Özil und Gündogan: Fehlgeschlagene Integration?

Wenn deutsche Nationalspieler den falschen Präsidenten loben

Meinen Augen wollte ich nicht trauen, als ich zwei Spieler der deutschen Nationalelf mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan posieren sah: Aber nicht jeder, der den Fußball richtig trifft, wie Mesut Özil und Ilkay Gündogan, muss sich täglich auch mit Politik beschäftigen. Aber wer mit der deutschen Nationalelf auf Reisen geht, der sollte zumindest wissen, dass unser Präsident Frank-Walter Steinmeier und nicht Recep Tayyip Erdogan heißt. Vielleicht hätten die beiden – unterstützt von Cenk Tosun – ihre Trikots anbehalten sollen, anstatt sie einem türkischen Politiker in Wahlkampfzeiten zu überreichen, der die Türkei auf einen islamistischen Kurs und weg von Europa steuert.

Natürlich hat jeder Sportler das Recht, sich politisch zu äußern, und dies ist auch eine Trikotübergabe an Erdogan, und dann sollten sie auch dazu stehen. Halbherziges Zurückrudern macht hinterher auch keinen Sinn, wenn in Deutschland Unmut laut wird. Wer wie Gündogan „Respekt an meinen Präsidenten der Republik“ auf sein Trikot schreibt, der sollte dann auch in der von ihm selbst gewählten Nationalmannschaft, nämlich der türkischen, spielen. Und was soll ein Tweet von Özil, in dem er schreibt „in good company this evening“? Zwar ist Erdogan auf diesem Foto nicht zu sehen, doch was soll denn an jenem Abend sonst gemeint sein? Ob ein deutscher Nationalspieler sich bei Erdogan in guter Gesellschaft fühlen kann, das muss er selbst wissen, doch für einen Auftritt im deutschen Trikot hat er sich damit disqualifiziert.

Präsident Erdogan umgeben von Özil, Gündogan und Tosun in einem Londoner Restaurant.
Präsident Erdogan freut sich über die eifrigen Wahlhelfer Mesut Özil, Ilkay Gündogan und Cenk Tosun, die ihm in einem Londoner Hotel huldigten. (Bild: Screenshot, „Twitter“, 15.5.18)

Erdogan Fans in Deutschland überproportional vertreten

Aber müssen wir uns nicht eine tiefergehende Frage stellen? Wie gelungen ist denn die Integration türkischstämmiger Bürgerinnen und Bürger, wenn sie Erdogan Wahlkampfhilfe leisten, während demokratisch gesinnte Menschen in der Türkei von Erdogan weggesperrt werden? Bereits beim von Erdogan angestrengten Verfassungsreferendum, das ihm weitergehende Rechte sicherte, ließ sich – zumindest für mich – eine verkehrte Welt diagnostizieren. Die Zustimmungsquote für Erdogans Machtzuwachs war unter in Deutschland lebenden Türken deutlich höher als in deren Heimatland. Trotz Unterdrückung der Meinungsfreiheit in der Türkei, der Verfolgung und Inhaftierung zehntausender Andersdenkender brachte es Erdogan in der Türkei nur auf eine magere Zustimmung von 51% für seine Verfassungsänderungen. Geradezu erschreckend ist es dann, dass in Essen die Befürworter bei 76%, in Düsseldorf bei 70% und selbst in Stuttgart bei 66% lagen.

Damit stellt sich die Frage, ob sich in Deutschland unter Migranten Parallelgesellschaften bilden, die sich auch deutlich von unseren gesellschaftlichen Werten entfernen. Und diese Frage muss auch unter Bezug auf unsere türkischen Mitbürger gestellt werden dürfen, aber alle Diskussionen hierzu – einschließlich der Gewichtung des Islam für unsere Kultur – werden ja nicht nur von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sondern auch von Bundestagsparteien wie den Grünen und Linken, der SPD und FDP sowie Teilen der Union als geradezu unanständig abgelehnt. So ist es schon verwunderlich, dass sich ausgerechnet jetzt fast unisono ein Aufschrei erhebt, wenn Özil & Co. ein Stelldichein mit Erdogan, dem neuen Sultan, für angebracht halten. Wer die Grundsatzfrage nach den zentralen Werten unserer Kultur und Gesellschaft nicht führen möchte, der sollte jetzt allerdings auch nicht zu laut aufschreien.

Zwei Tweets von DFB-Präsident Grindel:.
Da hat der DFB-Präsident Reinhard Grindel recht: „Der Fußball und der DFB stehen für Werte, die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden. Deshalb ist es nicht gut, dass sich unsere Nationalspieler für seine Wahlkampfmanöver missbrauchen lassen. Der Integrationsarbeit des DFB haben unsere Spieler mit dieser Aktion sicher nicht geholfen.“ (Bild: Screenshot, „Twitter“, 15.5.18)

Nicht nur Fußballspieler haben eine Vorbildfunktion

Spieler der Nationalelf wie Özil und Gündogan haben auch eine Vorbildfunktion gerade für fußballbegeisterte Jugendliche, und diese verträgt sich nicht mit der Überbringung ihrer Trikots an einen machtbesessenen Islamisten, der die Ideen von Kemal Atatürk mit Füßen tritt. Wenn schon Füße, dann sollten sie sich besser auf den Ball konzentrieren. So bin ich auch der Überzeugung, dass Bundestrainer Joachim Löw, die genannten Spieler eigentlich zu Hause lassen sollte. Doch das konnte man von Löw ohnehin nicht erwarten. Betrachtet man aber das Zielland, das die Weltmeisterschaft ausrichtet, dann relativiert sich meine Empörung ein wenig: Denn in Russland wird mit solch einer Fußball-Show auch einem Politiker eine Bühne geboten, der es wie Wladimir Putin mit Demokratie und Rechtsstaat nicht immer so genau nimmt.

Nicht vergessen dürfen wir bei aller Kritik an Özil und Gündogan, die ich auch aufrechterhalte, dass aus Deutschland noch immer Waffensysteme in die Türkei gelangen, die nicht zuletzt gegen die Kurden eingesetzt werden. Erdogans Panzer aus deutscher Produktion walzen im Nachbarland Syrien erste demokratische Ansätze in den kurdischen Regionen nieder. Und der Aufschrei in Deutschland ist auch schnell wieder leiser geworden: So kann Erdogans Armee widerrechtlich die kurdischen Freiheitskämpfer ermorden, die gerade noch im Schulterschluss mit dem Westen die Mordbrenner des Islamischen Staats vertrieben haben. Was müssen da unsere Verbündeten von uns denken, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird – und wieder nicht der Ball –, nur um dem NATO-Mitglied Türkei zu gefallen. Das ist auch nicht viel besser, als Erdogan ein Trikot zu überreichen. Und wie lange haben Angela Merkel und ihre Regierung aus Union und SPD gezaudert, ehe sie die Bundeswehr-Einheiten aus Incirlik nach Jordanien verlegten? Wo war denn da die Vorbildfunktion?

In Sesseln sitzend Özil, Gündogan und Tosun
In einem Tweet jubelt Özil: „in good company this evening“! Auch wenn Erdogan nicht im Bild zu sehen ist, so bezieht sich sein freudiger Ausruf auf die Trikotübergabe an den türkischen Präsidenten. (Bild: Screenshot, „Twitter“, 15.5.18)

Defizite bei der Integration benennen und beheben

Zu befürchten ist, dass die wortreiche Kritik an Özil und Gündogan spätestens dann verstummt, wenn diese mit Toren zum Weiterkommen der deutschen Nationalelf bei der Weltmeisterschaft beitragen. So meinte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann zum Techtelmechtel mit Erdogan: „An dieser Stelle hört der Spaß auf“ und fuhr vorausschauend fort: „Das können sie nur durch viele Tore bei der Weltmeisterschaft egalisieren.“ Ja, so ist die Welt, möchte man da ausrufen!

Zum Glück bin ich nicht Joachim Löw, denn ich hätte Özil und Gündogan nicht in die Nationalelf berufen, aber da denke ich vielleicht zu politisch und nicht an die möglichen Tore. Gleichzeitig hätte ich aber auch den Waffenhahn so lange zugedreht wie Erdogan die Politik in der Türkei bestimmt. Weit wichtiger als diese aktuellen Themen ist für mich jedoch die Frage, ob wir zu wenig für die Integration unserer türkischen Mitbürger getan haben, denn wer Erdogan freudestrahlend sein Fußballtrikot überreicht oder in Deutschland bei Abstimmungen für Erdogan stimmt, der ist auf jeden Fall noch nicht in unserer freiheitlichen, rechtsstaatlichen, demokratischen und doch ein bisschen christlich-jüdisch geprägten Gesellschaft angekommen.

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