Ein Patriot und Europäer

Zum Tode von Bundeskanzler a.D. Dr. Helmut Kohl

Schnell werden die großen Taten eines Politikers vergessen, die politischen und familiären Sünden am Rande des Wegs bleiben dagegen stärker im Gedächtnis haften. So soll und darf es bei Helmut Kohl nicht sein. Schon am Abend seines Todes fragten viele Medienvertreter wieder nach der Parteispendenaffäre, die er stoisch, vielleicht auch zu stur, durchstand. Nie hat er die Spender genannt, da er ihnen sein Ehrenwort gegeben habe, sie nicht öffentlich bekannt zu machen.

Aber für mich ist er der deutsche Politiker, der eine historische Chance beherzt ergriff und das Tor zur Wiedervereinigung aufstieß. Ihm war dabei bewusst, dass die beiden Teile Deutschlands nur zueinander finden können, wenn sie dies integriert in ein zusammenwachsendes Europa tun. Somit war er nicht nur ein deutscher Patriot, sondern auch ein Europäer des Herzens und des Handelns.

Helmut Kohl wird im Deutschen Bundestag als sechster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deuschland durch Bundestagspräsident Richard Stücklen vereidigt. (Bild: Bundesregierung / Wegmann)

Zustimmung für Wiedervereinigung hart erarbeitet

In unseren Tagen vermisse ich einen Politiker mit seinem Format, der unsere Miteuropäer von der Wiedervereinigung überzeugte, seien es Präsident Francois Mitterand in Frankreich oder Premierministerin Margaret Thatcher in Großbritannien. Beide Staaten standen der Vereinigung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik ablehnend gegenüber, nicht zuletzt in Erinnerung an die Zeiten, als Deutschland beide Länder angegriffen hatte. Aber es gelang Kohl, ihre Reserviertheit zu überwinden. Zu diesem Zeitpunkt unterstützten nur die USA unter George Bush die Wiedervereinigung ohne Vorbehalte.

Auch Michail Gorbatschow hatte anfänglich keine positive Beziehung zu Helmut Kohl, der ihn sogar als Demagogen mit Goebbels verglichen hatte. Im persönlichen Gespräch gelang es Helmut Kohl aber, den Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei und Staatspräsidenten der Sowjetunion für sein Anliegen zu gewinnen. Man darf sicherlich sagen, dass es ohne das Vertrauensverhältnis zwischen Kohl und Gorbatschow schnell hätte geschehen können, dass statt Friedensgesten sowjetische Panzer die Oberhand gewonnen hätten.

Europa des Friedens

Als sich Mitterand und Kohl in Verdun die Hände reichten, war dies keine hohle Geste – im Gegenteil: es war ein bedeutsames Aufbruchssignal für Europa. Helmut Kohl, Ehrenbürger Europas, ebnete nicht nur einer intensiveren Zusammenarbeit der europäischen Staaten den Weg, sondern brachte auch die Gemeinschaftswährung – den EURO – voran.

Bundeskanzler Helmut Kohl und Francois Mitterrand, Präsident Frankreichs, ehren die in den Weltkriegen gefallenen Soldaten beider Nationen auf dem französischen Nationalfriedhof Douamont. Der minutenlange Händedruck wird zum Symbol der deutsch-französischen Freundschaft. (Bild: Bundesregierung / Schulze-Vorberg)

Zwar halte auch ich den heutigen europäischen Bürokratismus oder die Nullzinspolitik Mario Draghis für eine Sackgasse, doch ist dies kein Beleg für ein Scheitern der europäischen Vereinigung. Wir müssen im Sinne Kohls in der Europäischen Union geistig-moralische Themen in den Mittelpunkt rücken und nicht das Klein-Klein europäischer Funktionäre. Sein Anliegen war es stets, die Menschen mitzunehmen – und dies gilt für die Wiedervereinigung Deutschlands wie die Kooperation in Europa.

Nach zwei zerstörerischen und menschenverachtenden Weltkriegen war es das Anliegen Helmut Kohls und vieler seiner Zeitgenossen, die Gräben in Europa zuzuschütten und die gemeinsame Zukunft in Frieden zu gestalten. Deutschland, Europa und die Welt lagen dem verstorbenen Bundeskanzler am Herzen.

Besonders hervorheben möchte ich, dass Helmut Kohl mit großer Weitsicht die kleineren europäischen Staaten für ebenso wichtig ansah wie die wirtschaftlich und politisch stärkeren. Gerade an dieser Sicht fehlt es zunehmend, aber eine Gemeinschaft kann nicht überleben, wenn nur die Großen zählen.

Kleingeistige und geschmacklose „Würdigung“ auf der Titelseite der CDU-Homepage: Das Bild eines Patrioten und Europäers wie Helmut Kohl gehört nicht neben Mitgliederwerbung, CDU-Fanshop und Spendenaufruf. (Bild: Screenshot, 17.6.17)

Herz, Mut und Strategie

Es gab zur Wiedervereinigung, an die ich persönlich immer geglaubt hatte, nur eine –  einmalige – historische Chance, die Helmut Kohl mutig ergriff. Ich möchte gar nicht daran denken, wie die heutige Situation in beiden Teilen Deutschlands wäre, wenn sich das Brandenburger Tor wieder geschlossen hätte. Ein Blick in Richtung Rußland macht deutlich, dass es in diesen Tagen keine Entwicklung wie 1989/90 geben würde. Und ein Blick über den Atlantik lässt auch daran zweifeln, dass die USA unter Donald Trump heute so eindeutig eine Wiedervereinigung unterstützen würden.

Helmut Kohl hat nach dem Mantel der Geschichte gegriffen und zu unser aller Vorteil die Wiedervereinigung Deutschlands eingeleitet. Die „blühenden Landschaften“ lassen in manchen Regionen der neuen Bundesländer bis heute auf sich warten, und dies trotz gewaltiger materieller und menschlicher Anstrengungen, aber wäre die Lage nicht viel dramatischer ohne die deutsche Wiedervereinigung und ohne das europäische Zusammenwirken?

Helmut Kohl hat – wie auch Michail Gorbatschow betonte – Spuren in der Geschichte hinterlassen.

Ein deutscher Patriot und europäischer Wegbereiter hat uns verlassen.

 

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