Glyphosat killt Acker(un)kräuter, Insekten und die politische Kultur

Ruf der Bürgerschaft nach Naturschutz verhallt ungehört

Manchmal frage ich mich schon, was beim Umwelt- und Naturschutz mit unserer Politik los ist? Geht es um Fahrzeugemissionen, dann drehen alle gerne an der Grenzwertschraube oder viele Politiker fordern gleich das Ende für Verbrennungsmotoren oder die Abschaffung des Autos. Ganz anders sieht es bei der ständigen Intensivierung der industriellen Landwirtschaft und dem Einsatz ihrer ‚fleißigen‘ Helfer aus dem Chemiebaukasten aus: Da geht es eher im Bummelzug in Richtung Zukunft und hin wieder kuppelt auch mal einer seinen Wagen wieder ab – wie Donald Trump beim Klimaabkommen – oder der geschäftsführende deutsche Landwirtschaftsminister, Christian Schmidt, in Sachen Glyphosat. Ein wirklich spezieller und für mich auch unverständlicher Fall ist das ‚Ja‘ des CSU-Ministers für eine Verlängerung des Glyphosat-Einsatzes innerhalb der Europäischen Union (EU), obwohl die für den Umweltschutz zuständige SPD-Kabinettskollegin, Barbara Hendricks, den Daumen senkte. Soll dies eine vertrauensbildende Maßnahme im Vorfeld von Koalitionssondierungen von Union und SPD sein?

Neues Eheglück mit Glyphosat?

Die Vertreter der EU-Staaten schoben im ‚Ständigen Fachausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebensmittel und Futtermittel‘ eine Entscheidung über eine Verlängerung der Zulassung vor sich her, da mehrere Mitgliedsstaaten Bedenken gegen den weiteren Einsatz dieses Herbizids haben. Deutschland glänzte durch Stimmenthaltungen, denn bei gegensätzlichen Meinungen von Union und Sozialdemokraten blieb im Prinzip kein anderer Weg. Bis Christian Schmidt seine Abgesandten in Brüssel die Hand heben ließ.

So stelle ich mir Feldränder und Wiesen vor, meinte der Schwalbenschwanz. Aber in der Ödnis der industriellen Landwirtschaft bleibt für mich und meine Freunde immer weniger Platz. (Bild: Ulsamer)

Ein ‚Ja‘ zur Verlängerung ist nicht nur aus Sicht des Naturschutzes problematisch, sondern auch in einer Zeit, in der CDU/CSU und SPD wieder miteinander anbandeln wollen, die seit der letzten Bundestagswahl getrennte Wege gehen. Ob ein Vertrauensbruch zu einer Wiederverheiratung beiträgt, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier anbahnen möchte, das darf bezweifelt werden. Zwar distanzierte sich die geschäftsführende Bundeskanzlerin nachträglich von dieser Vorgehensweise ihres CSU-Kollegen, aber wenn Angela Merkel wirklich nichts von diesem Richtungswechsel gewusst haben sollte, dann ist dies ein weiterer Beleg für die Erosion ihres Einflusses. Früher tanzten einzelne Minister der Union nicht aus der Reihe! Sollte sie aber informiert gewesen sein, dann wäre es noch schlimmer.

Glyphosat statt Pflug, Egge und Grubber

Aber nun zurück zum eigentlichen Stein des Anstoßes: Glyphosat ist zunehmend in aller Munde, bisher meist noch im übertragenen Sinne, aber ganz konkret findet sich dieser seit den 1950er Jahren bekannte Stoff nicht nur bei Bauern, sondern auch im handlichen ‚Roundup‘-Behälter bei vielen Hobbygärtnern. Unkrautvernichtungsmittel mit Glyphosat ersetzen auf vielen Äckern die mechanische Behandlung, um unerwünschte Pflanzen einzudämmen. Nicht nur vor der Aussaat, sondern auch nach der Ernte werden häufig die Flächen mit Glyphosat ‚behandelt‘, obwohl natürlich auch Pflügen helfen würde. Manche Bauern verweisen auf angeblich teure Traktorfahrten über die Äcker oder mögliche Erosion als Folge des Pflügens. Doch auch der ‚Grubber‘ hilft – als Ergänzung der Egge – gegen Unkräuter, ohne den Boden zu wenden.

Aber billiger und schneller geht es mit Glyphosat-haltigen Unkrautvernichtungsmitteln, die wirklich alles killen, was zu den grünen, unerwünschten Pflanzen zählt. Wenn ich manche Internetseiten von Landwirtschaftsverbänden und Agrarberatern betrachte, dann habe ich das Gefühl, dass immer mehr Pflanzen zu ‚Ackerunkräutern‘ erklärt werden: In einer immer effizienteren Landwirtschaft geht es eben weniger um Pflanzen und Tiere, stattdessen um die industrielle Erzeugung von Massenwaren. Dies haben sich viele Landwirte nicht so ausgesucht, doch ist es eine Folge niedriger Marktpreise, aber noch mehr einer fehlgeleiteten EU-Landwirtschaftspolitik.

Noch sehen oder hören wir hin und wieder einen Zaunkönig, aber ohne Insekten naht auch ihr Ende. (Bild: Ulsamer)

Mehrheit gegen Glyphosat

Eine vom NABU beauftragte repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hat im Oktober 2017 gezeigt, „die Mehrheit der deutschen Bevölkerung“ steht „dem Wirkstoff Glyphosat sehr ablehnend gegenüber. Demnach sind 61 Prozent der Bevölkerung für ein sofortiges Verbot von Glyphosat in privaten Gärten und städtischen Anlagen, 59 Prozent fordern sogar von der EU-Kommission, die Zulassung von Glyphosat ab 2018 komplett zu beenden.“ Leider hat auch diese Willensbekundung der Bürgerinnen und Bürger keinen Niederschlag im Handeln von CSU-Landwirtschaftsminister Schmidt gefunden. „Die Tatsache, dass mit 74 Prozent eine überwältigende Mehrheit dazu bereit wäre, einen höheren Preis für Lebensmittel zu zahlen, wenn man dafür sicher sein könnte, dass in der Landwirtschaft kein Glyphosat verwendet wird, zeigt die hohe Zahlungsbereitschaft der deutschen Bevölkerung für pestizidärmere Lebensmittel.“ Eine Million Unterschriften gegen die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung in der EU hat auch auf die EU-Kommission unter Jean-Claude Juncker keinen Eindruck gemacht, aber beim Kommissionspräsidenten habe ich schon jede Hoffnung auf ein bisschen Zukunftsorientierung und Verständnis für die Bürgerschaft verloren.

Damit wird auch belegt, dass die Konsumenten dazu beitragen würden, die Natur besser zu schützen, wenn man ihnen dies ermöglicht. Generell bin ich allerdings der festen Überzeugung, dass bei einer stärkeren Orientierung der EU-Agrarpolitik an Nachhaltigkeit und Naturschutz sowie der bäuerlichen Landwirtschaft keine Mehrkosten entstehen würden: Die eingesetzten Mittel – ach, das sind ja die Steuergelder von uns EU-Bürgerinnen und -Bürgern – müssen nur an zukunftsorientierte Kriterien gebunden werden!

Monsanto-Eigenwerbung mit grünen Anklängen ist das eine, die Einschätzung von großen Teilen der Öffentlichkeit allerdings eine andere. (Bild: Screenshot, „Internet – monsanto.com; „tagesschau.de“, 26.11.17)

Vom Kleingärtner bis zum Großagrarier

‚Roundup‘ als das wohl bekannteste Glyphosat-Erzeugnis wird auch von vielen Kleingärtnern eingesetzt, somit ist nicht nur in der großflächigen Landwirtschaft eine Neubesinnung unerlässlich. Bei der Zurückdämmung von unerwünschtem Farn und Disteln auf einer Schafweide wurde mir ebenfalls zu genau diesem Produkt geraten, aber ich setze beim Adlerfarn, den leider die vierbeinigen Rasenmäher verschmähen, auf häufiges Mähen und bei hunderten von Disteln auf ausstechen. Mal sehen, wer am längeren Hebel sitzt! Zumindest habe ich viel Bewegung an frischer Luft – ganz ohne Herbizide. Diese Methode kann selbstredend nicht auf landwirtschaftliche Betriebe übertragen werden, zumindest eignet sie sich aber für den Hobbygärtner, denn die chemische Keule ist auf Dauer keine Lösung.

Leergeräumte Feldfluren und verödete Wiesen. Hier gibt es keine Zukunft für Insekten. (Bild: Ulsamer)

Völlig pervers ist es, wenn in unserer Welt Pflanzen kurz vor der Ernte eine ‚Glyphosat-Dusche‘ erhalten, um das Getreide besser und trockener abernten zu können. Der bedenkenlose Einsatz von Glyphosat hat z.B. in manchen US-amerikanischen Anbauregionen dazu geführt, dass der genmanipulierte Mais zwar keinen Schaden nimmt, aber die Unkräuter inzwischen resistent geworden sind: Dann wird noch häufiger und noch mehr gesprüht – und immer mehr Glyphosat gelangt in die Umwelt und in die Menschen.

Wenn Glyphosat im Urin von Menschen, aber auch in Brot oder in Flüssen und Seen nachgewiesen wird, dann stellt sich die Frage nach der gesundheitlichen Unbedenklichkeit: Unter den Forschungsinstituten gehen die Meinungen über belegbare Krebsrisiken auseinander, aber in der EU gilt der Vorbeugungsgedanke und daher müssen Risiken, wo immer möglich, ausgeschlossen werden. In den USA ist man bei der Freigabe von Herbiziden usw. freizügiger, dafür drohen aber bei nachweisbaren Erkrankungen Sammelklagen in Milliardenhöhe. Hoffentlich war sich Bayer dieser Gefahren beim Übernahmeangebot für Monsanto in Höhe von über 60 Mrd. Dollar bewusst.

Insekten werden zur Seltenheit

Glyphosat schädigt zwar Insekten vermutlich nicht direkt, aber Unkrautvernichtungsmittel rauben ihnen die Ernährungsgrundlage: Sogenannte Acker(un)kräuter sind verschwunden und mit ihnen zahlreiche andere Blühpflanzen, die Wildbienen und ihren Verwandten in der Obhut des Imkers, sowie Schmetterlingen eine Nahrungsgrundlage boten. „Wenn Insekten sterben, ist das ein deutliches Signal, dass wir handeln müssen. Die Studien, die eindeutig belegen, dass die Insektenpopulation in den deutschen Kulturlandschaften inzwischen um rund drei Viertel abgenommen hat, sind höchst alarmierend, und ich bin sehr froh, dass das Thema Biodiversität jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist“, so Umweltstaatssekretär Andre Baumann. Auch die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt erwähnte in einer Rede auf dem Bundesparteitag in diesen Tagen die Insekten:  „Wir wollen, dass in diesen vier Jahren jede Biene und jeder Schmetterling in diesem Land weiß: Wir werden uns weiter für sie einsetzen!“ Kommt es gar zu einer Rückbesinnung auf den Naturschutz bei den Bundesgrünen, die sich inzwischen lieber mit Flüchtlings- oder ‚Queer‘-Themen befassen?

Das Land Baden-Württemberg mit dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann hat inzwischen ein ‚Sonderprogramm zur Stärkung der biologischen Vielfalt‘ aufgelegt. Dies ist sicherlich wichtig, da auch ein gezieltes Monitoring z.B. bei der Insektenpopulation einbezogen wird, aber es ist an der Zeit, die industrielle Landwirtschaft sachgerecht umzubauen – und dies mit aufgeschlossenen Bäuerinnen und Bauern und nicht gegen sie. Wenn es auf vielen Agrarflächen kaum noch lebende Insekten gibt, dann bringt es keine Trendwende, wenn in Parks und Privatgärten kleine Paradiese für Bienen, Hummeln, Hornissen und Schmetterlinge entstehen. Aber dennoch sind auch diese kleinen Schritte für die Natur von größter Bedeutung.

Hier ist’s noch lecker! Aber wo sollen Wildbienen und die Honigsammlerinnen des Imkers zukünftig in Glyphosat-Landen noch ihren Hunger stillen? (Bild: Ulsamer)

Jetzt muss gehandelt werden

Die großen Schritte erwarte ich jetzt aber von der Politik, die sich nicht länger um Entscheidungen drücken kann. Natur- und Umweltschutz dürfen nicht zum Spielball werden, wenn politische Entscheidungen getroffen oder neue Koalitionen gebildet werden. Die Lebensräume von Insekten müssen gesichert und wieder erweitert werden, dabei kommen auch den Biosphärengebieten und Nationalparken in Deutschland wichtige Funktionen zu, aber letztendlich muss der Schutz der Natur auch auf landwirtschaftlichen Flächen und in unseren Städten vorangetrieben werden. Wer die letzte Streuobstwiese überbaut, der handelt auch nicht besser als der Landwirt, der Glyphosat aussprüht. Und wer Flächen in Gärten oder auch Fabriken mit Folie bedeckt und diese dann mit Schotter- oder Kieselsteinchen belegt, aus denen ein oder zwei ‚Bonsai-Pflänzchen‘ ragen, der hat das Wort Natur nicht richtig verstanden.

Die Glyphosat-Chronik belegt mehr als eindeutig, dass auf eine Verlängerung der Zulassung – wie von Zauberhand – die nächste folgte. Daher halte ich dieses Thema mit der jetzt angedachten Zulassungsverlängerung um fünf Jahre noch nicht für abgehakt. Die Politik muss gegenüber den Herstellern eindeutig klarstellen, dass es sich nun um die allerletzte Gnadenfrist innerhalb der EU handelt. Gleichzeitig muss international mehr gegen den Einsatz von Glyphosat unternommen werden, denn im Verhältnis zum Rest der Welt sind die in Deutschland eingesetzten Mengen gering.

Somit müssen wir in Deutschland Klarheit schaffen, in der EU mit den Glyphosat-Gegnern wie Frankreich und Österreich an einem Strang ziehen – und auch noch in die gleiche Richtung. Die chemische Industrie muss verträglichere Mittel entwickeln und die Landwirtschaft sich neu orientieren.

Nicht nur viele Blühpflanzen und Insekten werden es uns danken, wenn wir den Einsatz von ‚Unkrautvernichtungsmitteln‘ – was für ein Wort – deutlich begrenzen, sondern auch die nachwachsenden Generationen.

 

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