Schafe, Ziegen und Rinder fordern Ohrmarken für Bürokraten

In Deutschland und der EU kommt das Tierwohl zu kurz

Alle reden über die Digitalisierung, doch was die Politikerinnen und Politiker damit meinen, behalten sie zumeist in nebulösen Satzgebilden für sich oder sie machen sich wie die CSU-Staatsministerin Dorothee Bär im Lufttaxi auf den Weg in die Zukunft. Dieses Gefährt nutzt den Schafen, Ziegen und Rindern jedoch wenig, denen man auf äußerst brutale Weise große Ohrmarken verpasst. Aber, so würden die EU-Bürokraten einwerfen, sie haben jetzt doch zumindest eine Ohrmarke zu tragen, die sich elektronisch auslesen lässt. Und dies auch, wenn sie bei Lämmern vor der Fahrt zum Schlachthof angebracht und nach wenigen Stunden nur dort – und letztmalig – ausgelesen wird. So vermuten nicht nur irische Schafzüchter, dass es weder um die Rückverfolgung zum Schafzuchtbetrieb geht, sondern um die Verwaltungsvereinfachung für die Schlachtindustrie. Aber so ist das wohl auch gedacht! Industrielle Landwirtschaft zielt auf das Abgreifen von EU-Subventionen und günstiges Fleisch für den täglichen Konsum ab, da spielen die Tiere – und oft auch kleinere bäuerliche Betriebe – keine Rolle.

Schwarze Kuh mit weißem Gesicht und schwarzumrandeten Augen mit zwei großen gelben Ohrmarken.
Ohrringe sind zwar bei weiblichen und männlichen Zweibeinern Mode, aber werde würde wohl gerne mit solchen Bürokratie-Ungetümen herumlaufen? (Bild: Ulsamer)

Die Ohrmarken – eine Schnapsidee der Bürokraten

Nun aber vom Schlachtbetrieb nochmals einen Schritt zurück zu den Tieren. Tragen Rinder, Ziegen und Schafe keine Ohrmarken, dann können sie nicht verkauft, geschlachtet und ihr Fleisch in den Vertrieb gebracht werden. Selbstredend gibt es auch hier eine Ausnahme: Zehn EU-Staaten mit weniger umfänglichen Beständen an den genannten Tieren „können für weniger als zwölf Monate alte Schlachttiere, die weder für den innergemeinschaftlichen Handel noch für die Ausfuhr in Drittländer bestimmt sind, ein vereinfachtes System der Kennzeichnung nach Partien zulassen.“ Wenn es der EU um die Gesundheit der Menschen und die Bekämpfung von Tierseuchen geht, dann wäre eine solche Ausnahmeregelung nach meiner Meinung unzulässig: Die Sicherung der Gesundheit muss doch für alle Bürgerinnen und Bürger innerhalb der EU in gleichem Maße gelten. Und ob Tierseuchen wissen, wo die Landesgrenze ist? So wichtig kann die Rückverfolgbarkeit zum Zuchtbetrieb dann doch nicht sein oder haben Sie jemals davon gehört, dass in diesen Staaten Verbraucher ihre Gesundheit eingebüßt hätten, weil sie Fleisch von einem Tier ohne Ohrmarke gegessen hätten?

So ist das eben, wenn Bürokraten auf ihrem bequemen Bürostuhl abstruse Ideen entwickeln und weder in Deutschland noch in der EU die Parlamente einen Schwachsinn wie riesige Ohrmarken in zum Teil kleinen Ohren verhindern. Vielleicht sollten alle, die diesen Unsinn bis heute verteidigen, mal solche Ohrmarken tragen! Doch diese Herrschaften reden nur über Tiere, im Grunde sind sie für diese Damen und Herren lediglich zu verwaltende Sachen –  vergleichbar mit dem Gerede über die Auskömmlichkeit von Hartz IV-Sätzen bei einem Bundesminister wie Jens Spahn: Keine Ahnung von der Realität, aber fleißig Phrasen dreschen.

Schaf mit hellem Fell und ausgfranstem Ohr.
‚Jetzt erfülle ich nicht mehr die EU-Verordnungen‘, könnte das Schaf klagen, und Schmerzen hatte ich auch noch: Zuerst beim Einsetzen der Ohrmarken und dann auch noch als ich sie mir beim Offenhalten der Kulturlandschaft ausgerissen habe. (Bild: Ulsamer)

Der Mikrochip würde Schmerzen ersparen

Ausgerechnet im Zeichen der Digitalisierung müssen weiterhin Rinder, Schafe und Ziegen Qualen erdulden, wenn sie die Ohrmarken eingesetzt bekommen. Und ein echter Fortschritt ist auch die elektronische Lesbarkeit einer Ohrmarke nicht. Irgendwie erinnert mich die digitale Ohrmarke an das im Koalitionsvertrag von Union und SPD proklamierte digitale Zahnbonusheft. Die von uns gestaltete digitale Zukunft hatte ich mir anders vorgestellt. Der richtige Schritt bei der Kennzeichnung von Tieren wäre ein unter die Haut eingepflanzter Mikrochip gewesen, den auch viele Hunde tragen, wenn sie über Grenzen in Urlaub reisen. Statt die Nerven in den Ohren von Wiederkäuern zu durchtrennen, Blutungen und teilweise Vereiterungen hervorzurufen, wäre ein Mikrochip in Reiskorngröße schnell unter die Haut verbracht – einer Impfung vergleichbar. Für die Schaf-, Ziegen und Rinderbesitzer wäre dies sicherlich leicht zu erledigen, denn sie greifen bei allerlei Krankheiten notgedrungen sowieso selbst zur Spritze.

Mutterschaf umgeben von drei Lämmern im irischen Kerry.
Leider, leider wandern viele Jungtiere in die Schlachthöfe, aber warum müssen sie für die letzte Fahrt auch noch eine elektronische Ohrmarke verpasst bekommen? In Irland kämpfen die Schafzüchter gegen die Vorgabe, dass die Ohrmarke ab Herbst elektronisch sein muss: Sie vermuten, dass der fleischverarbeitenden Industrie die Arbeit zu Lasten der Schäfer erleichtert werden soll. (Bild: Ulsamer)

Erspart bleiben vielen Tieren riesige Perforationslöcher in den Ohren, wenn sie sich bei der Futtersuche im langen Gras oder Gestrüpp eine oder beide Ohrmarken ausreißen. Da werden viele Agrar-Bürokraten natürlich entsetzt ausrufen: Was machen diese Viecher denn auch im Freien auf so einer ‚gefährlichen‘ Weide? Die gehören doch in einen klinisch sauberen Stall! Ach, das habe ich mal wieder ganz vergessen, das Leben der meisten Tiere spielt sich im Zeichen der industriellen Landwirtschaft ja ohnehin im Stall ab. Nach meiner Meinung gehören jedoch möglichst viele Tiere – vom Huhn über Schafe und Ziegen bis zu den Rindern – an die frische Luft, und da haben viele Vierbeiner Probleme mit den Aushängeschildern der Bürokratie, den gelben Ohrmarken. Weidetiere sind wichtig für den Erhalt unserer Kulturlandschaft, so äußern sich viele Politikerinnen und Politiker – zumindest wenn sie den Wolf als Feind ins Visier nehmen! Doch gerade Weidetiere, die sich im Auftrag des Naturschutzes mit dem Freihalten von Wiesenflächen abmühen, verletzten sich schnell, wenn sie sich mit den Ohrmarken in Büschen verfangen, denen sie ja den Garaus machen sollen.

Helle Ziege mit braunen Ohren und gelben Ohrmarken knabbert an einem Busch.
So ist das mit der Politik: Alle reden vom Erhalt der Kulturlandschaft, doch in Deutschland gibt es keine Weidetierprämie, die die oft kärglichen Einkünfte von Schaf- und Ziegenhaltern aufbessern könnte. Und auch den Tieren wird nicht geholfen: Sie müssen Ohrmarken tragen statt einem implantierten Mikrochip. Keiner der Bürokraten, die immer wieder solchen Unsinn aushecken, möchte wohl mit einer Ohrmarke im Gebüsch unterwegs sein – wie diese eifrigen Ziegen auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg. (Bild: Ulsamer)

Rückverfolgung bis zum Erzeuger anders regeln

In der Landwirtschaft dominieren längst die Verordnungen der Europäischen Union (EU), doch richtet sich meine Kritik auch an die nationalen Parlamente der EU-Staaten. Auch diese könnten und müssten auf eine Abschaffung der Ohrmarken drängen und so ein Umdenken in der EU anstoßen. Weit gefehlt, kann ich da nur sagen, denn 2014 fand ein entsprechender Vorstoß im Bundesrat keine Mehrheit. Auch Landwirte, die wie 2013 Hermann Maier aus dem baden-württembergischen Balingen, gegen die Ohrmarken-Pflicht kämpfen und gerne Mikrochips einpflanzen wollen, führen – wie Don Quixote bisher einen Kampf gegen Windmühlenflügel.

Selbstverständlich möchte auch ich wissen, wo meine Nahrungsmittel erzeugt werden, doch ist es nicht merkwürdig, dass in den meisten Kühltheken beim Metzger Schaffleisch aus Neuseeland liegt, einem Land, das keine Ohrmarken vorschreibt? Das deutsche oder EU-Schaffleisch lässt sich dank der Ohrmarken und umfänglicher Dokumentationspflichten zwar bis zum Zuchtbetrieb nachverfolgen, doch was nutzt dies, wenn die Marktmacht der Neuseeländer größer ist?

Ziegen im Biosphärengebiet Schwarzwald auf einer Weide am Waldrand. Sie halten den Aufwuchs niedrig und sichern so die Kulturlandschaft.
Wir brauchen eine Neuorientierung auch bei der Kennzeichnung von Schafen, Ziegen und Rindern. Wer das Tierwohl ernst nimmt, der wird auf einen Mikrochip setzen, der schmerzlos unter die Haut eingesetzt werden kann. Diese Ziegen hätten es dann zumindest leichter, den Aufwuchs auf einer Weidefläche im Biosphärengebiet Schwarzwald  zu dezimieren. (Bild: Ulsamer)

Das Tierwohl in den Mittelpunkt rücken

Die Innovationskraft der EU-Bürokraten lässt als Ersatz für eine Ohrmarke auch eine Fußfessel zu, die jedoch nicht weniger problematisch ist. Auch Schafe und ihre Beine wachsen nämlich! Wenn ich das lautstarke Diskutieren um elektronische Fußfesseln für Gefährder oder Freigänger auf zwei Beinen verfolge, dann wundere ich mich schon, warum das Tierwohl immer so gering eingeschätzt wird.

Es ist an der Zeit, liebe Politikerinnen und Politiker, in Deutschland, in den EU-Staaten und der EU-Bürokratie für die Schafe, Ziegen und Rinder auf die Barrikaden zu gehen und die Ohrmarken durch Mikrochips zu ersetzen. Hier brauchen wir Ansätze für eine fortschrittliche EU-Politik der kleinen Schritte und nicht ständig das Palaver über Emmanuel Macrons EU-Visionen. Die uns Menschen anvertrauten Tiere brauchen jetzt Verbesserungen und keine visionären Ergüsse. Und so richtig auf den Keks gehen mir Einwände von Besserwissern, denen das Leid der Tiere egal ist, und die dann ins Feld führen, wenn ein Wiederkäuer im Schlachthof landet und der Mikrochip nicht gefunden wird, dann sei das Fleisch für den menschlichen Verzehr nicht mehr zugelassen. Bei allen Kennzeichnungsmethoden kann man ein Haar in der Suppe finden, doch auch die Schafe, Ziegen und Rinder sollten uns am Herzen liegen! Wenn alles gutes Zureden nicht hilft, dann sollten alle Bürokraten, die Ohrmarken für unverzichtbar halten, diese mal selbst beim Fußball- oder Handball, beim Wasserball oder Judo, beim Skifahren oder unter dem Fahrrad- oder Motorradhelm selbst tragen. In Windeseile wären dann die Ohrmarken Schnee von gestern.

Zwei Schafe mit hellem Fell auf einer Weide mit hohem Bewuchs. Neben ihnen ein steinernes Kreuz.
Diese Schafe im Südwesten Irlands tragen zum Erhalt der Kulturlandschaft bei. Aber auch die Schafe in Kerry – wie ihre Artgenossen in anderen EU-Staaten – reißen sich immer wieder die Ohrmarken am Bewuchs aus. Mit Stechginster, Heidekraut, Binsen oder Farn hatten die EU-Bürokraten bei der Festlegung auf Ohrmarken wohl nicht gerechnet. (Bild: Ulsamer)

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