Erster Weltkrieg: 100 Jahre Waffenstillstand von Compiègne

Matthias Erzberger unterschreibt statt der Militärs – und wird zur Hassfigur

Das Deutsche Reich wurde von Kaiser Wilhelm II. in den Ersten Weltkrieg geführt, und bis Herbst 1918 widersetzte sich die Oberste Heeresleitung der von Matthias Erzberger im Juli 1917 im Reichstag durchgesetzten Friedensresolution. Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff betrieben mit ihrer Halsstarrigkeit und Menschenverachtung die Fortsetzung eines Krieges, der längst verloren war und unsägliches Leid über Soldaten und Zivilisten brachte. Nicht zuletzt geht auch der uneingeschränkte U-Boot-Krieg auf Ludendorff zurück, der zum Kriegseintritt der USA führte. Als jedoch die Aussichtslosigkeit des Krieges auch von den uniformierten Lametta-Trägern nicht mehr geleugnet werden konnte, da schoben sie dem Zivilisten und Zentrumspolitiker Matthias Erzberger den Schwarzen Peter zu.

Zimmer im Geburtshaus und heutigen Museum. Trichter mit Zeitungsartikeln sind auf den Sessel gerichtet, in dem gewissermaßen Erzberger sitzt, der sich all die Verunglimpfungen anhören muss.
Da von Matthias Erzberger kaum persönliche Gegenstände erhalten geblieben sind, mussten die Museumsgestalter der Dauerausstellung in seinem Geburtshaus zu künstlerischen Mitteln greifen. So z.B. im Raum „Antirepublikanische Hetze“: Hier wird deutlich mit welch infamen und aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen rechtsextremistische und nationalistische Gruppierungen versuchten, Matthias Erzberger aus der Politik zu drängen. Als dies nicht gelang, gaben sie ihn zum ‚Abschuss‘ frei. Erzberger widerstand all diesen Anfeindungen, aber er spürte auch die Bedrohung: „Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen.“ Leider hat er Recht behalten. Die Verleumdungen gegen Erzberger gipfelten in der Dolchstoßlegende: Feige Militärs und Kaisertreue schoben Erzberger und anderen Demokraten die Schuld für den verlorenen Krieg zu und lenkten so von ihrer Schuld ab. (Bild: Ulsamer)

Feige Militärs verdrücken sich in die zweite Reihe

Eine Perversion ist es, dass ausgerechnet die für die Kriegsführung verantwortlichen Militärs unter Feldmarschall Paul von Hindenburg Erzberger mit den Waffenstillstandsverhandlungen beauftragten: Die kriegslüsternen Mitglieder der Obersten Heeresleitung, die Friedensverhandlungen zu einem früheren Zeitpunkt ständig hintertrieben hatten, schoben nun die undankbare Aufgabe, den Waffenstillstand nach einem verlorenen Krieg zu unterzeichnen, einem demokratischen Politiker zu. Als Erzberger im Wald von Compiègne das Waffenstillstandsabkommen akzeptierte, unterschrieb er damit am 11. November 1918 gewissermaßen auch sein eigenes Todesurteil. Die nationalistischen Kräfte sahen in ihm ihren Hauptgegner, dem sie nach dem Leben trachteten.

Die Nationalisten, Militaristen und Kaisertreuen hatten dabei den Vorteil, dass am 9. November in Berlin die Republik ausgerufen worden war und der Kaiser abgedankt hatte. „Auf diese Weise konnte sich die Oberste Heeresleitung heraushalten; später sagte man, daß der Waffenstillstand ja von Zivilisten, dazu noch von einem Zentrumspolitiker, unterzeichnet worden war“, so Gerhard Binder in seiner ‚Geschichte im Zeitalter der Weltkriege‘. Und der letzte kaiserliche Reichskanzler Max von Baden hatte die Regierungsgeschäfte bereits dem Vorsitzenden der SPD, Friedrich Ebert, übertragen. Etwas überspitzt könnte man sagen, die Militärs und der Adel hatten sich vom Acker gemacht und überließen es dem Lehrer von der Schwäbischen Alb, Matthias Erzberger, und dem gelernten Sattlergesellen, Friedrich Ebert, den Waffenstillstand zu unterschreiben und Deutschland durch eine turbulente Zeit zu führen.

„Der nationale Leidensweg nach Compiègne war das Schwerste und Bitterste, was mir in meiner amtlichen Tätigkeit auferlegt worden ist“, so Erzberger 1921.* Bereits beim ersten Zusammentreffen machte der französische Marschall Ferdinand Foch, Leiter der französisch-englisch-amerikanischen Delegation, klar, dass es keine Verhandlungen geben werde, sondern Deutschland könne nur die Bedingungen des Waffenstillstandsabkommens annehmen oder ablehnen – und damit eine Fortsetzung des Krieges mit der Besetzung Deutschlands auslösen. Die Unterschrift Erzbergers unter das unausweichliche Waffenstillstandspapier war auch die Geburtsstunde der Dolchstoßlegende. Wenn wir heute über Fake News sprechen, dann ist diese Dolchstoßlegende eine frühe Ausformung: Dem zivilen Politiker Erzberger schoben rechtsnationale und militaristische Kreise die Schuld für den verlorenen Krieg unter. Das Heer sei, so die Lesart der rechtsextremistischen Gruppierungen im Feld ungeschlagen gewesen und Erzberger und andere demokratische Politiker – wie Friedrich Ebert – hätte die Soldaten gewissermaßen aus dem Hinterhalt gemeuchelt.

Auf der einen Seite des Propagandablatts bewaffnete deutsche Soldaten mit der Unterschrift 'Als Ludendorff Krieg führte', daneben versklavte Soldaten in Uniform und einem Wächter mit Peitsche. Untertitel: 'Als Erzberger FRieden schloß'.
Zu den Musterbeispielen der Fake-News jener Zeit gehört eine Darstellung, in der die DNVP – Deutschnationale Volkspartei – die Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg und gar während des Kriegs verklärt und demokratische Ansätze in Misskredit bringt. Musterbeispiel: In der Darstellung der DNVP wird Ludendorffs Kriegsführung zum ‚Heldenepos‘ und Matthias Erzberger zum Verursacher der Knechtschaft. Mit solchen Pamphleten wurde Erzberger, der für das Deutsche Reich die Kapitulation unterschrieb, zum Freiwild – und er bezahlte den Einsatz für sein Land mit dem Tode. Ermordet von Rechtsextremisten. Gezeigt wird dieses Propagandablatt im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart in der Ausstellung „Vertrauensfragen. Der Anfang der Demokratie im Südwesten 1918-1924“. (Bild: Ulsamer)

Die „Dolchstoß“-Lüge

Der neue Reichskanzler Friedrich Ebert, SPD, und insbesondere Generalfeldmarschall Hindenburg forderten Erzberger auf, das Abkommen auf jeden Fall zu unterzeichnen, doch in der Folgezeit wurde Erzberger als „Verräter“ gebrandmarkt, der das Deutsche Reich an den Gegner verkauft habe. Und dies, obwohl Erzberger einige Erleichterungen aushandeln konnte, die z.B. einen geordneten Rückzug der deutschen Truppen ermöglichten. Nicht die Generäle trugen die Last und Verantwortung für den verlorenen Krieg – oder Kaiser Wilhelm II., der sich ins Exil abgesetzt hatte -, sondern wie immer in solchen Fällen die Bürgerinnen und Bürger sowie demokratische Politiker wie Erzberger.

General Ludendorff und Feldmarschall Hindenburg hatten in den letzten Kriegstagen vehement auf ein sofortiges Ersuchen für einen Waffenstillstand gedrängt, mit der Betonung „daß unser Friedensangebot sofort hinausgeht“. Unterschrieben wurde dieses Telegramm von Paul von Hindenburg bereits am 1. Oktober 1918. Und so schreibt Gerhard Binder zurecht: „Die Militärs waren am Ende ihrer Weisheit. Jetzt sollten die Zivilisten herhalten.“**** Als ersichtlich wurde, dass die Alliierten keine Verhandlungen führen würden, sondern eine bedingungslose Kapitulation forderten, schrieb Hindenburg: „Gelingt Durchführung dieser Punkte nicht, so wäre trotzdem abzuschließen.“ Aber die Militärführung versuchte alles, die Niederlage anderen – den demokratischen Kräften – in die Schuhe zu schieben, und dies gelang ihnen auch.

Das aufkeimende Pflänzchen der Demokratie wurde so völlig zu Unrecht mit den Folgen des Waffenstillstands und des nachfolgenden Versailler Vertrags mit seinen drakonischen Reparationen belastet. Der Start der Weimarer Republik stand damit von Anfang an unter einem schlechten Stern. „Auf Drängen des Reichskanzlers und des Kabinetts erklärte sich Erzberger bereit, an der Spitze der deutschen Delegation zu treten“, so der frühere baden-württembergische CDU-Ministerpräsident Erwin Teufel. „Rückblickend muss man sagen: Das war der größte Fehler Matthias Erzbergers, und es war der größte Fehler der Demokraten und Befürworter der Republik! Denn dadurch blieben die eigentlichen Kriegsverlierer, die Militärs, die in unsinnigen Materialschlachten und Stellungskriegen Millionen Menschen verheizten, von dieser undankbaren Aufgabe verschont.“ Und die Militärs drückten sich somit nicht nur um das Schuldeingeständnis, sondern die nationalistischen Kräfte versuchten mit der „Dolchstoßlegende“ die Schuld für den verlorenen Krieg den Kräften zuzuschieben, die sich bereits ab 1917 für den Frieden eingesetzt hatten.

Zwar ist die „Dolchstoßlegende“ eine einzige Lüge, doch sie eignete sich damals zum Kampf gegen die demokratischen Kräfte. Doch mit dieser Fake News der besonders perfiden Art brachten sich die militärischen Führer aus der Schusslinie und machten so auch den Weg frei für die Zersetzung der Weimarer Republik. Und nochmals Erwin Teufel: „Und sie haben den Eindruck erweckt, als hätten demokratische Politiker die Niederlage im Krieg und auch den Versailler Vertrag zu verantworten. Die böse Dolchstoßlegende war geboren.“

Demokraten unter Beschuss rechtsextremer Kreise

„Aller Hass meiner Gegner macht mich nicht irre in der Überzeugung, dass damals nur die Unterzeichnung des Friedens der Weg zur Rettung des deutschen Volkes war“, so Erzberger 1920 in seinen Erinnerungen.*  Sowohl durch seine Unterschrift unter das Waffenstillstandsabkommen als auch durch seine Befürwortung der Unterzeichnung des Versailler Vertrags tat Erzberger alles, um eine Besetzung oder Aufteilung des Deutschen Reiches zu verhindern, aber die nationalistischen Kreise dankten ihm dies nicht. Ihre Wut auf Erzberger wurde nur umso größer.

Aber nicht nur Matthias Erzberger als Zentrumspolitiker, sondern auch den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert nahmen rechtsextreme Organisationen und Zeitungen aufs Korn. Als Nachfolger Max von Badens wurde Ebert faktisch Regierungschef und versuchte, die Weimarer Republik durch die schlimmsten Stürme zu steuern. Am 11. Februar 1919 wählte ihn die Nationalversammlung zum ersten Reichspräsidenten.

Blick auf das rötlih-orangene Geburtshaus von Matthias Erzberger. Im Vordergrund ein Baum und eine Stele mit einem Foto Erzbergers.
Aus der dörflichen Enge erarbeitete sich Matthias Erzberger seinen Weg in die Politik durch nicht nachlassenden Fleiß und die Hinwendung zum Mitmenschen. Heute findet sich in seinem kleinen Geburtshaus in Buttenhausen, einem Ortsteil der Stadt Münsingen, eine interessante Dauerausstellung. Zwar sind von Erzberger nur wenige persönliche Gegenstände erhalten geblieben, doch in der Ausstellung an diesem historisch bedeutsamen Ort, die vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg entwickelt wurde, wird sein Leben und Wirken in eindrucksvoller Weise herausgearbeitet. Über Anfahrt und Öffnungszeiten können Sie sich im Internet informieren: www.erzberger-museum.de Die Gedenkstätte ist auf jeden Fall einen Besuch wert. (Bild: Ulsamer)

Aus Buttenhausen nach Berlin

Wer auf der Schwäbischen Alb geboren wird und sich in die Berliner Politik wagt, der tut sich bis heute allemal schwer: Dies galt viel mehr noch für Matthias Erzberger, der 1875 in Buttenhausen im damaligen Königreich Württemberg zur Welt gekommen war.  Aber mit großem Fleiß arbeitete er sich – aus einfachen Verhältnissen stammend – in Journalismus und Politik nach oben. Sein Wirken für die Demokratie geriet in der Bundesrepublik Deutschland lange in Vergessenheit, und in Geschichtsbüchern wurde er höchstens als Unterzeichner des Waffenstillstandsabkommens im Wald von Compiègne erwähnt, mit dem das Morden im Ersten Weltkrieg zu Ende ging. Seine deutlichen Worte gegen die deutsche Kolonialpolitik im Kaiserreich, seine bereits erwähnte Friedensresolution im Jahre 1917 im Reichstag zu Berlin oder auch seine grundlegende Finanz- und Steuerreform in der Weimarer Republik hätten ihm einen hervorgehobenen Platz in unserer Erinnerungskultur sichern müssen. Ein kleines Zeichen der Anerkennung war die Benennung eines Gebäudes des Deutschen Bundestags nach Erzberger 100 Jahre nach der leider folgenlosen Friedensresolution.

Bemerkenswert ist es, wie zielstrebig Matthias Erzberger seinen Weg in die Politik ging. Als ältestes von sechs Kindern eines Schneiders und Postboten in einem kleinen Häuschen in dem Dorf Buttenhausen geboren, wurde ihm nicht in die Wiege gelegt, ein führender Zentrumspolitiker zu werden. Ganz im Gegenteil: Bis zu seiner Ermordung nutzten seine politischen Gegner die Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen, seinen schwäbischen Dialekt und seine religiöse Einstellung für Angriffe gegen ihn aus.

Im katholischen Lehrerseminar in Saulgau legte er die Prüfung zum Volksschullehrer ab: Für diese Ausbildung musste kein Schulgeld bezahlt werden, und sie war für ihn damit eine der wenigen Chancen, sich beruflich zu entwickeln.

Rote und hellbraune Holzhäuschen zeigen auf dem Modell Buttenhausens die religiöse Verteilung der Einwohner.
In Buttenhausen wird auch in herausragender Weise ein anderer Teil unserer deutschen Geschichte in einem Museum in der ehemaligen Bernheimer’schen Realschule lebendig, das auf das Zusammenleben christlicher und jüdischer Einwohner eingeht. Bis zum Terror und der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten bestand die Dorfgemeinschaft rund zur Hälfte aus Juden bzw. Protestanten, nur einige Familien waren katholischen Glaubens. Zu diesen zählten auch die Erzbergers. Das übernächste Gebäude zu seinem Geburtshaus beherbergte die Synagoge, die von den Nationalsozialisten zerstört wurde. Wenn Sie nach dem Besuch der Gedenkstätte der kleinen Straße den Berg hinauf folgen, dann erreichen Sie den jüdischen Friedhof, der bis heute erhalten blieb. (Bild: Ulsamer)

Politische Arbeit als Hilfe für die „kleinen“ Leute

Das Dorf Buttenhausen, heute zur Stadt Münsingen gehörend, zeichnete sich durch eine außergewöhnliche religiöse Zusammensetzung aus: Etwa die Hälfte der Bewohner waren Juden, die andere Hälfte Protestanten – und Erzbergers Familie gehörte zu den wenigen Katholiken. Die friedliche und vielfältige Dorfgemeinschaft wurde erst durch die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zerstört. Der jüdische Friedhof und ein Museum im ehemaligen Realschulhaus, das die jüdische Geschichte Buttenhausens wachhält, erinnern noch heute an die Zeit, in der Juden und Christen das Leben gemeinsam prägten.

Erzberger war als Volksschullehrer tätig, doch begann er bald als Redakteur für das „Deutsche Volksblatt“ zu arbeiten. Er versuchte, mit seinen Aktivitäten in katholischen Arbeitervereinen und bei der Gründung Christlicher Gewerkschaften einen Gegenpol zu sozialistischen Bestrebungen seiner Zeit zu bilden. Als Arbeitersekretär stand er Hilfesuchenden bei Fragen zur Alters- und Krankversicherung mit Rat und Tat zur Seite. Sein Wunsch, ein Anwalt der „kleinen“ Leute zu sein, bildete sich hier heraus und prägte sein gesamtes Wirken.

Als jüngster Abgeordneter wurde Erzberger 1903 in den Reichstag gewählt: Zwar war sein Wahlkreis, der u.a. Biberach, Leutkirch, Waldsee und Wangen umfasste, dem Zentrum sicher, doch sein Ergebnis von mehr als 92 % der abgegebenen Stimmen war dennoch eine besondere Auszeichnung. Er zog mit seiner Familie nach Berlin und sicherte sich durch das Schreiben politischer Beiträge für zumeist süddeutsche Zeitungen ein Einkommen, da die Abgeordneten noch nicht an Diäten im heutigen Sinne und in entsprechender Höhe zu denken wagten.

Im Gegensatz zu den Bundestagsabgeordneten unserer Tage konnte der in Berlin wohnende Erzberger nur ein- bis zweimal jährlich seinen Wahlkreis besuchen. Dabei stand der intensive Austausch mit seinen Wählerinnen und Wählern im Mittelpunkt, deren Anliegen er aber auch unterm Jahr in schriftlicher Form aufnahm und bearbeitete. So wurde Erzberger zu einem der ersten Berufspolitiker, der zugleich den Reichstag als politisches Forum nutzte und dennoch den Kontakt zur Bürgerschaft niemals vernachlässigte. Da könnte sich so manches Mitglied unseres XXL-Bundestags ein Vorbild nehmen.

Matthias Erzber mit Georg Baumgartner und Monsignore Franz Vogt. Alle im Anzug.
In der Gedenkstätte in Münsingen-Buttenhausen findet sich auch dieses Foto, das Matthias Erzberger mit Georg Baumgartner sowie Monsignore Franz Vogt in Weissbad (v. links n. rechts) im Juli 1920 zeigt. Obwohl Erzberger seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt hatte, um hier am parlamentarischen und politischen Leben teilnehmen zu können, war er auch in seiner heimatlichen Region präsent. (Bild: Stadtarchiv Münsingen)

Ein Freund klarer Worte

Wenig Freunde machte sich Erzberger, als er im Reichstag Korruption und Misswirtschaft in der Kolonialverwaltung anprangerte. Seine Kritik führte u.a. dazu, dass ein Verwandter von Kaiser Wilhelm II., der Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg, seinen Hut nehmen musste. „Ein schwäbischer Volksschullehrer hatte einen Erbprinzen gestürzt.“* Rechte und nationalistische Gruppierungen stellten sich gegen ihn, und ihr Hass begleitete ihn bis zu seiner Ermordung.

Zwar ließ sich Erzberger zu Beginn des Ersten Weltkriegs von der nationalen Begeisterung mitreißen, doch früher als andere Politiker erkannte er, dass der Krieg verloren und nur noch die Einleitung von Friedensverhandlungen sinnvoll war. Auch Friedrich Ebert und die von ihm geführte SPD-Fraktion hatte 1914 noch für die Kriegskredite gestimmt. Schrieb Erzberger 1914 noch „Das ganze deutsche Volk lebt nur für die eine Parole: Kaiser, Volk und Vaterland“, so initiierte er 1917 im Reichstag eine Friedensresolution, die eine Mehrheit fand, aber sie blieb ohne Wirkung bei Kaiser, nationalistischen Organisationen und der Militärführung. Auch mit Hilfe der Zensurbehörden versuchte die Militärführung des Reichs Matthias Erzberger mundtot zu machen, der sich weiter für einen Verständigungsfrieden einsetze.

Dunkelbraune Büste von Matthias Erzberger und im Hintergrund ein Foto von ihm.
„Die nach Reichsfinanzminister Matthias Erzberger benannte Finanz- und Steuerreform von 1919/20 war das bedeutendste Ereignis der deutschen Finanzgeschichte des 20. Jh.“, so die Chronik des Bundesministeriums für Finanzen (BMF). „Die immense Verschuldung des Deutschen Reiches aus dem Ersten Weltkrieg sowie hohe innere und äußere Kriegsfolgelasten erzwangen einen völligen Umbau der Finanzverfassung und des Steuersystems.“ Im Jahre 2011 benannte das BMF in einer Gedenkveranstaltung den repräsentativen Großen Saal des Detlev-Rohwedder-Hauses in Berlin in „Matthias-Erzberger-Saal“ um. (Bild: Bundesministerium der Finanzen/Jörg Rüger)

Steuerreform in neun Monaten

Auch heute ist gewiss noch beherzigenswert, was Erzberger über seine veränderte Grundhaltung schrieb: „Das sind die wahren Weisen, die vom Irrtum zur Wahrheit reisen, und das sind die Narren, die im Irrtum verharren.“ Politische Fehler zu begehen, das lässt sich ohnehin nicht vermeiden, doch dann offen eine Kurskorrektur vorzunehmen, das ist der richtige Weg. So schreibt auch Erwin Teufel: „Und Politiker müssen ständig bereit sein zu lernen.“ Das hätte ich mir auch bei unserer Bundeskanzlerin Angela Merkel gewünscht, doch auf „Wir schaffen das“ folgte nach der ungeordneten Flüchtlingswelle lediglich „Ich wüsste nicht, was wir anders machen sollten.“

Unverdrossen arbeitete Erzberger auch in der Weimarer Republik als Finanzminister mit und schuf innerhalb von nur neun Monaten eine Finanz- und Steuerreform, die bis heute die Basis unseres Steuersystems ist. Seither hat leider nur die Komplexität des Steuersystems zugenommen. Ich würde gerne mal erleben, dass in der Bundesrepublik Deutschland das Steuersystem in so kurzer Zeit übersichtlicher und bürgernäher gestaltet würde. Noch heute warte ich auf die Steuererklärung, die auf einen Bierdeckel passt, und die immer mal wieder versprochen wurde. Aber außer heißer Luft hat sich in den letzten 20 Jahren wenig in unserem Land in Sachen Steuervereinfachung getan. Vielleicht bekommt Friedrich Merz bei der CDU eine Chance, im zweiten Anlauf zur Vereinfachung des Steuersystems beizutragen.

Gedenkstein für Matthias Erzberger bei Bad Grönenbach. Die Aufschrift spricht von 'starb', doch Erzberger wurde an dieser Stelle ermordet.
Ein Gedenkstein erinnert an der Aufstiegsstraße von Bad Griesbach zur Schwarzwaldhochstraße an den am 26. August 1921 ermordeten Reichsfinanzminister Matthias Erzberger. Der Gedenkstein steht etwas verloren innerhalb einer steilen Haarnadelkurve. Und der Text des Gedenksteins klingt auch etwas beschönigend, denn statt „starb“ sollte es eigentlich „ermordet“ heißen. (Bild: Ulsamer)

Von der Diffamierung zum Mord

Mit allen Mitteln versuchte die nationalistische Rechte, aber auch bürgerliche Kräfte beteiligten sich daran, Erzberger zu diffamieren. „Nieder mit Erzberger, dem Reichsverderber, dem Helfer unserer Feinde“, so Heinrich Frenzel in einer Hetzschrift. Karl Helfferich, ein deutschnationaler Politiker und Vizekanzler im Kaiserreich, überzog Erzberger mit übelsten Verleumdungen und bekam vor Gericht eine „Strafe“, die sich als Freispruch las. Bei einer Veranstaltung der „Bayerischen Mittelpartei“ wurde er gar als „der Erzbergertöter“ angekündigt. Aber auch der „Kladderadatsch“ würdigte Erzberger in einer Karikatur als „die kopfnickende ewig lächelnde Pagode des Marschalls Foch“ herab.

So kam, was denn wohl kommen musste, da ein großer Teil der Politik, der Medien und der Justiz nicht rechtzeitig einschritten: Im August 1919 wollten Landjäger Erzberger lynchen, 1920 schoss ein entlassener Offiziersanwärter auf den Reichsfinanzminister und am 26. August 1921 ermordeten zwei Mitglieder der nationalistisch-antisemitischen Organisation „Consul“ Matthias Erzberger mit acht Schüssen bei einem Spaziergang im Schwarzwald bei Bad Griesbach. Sein Parlamentskollege Carl Diez, der Erzberger begleitet hatte, überlebte schwer verletzt.

Zu den weiteren Opfern der nationalistischen Terrororganisation zählte 1922 der Außenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau. Er hatte der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei angehört. Ein Anschlag dieser rechtsextremistischen Terrorbande mit Blausäure auf Philipp Scheidemann überlebte das Opfer. Scheidemann wurde 1922 als Oberbürgermeister von Kassel attackiert, doch er war schon vorher der erklärte Feind für die Rechtsextremisten von ‚Consul‘, denn er hatte am 9. November 1918 in Berlin die Republik ausgerufen und war zum Reichsministerpräsidenten gewählt worden.

Helles Gebäude in Berlin, umgeben von einigen kleineren Bäumen.
Im März 2017 benannte der Deutsche Bundestag ein von ihm genutztes Gebäude nach Matthias Erzberger. In dem 1961 erbauten Stahlbeton-Skelettbau residierte einst das Ministerium für Volksbildung der DDR. Ein spätes Gedenken an diesen wichtigen Zentrumspolitiker, der rechtsradikalen Organisationen wegen seiner demokratischen Gesinnung als erklärter Feind galt. Seine Bereitschaft, nach dem Ersten Weltkrieg den Waffenstillstand zu unterzeichnen, geriet zu seinem eigenen Todesurteil. Weder die Staats- noch die Militärführung hatten den Mut diesen Schritt zu tun, um eine Besetzung Deutschlands zu verhindern und weiters Blutvergießen zu vermeiden. (Bild: Deutscher Bundestag / Axel Hartmann Fotografie)

Hindenburgs „Rückfahrkarte“ für Mörder

Auf der extremen Rechten brach nach der Ermordung Erzbergers Jubel aus: „Nun danket alle Gott, für diesen braven Mord. Den Erzhalunken, scharrt ihn ein, heilig soll uns der Mörder sein, die Fahne schwarz-weiß-rot.“* Ganz anders die Reaktion bei Reichskanzler Joseph Wirth, der in Anwesenheit von 30 000 Trauergästen in Biberach betonte: „Wir wollen über den Toten den Schild halten, aber nicht in stummem Schmerz, sondern wir wollen handeln, denn das Vaterland ist in Gefahr.“ Wie wahr seine Aussage leider wurde, dies wissen wir heute. Und er fuhr fort: „Gott segne, lieber Freund, dein Werk, die Verfassung des Deutschen Reiches, den demokratischen Volksstaat.“

Erzbergers Mörder, Heinrich Schulz und Heinrich Tillessen, setzten sich ins Ausland ab und konnten nach einer Amnestie von Reichspräsident Hindenburg wieder nach Deutschland zurückkehren, um unter dem diktatorischen Regime der Nationalsozialisten neue Funktionen zu übernehmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie zwar verurteilt, doch vom letzten badischen Ministerpräsidenten Leo Wohleb nach wenigen Jahren begnadigt.

Die Hetze gegen Matthias Erzberger im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und gipfelnd in den Hetztiraden von Nazischergen wie Josef Goebbels hallten auch in der Bundesrepublik Deutschland nach. Matthias Erzberger geriet geradezu in Vergessenheit, statt seiner wurden die Steigbügelhalter der Nationalsozialisten – wie Reichspräsident Hindenburg – weiterhin mit der Benennung von Straßen geehrt: Eigentlich wäre es an der Zeit, die verbliebenen Hindenburg-Schilder abzuhängen und die Straßen Matthias Erzberger zu widmen. Aber: „Matthias Erzberger ist, verglichen mit anderen Politikern seiner Generation wie Friedrich Ebert oder Konrad Adenauer, seit jeher ein Stiefkind der Erinnerungskultur.“**

Erzberger von der CDU unterbewertet

So ganz sicher war sich wohl auch die CDU nicht, ob sie Matthias Erzberger zu ihren Urvätern rechnen kann. Der ehemalige CDU-Ministerpräsident Erwin Teufel ist sich da aber sicher. „Erzberger war ein Verfechter der Demokratie und der Völkerverständigung. Er hat hier die politische Ausrichtung der Christdemokratischen Union ganz wesentlich geprägt. Erzberger war aber darüber hinaus auch in wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Hinsicht ein großer Vorläufer der Christdemokratie. Allerdings war sich die CDU nach 1945 dieser Tradition selbst nicht so bewußt.“ Das Wirken von Matthias Erzberger kam leider auch nach dem Zweiten Weltkrieg kaum zur Geltung: Die Dolchstoßlegende, ein infamer Versuch, Erzberger zu diffamieren und als Mensch zu zerstören, trug auch in der Bundesrepublik Deutschland noch ihre giftigen Früchte. Fake News scheinen manchmal auch ein Jahrhundert zu überdauern.

„Drei Kräfte“, so Erzberger, „streiten um die Seele Europas und der Welt: der Kapitalismus, der Sozialismus und der christliche Solidarismus. Wem gehört die Zukunft? Nur jener Geistesrichtung, welche die modernen Ideen zu meistern versteht, den tiefsten Sinn des Weltkrieges erfaßt und aus dem Weltkrieg die politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen zieht.“ Und Erzberger weiter: „Der christliche Solidarismus lebt. Er wird siegen und ihm wird die Zukunft gehören … Er rückt den Gemeinschaftsgedanken in den Vordergrund, ohne Beseitigung der Privatwirtschaft.“ Vielleicht sollte die CDU, die unter Angela Merkel ihrer Wertebasis verlustig ging, das eine oder andere bei Matthias Erzberger nachlesen.

Der Reichstag in Berlin bei Nacht.
Matthias Erzberger war einer der ersten Berufspolitiker aus einfacheren gesellschaftlichen Kreisen und brachte seine Sachkenntnis in die Debatten im Berliner Reichstag ein. Ich würde mir sehr wünschen, dass der Bundestag, wenn er schon im Reichstagsgebäude tagt, auch wieder zur Debattenkultur früherer Jahre zurückkehrt. (Bild: Ulsamer)

Lieber spät als nie

Der damalige Präsident des Deutschen Bundestags, Norbert Lammert, unterstrich in seiner Rede zur Benennung zweier Gebäude des Deutschen Bundestags nach Matthias Erzberger und dem früheren SPD-Vorsitzenden, Otto Wels, der sich in einer Rede 1933 vehement gegen das Ermächtigungsgesetz gestemmt hatte: „… dass wir Persönlichkeiten ehren, die in ihrem Kampf um Demokratie und Parlamentarismus scheiterten oder dafür sogar mit dem Leben bezahlten, ist keine deutsche Besonderheit – der Schleier des Vergessens aber, der vielfach über diesen Wegbereitern unserer Demokratie liegt, schon. So gibt es in Berlin einen Hindenburgdamm, aber bis heute keine Straße und keinen Platz, der an Matthias Erzberger erinnert.“ Und auch eine Suche bei Google oder Wikipedia unterstreicht, dass Hindenburg in Straßennamen und deutlich längeren Beiträgen herumgeistert als Matthias Erzberger. Die Erinnerungskultur in unserem Land hat also durchaus noch Lücken, die es zu füllen gilt. Dies zeigte sich auch bei den Gedenkfeiern zum Ende des Ersten Weltkriegs, z.B. auch beim Besuch von Emmanuel Macron und Angela Merkel in Compiègne. Zumindest in der medialen Aufbereitung spielte Erzberger keine Rolle.

Wenn ich auf Erzbergers Wirken 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zurückblicke, dann kann ich nur Hochachtung empfinden. Er hat die Fahne der parlamentarischen Demokratie in Zeiten hochgehalten, in denen extremistische Kräfte bereits alles daransetzten, deren Aufblühen zu verhindern. Er brachte das Opfer, den Waffenstillstand nach einem Krieg zu unterzeichnen, den Kaiser, nationalistische Kräfte und Heeresleitung – trotz seiner Friedensresolution – nicht beenden wollten. Früher als andere sah er die Sinnlosigkeit des Krieges ein und forderte zur Umkehr auf. Die Justiz befand sich aber bereits im Griff nationalistischer Kräfte und tat nichts, um demokratische Politiker wie Matthias Erzberger zu schützen.

Matthias Erzbergers Kampf für Demokratie und Rechtsstaat sollte für uns alle ein Vorbild sein.

 

Das letzte Blatt der Waffenstillstandserklärung it den Unterschriften u.a. von Marshall Foch und Matthias Erzberger.
Matthias Erzberger beendete mit seiner Unterschrift den Ersten Weltkrieg, doch zum 100. Gedenktag kam Matthias Erzberger in weiten Teilen von Politik und Medien zu kurz. Nicht so in einer Veröffentlichung des Auswärtigen Amts: „Am 11. November, um fünf Uhr morgens, unterzeichneten Erzberger und Foch sowie ihre Begleiter den Waffenstillstand im Salonwagen des französischen Oberkommandierenden auf einer Waldlichtung bei Compiègne in Frankreich. Obwohl er damit nur fortführte, was auf Drängen der Obersten Heeresleitung begonnen worden war, machte sich Erzberger durch dieses Ereignis bei der politischen Rechten verhasst. Die Unterschrift von Compiègne kostete ihn letztlich sogar das Leben. Wenige Jahre später fiel er einem Attentat zum Opfer.“ Den Waffenstillstand unterzeichneten: Ferdinand Foch, Marschall, Alliierter Oberkommandierender, und Rosslyn Wemyss, Admiral, Erster Seelord, auf Seiten der Alliierten und für Deutschland Matthias Erzberger, Staatssekretär ohne Portefeuille, Alfred Graf von Oberndorff, Auswärtiges Amt, Gesandter, Detlof von Winterfeldt, Genneralmajor, Vertreter der Obersten Heeresleitung beim Reichskanzler sowie Ernst Vanselow, Kapitän zur See. (Bild: Auswärtiges Amt, CC BY-NC-ND 3.0 DE)

 

 

Literaturhinweise

* Matthias Erzberger. Ein Wegbereiter der deutschen Demokratie. Buch zur Dauerausstellung der Erinnerungsstätte Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen, hrsg. vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Stuttgart 2011

** Paula Lutum-Lenger: „Ein Märtyrer für die Sache der deutschen Republik.“ – Die Erinnerungsstätte für Matthias Erzberger in Münsingen-Buttenhausen, in: Orte des Gedenkens und Erinnerns in Baden-Württemberg, hrsg. Von Konrad Pflug, Ulrike Raab-Nicolai, Reinhold Weber, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart 2007

*** Matthias Erzberger 1875 – 1921. Patriot und Visionär, hrsg. Von Christoph E. Palmer und Thomas Schnabel, Stuttgart 2007

**** Gerhard Binder: Geschichte im Zeitalter der Weltkriege, Band I, Stuttgart 1977

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.