Polnischer Wisent: Kaum in Deutschland – schon abgeknallt

Tierische Reisewarnung für Deutschland

Langsam aber sicher ist es schon zum Verzweifeln: Kaum überquert ein seltenes und geschütztes Wildtier die deutsche Grenze, da fällt ein Schuss und es ist Schluss! So endete mein Blogbeitrag „Feuer frei auf Wölfe, Bären, Luchs und Biber?“ mit der Erwartung, dass Einsicht einkehrt: Ich erinnerte an Bruno, den Bären aus Italien, der in Bayern im öffentlichen Auftrag liquidiert wurde, aber auch den jüngst im baden-württembergischen Schwarzwald erschossenen Wolf. „Ich hoffe sehr“, so der Schlusssatz, „dass die nächsten Zuwanderer auf vier Pfoten eine bessere Aufnahme finden.“ Aber weit gefehlt: Nicht nur Wildtiere mit scharfen Zähnen haben in Deutschland nichts zu ‚lachen‘, sondern auch pflanzenfressende Huftiere. Seinen Ausflug aus Polen nach Brandenburg bezahlte ein Wisent mit seinem Leben. Ein Tag in deutschen Landen und schon abgeknallt und dies auch noch im amtlichen Auftrag.

Meine Güte, sind wir zwei aber froh, dass wir geschützt hinter einem Zaun im Wildgehege des Nationalparks Bayerischer Wald leben. Früher, da wollten wir gerne ausgewildert werden, aber wenn wir dann von einem Amtsdirektor à la Friedemann gleich als Gefahr für „Leib und Leben“ angesehen werden, dann bleiben wir lieber hier. Besser nicht ganz so frei, dafür aber am Leben. (Bild: Ulsamer)

‚Fachlicher‘ Rat vom Brandmeister

Ohne jede Rückfrage bei übergeordneten Behörden oder gar im Nachbarland Polen beauftragte Amtsdirektor Heiko Friedemann  Jäger mit dem Abschuss des zotteligen Bullen. In Polen war er für sein friedliches Umherziehen bekannt, wobei er auch Dörfer nicht aussparte. Selbst mit Namen hatten unsere Nachbarn den Wisent bedacht: „Gozubr“ oder „Nasz Zubr“ (unser Wisent)  oder „Zubr Wedrowniczek“ nannten sie ihn, und gerade der letzte Name – wandernder Wisent – unterstreicht, dass er seit Jahren bekannt und beliebt war. In polnischen Medien erschienen zahlreiche Fotos des Wisents, den Spaziergänger oder Dorfbewohner immer wieder fotografiert hatten.

Aber kaum hatte er ‚illegal‘ die Grenze überschritten und seine Hufe auf die Erde Märkisch-Oderlands gesetzt, da holte der Amtsdirektor fachlichen Rat ein und dies beim Amtsbrandmeister! Ich dachte immer, der kümmert sich um Brandeinsätze oder Hilfe bei Überschwemmungen, aber nein, dieser erkannte, so der Amtsdirektor von Lebus, „möglicherweise eine Gefahr“ (rbb-Fernsehen). Hoffentlich verstehen der Amtsdirektor und sein Brandmeister mehr von anderen Themen, ansonsten wird mir angst und bange.

Endlich ein Wisent zum Abschießen? „Bis der Waidmann zur Stelle war, wurde der Stier von der Polizei beobachtet und das Umland vor Schaulustigen abgesperrt. Auf Anweisung des Ordnungsamtes erlegte der Jäger das Wisent“, so „jagderleben – Des Jägers bestes Web-Revier“. Mancher ‚Waidmann‘ wäre auch besser im ‚web‘ unterwegs als in der freien Natur! Geradezu unglaublich ist für mich der nächste Satz: „Bislang ist unklar, woher das Tier stammt.“ Woher denn wohl, wenn es Wisente gleich nach der polnischen Grenze gibt. Und weiter geht es: „Ein Halter konnte nicht ausfindig gemacht werden.“ Na, das dürfte bei Wildtieren öfter vorkommen oder wer ist der Halter von Wölfen und Bären, von Luchsen und Wildkatzen – oder diesem Wisent -, die ganz ohne ‚Halter‘ in Deutschland auftauchen. Meint „jagderleben“ dies eigentlich ernst? Apropos: Selbstredend brauchen wir Jäger in unseren Wäldern, aber vielleicht sollte doch bei einigen in Sachen Naturschutz nachgeschult werden. (Bild: Screenshot, „jagderleben“, 22.9.2017)

Strafverfolgung ist zwingend

Und auch die „Lausitzer Rundschau“ berichtete über Friedemanns fachliche Erkenntnisse: „Ich hab da kein Abwägungsermessen, sondern Leib und Leben geht vor.“ Ein friedlich umherziehendes Rind, und dies ist ein Wisent nun mal, zur akuten Gefahr zu stilisieren, die nur mit dem finalen Todesschuss abgewendet werden kann, das ist schon ein ‚Meisterstück‘ aus dem Tollhaus. Der Wisent wird auch als europäischer Bison bezeichnet: Vielleicht haben Amtsdirektor und Amtsbrandmeister zu viele Western gesehen? Bisons wurden in den damaligen US-Staaten gerne abgeschossen, um den Indianern die Lebensgrundlage zu entziehen. Aber eigentlich sollten wir heute eine positive Einstellung zu Wildtieren haben, auch wenn sie bis zu einer Tonne Lebendgewicht auf die Waage bringen.

Beim Auftrag zum Abschuss eines streng geschützten Tieres handelt es sich um eine Straftat, die verfolgt werden muss. So kann ich es nur begrüßen, dass der WWF Strafanzeige gestellt hat. „Die Abschussfreigabe eines streng geschützten Tieres ohne ein ersichtliches Gefährdungspotential ist eine Straftat“, begründet WWF-Vorstand Naturschutz Christoph Heinrich den Schritt. „Nach über 250 Jahren ist ein Wisent in Deutschland gesichtet worden und alles was dem Ordnungsamt einfällt, ist der Abschuss.“ Und der WWF führt in einer Pressemitteilung weiter aus: „Gefahren für die öffentliche Sicherheit gehen von einem wildlebenden Wisent nicht aus. Dass das artspezifische Verhalten von Wisenten für den Menschen keine Bedrohung ist, haben sowohl in Polen als inzwischen auch in Deutschland erfolgreich durchgeführte Projekte mit wildlebenden Wisenten gezeigt.“

Lieber Herr Amtsdirektor, welche Art von Natur haben Sie denn im Sinn, wenn Sie im Grußwort Ihrer Internet-Seite schreiben: „Das Amt Lebus, das im Herzen des historischen Lebuser Landes liegt, ist auch durch die NaturFreunde Internationale weltweit bekannt geworden. Auserkoren zur Landschaft des Jahres 2003/2004, fand im Juni 2003 die Proklamation in Lebus statt.“ Gehört ein Wisent etwa nicht zur Natur? Ob es Touristen anzieht, wenn ein friedliches Wildtier abgeschossen wird, das wage ich dann doch zu bezweifeln. Und die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland vertieft es auch nicht! (Screenshot, „amt-lebus.de“, 22.9.2017)

Zusätzlich zur Strafverfolgung wäre aber auch die sofortige Beurlaubung und spätere Entlassung des Amtsdirektors wichtig, ehe er weiteren Schaden anrichtet. Vielleicht ‚erkennt‘ er noch ganz andere Gefahren beim ‚illegalen‘ Grenzübertritt? Und wer weiß schon, ob jeder zwischen vier Pfoten, vier Hufen oder zwei Beinen unterscheiden kann!

Entsetzen in Polen

„In Polen ist das Entsetzen über den Abschuss groß“, so „Focus online“, und dies in Zeiten, in denen es auf politischer Ebene eh nicht zum Besten steht mit unseren so wichtigen deutsch-polnischen Beziehungen.

Ganz klar ist mir auch nicht, welche Gefahr für die Bewohner der Region um Lebus durch den Wisent drohte. Auch bei einer kleinen Internet-Recherche konnte ich keine Berichte finden, die auf die Angriffslust umherziehender Wisente hindeuten. Ein Wisent kann ja wohl auf deutscher Seite nicht gefährlicher sein als auf polnischem Gebiet. Sicherlich wäre noch Zeit gewesen, bei den polnischen Nachbarn nachzufragen oder zum Beispiel das Umweltministerium zu kontaktieren – und gibt es in dieser Region keine Naturschutzverbände?

So idyllisch präsentiert sich das Amt Lebus im Internet. Da hätte der friedliche Riese aus Polen nicht auf das „Willkommen“ hereinfallen sollen. Für Wisente gilt die Einladung wohl nicht. Ich habe einen seiner polnischen Kosenamen mal ins Internet eingegeben und selbst in Baskisch heißt dies „Schatz“. (Bild: Screenshot, „amt-lebus.de“, 22.9.2017)

Naturschutz nur Augenwischerei?

Bestürzend ist es für mich, dass Wisente in Polen frei umherziehen können, ohne dass Panik ausbricht. Bären und Wölfe leben in verschiedenen europäischen Staaten, aber kaum in Deutschland, da fallen sie Gewehren – sei es im amtlichen Auftrag oder illegal – zum Opfer. Andererseits versuchen Politik und Behörden den europäischen Wildtierkorridor in Planungen einzubringen, und auch private Bauherren setzen den Gedanken in ihren Projekten um, Wildtieren eine Wanderung zu ermöglichen. So ist dies z.B. beim Bau eines Prüf- und Technologiezentrums der Daimler AG in Immendingen an der Donau geschehen. Das Gelände wird durch eine 180 bis über 300 m breite Wildtierpassage durchschnitten, die  über 30 Hektar an Fläche umfasst.

Etwas merkwürdig mutet es mich an, wenn Amtsdirektor Friedemann im Vorwort der Homepage des Amt Lebus schreibt: „Das Amt Lebus, das im Herzen des historischen Lebuser Landes liegt, ist auch durch die NaturFreunde Internationale weltweit bekannt geworden. Auserkoren zur Landschaft des Jahres 2003/2004, fand im Juni 2003 die Proklamation in Lebus statt.“ Schön wäre es natürlich, wenn in der Lebuser „Landschaft“ auch geschützte Wildtiere unterwegs sein könnten, ohne dass ein Schuss ihr Leben beendet.

Wildbrücken über Autobahnen, Wildtierpassagen, Flora-Fauna-Habitat-Flächen (FFH), Nationalparke und Biosphärengebiete sind für den Schutz der Natur, von Tieren und Pflanzen von größter Bedeutung. Aber ein sinnvolles Ganzes wird nur aus den Naturschutzaktivitäten in Deutschland, wenn es gelingt, auch Wildtieren wie Wisent, Wolf, Bär, Luchs und Wildkatze ein Lebensrecht zu sichern.

 

 

4 Antworten auf „Polnischer Wisent: Kaum in Deutschland – schon abgeknallt“

  1. Amtsenthebung oder Versetzung in die Poststelle für
    Heiko Friedemann!

    Welch eine peinliche Gestalt, die da ein friedliches, grasfressendes,
    wunderschönes Tier erschießen lässt.

    Herr Friede-Mann, ihr Name ist Hohn, sie wissen nicht was sie tun!

    In tiefer Verachtung!

    UB

  2. Erst 2016 wurde eine Wanderin am Rothaarsteig von einem dieser „ach wie friedlichen“ Wisente angegriffen, welche Irre Naturschützer dort freigelassen haben. Wildtiere sind immer unberechenbar, und wenn sellbe mehrere hundert Kilo wiegen, brauchen die keine „scharfen Zähne“ um eine Gefahr darzustellen. Wenn etwas passiert ist das Geschrei groß , wird Gefahrenabwehr betrieben genauso…
    Wir sind seit dem 16.Jahrhundert sehr gut ohne Wisente ausgekommen, warum „müssen“ die heute hier wieder leben? Die Welt verändert sich dauernd, eas verlangt ja auch keiner das Säbelzahntiger oder Saurier heute wieder hier leben sollen, obzwar ich mir da bei Peta und anden Irren nicht so ganz sicher bin.

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