Gejagte bekommen auch noch eins „in die Fresse“

Gauland und Nahles: Entgleisung oder Weckruf?

Wenn Alexander Gauland mit seiner AfD in den Deutschen Bundestag einzieht, dann muss man mit deutlichen Worten rechnen: „Wir werden sie jagen. Wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen.“ Seine Interpretation der Oppositionsrolle hat mich nicht verwundert, höchstens der allgemeine Aufschrei konkurrierender Politiker und vieler Medienvertreter. Wer auf einer Welle der Enttäuschung über die etablierten Parteien in unser Parlament geschwemmt wird, der wird alles tun, um sich von diesen Parteien abzuheben.

„Wir werden sie jagen“, betonte Alexander Gauland am Wahlabend und zielte dabei auf die CDU/CSU und die Bundeskanzlerin. Aus dem Mund des Spitzenkandidaten der Alternative für Deutschland klingt dies sicherlich irgendwie bedrohlich. Aber die AfD-Wählerschaft erwartet auch ein Signal, dass sich diese Partei zur Stimme der Enttäuschten macht. Es ist an der Zeit, dass die angestammten Parteien die Themenfelder wieder bearbeiten, die die AfD besetzt hat. Vielleicht werden auch einige führende Politikerinnen und Politiker erst wach – und dies gilt gerade auch für Angela Merkel -, wenn solche Worte ertönen. (Screenshot, „Facebook“, 27.9.2017)

Als aber Andrea Nahles, die bisherige Arbeitsministerin und neue Fraktionsvorsitzende der SPD, ihre neue Form der Opposition definierte, da bekam ich doch endgültig Zweifel am Stil mancher Politikerinnen und Politiker. Denn ihr auf die CDU/CSU gezielter Spruch „und ab morgen kriegen sie in die Fresse“ ist eine Entgleisung. Von einer SPD-Frontfrau, die gerne die nächste Kandidatin ihrer Partei für das Kanzleramt werden möchte, hätte ich eine solche Aussage nicht erwartet. Noch nicht einmal im Scherz, denn als solchen möchte sie nach einiger Überlegung ihren Spruch verstanden wissen.

Demut statt Sprüchen

Nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel sollte sich nach dem Ergebnis der Bundestagswahl in Demut üben, doch ihr ist solch ein Gefühl ohnehin unbekannt, sondern auch Andrea Nahles mit der gesamten SPD-Spitze. Beide Parteien haben es in keiner Weise verstanden, die Bürgerinnen und Bürger von ihrer Arbeit in der Regierung oder den Grundsätzen ihrer Parteien zu überzeugen. Und dafür haben sie per Wahlzettel die Quittung bekommen. Dies sage ich ganz gewiss nicht mit Häme, sondern voller Trauer, denn beide Parteien haben viel für Deutschland getan – aber nun stecken sie in einer Sackgasse.

So kann es gehen: Heute noch am Kabinettstisch der Großen Koalition von CDU/CSU und SPD und morgen, so Andrea Nahles als neue SPD-Frakionschefin, „ab morgen kriegen sie in die Fresse“. Und wieder ist die Union gemeint. Das kann ja heiter werden, wenn die eine Partei sie jagt und sie von der anderen eins „in die Fresse“ bekommen. Vielleicht klingeln jetzt bei Angela Merkel und ihren Getreuen endlich die Alarmglocken? Eine Neuorientierung mit mehr Offenheit und Transparenz, mit Dialog statt Verlautbarungen tut not.

Martin Schulz und viele seiner Genossen haben zumindest schon am Wahlabend erkannt, dass sie eine Neuorientierung brauchen und sehen ihren Platz zur Regeneration auf den Oppositionsbänken. Ein ‚weiter so‘ wäre auch schlecht zu vermitteln. Ganz anders Angela Merkel, die auch nach der Wahlschlappe meinte: „Ich bin nicht enttäuscht.“ Und dies beim schlechtesten Ergebnis seit 1949. Geradezu lernunwillig betonte die Kanzlerin: „Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssen.“ Eine solche Aussage ist sicherlich für weite Kreise der Bürgerschaft noch unverständlicher als die Kampffanfaren von Gauland und Nahles. Aber die Kanzlerin betonte ja auch im September 2016 nach der Flüchtlingswelle: „Ich würde alles noch einmal so machen.“ Dies hat nicht mit Standhaftigkeit zu tun, sondern mit Halsstarrigkeit.

Weckruf im Kanzleramt verhallt?

Sarkastisch könnte man auch sagen, dass eine Politikerin wie Angela Merkel, die emotionslos und ohne jede Empathie, weiterwursteln möchte, vielleicht erst aufwacht, wenn sie von der Opposition aus dem politischen Tiefschlaf geweckt wird. Da bekomme ich fast schon Verständnis für die Sprüche von Gauland und Nahles und hoffe nur, dass sie keiner wörtlich nimmt.

„Ich würde alles noch einmal so machen“, betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel 2016, und die Einsicht, dass bei der Flüchtlingswelle so ziemlich alles falsch gelaufen ist, hat sich nie in ihrem Denken durchgesetzt. Sie hat die wütenden Schreier bei ihren Wahlkampfveranstaltungen auch nicht direkt angesprochen, sondern ihre Reden einfach abgespult. So ist das Afd-Ergebnis nicht verwunderlich. Mich entsetzt – neben den Pöbeleien bei Veranstaltungen – in gleichem Maße die fehlende Bereitschaft Angela Merkels zur Besinnung und Neuorientierung. In ihrer eigenen Welt gefangen, sagte sie dann am Wahlebend: „Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssen.“ Ich schon. (Screenshot, „Berliner Zeitung“, 28.9.2017)

Wenn in Sachsen die AfD vor der CDU bei der Bundestagswahl liegt, wenn es Gemeinden gibt, in denen nahezu die Hälfte für die Alternative für Deutschland stimmt, wenn selbst in Bayern die Wählerinnen und Wähler scharenweise die CSU ‚verlassen‘, dann sollte eigentlich auch eine Angela Merkel wieder in die Realität zurückfinden. Ansonsten muss die Union endlich einen Führungswechsel vollziehen, ehe sie – wie die SPD – nicht mehr als Volkspartei gelten kann. Erwähnenswert ist sicherlich, dass sie AfD selbst im Wahlkreis von Angela Merkel stolze 19,6 % der Stimmen erhielt, und die Kanzlerin bei den Zweitstimmen gerade mal den Bundesdurchschnitt ihrer Partei schaffte.

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