Friedrich Ebert: Vom Sattlergesellen zum ersten Reichspräsidenten

Streitbarer Demokrat und Reformer in der Weimarer Republik

Vor 100 Jahren wurde der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert zum ersten Reichspräsidenten gewählt, und es war nicht zuletzt ihm zu verdanken, dass Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg nicht im Chaos versank. Ebert stemmte sich als Reformer gegen revolutionäre Umsturzversuche sozialistischer und kommunistischer Organisationen und musste zugleich gegen reaktionäre rechte Gruppierungen die demokratischen Ansätze verteidigen. Dies alles vor dem Hintergrund eines verlorenen Krieges und eines Waffenstillstandsabkommens mit dem nachfolgenden Versailler Friedensvertrag, der sich eher an Rache als an Verständigung orientierte. Friedrich Ebert stritt – wie Matthias Erzberger von der Zentrumspartei – für ein demokratisches Deutschland: Und beide Politiker wurden dadurch zu Hassfiguren der extremistischen und nationalistischen Rechten. Eberts Leben und politisches Wirken zeichnet eine eindrucksvolle Ausstellung in Heidelberg nach, die auch sein Geburtshaus einschließt.

Friedrich Ebert im Anzug eines Wandergesellen als Teil einer Präsentation.
Friedrich Ebert führte sein Lebensweg aus bescheidenen Verhältnissen in Heidelberg über seine Wanderzeit als Sattlergeselle, Tätigkeiten als Redakteur und Gastwirt oder Arbeitersekretär bis zum SPD-Vorsitz und letztendlich in das Amt des Reichspräsidenten in Berlin. Die ihm gewidmete Ausstellung in der Pfaffengasse 18 in Heidelberg vermittelt nicht nur einen hoch interessanten Einblick in das Leben und Wirken Friedrich Eberts, sondern stellt jeweils auch die politischen und historischen Bezüge sehr anschaulich dar. (Bild: Ulsamer)

Vom wandernden Gesellen zum Arbeitersekretär

Friedrich Ebert wurde am 4. Februar 1871 in der Pfaffengasse 18 in Heidelberg geboren. Niemand hätte wohl damals damit gerechnet, dass ausgerechnet aus dem siebten Kind des Schneiders Karl Ebert und seiner Ehefrau Katharina der erste demokratisch gewählte Reichspräsident der Weimarer Republik werden würde. Die kleine Wohnung, in der nicht nur die Eltern mit ihren Kindern lebten, sondern auch der Vater seine Schneiderwerkstatt betrieb, gehört heute zur Ausstellung. Friedrich Ebert wuchs in bescheidenen aber gesicherten Verhältnissen auf, wiederum eine Parallele zum bereits erwähnten Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, der in Buttenhausen (heute Münsingen) auf der Schwäbischen Alb das Licht der Welt erblickte.

Küche der Familie Ebert. Der Spülstein ist noch im Original erhalten. Auf dem Esstisch stehen einige Teller, auf dem Kohlenherd zwei Töpfe.
Bescheiden startete Friedrich Ebert in Heidelberg ins Leben, und dies blieb er auch trotz des politischen Aufstiegs. Nach der Geburt seiner jüngsten Schwester lebten acht Menschen auf 45 Quadratmetern – wo sein Vater mit zwei Schneidergesellen im größten Raum arbeitete und dort zusätzlich noch die Kunden empfing. (Bild: Ulsamer)

Als Sattlergeselle wanderte Ebert durch die deutschen Lande, und zumeist hielt er sich in den einzelnen Städten nicht allzu lange auf. Das war kein Wunder, denn er begann sich in der Sattlergewerkschaft und der sozialdemokratischen Partei zu engagieren, und in der Endphase des Sozialistengesetzes war er bei manchen Arbeitgebern nicht wohlgelitten. Bemerkenswert ist sein Aufstieg innerhalb der SPD nach seinem Eintreffen in Bremen im Jahr 1891. Dort fand er nicht nur seine Ehefrau, die Fabrikarbeiterin Louise Rump, sondern wurde auch 1900 erster hauptamtlicher Arbeitersekretär in der Hansestadt. Zwischenschritte waren seine Mitarbeit bei der sozialdemokratischen Bremer-Bürger-Zeitung und als Gastwirt. Eine Gastwirtschaft war zu dieser Zeit ein wichtiger Ort für die Treffen der sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Gruppierungen. Auch Erzberger nahm einen vergleichbaren Einstieg in eine Parteikarriere über seine Redakteurstätigkeit für das Deutsche Volksblatt und als katholischer Arbeitersekretär.

Besucherin der Gedenkausstellung vor einer Informationswand mit dem Titel 'Die SPD als Partei der sozial Benachteiligten'.
Die SPD setzte von Anfang an auf die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Arbeiterschaft und aller benachteiligten Schichten und forderte die Freiheitsrechte ein. Zu den Erfolgen gehört es mit Sicherheit, dass zur verfassungsgebenden Nationalversammlung in der Weimarer Republik erstmalig Frauen als Wählerinnen und Kandidatinnen teilnehmen konnten. (Bild: Ulsamer)

Ebert: Ein Pragmatiker, kein Revolutionär

1899 wurde Ebert in die Bremer Bürgerschaft, den Landtag, gewählt, der er bis 1905 angehörte. Nach verlorenen Kandidaturen zum Reichstag schaffte es Ebert 1912 und errang im Wahlkreis Elberfeld-Barmen (heute Wuppertal) einen Sitz im Reichstag – ausgerechnet in der Stadt, in der einst Friedrich Engels, einer der Vordenker des Kommunismus, geboren worden war. Die Reden von Friedrich Ebert machten allerdings deutlich, dass er sich als Reformer und nicht als Revolutionär verstand. Es ging ihm nicht um den Umsturz des Systems, sondern um Fortschritte für alle Menschen – und gerade auch der Arbeiterschaft – durch konkrete Maßnahmen. „Ebert verabscheute theoretische Debatten und ideologische Kontroversen“, so heißt es in ‚Vom Arbeiterführer zum Reichspräsidenten‘*. „Ideologisch- programmatische Auseinandersetzungen besaßen für ihn nicht den Stellenwert, den sie auf den jährlichen Parteitagen einnahmen.“ Irgendwie erinnert mich dies an den SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt, obwohl natürlich weder die historische Situation noch die Persönlichkeiten vergleichbar sind. Doch neben der Tagesarbeit hatte Ebert sicherlich wenig Zeit für Visionen, und vielleicht hätte ihm sogar der Spruch von Schmidt gefallen, der meinte: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“

Aber natürlich hatte Ebert auch eine Vision, ohne dieses Ziel so zu nennen: Er wollte eine demokratische Ordnung in Deutschland realisieren, die alle Bürgerinnen und Bürger als Menschen gleichstellt. „Er stand für Verbesserungen ein, die der Arbeiterschaft im Hier und Heute zugute kamen; er hielt nichts davon, die Arbeiter auf die utopische Heilsgesellschaft in ferner Zukunft zu vertrösten.“ Mit seiner pragmatischen Grundhaltung waren jedoch auch Bruchlinien zum sozialistischen Flügel der SPD, der sich später als USPD abspaltete, oder zur Kommunistischen Partei im Sinne von Rosa Luxemburg oder Karl Liebknecht vorgezeichnet.

Foto der Vorstandsmitglieder der SPD und daneben eine Grafik, die die Zunahme der Wählerstimmen der SPD zeigt.
Friedrich Ebert wird 1905 in den zentralen Parteivorstand der SPD gewählt. Nach dem Tode August Bebels wird Ebert gemeinsam mit Hugo Haase Parteivorsitzender der sozialdemokratischen Partei. In allen Funktionen setzte Ebert auf Konsens und Zusammenarbeit. (Bild: Ulsamer)

Von den Kriegskrediten zur Friedensresolution

1905 wurde Ebert in den Parteivorstand der SPD gewählt, und 1913 in Jena nach dem Tode August Bebels – gemeinsam mit Hugo Haase – Parteivorsitzender. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stellt die SPD auch im Reichstag vor eine schwierige Entscheidung: Die SPD stimmte am 4. August 1914 den Kriegskrediten zu, obwohl sie das wilhelminische-kaiserliche System bekämpfte. Ebert befürwortete einen „Burgfrieden“, und dies nicht zuletzt, weil die SPD im zaristischen Russland – einem der Kriegsgegner – ein reaktionäres und diktatorisches Regime sah. Nicht nur Ebert hoffte, dass die politische Führung des Reichs diese Unterstützung durch eine Demokratisierung und Parlamentarisierung ausgleichen würde. Für Ebert war aber auch klar, dass diese Zustimmung nicht „Objekt eines politischen Schachergeschäfts“ sei. Bereits bei der nächsten Kreditbewilligung zerbrach jedoch der „Burgfriede“, da Karl Liebknecht, der Sohn des Mitbegründers der SPD, gegen die Kriegskredite stimmte. Die innerparteiliche Opposition gegen den Kurs der SPD nahm an Lautstärke zu und dies führte zur Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die als Abspaltung von der SPD – mit Hugo Haase an der Spitze –  einen deutlich radikaleren Kurs befürwortet. So führte der „Burgfrieden“ zu einem von Ebert beklagten „Bruderkampf“.

Der Erste Weltkrieg forderte auf allen Seiten einen immensen Blutzoll: Zwei Söhne Friedrich Eberts fielen und auch der Sohn von Matthias Erzberger, der für das Deutsche Reich den Waffenstillstand im Wald von Compiègne unterschrieb, erkrankte als Soldat 1918 an der Spanischen Grippe und starb. 1917 trug die SPD im Reichstag die von Erzberger initiierte Friedensresolution mit, die aber bei Kaiser Wilhelm II. und der Obersten Heeresleitung unter Paul von Hindenburg keinen Widerhall fand.

Informationstafel mit dem Titel 'Weltkrieg und 'Burgfrieden'.
Die SPD unter Friedrich Ebert bekennt sich zum innenpolitischen ‚Burgfrieden‘ als der Erste Weltkrieg beginnt und unterstützt die Kriegskredite im Reichstag. 1917 unterstützte die SPD eine Friedensresolution im Parlament, die auch von Matthias Erzberger (Zentrum) angeregt wurde. (Bild: Ulsamer)

Militär und Kaisertreue kneifen – die Demokraten handeln

„Bist Du von Gott verlassen, lass doch zum Teufel den Frieden diejenigen schließen, die den Krieg geführt und Verantwortung getragen und den Waffenstillstand gefordert haben“, so Otto Wels an Ebert gerichtet. Vielleicht hätte Friedrich Ebert auf Wels hören sollen, doch er sah es als seine Pflicht an, sich in die „Bresche zu werfen“, um den Frieden zu sichern und Deutschland vor einem inneren und äußeren Zerfall zu retten. Damit ergeben sich wieder Parallelitäten zu Erzberger, der sich bereit erklärte, die Waffenstillstandsverhandlungen zu führen, um die sich die kaiserliche ‚Elite‘ und die Militärführung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff drückten. Otto Wels, dies möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich erwähnen, widersetzte sich für die SPD im Reichstag 1933 dem Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“

Die Ausstellung in Heidelberg arbeitet auch eindrucksvoll die Verwerfungen heraus, denen sich Friedrich Ebert gegenübersieht, als er am 9. November 1918 einwilligt, das Amt des Reichskanzlers von Prinz Max von Baden zu übernehmen. „Es ist ein schweres Amt, aber ich werde es übernehmen.“ Das sich im freien Fall befindliche Land erhielt so einen Regierungschef aus den Reihen der SPD, die seit ihrer Gründung ausgegrenzt und verfolgt worden war.  Sein Ko-Vorsitzender in der SPD, Philipp Scheidemann, proklamierte vom Reichstag aus die Republik, obwohl sich Ebert zum damaligen Zeitpunkt durchaus noch eine parlamentarische Monarchie vorstellen konnte. Letztendlich war dies jedoch politisch richtig, wenn die SPD nicht von einer revolutionären Welle – ausgehend von den Arbeiter- und Soldatenräten – hinweggespült werden wollte.

Auf der einen Seite des Propagandablatts bewaffnete deutsche Soldaten mit der Unterschrift 'Als Ludendorff Krieg führte', daneben versklavte Soldaten in Uniform und einem Wächter mit Peitsche. Untertitel: 'Als Erzberger FRieden schloß'.
Zu den Musterbeispielen der Fake-News jener Zeit gehört eine Darstellung, in der die DNVP – Deutschnationale Volkspartei – die Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg und gar während des Kriegs verklärt und demokratische Ansätze in Misskredit bringt. In der Darstellung der DNVP wird Ludendorffs Kriegsführung zum ‘Heldenepos’ und Matthias Erzberger zum Verursacher der Knechtschaft. Mit solchen Pamphleten wurden Erzberger und Ebert zum Freiwild. Die Justiz schritt nicht ein! (Bild: Ulsamer)

Die Dolchstoßlüge

Bereits am nächsten Tag – 10. November – ging die eigentliche Regierungsmacht auf den ‚Rat der Volksbeauftragten‘ über, der paritätisch von SPD und USPD gebildet wurde. Ihm gehörten u.a. Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann für die SPD und der ehemalige SPD-Ko-Vorsitzende und jetzige USPD-Chef Hugo Haase an. Ebert hätte sich auch in diesem Falle eine breitere Basis für die Regierung – unter Einbeziehung bürgerlich-demokratischer Kräfte – gewünscht, doch war das mit der USPD nicht zu machen. Ebert leitete die Sitzungen des Rats der Volksbeauftragten und war für Innenpolitik und Militärwesen zuständig.

Am 11. November unterzeichnete Erzberger den Waffenstillstand. „Der nationale Leidensweg nach Compiègne war das Schwerste und Bitterste, was mir in meiner amtlichen Tätigkeit auferlegt worden ist“, so Erzberger 1921.** Bereits beim ersten Zusammentreffen hatte der französische Marschall Ferdinand Foch, Leiter der französisch-englisch-amerikanischen Delegation, klargemacht, dass es keine Verhandlungen geben werde, sondern Deutschland könne nur die Bedingungen des Waffenstillstandsabkommens annehmen oder ablehnen – und damit eine Fortsetzung des Krieges mit der Besetzung Deutschlands auslösen. Die Unterschrift Erzbergers unter das unausweichliche Waffenstillstandspapier war auch die Geburtsstunde der Dolchstoßlegende. Wenn wir heute über Fake News sprechen, dann ist diese Dolchstoßlegende eine frühe Ausformung: Dem zivilen Politiker Erzberger schoben rechtsnationale und militaristische Kreise die Schuld für den verlorenen Krieg unter. Das Heer sei, so die Lesart der rechtsextremistischen Gruppierungen, im Feld ungeschlagen gewesen und Erzberger und andere demokratische Politiker – wie Friedrich Ebert – hätten die Soldaten gewissermaßen aus dem Hinterhalt gemeuchelt. Otto Wels hatte mit seiner Warnung Recht behalten, doch die feige Militärführung und die kaisertreuen Nationalisten hatten es in perfider Weise geschafft, den demokratischen Politikern die Last aufzuladen, die später die Weimarer Republik mit erdrückte.

'hindenburg'-Straßenschild in Esslingen am Neckar. Im Hintergrund historische Bebauung.
Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff führten einen brutalen Krieg, stahlen sich bei den Waffenstillstandsverhandlungen aus der Verantwortung, bogen sich die Geschichte mit der ‚Dolchstoßlegende‘ zurecht, sabotierten die junge Demokratie der Weimarer Republik und zum Dank sind in Deutschland Straßen und Plätze nach Hindenburg benannt. Dieser machte sich als Reichspräsident zum Steigbügelhalter Adolf Hitlers. Sollten nicht diese Hindenburg-Schilder aus dem öffentlichen Raum – wie hier in Esslingen am Neckar – verschwinden? (Bild: Ulsamer)

Demokratiefeindliche Militärstrukturen bleiben erhalten

Herausgearbeitet wird in der Ausstellung unter anderem die Annäherung der Arbeitgeber und der Gewerkschaften: die Gewerkschaften werden als Tarifpartner anerkannt. Auch die Militärführung scheint vordergründig die auf demokratische Strukturen abzielende Führung zu unterstützen, doch in Wahrheit handeln die Militärs den Erhalt der Befehlsstrukturen aus – und so unterbleibt der Einsatz des eisernen Besens, der undemokratische Offiziere und Soldaten weggekehrt hätte. Auch in diesem Bereich wird Ebert von linken Kritikern vorgeworfen, nicht auf einen harten Bruch mit der Militärführung gedrängt zu haben. Aber hatte er wirklich eine Chance, das Militär drastisch zu reformieren, ohne deren Unterstützung im Kampf gegen revolutionäre Aufstände zu verlieren? Gerade für die schnelle Rückführung der Truppen, die noch in Frankreich oder Belgien standen, brauchte Ebert eine eingespielte Mannschaft. Und genau diese Rückholung war ein wichtiger Teil des Waffenstillstandsabkommens. So blieb ihm aus innen- und außenpolitischen Gründen wenig bis kein Spielraum gegenüber der Militärführung.

Auf diese Weise konnten sich hohe Militärführer des Kaiserreichs wie Paul von Hindenburg ungeschoren in die Weimarer Republik retten – und dieser wurde dann nicht nur zum Nachfolger Eberts gewählt, sondern wurde zum Steigbügelhalter Adolf Hitlers. General Ludendorff und Feldmarschall Hindenburg hatten in den letzten Kriegstagen vehement auf ein sofortiges Ersuchen für einen Waffenstillstand gedrängt, mit der Betonung „daß unser Friedensangebot sofort hinausgeht“. Unterschrieben wurde dieses Telegramm von Paul von Hindenburg bereits am 1. Oktober 1918. Und so schreibt Gerhard Binder zurecht: „Die Militärs waren am Ende ihrer Weisheit. Jetzt sollten die Zivilisten herhalten.“ Als ersichtlich wurde, dass die Siegermächte keine Verhandlungen führen würden, sondern eine bedingungslose Kapitulation forderten, schrieb Hindenburg: „Gelingt Durchführung dieser Punkte nicht, so wäre trotzdem abzuschließen.“ Aber die Militärführung versuchte alles, die Niederlage anderen – den demokratischen Kräften – in die Schuhe zu schieben, und dies gelang ihnen in weiten Kreisen. Politiker wie Ebert und Erzberger wurden von rechtsextremistischen Gruppen zu Hassfiguren stilisiert.

In einer Karikatur schlägt Otto von Bismarck sinnbildlich auf missliebige Käfer ein.
Friedrich Ebert erlebte noch die Auswirkungen der Sozialistengesetze auf sich selbst, die Gewerkschafts- und Parteiarbeit. Reichskanzler Otto von Bismarck hatte versucht, die sozialistische Arbeiterbewegung mit gesetzlichen Beschränkungen – wie den 1878 erlassenen Sozialistengesetzen – zu stoppen, wobei er parallel eine Krankenversicherung (1883) , eine Unfallversicherung (1884) und eine Invaliditäts- und Alterssicherung (1889) einführte. Die autoritäre und antidemokratische Grundhaltung weiter Teile der ‚Eliten‘ in Politik, Justiz und Militär überlebte auch in der Weimarer Republik und machten den Aufbau einer freiheitlichen, rechtsstaatlichen und demokratischen Gesellschaft besonders schwierig. (Bild: Ulsamer)

Weimarer Republik steht auf tönernen Füßen

Die Angriffe der kommunistischen Linken zielten darauf ab, die Reformkräfte um Ebert und Scheidemann zu entmachten und eine kommunistische Diktatur zu errichten. Der KPD ging es nicht um demokratische Wahlen oder eine parlamentarische Ordnung, sondern im Sinne von Karl Marx um eine Diktatur des Proletariats. Der SPD-Politiker Gustav Noske übernahm den Oberbefehl über die Truppen und ließ Aufstände niederschlagen. Diese exemplarischen Beispiele belegen, auf welch tönernen Füßen die aufkeimende Demokratie im Deutschen Reich stand, das sich als Weimarer Republik anschickte, einen demokratischen und pluralistischen Weg zu beschreiten.

Weiterhin ging es Ebert um eine breite Basis für die Regierungen in der Weimarer Republik, und er vermochte es zumindest zeitweise, eine Weimarer Koalition aus seiner SPD, der katholischen Zentrumspartei und der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) zu bilden. Doch bereits bei der Wahl Eberts zum Reichspräsidenten am 11. Februar 1919 bröselte die Dreiviertelmehrheit der Weimarer Koalition in der Nationalversammlung. „Die Freiheit aller Deutschen zu schützen mit dem äußersten Aufgebot von Kraft und Hingabe, dessen ich fähig bin, das ist der Schwur, den ich in dieser Stunde in die Hände der Nationalversammlung lege“, so Ebert in seiner Antrittsrede. Ebert war als Reichspräsident ein Streiter für die Demokratie und ein Hüter der Verfassung. Die Verfassungsfeinde auf der extremen Rechten und Linken machten jedoch Ebert und der Regierung ebenso das Leben schwer wie die Siegermächte, die die innenpolitische Sprengkraft des aufgezwungenen Waffenstillstandsabkommens und des Friedensvertrags unterschätzten und auf diese Weise den Boden für extremistische Kräfte – allen voran die Nationalsozialisten – bereiteten.

Im Blick die rötliche Schlossruine, die Alte Brücke über den Neckar, Kirchen und Häuser an engen Gassen.
Heidelberg war im 19. Jahrhundert deutlich weniger durch die aufkommende Industrie geprägt als die Nachbarstadt Mannheim. So gab es bei 15 000 Einwohnern Mitte des Jahrhunderts nur weniger als 400 Industriearbeiter. Die Universität sowie der aufkommende Tourismus nahmen neben dem Agrarbereich an Bedeutung zu und gerade auch die Schlossruine zieht seit der Romantik zahlreiche Besucher an. Heute hat die Geburtsstadt Friedrich Eberts rd. 160 000 Einwohner, in seinem Geburtsjahr 1871 waren es lediglich 20 000. (Bild: Ulsamer)

Demokraten auf verlorenem Posten?

Nicht nur Ebert, sondern auch Erzberger gerieten unter das polemische Dauerfeuer extremistischer Nationalisten – wobei der Reichspräsident zusätzlich von der USPD und KPD attackiert wurde. Ebert und Erzberger versuchten, die lügnerischen Angriffe auf ihre Person unter anderem mit zahllosen Prozessen abzuwehren, doch im Regelfall vergeblich. Hier zeigte sich einmal mehr, dass sowohl das Militär als auch die Justiz von Seilschaften beherrscht wurde, die dem Kaiser nachtrauerten und die parlamentarische Demokratie bekämpften – sie zumindest nicht unterstützten. Aber nicht nur der persönliche Anstand erodierte im politischen Bereich, die Bereitschaft, sich für die Demokratie einzusetzen, gleichfalls! So wechselten die Regierungen in schneller Folge: In seinen sechs Amtsjahren als Reichspräsident erlebte Ebert „nicht weniger als neun Reichskanzler mit mehr als einem Dutzend Kabinetten“, und überwiegend verfügten sie nicht über eine parlamentarische Mehrheit.

Aber auch bis heute hochgelobte Intellektuelle stärkten der Weimarer Republik und ihren Repräsentanten nicht den Rücken, sondern überzogen sie mit Häme. So beispielsweise Kurt Tucholsky, der über Friedrich Ebert schrieb: „Und weil er immer da war, drängelte er sich zum Reichspräsidenten hinauf, ein mittlerer Bürger, die schlimmste Mischung, die denkbar ist: persönlich rein und sachlich schmutzig.“ Und Tucholsky polemisiert in seiner Rezension über Eberts ‚Kämpfe und Ziele‘: „diese ist pappen, dumpf klein, schlau und dumm.“ Auch im Kladderadatsch, einer politisch-satirischen Zeitschrift, wurde Friedrich Ebert zur Zielscheibe – ebenso wie Erzberger. Im Kladderadatsch wird z.B. der Waffenstillstand nicht als Anlass zum Nachdenken über die deutsche Rolle bei der Entstehung des Ersten Weltkriegs genutzt, sondern im Gegenteil: „Einst, ich weiß, muß doch der Tag erscheinen / Der uns Rache bringt!“

Informationstafel mit dem Titel 'Politischer Mord'.
Rechtsextremistische Gruppierungen wie die nationalistisch-antisemitische Organisation ‘Consul“ beließen es nicht bei Häme und Hetze, sondern sie ermordeten auch den Zentrums-Politiker Matthias Erzberger, der das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnete, da die Militärführung und die kaiserliche ‚Elite‘ dazu zu feige war. Zu den weiteren Opfern der nationalistischen Terrororganisation zählte 1922 der Außenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau. Er hatte der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei angehört. Einen weiteren Anschlag dieser rechtsextremistischen Terrorbande mit Blausäure auf Philipp Scheidemann überlebte das Opfer. (Bild: Ulsamer)

Im Fadenkreuz der Extremisten

In der Weimarer Republik wurde auch deutlich, wie schnell aus heftigen persönlichen Angriffen und Diffamierungen Gewalt resultiert. Am 26. August 1921 ermordeten zwei Mitglieder der nationalistisch-antisemitischen Organisation ‘Consul’ Matthias Erzberger mit acht Schüssen bei einem Spaziergang im Schwarzwald bei Bad Griesbach. Sein Parlamentskollege Carl Diez, der Erzberger begleitet hatte, überlebte schwer verletzt.  Zu den weiteren Opfern der nationalistischen Terrororganisation zählte 1922 der Außenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau. Er hatte der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei angehört. Einen weiteren Anschlag dieser rechtsextremistischen Terrorbande mit Blausäure auf Philipp Scheidemann überlebte das Opfer. Scheidemann wurde 1922 als Oberbürgermeister von Kassel attackiert, doch er war schon vorher der erklärte Feind für die Rechtsextremisten von ‚Consul‘, denn er hatte 1918 in Berlin die Republik ausgerufen und war zum Reichsministerpräsidenten gewählt worden.

Letztendlich zählt auch Friedrich Ebert zu den Opfern der extremistischen Attacken, denn er verschleppte eine schwere Erkrankung, um einen Verleumdungsprozess zu Ende zu bringen. Der behandelnde Arzt hatte dazuhin die Blinddarmentzündung nicht klar erkannt. Friedrich Ebert stellte jedoch auch in seinen letzten Tagen die eigene Gesundheit zurück, um für die Demokratie und den eigenen Ruf zu kämpfen. Ebert hatte Deutschland durch eine Unzahl von Krisen geführt und dabei Herausragendes geleistet. Zwei Wochen vor Eberts Tod hatte die Parteizeitung ‚Vorwärts‘ die Probleme zusammengefasst, denen sich der Reichspräsident gegenübersah. „Härteste Bedrängnis von außen, tiefste Zerrüttung im Innern, soziale Nöte, drohender Zerfall, das waren die Zeichen, unter denen Ebert sein Amt antrat. Es kam die Entscheidung über Oberschlesien, das Londoner Ultimatum, der Ruhrkampf, es kamen die Putsche von links, die Putsche von rechts, die politischen Morde, der Separatismus im Westen und in Bayern, es kamen Hungerkrawalle und Inflation.“

Friedrich Ebert, sitzend mit Schnauz- und Kinnbart.
Die Hetze antidemokratischer Organisationen und Medien gegen Friedrich Ebert oder auch Matthias Erzberger war beispiellos: Und die Justiz machte sich zumeist zum Erfüllungsgehilfen der Verleumder. Die ‚Dolchstoßlegende‘, die gerade auch Militärs wie Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff propagierten, lenkte von der Schuld der Militärführung ab und schob die Schuld am verlorenen Krieg den demokratischen Politikern zu. Nicht die Truppen hätten den Krieg im Feld verloren, sondern die Soldaten seien hinterrücks von streikenden Arbeitern, den Arbeiter- und Soldatenräten bzw. den demokratischen Politikern gemeuchelt worden, so der Inhalt der Dolchstoßlüge. Dem entsprechend urteilte ein Gericht in Magdeburg 1924, Friedrich Ebert sei ein „Landesverräter”, da er 1918 in eine Streikleitung eingetreten sei: So musste sich ein streitbarer Demokrat ungestraft beleidigen lassen! Die alten Seilschaften in Justiz, Polizei und Militär zerstörten das aufkeimende demokratische Pflänzchen. (Bild: Screenshot, Facebook, 25.3.19)

Ebert setzte auf Konsens

Friedrich Ebert hatte stets auf die Bildung einer breiten Koalition der Demokraten, auf Konsens und Zusammenarbeit gesetzt, doch bei vielen Gruppierungen fehlte es in der Weimarer Republik an jeglicher Kompromissbereitschaft. Sein früher Tod am 28. Februar 1925 – und dies gilt auch für Erzberger und Rathenau – zerstörte eine Stütze der Demokratie und machte den Weg frei für die alten antidemokratischen Kräfte, die alles getan hatten, um die junge Demokratie in ihren Grundfesten zu erschüttern.

Der Weg vom Sattlergesellen in Heidelberg über den SPD-Vorsitzenden bis zum demokratischen Reichspräsidenten in Berlin war weit, und doch hat Friedrich Ebert auf dieser Strecke viel für Deutschland geleistet. Seine Gegner haben ihm dies nicht gedankt, sondern ihn mit Häme und Verleumdungen überzogen. Am Beispiel der Weimarer Republik wird überdeutlich, wohin es führt, wenn die gemäßigten Gruppierungen nicht zusammenstehen, sondern den Extremisten von links und rechts nicht rechtzeitig in die Arme fallen. Aber auch die Siegermächte erkannten nicht, dass sie die Weimarer Republik an den Rand des Abgrunds drängten und damit den Boden für einen neuen übersteigerten Nationalismus bereiteten.

Nach dem Tode Friedrich Eberts nahm die Tragödie ihren Lauf, indem Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt wurde. Ausgerechnet ein Generalfeldmarschall des Kaiserreichs, der mitverantwortlich war für einen verbrecherischen Krieg, sollte die schwächelnde Demokratie in die Zukunft führen. Doch er wurde zu deren Totengräber. Paul von Hindenburg, dem heute noch bedauerlicherweise Plätze und Straßen in Deutschland gewidmet sind, wurde zum Steigbügelhalter Adolf Hitlers.

 

Literaturhinweise:

* Vom Arbeiterführer zum Reichspräsidenten. Friedrich Ebert (1871 – 1925), herausgegeben von Bernd Braun und Walter Mühlhausen, Heidelberg 2012. Auch die nachfolgenden Zitate, die sich auf Friedrich Ebert beziehen, entstammen dieser Publikation

** Matthias Erzberger: Ein Wegbereiter der deutschen Demokratie, herausgegeben vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 2011

 

Auf dem Plakat sind gemalte FahrradfahrerInnen mit Hut und Krawatte zu sehen.
In der Ausstellung findet sich dieses Plakat des ‚Arbeiter Fahrrad Bunds Solidarität‘, das zeigt wie bürgerlich die Arbeiterschaft war oder sein wollte. Somit vertrat auch Friedrich Ebert einen politischen Kurs, der auf Reformen statt Revolution setzte. (Bild: Ulsamer)

Eine Antwort auf „Friedrich Ebert: Vom Sattlergesellen zum ersten Reichspräsidenten“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.