Rheinisches Braunkohlerevier: Wenn die Heimat weggebaggert wird

Braunkohleabbau zerstört Dörfer und schadet der Umwelt

Die Auswirkungen des Klimawandels werden immer deutlicher, seien es Starkregen und Dürreperioden oder der Temperaturanstieg, und die Politik diskutiert über die notwendige Reduktion des klimaschädlichen Gases CO2, doch gleichzeitig fressen sich die gewaltigen Bagger im Rheinischen Braunkohlerevier weiter ins Agrar- und Kulturland hinein. Menschen müssen wie vor 40 Jahren, als meine Frau und ich das Braunkohlerevier zwischen Aachen und Köln erstmals besuchten, ihre Heimat verlassen, ganze Friedhöfe werden verlegt und unter Denkmalschutz stehende Kirchen abgerissen, um die Braunkohle in riesigen Tagebauen zu fördern. Irgendwie kamen wir uns wie in einer verkehrten Welt vor, denn wie passen die Erweiterung der Abbaugebiete und der Klimaschutz zusammen? Wie kann es sein, dass Deutschland der größte Abbauer von Braunkohle ist und gleichzeitig die selbst aufgelegte Messlatte bei der Reduzierung von CO2 reißt?

In der Tiefe graben die Schaufelradbagger die Kohle ab, die dann mehrere hundert Meter höher direkt im Kraftwerk verfeuert wird.
Tiefer und tiefer graben sich die Bagger in die Erde, um an die Braunkohle zu kommen. Damit verbunden ist auch die Absenkung des Grundwasserspiegels um bis zu 500 Meter. Die Braunkohle wird aus dem Tagebau direkt ins Kraftwerk befördert. (Bild: Ulsamer)

Kein Recht auf Heimat

Innerhalb der letzten vier Jahrzehnte hat RWE als Betreiber der Tagebaue – früher war es Rheinbraun – in Öffentlichkeitsarbeit und Ausgleichsmaßnahmen einiges dazugelernt, denn damals mussten meine Frau, die eine Arbeit zur Braunkohleförderung für ihr zweites Staatsexamen schrieb, und ich noch die besten Plätze für einen Einblick in die Riesenlöcher, die beim Abbau der Braunkohle entstehen, selbst suchen, doch heute hat die PR-Abteilung von RWE Aussichtsplattformen – Skywalk – geschaffen und entsprechend ausgewiesen. Die offensive Öffentlichkeitsarbeit hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass der Widerstand gegen den Abriss ganzer Dörfer minimal ist. Und ein Übriges haben Gerichte auf allen Ebenen in Deutschland getan, die ein Recht auf Heimat durch das Grundgesetz nicht für abgedeckt halten und damit den Baggern freie Fahrt sicherten.

Auch die Rekultivierung von Tagebauflächen oder die Schaffung neuer Seen – wie den Blaustein-See – oder gar die Bepflanzung einer Außenkippe des Hambacher Tagebaus mit dem anheimelnden Namen Sophienhöhe tragen zu einer auf den ersten Blick recht positiven Einschätzung bei. Ja, wären da nicht die CO2-Emissionen, die bei der Verbrennung der Braunkohle zur Stromgewinnung entstehen, das Freisetzen weiterer Giftstoffe – wie Quecksilber -, das dramatische Absenken des Grundwasserspiegels, das Verschwinden von Kulturlandschaft. Trotz allen Geredes über die regenerative Energieerzeugung, noch immer stammen in Deutschland 23 % des Stroms aus der Braunkohle. Und die Dauer-Bundeskanzlerin Angela Merkel, die der Kernkraftindustrie in einem eigenwilligen Schwenk gewissermaßen den Atom-Hahn zudrehte, kam auch zum Start in ihre vierte Amtsperiode nicht zu einem Endpunkt für die Verstromung von Braunkohle, sondern setzte mal wieder eine Kommission ein. So funktioniert der Klimaschutz ganz gewiss nicht.

An einer grüne Haustür prangt der Schriftzug "Heimat" und daneben "Kohleausstieg NOW".
Nur an einer Haustüre in Immerath fanden wir einen Hinweis auf die Heimat, die die Bewohner verlassen mussten. Widerstand erscheint vielen Bürgerinnen und Bürgern sinnlos, da die bisherigen Gerichtsentscheidungen ihnen keinen Mut machten, sondern die Position der RWE stärkten. (Bild: Ulsamer)

Auch der Immerather Dom wurde zerstört

Doch nun zurück nach Immerath, einem Stadtteil von Erkelenz, der in diesen Tagen seine letzten Einwohner verliert. Fast alle der ehemals 1 500 Bürger haben ihre Heimat bereits verlassen und haben Bett und Tisch nun in Immerath (neu) aufgeschlagen. Die verstorbenen Vorfahren wurden bereits exhumiert und umgebettet, so finden sich auf dem Friedhof nur noch wenige Gräber. Es ist schon gespenstisch, über einen Friedhof zu gehen, der bereits seiner Toten beraubt wurde. Noch nachdenklicher stimmte es mich, die zugemauerten Fensterhöhlen an den restlichen Häusern zu sehen, die sich demnächst die Abbruchtrupps vornehmen. Zugemauerte Fenster zur Straßenfront erinnerten mich an die frühere DDR-Grenze, ganz speziell an die Bernauer Straße in Berlin.

Der Ort Immerath ist jedoch bereits weitgehend verschwunden, die Bagger haben ganze Arbeit geleistet und auch die unter Denkmalschutz stehende St. Lambertus-Kirche mit ihren zwei Türmen nicht verschont. Die Immerather hatten ihre Kirche als Dom bezeichnet, auch dies macht die Verbindung vieler Menschen zu ihrer nun abgerissenen Kirche deutlich. Die Empörung hält sich dennoch in Grenzen, und so mancher Hausbesitzer scheint froh zu sein, jetzt in einem neuen Haus zu wohnen und besser an die Stadt Erkelenz angebunden zu sein. Aktivisten von außerhalb, so z.B. von Greenpeace, verfügen vor Ort über keine nennenswerte Basis. Sie hielten für einige Stunden die Zerstörung des Doms auf oder blockierten die Arbeiten im Hambacher Forst für einige Tage, doch der Widerstand gegen Umsiedlung und Zerstörung der Landschaft ist gering, dies wurde auch in verschiedenen Gesprächen deutlich.

Nur noch wenige Backsteinmauern sind vom Immerather Dom zu sehen.
Von der Kirche St. Lambertus mit ihren zwei Türmen, die die Gläubigen liebevoll als ihren Dom bezeichneten, ist nur noch die Bodenplatte übrig. Archäologen wollen hier noch Spuren älterer Vorgängergebäude sichern, ehe auch die letzten Reste der Kirche in der Baggerschaufel verschwinden. (Bild: Ulsamer)

Auch archäologische Rettungsgrabungen stehen meist unter Zeitdruck, denn die Bagger rücken immer näher, doch Befürworter des Abbaus betonen, ohne die Tagebaue wären viele Hinterlassenschaften unserer Vorfahren gar nicht zum Vorschein gekommen. Und ganz unrecht haben sie damit natürlich auch nicht. Verwunderlich ist es für mich dennoch, wie zügig Gebäude wie der Immerather Dom von der Landkarte verschwinden, obwohl sie unter Denkmalschutz stehen. Und jetzt suchen die Archäologen unter dem Boden des Doms nach Relikte früherer Bauten. Bei verschiedenen Projekten, die ich vorangetrieben habe, ging es in Gesprächen mit Denkmalschützern dagegen um einen Hydranten oder ein kleines Betonmäuerchen oder auch eine nicht mehr baulich vorhandene Raketenabschussbasis oder einen ebenso wenig erkennbaren Sportplatz der französischen Truppen auf der Schwäbischen Alb. Zum Glück ließen sich auch hier Kompromisse finden, daher möchte ich mich auch nicht beklagen, aber im Umfeld von Braunkohletagebauen scheint nichts heilig zu sein.

Die Tagebaue Garzweiler, Hambach und Inden verändern die Landschaft nicht nur auf tausenden von Hektar an der Oberfläche, sondern inzwischen haben sich die Riesenbagger so tief in den Boden gegraben, dass das Grundwasser bis zu 500 Meter tief abgepumpt werden muss.

Aus rotem Backstein wurde die Kirche in Keyenberg gebaut, doch bald wird auch sie abgerissen.
Bis Mitte der 2020er Jahre soll auch Keyenberg, ein Ortsteil der Stadt Erkelenz, geräumt werden, denn dann sollen die Schaufelradbagger aus dem Tagebau Garzweiler bis hierhin vordringen. Und wenn sie nicht doch noch durch politische Entscheidungen gestoppt werden, dann wird auch die Heilig-Kreuz-Kirche aus dem 19. Jahrhundert dem Immerather Dom folgen und zu Staub zerfallen. Die Nachfolge der drei Kirchen in Keyeneberg, Kuckum und Berverath wird im Übrigen eine Kapelle mit 80 Sitzplätzen einnehmen, obwohl alleine die Heilig-Kreuz-Kirche 550 Gläubige fasste, aber es werden eben immer weniger Kirchgänger. Über 800 Einwohner verlieren ihre Heimat, und schon jetzt stehen in vielen Hofeinfahrten Mulden, in denen Teile der Hauseinrichtung landen werden. Und ausgerechnet an der Kirche ist der Plan mit den Vormerkungen für die Grundstücke in Keyenberg neu angeschlagen. (Bild: Ulsamer)

Vom Tagebau zum See

Zwar wird versucht, die größten Schäden durch oberflächig zugeführtes Wasser zu lindern, doch viele Feuchtgebiete sind ausgetrocknet, die Wurzeln von Bäumen tun sich schwer, ans überlebenswichtige Nass zu gelangen, und viele Gebäude werden durch Bodensetzungen beschädigt, ganz zu schweigen von der Landwirtschaft.

Wasser spielt aber nicht nur während des Abbaus der Braunkohle eine wichtige Rolle, sondern die ausgekohlten Tagebaue sollen nach derzeitigem Diskussionsstand in Seen verwandelt werden. Das ursprünglich vorgesehene Verfüllen der Tagebaue würde deutlich mehr kosten und letztendlich würde es wohl auch an Material zum Aufschütten fehlen. Die Dimensionen der geplanten Seen sind gewaltig: Der See im Tagebau Inden würde in etwa dem Tegernsee in Bayern entsprechen. Wenn der Hambacher Tagebau nach Entnahme der Kohle und Ablagerung des Deckmaterials geflutet wird, dann würde dieses Gewässer in Deutschland nur noch vom Bodensee übertroffen werden, an den Baden-Württemberg und Bayern, Österreich und die Schweiz angrenzen. In Hambach beträgt die Abbautiefe bis zu 470 Meter. Nur zum Vergleich: der Bodensee bringt es lediglich auf 250 Meter.

Eine Bank läd vor dem Blaustein-See, der balu schimmert, zum Verweilen ein.
Der relativ kleine Blaustein-See ist ein gutes Beispiel dafür, dass durchaus nach dem Abbau der Braunkohle Naturschutz- und Erholungsgebiete entstehen können. (Bild: Ulsamer)

Im Gegensatz zum Bodensee, den hauptsächlich der Rhein be- und entwässert, verfügen die geplanten Seen in den Tagebauen weder über einen Ab- noch einen Zufluss. Letzteres wird dazu führen, selbst wenn Wasser aus dem Rhein oder der Rur (einem Nebenfluss der Maas und nicht zu verwechseln mit der Ruhr) umgeleitet würde, dass die Seen erst um 2 100 vollständig gefüllt wären. Seen ohne natürlichen Zu- und Abfluss bringen auf Dauer selbstredend neue Herausforderungen mit sich, doch können sie auch einen touristischen Reiz ausüben und der Naherholung dienen. Davon konnten wir uns im ehemaligen Abbaugebiet bei Halle überzeugen. In Zeiten des Klimawandels, der mit durch das Verbrennen von Kohle hervorgerufen wird, könnten solche Seen sicherlich auch als Wasserreservoir für Dürreperioden dienen, auch an ein Pumpspeicherwerk wurde bereits gedacht.

Wo der (Fein-) Staub rieselt

Eine Verfüllung der Tagebaue würde die ursprünglichen Agrarflächen wiederherstellen, doch müsste dafür in großem Stile nochmals Material bewegt werden, denn es macht ja keinen Sinn z.B. die Sophienhöhe, die sich zu einem Paradies für Wanderer entwickelt, wieder abzutragen. Innerhalb der Tagebaue wird natürlich versucht, das Deckgestein über Transportbänder gleich wieder in einen bereits entkohlten Bereich des Tagebaus zu verbringen und dort mit der Rekultivierung zu beginnen, doch wenn jährlich rd. 100 Mio. Tonnen Braunkohle abgebaut werden, dann ergibt sich ein entsprechendes Defizit beim Material. Und an den (Fein-)Staub möchte ich nicht denken, der beim Umsetzen solch gewaltiger Schüttmengen entstehen würde.

Nachdem der Feinstaub bei städtischen Fahrverboten eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, hier noch einige Anmerkungen zum Feinstaub aus Tagebauen. Einer unserer Gesprächspartner schilderte uns die Situation in seinem Bad, denn dort könne er jeden Tag bei entsprechender Windrichtung den Staub mit der Hand abwischen. Und wo sich der gut sichtbare Staub niederlässt, da ist auch der Feinstaub nicht weit. So ist es nicht verwunderlich, dass das Landesumweltamt in Nordrhein-Westfalen erhöhte Feinstaubwerte in und um Tagebaue feststellte. Als Gegenmaßnahmen wurde das Anpflanzen von Bäumen in bereits rekultivierten Teilen der Tagebaue vorgeschlagen, und dies scheint auch erfolgt zu sein. Ob weitere Vorbeugeaktivitäten, wie das schnellere Begrünen von Brachflächen und die Befestigung von Transportwegen gegriffen haben, das kann ich nicht beurteilen, doch konnten wir bei allen Fotoaufnahmen immer einen Dunstschleier feststellen.

Geiseltalsee inSachsen-Anhalt: Im Vordergrund die Landungsbrücke mit einer Mole und dem Hinweisschild zur EU-Förderung.
Wenn die Verfüllung der Tagebaue weitere Probleme schafft, denn das Material müsste teilweise zugefahren werden, dann bietet sich das Fluten an. Dieses dauert zum Teil zwar 50 Jahre und mehr, doch es können Seen entstehen, die Natur und Mensch neue Möglichkeiten bieten. Im Bild der Geiseltalsee in der Nähe von Halle in Sachsen-Anhalt. Er ist nicht nur der größte See dieses Bundeslandes, sondern auch der größte künstliche See Deutschlands. Dort hinterließ die DDR eine zerstörte Umwelt, doch mit erheblichem finanziellen Aufwand gelingt es zunehmend, die übelsten Missstände zu beheben – und nach einer achtjährigen Flutung sind auch schon Segelboote unterwegs. (Bild: Ulsamer)

Neue Technologie könnten Abbauzeitraum verlängern

Beim Kraftwerk Neurath in Grevenbroich lässt sich besonders gut die Tendenz erkennen, neue Kraftwerkstechnologie einzusetzen, um die Emissionen zu vermindern. Damit verbunden ist auch eine höhere Effizienz der Anlagen, und dies würde – wenn die Politik nicht anders entscheidet – sogar noch eine Verlängerung der Abbau-Zeiträume ermöglichen. Dies käme den Betreibern entgegen und natürlich auch den Arbeitskräften. So beschäftigt die Braunkohle im Rheinischen Revier rd. 11 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, eine nicht zu unterschätzende Wählergruppe. Nicht nur CDU und FDP gehörten bisher zu den Blockierern eines Ausstiegs aus der Braunkohle, sondern gerade auch die SPD, vielleicht auch im Schwitzkasten der Gewerkschaft IG Berbau, Chemie, Energie

Aber nicht nur ganze Dörfer werden umgesiedelt, sondern auf Kosten von RWE wurden und werden auch Autobahnen wie die A 44 und die A 61 verlegt. Als Stromkunde frage ich mich dann schon, wie die Preisgestaltung beim Strom in Deutschland erfolgt, wenn solche Zusatzkosten getragen werden können. Aber bei den Strompreisen führt uns ja auch die Politik wie an einem Nasenring durch die Manege: wären nicht ständig neue politisch motivierte Belastungen auf den eigentlichen Erzeugerpreis aufgeschlagen worden, dann hätte Strom in den letzten Jahren billiger werden können und müssen. Würde man die externen Kosten, die z.B. durch Umweltbelastungen bei der Braunkohleverstromung entstehen, aufschlagen, dann wäre der Braunkohlestrom nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nicht wettbewerbsfähig. Aber letztendlich wäre dies wohl auch egal, denn von einem Markt im eigentlichen Wortsinne kann hier eh nicht gesprochen werden, da politische Einflussnahme dominiert. So schreibt RWE „Braunkohle ist der einzige subventionsfreie heimische Energieträger“, und mag dies auch stimmen, so sind die Auswirkungen des Braunkohletagebaus – natürlich auch in den neuen Bundesländern – gewaltig und die externen Kosten sind eben nicht eingeflossen.

Kühltürme und Kamine recken sich gen Himmel. Wasserdampf steigt auf. Im Vordergrund ein Getreidefeld.
Die Modernisierung des Kraftwerkparks – wie hier in Neurath – vermindert die Emissionen bei der Verfeuerung von Braunkohle für die Stromerzeugung, doch dadurch würden die Kohlevorräte auch noch für einen längeren Nutzungszeitraum ausreichen. Hier sollte die Politik jedoch einen Riegel vorschieben, denn die Reduktion der CO2-Emissionen lässt sich in Deutschland nur erreichen, wenn auch keine Braunkohle mehr verstromt wird. (Bild: Ulsamer)

Offensive Öffentlichkeitsarbeit

Einen guten Einblick in den Tagebau Inden bekommen alle Besucherinnen und Besucher, die den Indemann erklimmen, eine 36 Meter hohe Stahlkonstruktion mit durchaus künstlerischer Anmutung. Rund 5 Millionen EURO hat ihn sich die RWE kosten lassen, und beim Aufstieg wird ganz deutlich darauf hingewiesen, dass 7 400 Menschen alleine hier den Braunkohlebaggern weichen mussten. Die offene Darstellung der notwendigen Veränderungen halte ich in unseren Tagen für wichtig, und ich selbst habe mich bei der Realisierung eines Prüf- und Technologiezentrums im baden-württembergischen Immendingen an der Donau ebenfalls Transparenz und Offenheit in der Kommunikation verschrieben.

Der Aussichtstum Indemann hat die Form eines Menschen oder Roboters. Er wurde aus dunklem Stahl errichtet.
Vom Indemann, einer 36 Meter hohen Stahlkonstruktion unweit der Abbruchkante, haben die Besucherinnen und Besucher einen guten Einblick in den Tagebau Inden. Beim Aufstieg war der Hinweis nicht zu übersehen, dass alleine für diesen Tagebau 7 400 Menschen ihre Dörfer verlassen mussten. (Bild: Ulsamer)

Allerdings klingen manche Aussagen auf RWE-Informationstafeln dann doch etwas aus der Zeit gefallen: „Moderner Brennstoff mit Geschichte“ – geschichtsbehaftet durchaus, aber modern? Und ins Zweifeln komme ich bei „Braunkohle. Energieträger mit Zukunft“. Ich weiß zwar nicht, welche Möglichkeiten zukünftige Technologie bieten, um Kohle als Energieträger zu nutzen, doch unter den heutigen Voraussetzungen halte ich den Ausstieg aus der Kohleverstromung für zwingend.

Der Skywalk, eine Konstruktion aus hellem Metall streckt sich über die Abbruchkante. Mehrere Menschen betrachten den Tagebau.
Vom „Skywalk” aus haben die Besucherinnen und Besucher einen guten Überblick über den Tagebau Garzweiler. Dies ist ein Beitrag zur Information, den die RWE hier leistet, aber die Grundsatzfrage, ob die Verstromung von Braunkohle noch in unsere Zeit des Klimawandels passt, müssen Gesellschaft und Politik beantworten. (Bild: Ulsamer)

Ausstieg aus der Braunkohleverstromung zwingend

Auch die geschilderten Eingriffe in gewachsene Gemeinschaften und in die Natur können nur zu dem Schluss führen, dass das Zeitalter der Braunkohleverstromung sich längst dem Ende zugeneigt hat. „Tagebaue sind sowohl Auslöser als auch Zeugnis des wirtschaftlichen und sozialen Wandels einer Region“, um nochmals RWE zu zitieren. Das Rheinische Braunkohlerevier braucht eine durchgreifende Umstrukturierung, und in Maßen ist diese auch erkennbar, allerdings genügt es nicht, wenn Logistikzentren wie Pilze aus dem Boden schießen. Und zu den Ergebnissen der Kohlekommission darf es auch nicht gehören, den Strukturwandel im Braunkohlerevier mehr oder weniger zu Tode zu fördern: Das Ruhrgebiet macht auf unrühmliche Weise deutlich, wohin es führt, wenn überreichlich Subventionen über das Land ausgegossen werden, eine klare und umsetzbare Zukunftsperspektive aber fehlt.

Die Veränderungen in der Agrar- und Kulturlandschaft halte ich bei der Umsetzung entsprechender Ausgleichsmaßnahmen, für hinnehmbar, doch die Umsiedlung ganzer Dorfgemeinschaften passt nicht mehr in unsere Zeit. Für fragwürdig halte ich daher auch zahlreiche Gerichsentscheidungen, die die rechtliche Grundlage dafür bilden, dass die Schaufelradbagger weiter die Landschaft vertilgen dürfen, um an die Braunkohle zu kommen, die häufig unter dicken Deckschichten verborgen ist. Zumeist liegt das Verhältnis von Kohle zu Gestein/Erde bei 1 zu 6. Dieses nicht gerade gute Massenverhältnis lässt sich mit Abstand am meisten C02“auch beim Blick in die mehrere hundert Meter tiefe Tagebaue leicht erkennen: schwarze Kohleschichten machen sich rar.

Der Friedhof ist weitgehend ohne Gräber. Auf dem Foto ist noch ein steinernes Kreuz zu sehen, ansonsten braune Erde statt der früheren Gräber.
Auch vor Friedhöfen machen die Schaufelradbagger auf der Jagd nach der Braunkohle keinen Halt, daher wurden die Verstorbenen bereits überwiegend umgebettet. (Bild: Ulsamer)

Wer den Klimawandel in den Griff bekommen möchte, der muss zügig aus der Förderung und Verstromung von Braunkohle aussteigen. „Mit über 1 000 Gramm Kohlendioxid (CO2) spezifischer Emissionen bei der Bereitstellung einer Kilowattstunde (kWh) Strom entsteht bei der Verbrennung von Braunkohle mit Abstand am meisten CO2“, schreibt der NABU unter der Überschrift „Schlechteste Bilanzen aller Energieträger“. Es genügt nicht, wenn sich die Bundesregierung unter Angela Merkel zum Pariser Klimaabkommen bekennt, doch zu Hause fleißig Braunkohle verfeuern lässt. Wir brauchen die Neuorientierung jetzt! Der Ausstieg aus der Braunkohle ist zwingend, wenn Deutschland die selbst gesteckten Reduktionsziele beim Kohlendioxid – wenn auch verspätet – doch noch erreichen will.

 

Schaufelradbagger werden von Bürgern besichtigt.
40 Jahre und kein bisschen klüger? 1978 haben wir dieses Foto aufgenommen: Schaufelradbagger stehen im Rheinischen Braunkohlerevier zum Einsatz bereit. Und sie rollen und rollen. Dörfer müssen weichen und weiterhin wird Braunkohle verfeuert, um Strom zu erzeugen, als hätte niemand etwas vom Klimawandel gehört. (Bild: Ulsamer)

 

Ein Schaufelradbagger direkt auf der schwarzen Schicht aus Braunkohle,
Gewaltige Schaufelradbagger räumen Deckschichten weg und holen Braunkohle aus mehreren hundert Metern Tiefe – wie hier im Tagebau Hambach im Rheinischen Revier. (Bild: Ulsamer)

 

Alle Fenster an diesem zweistockigen Gebäude sind bereits zugemauert.
Die Umsiedlung ganzer Dörfer gehört noch immer zu den brutalen Folgen – besser Voraussetzungen – des Braunkohleabbaus. Bald werden die letzten Einwohner Immerath verlassen haben. Zugemauerte Fenster sichern Gebäude bis zum Abbruch. (Bild: Ulsamer)

 

Bagger vor einem Abrissgebäude.
Der kleine Bruder macht der Wohnbebauung den Garaus, ehe die bis zu 8 000 Tonnen schweren Schaufelradbagger auf der Suche nach Braunkohle die Deckschichten abräumen. (Bild: Ulsamer)

 

Gelbes Verkehrsschild mit dem Hinweis auf fünf in Umsiedlung befindliche Ortschaften.
Irgendwie makaber: Auf diesem Hinweisschild finden sich gleich fünf Ortsnamen mit dem Zusatz „neu“, und dies obwohl sie wie Keyenberg dem Bagger noch nicht zum Opfer gefallen sind. Aber die Umsiedlung in den jeweiligen Gemeinden läuft bereits. (Bild: Ulsamer)

 

Ein Absetzer verfüllt mit nicht mehr benötigtem Material.
Absetzer verfüllen Teile des Tagebaus wieder, um das Material aus den Deckschichten wieder unterzubringen. Doch dann sind manche Dörfer längst Geschichte. (Bild: Ulsamer)

 

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