus, aber in einer von den Grünen verstärkten Sensibilität für Emissionen hätte er besser die Bergwelt still genossen. (Bild: Screenshot, Facebook, 2.1.19)

Wenn Scheinheilige reisen

Da reitet der Cowboy Cem mit seiner Tochter durch die Anden und macht dies selbst via Facebook publik – und wundert sich dann über Hohngelächter: Selbstverständlich müssen führende Politiker der Grünen wie Cem Özdemir nicht im Allgäu oder an der Ostsee reiten, und dies sei ihm und seiner Tochter auch gegönnt. Das meine ich absolut nicht ironisch. Aber er muss sich schon fragen lassen, wie es denn um seinen ökologischen Fußabdruck steht? Wenn er zum Ausgleich andere fleißige Menschen Bäume anpflanzen lässt, bleibt dennoch eine erhebliche Diskrepanz zur Grünen Jugend seines Bundeslandes, denn in Baden-Württemberg will diese den Autoverkehr um 85 % reduzieren – um Emissionen zu vermindern. Na gut, er ist ja nicht mit dem Auto gefahren, sondern ist über die Wolken geglitten! Da fällt mir noch eine Anekdote ein: Im September 2010 ist Özdemir vom Stuttgarter Flughafen nach Bad Cannstatt, einem Stuttgarter Teilort am Neckar, mit dem Hubschrauber geflogen. Bei Regio TV stand eine Diskussionsveranstaltung an – und Politiker haben es eben doch eiliger als wir Normalbürger.

Nicht nur der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete der Grünen und früherer Parteivorsitzende Cem Özdemir, sondern auch die bayerische Landesvorsitzende Katharina Schulze war über den Jahreswechsel nicht mit dem Rad unterwegs, sondern schleckte ihr Eis mit einem Plastiklöffel in Kalifornien. Und genau wie ihr Parteifreund Cem wollte Katharina dieses Erlebnis der Welt nicht vorenthalten – ausgerechnet in einer Zeit, in der die Grünen sich nicht nur über Emissionen zu Recht Gedanken machen, sondern auch Plastik-Einmal-Artikel auf den Index gesetzt haben.

Robert Habeck und der Sturz aus dem grünen Olymp

Manchmal sollten Politiker vor dem nächsten Post oder Tweet kurz mal nachdenken und an dessen Wirkung bei Freunden und Gegnern denken. So hat sich Robert Habeck, seines Zeichens Ko-Vorsitzender von Bündnis90/Die Grünen im Bund entschlossen, Facebook und Twitter „Bye, bye“ zu sagen. Geradezu gekonnt hat er seinen weitgehenden Social-Media-Abgang mit dem Hackerangriff auf seine und anderer Leute Daten vernetzt, verbunden wollte ich sagen. Aber auch beim Schriftsteller Habeck liegt das Problem nicht bei den sozialen Medien, sondern bei ihm selbst. Im bayerischen Wahlkampf hatte er ganz unvermittelt zur Twitter-Attacke angesetzt: „Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern. Alleinherrschaft wird beendet. Demokratie atmet wieder auf.“ Zwar gab es anschließend eine lauwarme Entschuldigung von Habeck, doch solche Tweets erinnern mich eher an Donald Trump.

Natürlich kann man auch mal über das Ziel hinausschießen, aber dann bekam Thüringen sein Fett ab: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land.” Das ist Habeck nicht nur so herausgerutscht, sondern entstammte einem Video, das Wochen vorher vorbereitet und dann per Twitter verbreitet wurde – von den Grünen in Thüringen. Ganz übersehen hatte Habeck wohl dabei, dass seine Partei in Thüringen mitregiert. Oder ist die dortige rot-rot-grüne Regierung etwa in seinen Augen undemokratisch? Mit seinen Aussagen ist Habeck aus dem grünen Olymp abgestürzt, zu dem er sich mit den Wahlerfolgen in Bayern und Hessen hinaufgeschwungen hatte.

Robert Habeck in einem Facebook-Post. Er schreibt: „Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern. Alleinherrschaft wird beendet. Demokratie atmet wieder auf.“
Der politisierende Schriftsteller Robert Habeck hätte sich nicht nach den Bayern auch noch die Thüringer vorknöpfen sollen, indem er ihnen das Prädikat ‚demokratisch‘ missgönnte. Die Krönung ist es dann, die Schuld am Missgriff den sozialen Medien zuzuschieben: Es kommt noch immer drauf an, was man draus macht. (Bild: Screenshot, Facebook, 12.10.18)

Es kommt drauf an, was man draus macht

In seinem Blog gab Habeck dann den Zerknirschten: „Offenbar triggert Twitter in mir etwas an: aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter zu sein – und das alles in einer Schnelligkeit, die es schwer macht, dem Nachdenken Raum zu lassen. Offenbar bin ich nicht immun dagegen.“ So ist das mit Politikern: die eigenen Fehler werden dem Medium zugeschrieben. Früher wurde über die Journalisten gemeckert, die etwas aus dem Zusammenhang gerissen hätten, jetzt liegt es an Twitter oder Facebook. Würden wir dieser scheinheiligen Argumentation folgen, dann müssten wir Donald Trump auch seine Tweets verzeihen. Vielleicht lässt sich der US-Präsident ebenfalls nur so mitreißen und meint das gar nicht so? Diesen Eindruck habe ich allerdings nicht. Und wenn ich meine eigenen Äußerungen in den sozialen Medien lese, dann würde ich diese Aussagen bestimmt in gleicher Weise im persönlichen Gespräch äußern. Dazu fällt mir der alte Spruch zum Beton ein: „Es kommt drauf an, was man draus macht!“. Ist dies nicht auch bei den sozialen Medien so?

Nun nochmals zurück zum eingangs erwähnten Franck Ribéry, der einkommensmäßig in einer anderen Kategorie spielt als die drei erwähnten grünen Politiker. Deshalb verschlingt er auch gerne mal ein vergoldetes Steak. Und seine Antwort auf Kritiker ist deutlich drastischer ausgefallen, doch ein Profi-Fußballer soll ja auch schnell laufen und nicht schnell denken. Dennoch ist er ebenfalls ein Musterbeispiel für den Irrglauben, dass die ganze Welt gerne beim Verzehr eines goldenen Steaks dabei sein möchte – oder eben beim Eis schlecken oder beim Reiten.

Eisbecher mit Plastiklöffel in einer Hand. Der Instagram-Text macht deutlich, dass Katharina Schulze das Eis verspeist.
Wenn schon ein Eis nach einem Interkontinentalflug, dann doch nicht mit einem Plastiklöffel! An den Emissionen des Gesamttrips hätten Löffel und Becher zwar wenig geändert, und Katharina Schulze sei es gegönnt, dass sie dem Schmuddelwetter entflohen ist, aber etwas mehr politische Sensibilität hätte nicht geschadet. (Bild: Screenshot, Instagram, 7.1.19)

Mal still genießen

Nicht die sozialen Medien sind das Problem, sondern der Eindruck mancher politischen, gesellschaftlichen oder sportlichen Promis, dass sie uns alles mitteilen müssten. Dies ist aber nicht so.

„Ihr Dekolleté,
– zu viel Information
Seine OP,
– zu viel Information
Dein großer Zeh,
– zu viel Information,
Für mich zu viel Information …“

… meinte Annett Louisan in ihrem Song und kam zu dem Schluss

„Woll’n wir das wissen müssen? (oh oh oh oh)
Woll’n wir das wissen müssen?
Nein, woll’n wir nicht“

Ein goldenes Steak auf einer Platte, am Tisch Franck Ribéry in einem Kurzarm-Shirt.
Hoffentlich hat Franck Ribéry vom FC Bayern das goldene Steak geschmeckt. Zu den stillen Genießern gehört er leider nicht, ansonsten hätte er dieses Mahl auch nicht mit der Welt geteilt. Protzen mag zu seinem Lebensstil gehören, aber seine Ausfälle gegenüber Kritikern, die ich hier nicht wiederholen möchte, schlugen dem Fass den Boden aus. (Bild: Screenshot, Instagram, 6.1.19)

Würde Franck Ribéry im trauten Kreis Gleichgesinnter sein goldenes Steak verdrücken – keinen hätte es gestört. Gleiches gilt, wenn grüne SpitzenpolitikerInnen ein Eis mit Plastiklöffel in Kalifornien genießen oder über die Anden traben.

Franck Ribéry hat den Vorteil, dass seine Fans ihm spätestens nach dem nächsten Tor verziehen haben. In der Politik sitzt der Frust allerdings tiefer, denn da werden Autofahrer mit ihrem geliebten Euro 4 Diesel aus Städten ausgesperrt, auch wenn sie sich kein neues Auto leisten können – und hier geht es je nach Diskussionslage mal um einige Mikrogramm Feinstaub oder Stickoxid. Im Vergleich zu den Emissionen bei Interkontinentalflügen könnte sich der eine oder andere Bürger dann doch auf den Arm genommen fühlen. Da lobe ich mir den grünen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg, denn Winfried Kretschmann geht eher in deutschen Landen wandern oder schreibt ein Büchlein mit dem für die CDU brandgefährlichen Titel „Worauf wir uns verlassen wollen. Für eine neue Idee des Konservativen“.

Vielleicht sollten wir uns erinnern: waren es nicht die Grünen, die uns über unseren ökologischen Fußabdruck belehrten? Werden nicht zeitgleich zu ihren Interkontinental-Ausflügen Autos mit einer zu niedrigen Euro-Norm aus Städten ausgesperrt? Gibt es etwa gute und schlechte Emissionen? Vielleicht je nach Parteifarbe?

Manche PolitikerInnen und andere Promis sollten ganz einfach mal still genießen – was auch immer. Ohne die Welt via Twitter, Facebook oder Instagram daran teilhaben zu lassen. Und schon hätten sie weniger Gegenwind.

 

 

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