Es war einmal ein Zinsräuber

Ein europäisches Märchen

Ohne lange zu zögern gaben viele Bewohner in europäischen Landen ihre Euros mit vollen Händen aus, und wenn der Geldsäckel leer war, dann gingen sie zur Bank und ließen die nächsten Euros in den Beutel fließen. Der eine baute ein Märchenschloss, der nächste eine ganze Spekulantensiedlung oder auch mal einen Flughafen, den kein Flugzeug ansteuerte. Die Banken reichten die Kredite in schönem Einwickelpapier weiter, spekulierten fröhlich auf Kosten anderer und so weiter und so weiter. Ein Märchen schien wahr zu werden: Die Golddukaten sprudelten.

Natürlich gab es auch die Sparer, die für die eigene Rentenzeit etwas zurücklegten, „Riesterten“, in Lebensversicherungen einzahlten, wie Donald Duck etwas in den Sparstrumpf steckten. Auch Unternehmen legten für ihre eifrigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etwas zurück, machten Rentenzusagen, in der Erwartung, dass sie diese zum Teil aus den Zinsen auf Rücklagen erwirtschaften konnten.

Dann platzte der Traum für die Spekulanten und die Freunde des Auf-Pump-Lebens. Aber Gemach, der Retter nahte wie im Märchen der Drachentöter.

Mario – der Sparerschreck – kam wie Hannibal über die Alpen. (Bild: Ulsamer)

Gelddruckmaschine statt Dukatenesel

Aus dem Süden hatte sich Ritter Mario aufgemacht, die lahmende Wirtschaft wieder auf Vordermann zu bringen. Und da konnten seine Erfahrungen als Chef der Banca d’Italia, der italienischen Zentralbank, ja nur von Nutzen sein. Zwar war sein Geldsäckel leer, als er in Frankfurt bei der Europäischen Zentralbank auftauchte, aber im Zauberwald des billigen Geldes spielt das keine Rolle. Er hätte die Millionen, Milliarden, Billionen an Euros auch gar nicht schleppen können, die er für sein ganz großes Spiel als Zauberer benötigte. Aber wer keinen Dukatenesel hat und als Zentralbanker kein Geld, der druckt es eben. Und um die Wirtschaft in Gang zu bringen, da lässt er mehr oder weniger faule Anleihen aufkaufen, und was sind schon 60 oder 80 Milliarden Euro pro Monat, wenn man in größeren Dimensionen denkt?

Die Überflutung mit Billionen an Euros oder die Nullzinspolitik und die dadurch ausbleibenden Reformen in Teilen des europäischen Zauberwalds sind nur einige der Zutaten: Ein wahres Feuerwerk des Zauberlehrlings – ohne tiefen Nutzen. Hätte der Herr Wirtschaftsprofessor, ehe er zum Zinsräuber mutierte, doch mal einen Blick darauf verschwendet, was andere Zauberlehrlinge in Japan unternommen haben. Dort versucht man seit 20 Jahren mit den gleichen Methoden die Wirtschaft in Gang zu bringen. Vergeblich. Aber von anderen lernen, das muss man nicht, wenn man in einem schönen Palast am Main sitzt und eine Gelddruckmaschine statt Dukatenesel hat.

Der Zinsräuber und seine Spießgesellen

Wenn Regierungen den Zinsräuber gewähren lassen, dann entlasten sie sich selbst, denn die Kosten für die aufgehäuften Staatsschulden sinken, man kann sich um unerlässliche Reformen drücken oder wird wie in Deutschland für einen ausgeglichenen Staatshaushalt gelobt. Aber wie im Märchen gibt es auch einen Esel: Die Zeche zahlen nicht nur die Rentner von heute, sondern insbesondere die nächste Generation, der ein Rückgriff auf Erspartes verwehrt wird. Aber diese Hartz IV-Empfänger der Zukunft sind dann nicht mehr das Problem des Zinsräubers und seiner Spießgesellen, die ihn gewähren lassen.

Auch im europäischen Zauberwald müssen sich die Politiker heute die Frage nach der politischen Legitimität des Handelns von Mario Draghi stellen lassen. Und so hat das Märchen ein trauriges Ende: Der Drachentöter, der die Spekulanten in die Schranken weisen sollte, entpuppte sich als Zinsräuber!

Nicht die Spekulanten spüren den Knüppel aus dem Sack, sondern der ehrliche Sparer.

 

5 Antworten auf „Es war einmal ein Zinsräuber“

  1. Um es mit Albert Einstein zu sagen: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

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