Parys Mountain: Einst größte Kupfermine der Welt

Heute ein Industriedenkmal der besonderen Art

Schon vor fast 4000 Jahren, in der Bronzezeit, gruben unsere Vorfahren in Wales nach Kupfer und wurden in Parys Mountain in Nordwales auf der Halbinsel Anglesey fündig. Der eine oder andere von Ihnen kam auf dem Weg nach Irland vielleicht schon mal ganz in der Nähe vorbei, ohne diesen geschichtsträchtigen Ort bei Amlwch (ausgesprochen: Amloch) zu besuchen. Auch unser Ziel war oft die Fähre, die in Holyhead nach Dublin startet, aber auch Sie sollten Ihre Fahrt dort mal unterbrechen! Wir haben diesen Zwischenstopp nicht bereut.

Eine Flasche Whisky als Belohnung

So richtig los ging es mit dem großflächigen Abbau von Kupfererz aber erst im 18. Jahrhundert. Nachdem der Begriff Rekultivierung in diesen Zeiten ein Fremdwort war – und nicht selten in Großbritannien bis heute ist -, haben wir nun den Vorteil, ein imposantes industriegeschichtliches Zeugnis besuchen zu können. Nahezu unverändert hat sich der Abbaubereich bis heute erhalten, auch die Pflanzen haben kaum eine Chance, sich auszubreiten – eine Folge der giftigen Hinterlassenschaften in Wasser und Boden.

Vor 200 Jahren schufteten in diesem Tagebau – dem Great Opencast – am Parys Mountain die Arbeiter mit Schaufel und Spitzhacke. (Bild: Ulsamer)

Als Rowland Pugh 1768 die „Great Lode“ fand, da erhielt der Bergmann eine Flasche Whisky zur Belohnung und auf Lebzeiten Wohnrecht in einem typischen Bergarbeiter-Reihenhaus, 4×5 m groß, ohne Fenster, ohne Toilette!  Kupfer wurde zum Lebenselexier der Region um den Parys Mountain und ließ Amlwch aufblühen, heute ist der Ort wirtschaftlich unterentwickelt. Aber in den 1780er Jahren entstand dort das größte Kupferbergwerk der Welt, dessen Produkte für einige Zeit den Weltmarkt beherrschten.

Kupferplatten schützen Schiffe

Die ersten Bergleute in vorgeschichtlicher Zeit schürften, ausgestattet mit Geweihstangen von Hirschen oder Strandkieselsteinen als Werkzeug, Kupfer als Grundstoff für die Herstellung von Bronze, wobei das gleichfalls benötigte Zinn in Cornwall gefunden wurde. Im 18. Jahrhundert ging es dagegen u.a. um Kupferplatten, die die hölzernen Schiffe der britischen Flotte vor den zerstörerischen Schiffswürmern, dem Besatz mit Seepocken bzw. Entenmuscheln und dem Bewuchs mit Algen schützen sollten. Admiral Nelsons Schiffe hielten nicht nur länger, sondern sie waren dank dieser Technik auch schneller, was 1805 in der Seeschlacht bei Trafalgar mit zum Sieg der englischen Flotte beigetragen hat.

Aber längst ging es nicht nur um die Gewinnung von Metall, sondern auch um Beiprodukte wie Ockerpigmente, Schwefel, Vitriol oder Alaun. Die Giftküche war perfekt und bedrohte nicht nur damals die Gesundheit der Arbeitenden, sondern verhindert auch bis heute wegen des hohen Säuregehalts und allerlei toxischer Stoffe einen Bewuchs mit Pflanzen. Nach einem Besuch des früheren Minenbereichs kann ich Phil Carradice von der BBC nur zustimmen, der schrieb: „They remain the best (or worst) example of industrial devastation in Wales.“ Und irgendwie hat man – wie auch er betont – das Gefühl, nicht in Wales, sondern auf dem Mond zu sein. (Copper Kingdom at Parys Mountain, 9.2.2012)

Diese kleine Eidechse überlebt im unwirtlichen Abraumgestein. (Bild: Ulsamer)

Wenn die Natur selbst dafür sorgt, dass die Abbauzone, die ober- und unterirdisch viele Hektar umfasst, von Pflanzenwachstum „verschont“ bleibt und die Menschen über Jahrhunderte nicht an die Rekultivierung dachten, dann entsteht ein Industriedenkmal der besonderen Art.

Vom Kupferboom zum Niedergang

Nun aber zurück in die große Zeit des walisischen Kupfers: Zwar war die Qualität des Kupfererzes nicht sonderlich gut, aber es ließ sich überwiegend im Tagebau fördern, erst nach und nach wurde auch im 18. und 19. Jahrhundert unter Tage Erz gefördert. Erst jüngst entdeckten Forscher auch Schächte mit über 30 Metern Tiefe aus vorgeschichtlicher Zeit.

Die Kupfermine bei Amlwch ist nur ein Symbol für die wirtschaftliche Dynamik, die von Wales im 18. Jahrhundert ausging. Sie lockte beispielsweise Augustin Gottfried Ludwig Lentin an, Hochschullehrer an der Universität Göttingen, der seine Erkenntnisse einem Freund übermittelte: Seine „Briefe über die Insel Anglesea, vorzüglich über das dasige Kupfer-Bergwerk und die dazu gehörigen Schmelzwerke und Fabriken“, 1800 in Leipzig veröffentlicht, sind bis heute eine historisch interessante Quelle. So hielt er zwar die Bergwerkstechnologie in England und Wales für zurückgeblieben, doch beeindruckte ihn die fortschreitende qualitative Verbesserung des erzeugten Kupfers.

Über den Hafen in Amlwch wurde das Erz nach Swansea, oder, nachdem es zumeist von Frauen, den sogenannten „Copper Ladies“, von Hand zerkleinert worden war, nach Holywell am Mündungstrichter des Dee zur Weiterverarbeitung abtransportiert. Dort lassen sich noch heute die historischen Spuren der Kupferverarbeitung weiter verfolgen.

Im Hafen von Amlwch sind heute nur noch einige Sport- und Fischerboote vertäut. Vor 200 Jahren jedoch pulsierte hier das wirtschaftliche Leben. (Bild: Ulsamer)

Amlwch entwickelte sich in der „Kupferzeit“ von einem kleinen Fischerdorf zu einer frühindustriellen Gemeinde mit einem wichtigen Hafen für den Abtransport des gewonnenen Metalls und der Beiprodukte, mit 8 (!) Brauereien, 21 Pubs, 13 Schneidern und 15 kleinen „Tabak-Verarbeitungsmanufakturen“!! Für einige Zeit kam dem Schiffbau größere Bedeutung zu. Als das „Copper Kingdom“ dahinwelkte, da verlor auch Amlwch seine wirtschaftliche Bedeutung. Von 10 000 Einwohnern in der Hochzeit der Kupferförderung schrumpfte Amlwch bis heute auf rd. 3 000 Bürger. Damals war sie nach Merthyr Tydfil die zweitgrößte Stadt in Wales, aber beide Gemeinden verloren später ihre industrielle Basis. Heute liegen dagegen Cardiff und Swansea vorne.

Wie der Boom in Wales begann, so endete er auch relativ abrupt. Probleme bei der Förderung des Erzes, aber gerade auch die preisgünstigere Konkurrenz aus dem Ausland machten bereits in den 1830er Jahren den Betrieb zunehmend unrentabel.

Wirtschaftliche Basis geschwächt

Bis heute gab es immer wieder Versuche, die Erzgewinnung erneut aufzunehmen. Ab 1988 erkundete die Anglesey Mining plc Vorkommen von förderbarem Erz mit einem Volumen von 6,5 Mio. Tonnen, die ca. 10 % an Zink, Blei, Kupfer und auch etwas Silber und Gold enthalten. Aber die heutigen Preise im weltweiten Handel lassen eine Förderung nicht ertragreich genug erscheinen. Und so hat sich zum historischen Tagebau noch ein weit sichtbarer, vor sich hin rostender moderner Förderturm gesellt.

Viele Einwohner Amlwchs haben bis vor kurzem im nahegelegenen Kernkraftwerk Wylfa gearbeitet. Es ist nun stillgelegt, aber auch der Rückbau wird über Jahre und Jahrzehnte Arbeitsplätze erhalten. Außerdem plant ein japanisches Konsortium den Neubau eines Atomkraftwerks. Und dies ohne erkennbaren Widerstand vor Ort, ganz im Gegenteil. Das Engagement Deutschlands zum Ausstieg aus der Kernenergie findet hier zumindest keinen Widerhall.

Von der frühindustriellen Wirtschaftskraft ist in und um Amlwch wenig übriggeblieben, wenn man von den erwähnten Kernenergieanlagen und dem Fährhafen nach Irland absieht. Nachfolgende Ansiedlungen, seien es Fabriken zur Bromherstellung oder auch ein Ölterminal der Shell UK mit entsprechenden Anlagen an Land, blieben „Eintagsfliegen“. Leider hat man bei den letzteren Anlagen den Rückbau vergessen!

Zurück in die industrielle Frühzeit

Wenn Sie der Weg nach Wales führt, dann sollten Sie auf jeden Fall die aufgelassene, gut über einen ausgeschilderten Rundweg zugänglich gemachte Kupfermine besuchen! Hier sieht man die Bergleute gewissermaßen noch mit Schaufeln und Spitzhacken das Erz gewinnen, Frauen und Kinder mit Steinen die Erzbrocken zerkleinern. Mit jedem Schritt bekommen wir ein Gefühl dafür, unter welchen Bedingungen in der frühen Industrialisierung in Europa gearbeitet wurde. Und leider ist dies ja in vielen Staaten noch heute der Fall.

Bis heute blieben verschiedene Becken erhalten, in denen kupferhaltige Lösung mit Eisenschrott reagierte, um Kupfer zu gewinnen. (Bild: Ulsamer)

Bringen Sie unbedingt gutes Wetter mit, denn Schutz gegen Wind und Regen gibt es nicht. Wir hatten Glück und im Sonnenlicht kam auch die „Farbenpracht“ der unterschiedlichen Gesteine zum Tragen. Der tiefe Tagebau, Abraumhalden, die Reste von Wasserbecken, in denen Kupfervitriol mit alten Eisenteilen reagierte, die Überbleibsel einer Windmühle zum Abpumpen des Grubenwassers usw. sind allemal einen Rundgang von zwei bis drei Stunden wert. Auf dem Parys Mountain wird Industriegeschichte lebendig!

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