Irland: Wie das Schulhaus aus Ryan’s Daughter zerfällt

Kann eine Filmkulisse zum Kulturgut werden?

Nun zählt ‚Ryan’s Daughter‘ heute sicherlich nicht mehr zu den bekanntesten Filmen, und bereits im Erscheinungsjahr 1970 war ‚Ryans Tochter‘ ein zwiespältig aufgenommenes Epos. Aber trotz der zum Teil negativen Kritiken gab es zwei Oscars und auch die Kinokassen klingelten. Aber was soll ein Beitrag über einen 1916 in Irland spielenden Film in meinem Blog, so könnten Sie fragen. Ich habe zwei Gründe dafür, ob sie zutreffend sind, das müssen selbstverständlich die Leserinnen und Leser entscheiden. Erstens spielen die damaligen politischen Grundbefindlichkeiten noch heute in Nordirland – und nicht nur dort – eine Rolle: ein nationalistisches irisches Dorf und ein vom Ersten Weltkrieg gezeichneter englischer Offizier, der sich ausgerechnet in die Frau des Dorflehrers verliebt, obwohl er doch den irischen Freiheitskämpfern den Waffennachschub aus dem deutschen Kaiserreich abschneiden soll. Und zweitens: In diesen Tagen wanderten wir mal wieder an Kerrys Küste am ‚Schulhaus‘ vorbei, das im Film eine wichtige Location war und jedes Jahr weiter zerfällt, und ich stellte mir die Frage, ob denn eine solche Filmkulisse nicht auch ein Kulturgut darstellt?

Die beiden Giebelwände des Film-Schulhauses ragen in den Himmel, im Vordergrund eine steinige Weide, im Hintergrund Dumore Head, der westlichste Zipfel Europas.
Dem Zerfall preisgegeben ist das Schulhaus nur noch eine traurige Ruine. Im Hintergrund ist Dunmore Head, der westlichste Punkt Europas, zu sehen. Gut erreichbar ist die Location vom Blasket Centre aus. Gehen Sie vom Parkplatz links am Museum vorbei fast bis zum Meer, vorher scharf rechts auf den ausgeschilderten Wanderweg. (Bild: Ulsamer)

‚Ryan’s Daughter‘ lässt das touristische Herz schlagen

Glauben wir den Zeitzeugen, die damals am Filmset werkelten und nicht nur das Schulhaus Stein auf Stein aufbauten, sondern ein ganzes Dorf schufen, dann kamen mit der Filmcrew nicht nur Geld in das verschlafene Hafenstädtchen Dingle, sondern auch neue Impulse. Das touristische Herz der ganzen Halbinsel begann zu schlagen, und bis heute hat sich der Tourismus zur eigentlichen wirtschaftlichen Basis entwickelt. Den Anstoß gab ‚Ryan’s Daughter‘, und auch nach fast einem halben Jahrhundert kommen Filmfreunde, um auf den Spuren von Robert Mitchum als Lehrer Charles Shaughnessy oder seiner Film-Ehefrau Rosy Ryan (Sarah Miles) zu wandeln. Trevor Howard als Pfarrer Collins, Christopher Jones als britischer Offizier Randolph Doryan, John Mills als etwas einfältiger Michael (Oscar!), der unabsichtlich Rosys Affäre verrät, oder Leo McKern als Pub-Wirt, britischer Informant und Rosys Vater Thomas Ryan waren mit von der Partie. Eigentlich sollten sie nur für etwa sechs Monate vor der Kamera stehen, doch das wechselhafte irische Wetter, Animositäten zwischen den Schauspielern und vor allem der Perfektionismus des Regisseurs David Lean führte zu mehr als der Verdopplung der Drehzeiten und einer Budget-Explosion. Aber mit Explosionen aller Art hatte er ja durch ‚Die Brücke am Kwai‘, ‚Lawrence von Arabien‘ und ‚Doktor Schiwago‘ Erfahrung.

Das Filmplakat zeigt eine Frauengestalt in dunklem, langem Rock und heller Bluse mit Sommerhut, di auf den Strand hinunterschaut, auf dem eine Männergestalt zu erkennen ist.
„Ryan’s Daughter“ von Regisseur David Lean kam 1970 in die Kinos – und rundete damit sein Film-Quartett ab: ‚Die Brücke am Kwai‘, ‚Lawrence von Arabien‘ und ‚Doktor Schiwago‘ zählen gleichfalls zu seinen Werken. (Bild: Screenshot, Internet, 16.8.18)

Die Sprengkraft des Films wird nur erkennbar, wenn man gewillt ist in die Zeitumstände einzudringen, ansonsten bleibt es – wie manche Kritiker betonten – ein seichtes Melodram, eine Liebesgeschichte in schwierigen Tagen. In dem fiktiven Dorf ‚Kirray‘, seinem Schulhaus und in der malerischen Umgebung entspinnt sich die tragische Liebesgeschichte einer irischen jungen Frau, Rosy Ryan, die den Lehrer aus Dublin anhimmelt, letztendlich auch heiratet, um der Tristesse des Dorfes zu entrinnen. Er ist jedoch nicht das Tor zur großen Welt, sondern die Fortsetzung der Biederkeit. Ausgerechnet im Jahr des irischen Osteraufstands gegen die britischen Besatzer, der von diesen blutig niedergeschlagen wird, beginnt Rosy ein Liebesverhältnis mit einem britischen Offizier, und dies in einem nationalistisch-irischen Umfeld, das keine Sympathien für den als Unterdrücker empfundenen Randolph Doryan hat. Und die Begeisterung des Ehemanns hält sich natürlich auch in Grenzen! Wie es sich wohl für eine dramatische Liebesgeschichte gehört, das Schicksal nimmt seinen Lauf. Als vermeintliche Verräterin wird Rosy Ryan von den Dörflern angegriffen, ehe Pfarrer Collins das Schlimmste verhindern kann. Ihr Geliebter, der britische Offizier Randolph Doryan, sprengt sich mit dem für den irischen Aufstand eingeschmuggelten Dynamit selbst in die Luft, das er dank des Informanten und Vaters von Rosy konfiszieren konnte. Letztendlich machen sich Rosy und der Lehrer auf nach Dublin, doch ihre Trennung ist wie ein Wetterleuchten am Horizont erkennbar.

Eine steinerne Mauer führt zu den getrennten Eingängen für mädchen und Jungen. Die Fensterhöhlen sind leer, das Dach fehlt. Die Außenmauern sind aus Feldsteinen mit einem röttlich-braunen Ton.
Fast 50 Jahre hat das Schulhaus aus ‚Ryan’s Daughter‘ den Stürmen getrotzt, doch jetzt finden sich die Dachlatten nicht mehr auf dem Gebäude, wo sie hingehören, sondern sie liegen aufeinandergestapelt daneben. Dieses Film-Monument und Kulturgut hätte einen sensibleren Umgang verdient gehabt. Obwohl das Schulhaus nur eine Kulisse war, spiegelt es doch die damalige Zeit wieder: Mädchen und Jungen hatten getrennte Eingänge. (Bild: Ulsamer)

Auf den Spuren der Filmhelden

Das Film-Dorf wurde später wegen Landstreitigkeiten dem Erdboden gleichgemacht, nur noch kleinere Stellen mit Pflastersteinen lassen sich in der Landschaft finden. Im Gegensatz dazu machte die Fake-Schule selbst vor 10 Jahren noch einen recht guten Eindruck, zumindest ein Dach schützte die Sturm umbrausten Mauern. Kein Wunder, denn das Schulgebäude war wegen des Wetters und der exponierten Lage auf den Klippen von Cill Gobnait sehr stabil gebaut worden – Steine statt Pappmaschee. Das Grundstück mit der Filmkulisse hatte der Gründer von Ryanair – der inzwischen verstorbene Tony Ryan – in den 1980er Jahren erworben – und leider dem Verfall überlassen. Bedauerlich ist dies allemal, denn Drehorte von Filmen und Fernsehserien ziehen zahlreiche Besucher an und stärken den Tourismus.

Fahrzeuge und Zelte an einem Berghang, darüber die Fake-Hütten für einen Star Wars Film, die Beehive Huts, den bienenkorbartigen Hütten dienen, in den vor einigen hundert Jahren die Pilger übernachteten.
Gleich um die Ecke der Schauplätze von ‚Ryan’s Daughter‘ fochten auch ‚Die letzten Jedi‘ ihre Kämpfe am Sybil Head in ‚Star Wars‘ aus. Zu den Filmaufnahmen hatte die Crew eine Windmaschine mitgebracht, doch sie kam nicht zum Einsatz: An Sybil Head sorgt die Natur von sich aus für Sturm und Wind genug. Zuvor hatten die Fantasy-Abenteurer schon zur Begeisterung der Filmförderung und der Tourismusverbände die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Klosterinsel Skellig Michael heimgesucht, auf der sich auch eine bedeutende Brutkolonie der seltenen Papageitaucher befindet. Viele Fans von ‚Star Wars‘ sorgen nicht nur für volle Kinos, sondern reisen gleichfalls zu den Drehorten in Irland. (Bild: Ulsamer)

Diese starke Wirkung von Film-Locations auf den Tourismus beweisen in jüngster Zeit auch Touren, die die Teilnehmer auf die Spuren von ‚Star Wars‘ im Südwesten Irlands oder ‚Game of Thrones‘ in Nordirland führen. In der Republik Irland und in Nordirland wird mit einer intensiven Filmförderung viel dafür getan, entsprechende Produktionen ins Land zu holen und so medial die Schönheiten der Landschaft in die Kinos der Welt und auf die TV-Bildschirme zu bringen. Dies hat allerdings manchmal auch absonderliche Auswirkungen: So wurden am Slea Head auf der Dingle-Halbinsel nicht nur die direkten Drehorte von Star Wars hermetisch abgesperrt, sondern auch der Zugang zu weiter entfernten Stränden verwehrt. Und dies durch irisches Security-Personal genauso unfreundlich wie in Berlin am Brandenburger Tor bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Dass es auch anders geht, erlebten wir in Belfast, als wir im Hafengebiet zwei gewaltige Kräne fotografierten, die Symbole der Industriegeschichte der nordirischen Hauptstadt sind. Wie aus dem Nichts tauchte erst ein Security-Mitarbeiter auf, dann kam auch noch sein Vorgesetzter angebraust. Zwar werden einige hundert Meter entfernt in einer riesigen Halle Szenen für die Fantasy-Serie ‚Game of Thrones‘ gedreht, doch wir konnten unser Anliegen vermitteln, das nun ganz und gar nicht Fantasy, sondern eher History galt – und dies wurde auch freundlich akzeptiert.

Eine große Halle im Hafengebiet von Belfast mit der Aufschrift 'Titanic Studios'. Im Vordergrund ein kleines rotes Bähnchen für Touristen.
Die Filmproduktionen in Irland – im Norden und Süden – haben schon fast einen exterritorialen Status: Da wird fleißig abgesperrt, und nicht nur private Security-Firmen spielen sich als Staat im Staate auf – wie auch in Berlin am Brandenburger Tor bei der Fußball-Weltmeisterschaft -, sondern selbst eine Sperrung des Luftraums und die Überwachung des Meeres durch die Marine sind möglich. Dabei fragte ich mich schon, was man wohl von außen bei ‚Game of Thrones‘ an neuen Erkenntnissen erhaschen kann, wenn man sich einige hundert Meter entfernt von den Titanic Studios in Belfast mit der Industriegeschichte befasst und die beiden Mammut-Kräne Goliath und Samson aufnimmt. (Bild: Ulsamer)

Kulisse wird Kulturgut

Zur Geschichte gehört gleichfalls das Schulhaus aus ‚Ryan’s Daughter‘ und zwar nicht nur in filmischer Hinsicht, sondern auch als Teil der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Zu Produktionszeiten wurden zum Teil 100 bis 200 Personen aus der Region beschäftigt, und mit diesem geschichtsbezogenen Film kam die touristische Zukunft nach Dingle.  Die wenigen Unterkunftsmöglichkeiten waren schnell für die Schauspieler und die Crew ausgebucht, und nicht wenige Bürger zogen in einen Wohnwagen und vermieteten ihr Haus. „The Skellig began life in 1965 with the arrival of the crew of Ryan’s Daughter, a film which put Dingle on the tourist trail“, heißt es über das größte Hotel in Dingle in einem Beitrag von Anne Lucey aus dem November 2017 im ‚Irish Examiner‘. Somit war ‚Ryan’s Daughter‘ der Startschuss für einen Tourismusboom, der bis heute anhält. Dies unterstreicht auch Maurice Galway, der das ‚Dingle International Film Festival‘ ins Leben rief – im einzigen Kino der Gemeinde, dem Phoenix Cinema: “The film made a major impact and contribution to the economics of the peninsula, placing Dingle prominently on the world map and making it, for the first time, a tourist destination. To this day, the film still attracts tourists to the area and this event can only help to continue this trend.” (Irish Examiner, 11. 3. 2016)

Auflaufende Wellen mit Gischt und schroffe dunkle Klippen.
Ein Jahr ließ David Lean ein Kamerateam vor Ort in Kerry, um den richtigen Sturm auf Film zu bannen. In einer stürmischen Nacht sollten deutsche Waffen für die irischen Aufständischen eingeschmuggelt werden, und die ganz besondere Kulisse dafür bot die Bucht bei Coumeenole, eingerahmt vom Slea Head und dem Dunmore Head, dem westlichsten Punkt Europas. (Bild: Ulsamer)

Wenn ein Werk wie ‚Ryan’s Daughter‘ eine solche Bedeutung nicht nur für die Filmgeschichte, sondern eben auch für die Entwicklung des Alltagslebens in einer Region hat, dann kommt einer ‚Kulisse‘ wie dem Schulhaus auf den Klippen bei Dunquin ebenfalls eine kulturhistorische Bedeutung zu und eine Filmkulisse wird zum Kulturgut. Eigentlich hätte es ein solches Gebäude verdient, entsprechend erhalten zu werden. Dies sah u.a. Councillor Seamus Cosai Fitzgerald von Fine Gael so und forderte das Kerry County Council auf, die Sicherung des Gebäudes zu übernehmen, doch die Antwort hätte auch von einer deutschen Behörde kommen können: Das Schulhaus sei für einen Film entstanden und habe daher keine Genehmigung im herkömmlichen Sinne. Als Filmkulisse sei es überdies nicht in der Liste schützenswerter Gebäude enthalten, daher könne man auch nicht eingreifen. Wenn es in Irland mit Baugenehmigungen immer so genau genommen würde, dann hätte die Zersiedelung der Landschaft nicht ein solches Maß angenommen, aber hier erschien es dem Kerry County Council wohl am einfachsten, sich auf die fehlende Baugenehmigung zu berufen, um den Vorstoß des Councillors abzubügeln. Schade. Und so liegen die Dachlatten jetzt nicht mehr – wie vor einigen Jahren – auf dem Dach, sondern aufgestapelt neben dem Schulhaus.

Natürlich bin ich mir bewusst, dass ein altes Wegkreuz oder die Beehive Huts, in denen vor einigen hundert Jahren Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela übernachteten, einen anderen historischen Wert haben, doch auch dem Schulhaus des fiktiven Kirray hätte ich eine dauerhafte Erhaltung gewünscht. Dort hätte sich in Ergänzung zum Blasket Centre, das der Geschichte der vor der irischen Küste liegenden gleichnamigen Inselgruppe gewidmet ist, eine Ausstellung nicht nur über den Film, sondern auch über die Zeit des Osteraufstands und den Freiheitskampf der Iren unterbringen lassen. Doch wenn sich der Zerfall der Ruine weiter fortsetzt, dann wird dieses Kulturdenkmal bald der Vergangenheit angehören. Hier haben sowohl die Besitzerfamilie Ryan als auch das Kerry County Council versagt. So sollte mit einem Kulturgut nicht umgegangen werden.

Schild mit dem Text ' Kirray National School 1893' an der steinernen Giebelwand des Schulgebäudes aus 'Ryan's Daughter'.
‚Ryan’s Daughter‘ spielt im fiktiven irischen ‚Kirray‘, doch die in diesem Film von David Lean aufgegriffenen Probleme spielen bis heute eine Rolle: Der Konflikt zwischen einer nationalistisch denkenden Dorfgemeinschaft und der Besatzungsmacht – und dies verwoben mit einer Liebesgeschichte. (Bild: Ulsamer)

 

Schroffe dunkle Klippen erheben sich steil aus dem gischtenden Meer und ganz oben die Ruine des Schulhauses.
Das Schulhaus für ‚Ryan’s Daughter‘ wurde auf den schroffen Klippen bei Dunquin errichtet: Auch die Gebäude des Film-Dorfes erbauten lokale Arbeitskräfte, und dies brachte einen wirtschaftlichen Schub in die damals recht arme Region. (Bild: Ulsamer)

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