Frischluft ade, bauen tut weh

Wer rettet das Greut in Esslingen?

Ein Dach über dem Kopf zu haben, dies ist sicherlich ein Menschenrecht. Aber gibt es auch ein Recht, in einer bestimmten Stadt eine Wohnung oder ein Haus zu bewohnen? Sicherlich nicht.

Und ehe der eine oder andere ans falsche Thema denkt: Hier geht es nicht um die Frage, wie Flüchtlinge unterzubringen sind, sondern um die weit generellere Frage: Dürfen und können unsere Städte immer weiter wachsen? Darf im Angesicht des Klimawandels auch das letzte Grün überbaut werden?

Selbstredend wünschen sich (Ober-)Bürgermeister stets einen Zuwachs an Untertanen, sprich Einwohnern. Dies bringt in manchen Fällen bei kleineren Gemeinden sogar eine höhere Besoldungsstufe, ganz allgemein aber mehr Ansehen.

Mehr Wohnraum pro Nase

Zwar hatte beispielweise Esslingen am Neckar schon mal mehr Einwohner, daher könnte man argumentieren, daß man nur eine Stabilisierung oder die frühere Einwohnerzahl wieder erreichen wolle. Dies wäre jedoch irreführend, da der durchschnittliche Bürger heute viel mehr Wohnraum für sich beansprucht.

Zwei kleine Beispiele wiederum aus Esslingen seien hier erwähnt.

Die Stadtverwaltung unter ihrem SPD-Oberbürgermeister Dr. Jürgen Zieger hat bei der Ausweisung neuer Baugebiete u.a. Streuobstwiesen mit der Bezeichnung „Greut“ zwischen Hohenkreuz und Serach im Blick  und liebäugelt auch mit landwirtschaftlich genutzten Wiesen und Äckern in Rüdern.

Natürlich unterstellt man protestierenden Anwohnern meist vorschnell Eigennutz, aber in immer mehr Fällen sprechen durchaus objektive Gründe gegen solche Vorhaben – und dies nicht nur in der Neckarstadt.

Verkehrsbelastung wie auf Bundesstraßen

Erlaubt sei der Hinweis, daß ich kein Anwohner dieser geplanten Baugebiete bin, aber dennoch auf dem Weg zur Innenstadt seit meinem Zuzug im Jahr 1981 die enorme Verkehrszunahme zu spüren bekomme. So ist die Geiselbachstraße ein Nadelöhr der ganz besonderen Art: Über 17 000 Fahrzeuge quälten sich schon 2012 täglich durch diese enge Häuserschlucht. Die Stadtteile Rüdern, Sulzgries, Krummenacker und Neckarhalde sind mit über 9000 Einwohnern nur über diese eine Straße zu erreichen. Dazu kommen weitere Fahrzeuge aus Serach und Wäldenbronn, wo weitere 4000 Menschen leben.

Eine kleine Straße in Richtung Stuttgart wurde niemals erweitert und darf seit Jahr und Tag ohnehin nicht genutzt werden. Dies ist ja auch kaum anders zu erwarten, ließen die Stuttgarter und Esslinger im 14. und 15. Jahrhundert kaum eine Gelegenheit zum Streit aus. So heißt es in Otto Borsts „Geschichte der Stadt Esslingen am Neckar“: „die offenen und verdeckten Kleinkriege zwischen Stuttgart und Esslingen“ konnten „nie ganz aus der Welt geschafft werden…“. Wen wundert’s, daß auch einige Jahrhunderte später in Sachen Verkehr die Gemarkungsgrenzen eine zentrale Rolle spielen.

Bürgerprotest in Esslingen gegen die Bebauung von Streuobstwiesen im Greut. (Bild: Ulsamer)

Die Umweltverträglichkeitsprüfung aus dem Jahre 1988 kam z.B. zu dem Schluß, daß eine Bebauung des Greuts weitere hohe Belastungen für den Verkehr, für das Klima und den ganzen Lebensraum bringen werde. Aber wenn man die richtigen Gutachter aussucht, dann springt im Jahr 2016 die Ampel plötzlich von rot auf gelb-grün. Und dies obwohl in den fast 20 Jahren dazwischen die Belastung ohnehin enorm zugenommen hat.

Die nächste Hitzewelle kommt bestimmt

Den vielzitierten Klimawandel, der sich mit deutlich wärmeren Sommern bereits ankündigt, scheint man zu übersehen. Wenn wir die Grünflächen zubauen, dann tragen wir eine Mitschuld, wenn noch mehr Menschen in den kommenden Jahrzehnten von den gesundheitlichen Auswirkungen der Hitzewellen geplagt werden.

Die Verdichtung scheint ohnehin unaufhaltsam voranzuschreiten! Auch ohne neue Baugebiete nehmen die Bewohner und der Verkehr zu, denn wo ein altersschwaches Einfamilienhaus weichen muß, da entsteht im Regelfall ein Mehrfamilienhaus.

Warum stellt sich die Politik viel zu selten die Frage: Wie viele Einwohner verträgt eine Stadt?

6 Antworten auf „Frischluft ade, bauen tut weh“

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Ulsamer,
    Ihrer Kritik am krebsartigen Wachstum und der fortwährenden Verdichtung dieser Stadt Esslingen kann man ja nur zustimmen. Die Herren der Esslinger Verwaltungsspitze, namentlich OB Dr. Zieger, Baubürgermeister Wallbrecht und Stadtplanungsamtsleiter Fluhrer, sind bau-ideologisch offensichtlich in einen „Back-to-the-Seventies“-Hype zurückgefallen. Sie missachten dabei, ebenso wie ihre vielen Antreiber und Unterstützer aus Wirtschaft und Medien, die Anforderungen von moderner, wirklich nachhaltiger und zukunftsfähgier Stadtentwicklung. Unter anderem bleiben die Gesundheitsvorsorge für Kranke und Ältere (Stadtklima) und die Wohn- bzw. Lebensqualität für Kinder und Jugendliche (Sportflächen, naturnahe Freiräume) immer mehr auf der Strecke. Außerdem werden die Landwirtschaft und der Naturschutz Hektar für Hektar abgewürgt.Immer unverhohlener kehren diese Herren zurück zur längst überholten Politik eines schrankenlosen Wachstums. So wollen sie die Aufgabenstellungen des 21. Jahrunderts meistern! Eigentlich wäre das zum Lachen, aber angesichts der ewig währenden Folgen dieses Flächenfraßes bleibt einem das Lachen im Halse stecken: der Vorentwurf für den neuen Flächennutzungsplan sieht schon wieder 3070 zusätzliche Wohnungen und die Überbauung von ca. 32 Hektar Grünfläche im Außenbereich vor, und die große Mehrheit des Gemeinderates hat dazu vorerst mal „Ja“ gesagt (Einspruchsmöglichkeit nur noch bis zum 05. Mai 2017 beim Technischen Rathaus oder unter stellungnahme@esslingen.de!). [Viele weitere Analysen und Kommentare zu dieser furchtbaren Baupolitik in Esslingen gibt es übrigens auf http://www.esslingen-adieu.de].
    Aber in einem Punkt, Herr Dr. Ulsamer, kann ich Ihnen nicht zustimmen, nämlich bei der geforderten Öffnung der Tiroler Straße zwischen Rüdern und Uhlbach – zur Entlastung des Verkehrshorrors in Esslingen! Es ist absolut verständlich, dass die Uhlbacher und Obertürkheimer diesen Verkehr, den Lärm und die Abgase, als direkte Folgen der Esslinger Wachstumspolitik, nicht auf sich ziehen wollen. Das ist nicht die Fortsetzung dummer mittelalterlicher Händel, sondern deren gutes Recht. Darin kann man sie nur unterstützen! Die Esslinger sollen die Folgen ihres unaufhörlichen Siedlungswachstums, z.B. in RSKN, bitteschön selber ausbaden. Sie entscheiden sich ja seit 1998, Wahltermin für Wahltermin, immer wieder neu FÜR diese vorgestrige Politik ewig weiteren Wachstums und damit FÜR steigende Belastungen und sinkende Lebensqualität.
    Warum sollten ihnen dabei ausgerechnet die Uhlbacher und Obertürkheimer aus der selbstverschuldeten Patsche helfen? Die Uhlbacher bewahren bislang die Harmonie ihres Ortes, pflastern die Hänge des Kessels nicht fortwährend mit Neubaugebieten zu, obwohl das sehr attraktiv wäre und damit bestimmt auch viel Betongold zu erwirtschaften wäre. Aber da oben in RSKN – da wird zugebaut und zugebaut und zugebaut, ohne Rücksicht auf Verluste.
    Wann endlich wird man es begreifen: Esslingen ist eine ausgewachsene Stadt! (Wenn man die Waldflächen abrechnet, waren von der Esslinger Gemarkung 2015 bereits 56,5 % „Siedlungs- und Verkehrsfläche“ – einsamer Spitzenwert in der ganzen Region!! Weiteres Wachstum, fortgesetzte Verdichtung bringen daher mehr Schaden als Nutzen. (Ganz kurzzeitig hatte sich das sogar OB Dr. Zieger mal zu eigen gemacht! Aber das war im Wahlkampf vor der OB-Wahl 2006 … ).

    Mit freundlichen Grüßen von Blog zu Blog
    Dr. Gerhard Saupe
    Kontakt@esslingen-adieu.de

  2. Sehr geehrter Herr Dr. Saupe,
    vielen Dank für Ihren Kommentar mit den interessanten Informationen. Ihre Aussagen teile ich, auch die Tiroler Strasse betreffend. Vor Jahr und Tag hätten Esslingen und Stuttgart gemeinsam eine alternative Verkehrsverbindung planerisch absichern müssen, heute ist es dafür zu spät. So war mein Hinweis eher ironisch gemeint.
    Auch ich wundere mich, dass in der etablierten Stadtpolitik einerseits über die Folgen des Klimawandels diskutiert wird, andererseits aber bei der Vermeidung zusätzlicher Bebauung keine Schlüsse gezogen werden.
    Aber man soll die Hoffnung ja nie aufgeben.
    Mit besten Grüßen
    Lothar Ulsamer

  3. Sehr geehrter Herr Dr. Ulsamer,

    vielen Dank für die Thematisierung der zu erwartenden Umwelteffekte aus der Bebauung der Frischluftschneise „Greut“ in Esslingen. Wir vom Verein „Rettet das Greut e.V.“ informieren seit rd. 1,5 Jahren Öffentlichkeit, Stadtverwaltung, Gemeinderat und Medien über diese Problematik. An Sachargumenten gegen eine Bebauung mangelt es dabei nicht, nur scheinen diese an den Entscheidungsträgern abzuprallen. Deshalb sind wir sehr dankbar für Ihre Unterstützung.

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