Ryanair: Schlange stehen als Geschäftsmodell

Wie Michael O’Leary die Pünktlichkeit davonflog

Das waren ja noch Zeiten, als die Maschinen von Ryanair pünktlich starteten und – dank der üppig bemessenen Zeiten im Flugplan – mit Fanfarenklängen vor der Zeit landeten! Service war zwar schon immer ein Fremdwort, aber der Flugpreis war niedrig und wenn man schon Schlange stand, dann ging es auch alsbald los. Ganz anders erleben wir das zunehmend heute: Flüge werden relativ kurzfristig um mehrere Stunden verschoben, die Unpünktlichkeit klebt an den Tragflächen der irischen Billigflieger, die längst nicht mehr so günstig sind. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Ryanair heute mehr mit so manchem Zug der Deutschen Bahn verbindet als mit dem wirtschaftlichen und konzeptionellen Überflieger der frühen Jahre. Verspätungen schienen beim großspurig auftretenden CEO O’Leary gar nicht im Wortschatz vorzukommen. Nach eigenen Statistiken liegt Ryanair noch immer gut im Rennen, aber vielleicht liegt dies auch an der erwähnten Flugplangestaltung. Ich kann jedoch nicht leugnen, dass ich von einem überzeugten Ryanair-Passagier – von Gast möchte ich nicht sprechen – zu einem Kritiker geworden bin.

Lange Schlange unterschiedlich gekleideter Menschen.
Warteschlangen sind das Markenzeichen von Ryanair. (Bild: Ulsamer)

Meine Geduld ist überstrapaziert

Warum sitze ich dann ausgerechnet an meinem Geburtstag dennoch in einem Flugzeug von Ryanair, als ich diese Zeilen schreibe? Weil nur noch Ryanair die Strecke Stuttgart – Dublin abdeckt: Aer Lingus, ebenfalls aus Irland und heute als Teil der International Airlines Group letztendlich zur Familie von British Airways gehörend, hatte die Segel auf dieser Route gestrichen, besser die Flügel eingeklappt, als sich der Konkurrent breit machte. Und nun findet sich die Verbindung ab dem 1. Juli auch nicht mehr bei Ryanair im Flugangebot. Es hat mit marktwirtschaftlichen Vorgängen absolut nichts mehr zu tun, wenn es nur noch darum geht, die Konkurrenz auszubooten, das Angebot sich dann aber für die Kunden nicht verbessert, sondern verschlechtert. Es ist an der Zeit, dass Fluggesellschaften zur Rechenschaft gezogen werden, die Landerechte nur ergattern, um Konkurrenten zu schaden – und sich dann vom Acker machen! Laudamotion, inzwischen auch von Ryanair übernommen, bietet Flüge von Stuttgart nach Dublin ab Juli ebenfalls nicht mehr an – so zumindest nach einem aktuellen Blick in die Flugziele.

„Thanks for your patience“, meint der Flugkapitän, in diesem Moment aus dem Cockpit, denn noch immer sitzen wir in Dublin fest. Der Flieger war ohnehin in Dublin erst angekommen, als wir eigentlich starten sollten, dann hat EUROCONTROL – so der Pilot – keinen Slot frei, und schon sind wir 90 Minuten zu spät. Die Europäische Organisation zur Sicherheit der Luftfahrt kann als zentrale Koordinierungsstelle der Luftverkehrskontrolle natürlich auch nicht für jeden Nachzügler prompt ein Plätzchen am Himmel finden. Jetzt verkündet der Pilot, er müsse noch auftanken. Da frage ich mich schon, warum ich Geduld zeigen soll. Aber eines wird der Kapitän schon schaffen: wir werden so rechtzeitig abheben, dass Ryanair weder für Verköstigung sorgen noch eine Entschädigung bezahlen muss. Das gibt uns dann die Chance, hoffentlich noch Stuttgart zu erreichen, ehe dort das Nachtflugverbot eine Landung verhindert. Ja, so sitzen wir im Flieger, die Geduld ist aufgezehrt, aber das kümmert bei Ryanair sicherlich niemanden.

Auf einer dunklen Anzeigetafel steht 'Ryanair' mit dem Flug nach Stuttgart um 18.10. Die Zeit zeigt bereits 18.08, doch weit und breit kein Flugzeug.
Der Hinweis, man werde bald mit dem Boarding beginnen, erklang in Dublin schon mal ein Stündchen zu früh: Die Mitarbeiterinnen verschwanden dann wieder. Los gings für uns dann zwei Stunden zu spät. (Bild: Ulsamer)

Zukunftsfähiges Geschäftsmodell?

Zum Glück ging ja eine neue Crew an Bord, die hatten wohl schon geahnt, dass es mal wieder etwas länger dauert. Heute Morgen hatte uns unsere Landlady im B&B schon gewarnt, dass ihre Familie in jüngster Zeit mit Ryanair ein Verspätungsdebakel nach dem anderen erlebt habe, aber wir waren noch optimistisch. Der Goodwill früherer Ryanair-Zeiten schmolz zwar dahin, ein Rest war jedoch noch vorhanden. Je öfter wir mit Ryanair fliegen – auch die Strecke von Hahn im Hunsrück in den irischen Südwesten (Kerry Airport) fliegt als einzige Gesellschaft Ryanair – desto verwunderter bin ich allerdings über den Zerfall der Verlässlichkeit und den Verlust des letzten bisschen an Gastlichkeit.

Die beiden Giebelwände des Film-Schulhauses ragen in den Himmel, im Vordergrund eine steinige Weide, im Hintergrund Dumore Head, der westlichste Zipfel Europas.
Dem Zerfall preisgegeben ist das Schulhaus aus dem Film ‚Ryan’s Daughter‘ nur noch eine traurige Ruine. Im Hintergrund ist Dunmore Head, der westlichste Punkt Europas, zu sehen. Tony Ryan, der verstorbene Namensgeber der Fluggesellschaft, erwarb das Grundstück einst mit der Filmkulisse, doch dann ließ er diese verrotten. (Bild: Ulsamer)

Apropos Kerry: Zwar hat es nichts mit der Fluggesellschaft selbst zu tun, doch der Firmengründer und Namensgeber Tony Ryan erwarb dort einst am Slea Head Drive ein Fake-Schulhaus, das im Film ‚Ryan’s Daughter‘ eine wichtige Rolle spielte – und ließ die malerische Kulisse verrotten! Hoffentlich kein böses Omen für das Geschäftsmodell, das Michael O’Leary unter Ryans Namen entwickelte und zum Erfolg führte. Wenn ich mir das heutige Geschäftsgebaren anschaue – und es erlebe -, dann kommen mir kräftige Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des Unternehmenskonzepts.

Menschen stehen auf einer Treppe an, daneben steht das
Direkt an der Fluggastbrücke geht es in Stuttgart über eine Metalltreppe zum Ryanair-Flugzeug. Warum denn bequem, wenn es etwas billiger auch mit Trepp auf-Trepp ab geht. (Bild: Ulsamer)

Passagiere und Personal als lästiges Übel?

Jetzt nähern wir uns – noch in Dublin am Boden – der ersten Verspätungsgrenze für Fluggastrechte in der EU: Nach zwei Stunden müssten wir eigentlich Getränke erhalten. Aber das wird wohl nichts. Und im Ernst: ich bezahle lieber für mein Getränk und fliege gen Deutschland. Bezeichnend für eine Fluggesellschaft ist aber nicht nur, wie sie mit ihren Fluggästen umspringt, sondern auch ihr jahrlanger Kampf gegen Betriebsräte – und die skandalöse Taktik, möglichst viele Piloten als Selbständige zu bezeichnen und das Kabinenpersonal über andere Gesellschaften zu beschäftigen. Ich dachte immer, man landet hinter Gittern und nicht in der Luft, wenn man bei der Scheinselbständigkeit überzieht.

Unser Flieger hat bei wohlwollender Betrachtung eine Minute vor der Zweistundengrenze in Dublin abgehoben, dafür musste der Pilot aber mit Vollgas zur Startposition brettern. Und eigentlich sollten wir zu diesem Zeitpunkt in Stuttgart landen, doch wir sehen gerade noch die letzten Lichter der irischen Hauptstadt im Abenddunst verschwinden – und ich habe bereits jetzt das Gefühl, ich hätte direkt auf dem Sitzgestänge Platz genommen. Wenn ich da an bequeme Autositze denke, die es inzwischen auch in den kleinsten Mietwagen gibt, dann frage ich mich schon, wo man solche Flugzeugsitze produziert. Sicherlich wird das Flugzeug am späten Abend nochmals gebraucht, denn es geht zackig los. Nicht nur ich habe den Eindruck, dass der Lärm deutlich höher liegt als sonst. Bei Erreichen der Flughöhe pendelt sich der Krach wieder ein, aber bei mir setzt sich der unschöne Gedanke fest, dass Passagiere und Personal nur ein notwendiges Übel bei der Gewinnmaximierung sind.

Eine grün-weiße Maschine von Aer Lingus rollend am Boden, in der Luft einschwebend ein Flugzeug von Ryanair.
Ryanair wurde auf der Strecke Stuttgart – Dublin zum Überflieger und Aer Lingus strich die Segel. Doch nun gibt auch Ryanair diese Verbindung auf. So stelle ich mir die Marktwirtschaft nicht vor. (Bild: Ulsamer)

Service als Fremdwort

Frappierend ist es schon, dass immer behauptet wird, wir würden in einer Dienstleistungsgesellschaft leben, beim Fliegen mit Ryanair allerdings wird bewiesen, dass man auch mit der gegenteiligen Grundhaltung zum Platzhirsch werden kann. Und wie immer röhren neben Michael O’Leary noch andere Geweihträger, doch wo ist der Servicegedanke bei Ryanair und ähnlich gestrickten Unternehmen geblieben? Als Kunde hat man auf manchen Strecken einfach keine andere Möglichkeit, sich für mehr Service gegen ein höheres Entgelt zu entscheiden, weil es keine Konkurrenz gibt. Ganz so habe ich mir die Marktwirtschaft am Himmel nicht vorgestellt. Im Übrigen, dies möchte ich auch anmerken, versuche ich so wenig wie möglich zu fliegen.

Der Autor Lothar Ulsamer mit Mütze an einem Fensterplatz ohne Fenster in einem Ryanair-Flieger.
Ryanair: Ein Fensterplatz ohne Fenster. Früher gab es keinen Hinweis auf diese Einschränkung, doch jetzt wird bei der Buchung auf diese Tatsache hingewiesen. Auch ein Erfolg des kritischen Beitrags in meinem Blog. (Bild: Ulsamer)

Geradezu lächerlich ist es, wenn an Flugplätzen, bei denen bequem über Fluggastbrücken eingestiegen werden könnte, die Passagiere über eine metallene Außentreppe direkt neben dem ‚Finger‘ hinunterklettern, dann zum Flugzeug laufen und wieder hochsteigen. Da erklingt in meinen Ohren fast wie von selbst Frank Raymond mit seinem Songtext „Zum Flieger ging’s zu Fuß, den letzten Rest geschwommen.” Sparsamkeit in Ehren, doch so geht das nicht! Und wirklich schneller lässt sich das Flugzeug auch nicht mit uns ‚Gästen‘ befüllen, wenn hinten und vorne eingestiegen werden kann, aber vorher die Stahltreppe überwunden werden muss. Besonders skurril ist die Tatsache, dass Passagiere, die ‚Priority‘ gebucht haben, am längsten in Stuttgart bei Regen, wahlweise auch bei Schneegestöber, im Freien warten, da sie ja zuerst dran sind. Mit hochgeschlagener Kapuze konnten wir schon mehrfach beobachten, wie aus dem angekommenen Flieger die Fluggäste aussteigen und noch schnell der Müll entsorgt wird, ehe man den unbequemen Ausguck verlassen darf. Vielleicht könnte Ryanair Klappstühlchen verkaufen, die dann bei Platzmangel in allerlei Schlangen für Bequemlichkeit sorgen könnten. Sie sollten sich aber auch auf Treppen aufstellen lassen.

Zwei Flugzeuge in Dublin auf dem Rollfeld, die einander passieren.
Ryanair hat sich mit der Negierung des Servicegedankens zum Platzhirsch unter den Billigfliegern in Europa entwickelt. (Bild: Ulsamer)

Wachstum nicht bewältigt

Um nicht missverstanden zu werden: Ich sehe das Paradies für Flugpassagiere nicht in vergangenen Zeiten, wo wir nur ab Frankfurt nach Dublin fliegen konnten und dafür happige Preise zu entrichten hatten. So sah ich auch in Ryanair ein Momentum, das Fliegen erschwinglich macht. Gleichzeitig betonte Ryanair anfänglich zurecht, dass er mit einer modernen Flotte pro Passagier weniger Schadstoffe ausstoße als große Teile der Konkurrenz. Meine ökologischen Bedenken blieben dennoch, und so verzichten wir seit Jahr und Tag auf Interkontinentalflüge. Aber den einen oder anderen Flug nach Irland oder ins europäische Ausland wollten wir dennoch unternehmen.

Es mag vielen gleichgültig sein, doch ich möchte gerne von einer Fluggesellschaft transportiert werden, die Passagiere und Personal als wichtige Faktoren in ihr Geschäftsmodell einbezieht. Und dazu gehört beides: etwas Service für die Fluggäste und angemessene Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nicht vergessen werden darf, dass alles getan werden muss, um die ökologische Belastung auch beim Fliegen bestmöglich zu berücksichtigen. Dabei bin ich mir bewusst, dass sich diese Anforderungen auf die Ticketpreise niederschlagen werden. Das müssen wir dann hinnehmen. Gleiches gilt ja auch für den Kauf möglichst nachhaltig und ökologisch erzeugter Nahrungsmittel. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass ich meine Wahl aus einem vielfältigen Angebot gerade bei Nahrungsmitteln – und unterschiedlichen Anbietern – treffen und dann auch die Fairness-Karte ziehen kann. Ganz anders auf so mancher Flugroute: Da heißt es fliegen und sich ärgern oder gleich zu Hause bleiben.

Ryanair muss aus meiner Sicht bei seinen Leistungen nachbessern, wenn der massenhafte Erfolg nicht als Bumerang das Unternehmen treffen soll. Reserven bei Flugzeugen und Crews würden auch zahlreiche Flugausfälle wie im Jahr 2018 und Verspätungen verhindern. Und bei aller Rationalisierung, das Anstehen auf Metalltreppen im Außenbereich von Flughafenterminals und das Zusammendrücken ganzer Passagiergruppen auf minimalem Platz in Wartezonen sollte der Vergangenheit angehören. Ich würde zu gerne Michael O‘Leary mal in einer der endlosen Schlangen treffen, die er mit seinem Geschäftsmodell hervorruft, doch sicherlich fliegt er lieber mit dem Privatjet.

 

Menschen stehen an, daneben ein Schild mit orangener Farbe und dem Aufdruck 'Bon voyage'.
‘Bon voyage‘: Dieses Mal Anstehen bei der Ausweiskontrolle in Stuttgart. Leider gab es auf der Anzeigetafel keinen Hinweis, dass der Ryanair-Flug verspätet sei und dass daher die Bundespolizei auch erst später ihre Kabäuschen beziehen würde. (Bild: Ulsamer)

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