Investmentbanker als französischer Präsident

Investment-Banker aller Länder vereinigt euch

So kann man auch Präsident eines großen europäischen Landes werden: Man schafft etwas über 20 % in der Vorwahl und aus Verzweiflung wählen einen dann 66 % in der zweiten Abstimmungsrunde. Redegewandt und smart, so erscheint Emmanuel Macron in der Öffentlichkeit. Er hat zwar kein detailliertes Programm, mal ein bisschen sozialistisch als Wirtschaftsminister in der Regierung unter Präsident Holland, dann auf scheinbar linksliberalen Wegen im Wahlkampf zur eigenen Präsidentschaft. Und so ein Glück: Marine Le Pen, die Chefin des Front National, als Gegenkandidatin. Was bleibt da dem bürgerlichen oder sozialdemokratischen Lager anders übrig als Macron zu wählen – nicht aus Überzeugung, eher aus Verzweiflung. Nur die Sozialisten und Kommunisten und mit ihnen Präsidentschaftskandidat Mélenchon taten sich schwer mit dem Überlaufen zum Ex-Investmentbanker und blieben wohl beim 2. Wahlgang gleich zu Hause. Darauf deutet zumindest die vergleichsweise niedrige Wahlbeteiligung hin.

Schon vergessen? Investmentbanker als Oberspekulanten!

In diesem Beitrag huldige ich keinesfalls den Verschwörungstheorien, die das Großkapital überall in der Welt die Strippen ziehen sehen, aber so ganz wohl ist mir auch nicht, wenn Investmentbanker auf beiden Seiten des Atlantiks an Bedeutung im politischen „Geschäft“ gewinnen. Doch warum eigentlich nicht, so könnte man sich fragen: „Geschäfte“ zu machen ist doch ihre Aufgabe. Den ultimativen Deal abzuschließen, das ist doch ihr Ziel, und dieser zahlt sich ja dann auch in klingender Münze für den Investmentbanker selbst aus. Ganz besonders delikat sind natürlich solcherlei Geschäfte, wenn sie nur der eigenen Gewinnmaximierung dienen, die Allgemeinheit aber die Zeche zahlt, nicht selten das eigene Bankinstitut an den Rand des Abgrunds führen: Oder haben wir die letzte Immobilien- und Bankenkrise schon vergessen? Sie begann 2007 mit einer geplatzten Immobilienblase in den USA und schwappte als Tsunami über die Welt.

Ob unser Geld – sprich unsere Steuerobulus – bei Ex-Investmentbankern gut angelegt ist, das wage ich zu bezweifeln. Aber was geht mich als Deutschen die Wahlentscheidung in Frankreich an? Auf den ersten Blick wenig, aber als überzeugter Europäer ist mir klar, dass wir in Europa alle in einem Boot sitzen. Speziell, wenn ich bedenke, dass ja auch der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) ein Investmentbanker ist. Mario Draghi spielte im Spekulationsgeschäft zwar bei Goldman Sachs mit, Emmanuel Macron beim Bankhaus Rothschild, aber hoffentlich muss man nicht von Draghis Nullzinspolitik und Billionen-Geldschwemme auf die zukünftige Politik von Macron schließen. Sollte dies der Fall sein, dann gute Nacht Europa! Wer einem früheren Chef der italienischen Zentralbank „sein“ Geld im EURO-Raum anvertraut, der ist selbst schuld, könnten böse Zungen sagen. Aber mich hat auch niemand gefragt!

Investmentbanker und Politiker arbeiten mit „unserem“ Geld

Mit anderer Leute Geld „arbeiten“ nicht nur Investmentbanker, sondern auch Politiker. Und dies hat den großen Charme: Wenn es weg ist, dann fehlt es nicht auf dem eigenen Konto! Auch erste Aussagen Macrons zu europäischen Wirtschaftsfragen lassen Schlimmes befürchten: Deutschland soll nach seiner Meinung gefälligst dafür Sorge tragen, dass sein Handelsbilanzüberschuss geringer wird! Wäre es nicht angebracht, wenn er sich als Präsident dafür einsetzte, die Wirtschaft in Frankreich so wettbewerbsfähig zu machen, dass kein Überschuss zu Gunsten Deutschlands, sondern zum Vorteil Frankreichs entsteht? So ist dies aber zunehmend: Der Erfolgreiche soll doch bitte weniger exportieren, damit die anderen sich nicht zurückgesetzt fühlen!

Establishment als „Anti-Establishment“

Bitte verzeihen Sie, liebe Leserinnen und Leser, wenn ich jetzt auch noch über den Atlantik abschweife: Nicht nur Macron mit seiner Bewegung „En marche!“ erweckte im Wahlkampf den Anschein, alte Strukturen vermeiden zu wollen, sondern auch Donald Trump siegte als Gegner des „Establishments“. Hillary Clinton, so wurde kritisch angemerkt, lasse sich von Goldman Sachs, einer der führenden Investmentbanken der Welt, sechsstellige Summen für Vorträge bezahlen. Nur komisch, dass ausgerechnet der Finanzminister der Regierung Trump, Steven Mnuchin, 17 Jahre bei Goldman Sachs beschäftigt war. Sein wirtschaftlicher Chefberater, Gary D. Cohen, war Präsident und Chief Operating Officer ebenda, und einer seiner ideologischen Wegbereiter, Steve Bannon, verdiente ebenfalls dort seine Brötchen. So viel zu der These, der Immobilien-Mogul Donald Trump sei ein Kämpfer gegen etablierte Politik- und Wirtschaftsstrukturen!

So kann man als Investmentbanker, wie Emmanuel Macron, nicht nur den Kauf der Babynahrungssparte von Pfizer für 12 Mrd. US-Dollar durch Nestlé einfädeln, und dabei auch das eigene Konto füllen, sondern letztendlich noch Präsident Frankreichs werden. Seine Zwischenstation als Wirtschaftsminister in einer französischen Regierung war dabei ein Sprungbrett, das im Übrigen auch Christine Lagarde, die heutige Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) nutzte. Sie war zwar in einer Regierung von Premierminister Francois Fillion, einem weiteren Präsidentschaftskandidaten, Wirtschafts- und Finanzministerin, doch auch ihr gelang rechtzeitig der Absprung – und trotz Skandalen die Berufung zu einer zweiten Amtszeit. Nein, Sie müssen nicht befürchten, jetzt käme schon wieder eine Investmentbank als früherer Arbeitgeber. Nein, sie war als Rechtsanwältin für das Pariser Büro der US-Kanzlei Baker & McKenzie tätig, einer internationalen Wirtschaftskanzlei mit deutlich mehr als 3 000 Anwälten. Andere Branche, aber sicherlich ähnliche Themen, Kontakte und Auftraggeber.

So, jetzt ist es aber genug mit Investmentbanken und internationalen Wirtschaftskanzleien.

En marche! Offen für jeden – Hauptsache unterwegs! Und wie sieht dann wohl das politische Programm aus, Monsieur Zeitgeist? (Bild: Ulsamer, aus der Website von Macrons En Marche!)

Jetzt wird es ernst, Herr Nachbar!

Ich hoffe, dass Macron als Präsident „einen guten Job macht“ und in diesem Fall den Wohlstand der Bürgerinnen und Bürger mehrt, die Gemeinschaft stärkt und die Gräben zwischen Arm und Reich, zwischen Arbeitslosen und Investmentbankern verringern kann. Wahlkampfgetöse ist das eine, eine solide Politik das andere. Dies erleben wir im eigenen Land in gleicher Weise.

Und nicht zu vergessen: Eine Parlamentsmehrheit, die die nächste Regierung trägt, wäre auch nicht schlecht. Im Juni haben die französischen Wählerinnen und Wähler schon wieder zwei Wahlgänge vor sich, und dort werden sie entscheiden, mit welchen Mehrheiten er regieren kann oder muß. Die Begeisterung der abgeblitzten Präsidentschaftskandidaten wird gering sein, sich nun mit ihren Parteien ihm als Vasallen zur Verfügung zu stellen. Aber vielleicht schaffen es auch seine En-marche-Getreuen ins Parlament.  Per Internet hat er sich schon mal auf die Suche nach geeigneten Kandidaten gemacht.

Eine „Bewegung“ hat „Monsieur Zeitgeist“ in den Élysée Palast getragen, doch im eigentlichen Sinne ist er der Sieger, weil die Franzosen aus ihrer Sicht das kleinere Übel gewählt haben. Zwar hat er bei „En Marche!“ jeden zum Mitmachen eingeladen, egal welcher politischen Überzeugung, aber umso wichtiger ist es, politische Leitlinien für die Zukunft zu entwickeln. Dass ihm dies gelingen möge, wünsche ich ihm, Frankreich und uns allen!

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