E- Autos: Freie Fahrt mit Atomstrom?

Frankreich und Großbritannien kündigen Ende des Verbrennungsmotors an

Da sitze ich dank zahlreicher Staus über zwei Stunden im Auto und höre alle halbe Stunde im Deutschlandfunk, aber auch in anderen Sendern die „erlösende“ Nachricht aus dem hohen Norden Europas: Volvo entsagt dem Verbrennungsmotor. Bei den Nachrichtentexten konnte man den Eindruck gewinnen, eine echte Zeitenwende zeichne sich ab. Und die kommentierenden Beiträge gipfelten in der lauthals vorgetragenen Wehklage, die deutsche Autoindustrie habe mal wieder alle wichtigen Trends verschlafen. Vielleicht war ich etwas irritiert, da ich ja in einem Euro 6-Diesel saß und nicht den Eindruck hatte, in einem Relikt längst vergangener Automobilepochen unterwegs zu sein.

Da ich aber – zumindest in Teilzeit – für ein Automobilunternehmen tätig bin, verzichtete ich lieber auf einen Beitrag in meinem Blog, denn allzu schnell würde ich als Autolobbyist abgestempelt. Aber als unsere deutschen Medien das angekündigte Ende des Verbrennungsmotors in Frankreich und im Vereinigten Königreich ebenfalls ohne Nachfragen „beklatschten“, da begannen meine Finger schon beinahe ungefragt zu schreiben.

Volvo verkündet das Ende des Verbrennungsmotors und lobt das Hybridauto – und die Medien Spenden Applaus. Aber in Hybridfahrzeugen sorgt doch gerade der Verbrennungsmotor für den Antrieb auf längeren Strecken! Warum fallen die Medien auf solche PR-Gags herein? (Bild: Ausriss „Deutschlandfunk“, 30.7.17)

PR-Gag als Zeitenwende verkauft

Geradezu ulkig fand ich all die weisen Kommentare in den Medien, die das Ende des Diesels – und gleich auch des Benziners – herbeiredeten und dabei auf den Hybrid Bezug nahmen. Natürlich kann man sich für Elektrofahrzeuge einsetzen, und deren Einsatz halte ich auch für zukunftsweisend. Wer jedoch nicht merkt, dass mit einem Hybrid von Volvo nicht das Ende des Verbrennungsmotors eingeläutet wird, der hat sich zu wenig mit dieser Technik beschäftigt. Ein Hybrid-Fahrzeug – in unseren Tagen – hat nun mal zwei Antriebsarten, einerseits den Elektroantrieb und andererseits den – vielgeschmähten – Verbrennungsmotor.

Und im Regelfall sorgt der Verbrenner für die Kraft auf längeren Strecken, der Elektroantrieb bringt das Fahrzeug in hochwertigen Modellen über 30 bis 50 km voran. Was hat somit die Aussage von Volvo, man setzte auf Hybridfahrzeuge – und Elektroautos – mit dem Ende des Verbrennungsmotors zu tun? Wenig, oder besser gesagt: nichts. Ganz neu ist die Einsicht, dass mehr Hybridfahrzeuge angeboten werden müssen, nun wirklich nicht. Gerade auch die deutschen Hersteller verbreitern ständig die Palette der Hybridmodelle, denn ohne diese – und E-Fahrzeuge – lassen sich die immer härteren EU-Emissionsvorgaben für die Fahrzeugflotten ohnehin nicht darstellen.

Die Aussagen von Volvo sind somit weder neu noch atemberaubend, allerdings raubt es mir schon den Atem, in welch einseitiger Weise sie über die deutschen Medien in die Öffentlichkeit transportiert wurden. An der Unwissenheit der Journalisten kann es eigentlich – oder hoffentlich – nicht liegen, aber welches Ziel haben sie dann? Muss mal wieder die deutsche Industrie als „Schlafmützenverein“ herhalten?

Verkündungspolitik ist zu wenig

Kommen wir zum zweiten Fall des Trauerspiels, das derzeit mediale Urstände feiert: Nicht nur Emmanuel Macrons französische Regierung verkündete einen Verkaufsstopp für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren ab 2040, sondern auch Theresa May, Premierministerin auf Abruf im Vereinigten Königreich, zog mit ihm gleich. Selbstredend ist für mich der Schutz von Mensch und Klima, von Natur und Umwelt ein zentrales, wenn nicht das wichtigste Ziel, aber es ist schon irritierend, in welcher Weise Vorgaben gemacht werden, ohne dass die politischen, technologischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für einen gleitenden Übergang geschaffen werden. Hier muss tagtäglich – auch in der Politik – gearbeitet werden, denn mit Ankündigungen ist es nicht getan. Dies erinnert mich an die eine Million Elektrofahrzeuge, die Angela Merkel für 2020 schon auf deutschen Straßen fahren sah, aber Infrastruktur- oder Fördermaßnahmen kamen zu spät.

Lob in deutschen Medien für den angekündigten Verkaufsstopp für Verbrennungsmotoren in Frankreich und Großbritannien. Die E-Fahrzeuge werden überwiegend oder zu einem wieder steigenden Anteil mit Atomstrom betrieben. Wie passt die mediale und teilweise politische Euphorie dann mit dem hart erkämpften Atomausstieg in Deutschland zusammen? (Bild: Ausriss „Der Spiegel“, 25.7.17)

Etwas ketzerisch werfe ich auch die Frage auf, ob Theresa May über den Brexit und Emmanuel Macron über seine Arbeitsmarktreformen denn noch Zeit haben werden, das Ende der Verbrennungsmotoren voranzutreiben.

Bemerkenswert ist aus meiner Sicht, dass die französischen und britischen Zielvorstellungen in Deutschland große Begeisterung auslösten. So fühlten sich die Grünen im Bund – nicht ihr Ministerpräsident Kretschmann in Baden-Württemberg – gestärkt, denn ihre Ziellinie für das Ende des Verbrenners liegt bereits im Jahr 2030.

Atomindustrie hat Pfundnoten vor Augen

Nicht selten bekommen auch Politiker und ihre Unterstützer in Deutschland, die sich noch vor kurzem lautstark für den Atomausstieg engagierten, glänzende Augen, wenn sie über die ach so fortschrittliche Politik in unseren Nachbarländern sprechen. Ganz zu übersehen scheinen sie nur, dass die Mehrheit der französischen E-Fahrzeuge auch in absehbarer Zukunft mit Atomstrom unterwegs sein werden. Heute kommen in Frankreich immerhin 72 % des Stroms aus Kernkraftwerken. Für mich bildeten Elektrofahrzeuge bisher immer eine Einheit mit erneuerbarer Energie.

Schauen wir ins Vereinigte Königreich, dann liegt der Anteil der Kernenergie „nur“ bei etwas über 15 %. Also kein Grund zur Aufregung? Wären da nicht die umfassenden Neubaupläne für den Kernenergiebereich: Nicht nur die Regierung von Premierministerin May treibt den Bau neuer Kernkraftwerke voran, sondern auch die Labour Party spricht sich für weitere Atomanlagen aus. Auch im Brexit-Land werden daher in Zukunft eher mehr als weniger Fahrzeuge mit Atomstrom betrieben werden.

Haben diejenigen, die sich für Elektro- statt Verbrennungsmotoren einsetzen, ganz plötzlich den alten „Feind“ Kernenergieindustrie jetzt ins Herz geschlossen?

„Global Britain“ mal ganz anders

In diesem Beitrag ist nicht der Raum, alle Kernenergieprojekte im Vereinigten Königreich zu analysieren, daher möchte ich es bei skizzenhaften Anmerkungen belassen, die über den Einsatz der Kernenergie hinausgehen: Hochinteressant ist es, wer diese Projekte zunehmend finanziert und technisch umsetzt.

In der Nähe des Fährhafens Holyhead, der das Vereinigte Königreich mit Irland verbindet, steht im walisischen Wylfa ein abgeschaltetes Kernkraftwerk. Die Reaktoren sollen zurück- und nebenan ein neues Kernkraftwerk gebaut werden. Die konservative britische Regierung  und die oppositionelle Labour Party wollen den  Anteil der Kernenergie wieder erhöhen: Für mich passen Atomkraft und E-Mobilität nicht zusammen. (Bild: Ulsamer)

Im walisischen Wylfa in der Nähe des Fährhafens Holyhead, wo derzeit zwei Reaktoren aus den 1960er Jahren rückgebaut werden, sollen zwei bis drei neue Atomreaktoren gebaut werden, ebenso, vom gleichen Unternehmen, in Oldbury bei Bristol. Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass Theresa May bei ihrer Abkehr von der Europäischen Union und ihrer Schaffung eines „global Britain“ an die Verstärkung der britischen Wirtschaftsleistung über das eigene Land hinausgedacht hat. Weit gefehlt: In Wales entstehen keine im eigentlichen Sinne „britischen“ Atomkraftwerke, die dann zum Exportschlager werden könnten, sondern ein Konsortium unter Führung von Hitachi baut als „Horizon Nuclear Power“ Reaktoren im japanischen Stil. Ach, war da nicht mal was mit Fukushima? Aber wer wird sich schon den „Horizont“ verdunkeln lassen, wo das Projekt doch zu weniger CO2-Ausstoß („low carbon power supplies“) beiträgt und dazuhin „local skills“ und Zulieferer ausbaut.

Fast als „schicksalhafte Fügung“ muss man es ja ansehen, dass der im chinesischen Besitz befindliche Volvo-Konzern – zumindest in der Eigenwerbung – den Weg zur E-Mobilität freimacht und gleichzeitig im Vereinigten Königreich chinesische Unternehmen zu wichtigen Playern bei der Stromerzeugung werden. Beim geplanten Bau eines Kraftwerkkomplexes in Somerset engagiert sich die „China General Nuclear Power Group“ mit einem Drittel der Baukosten. Der französische Staatskonzern EDF, der eigentliche Partner, war etwas klamm und brauchte Hilfe aus China. Als Gegenleistung dürfen die gleiche „China General Nuclear Power Group“ zusammen mit der „China National Nuclear Corporation“ ein Kernkraftwerk nach chinesischem Muster bauen – vorausgesetzt das Office for Nuclear Regulation erteilt die Zulassung für den „Hualong One“-Reaktor. Aber die Begeisterung der britischen Regierung wird schon dazu beitragen, alle Hürden zu überwinden.

Für den Bau neuer Kernkraftwerke fehlt im Vereinigten Königreich inzwischen das eigene Know-how, deshalb wollen chinesische Unternehmen jetzt auf dem Bradwell-Kernkraftareal in  Essex einen „Hualong One“-Reaktor chinesischer Bauart erstellen. So ist das also mit Theresa Mays „global Britain“ gemeint. (Bild: Screenshot, Internetseite www.bradwellb.co.uk, 28.7.17)

Mit dem eigenen Know-how scheint es im Vereinigten Königreich zumindest bei der Kernenergie nicht weit her zu sein, aber sicherlich finden Theresa May oder ihre Nachfolger andere Arbeitsfelder, auf denen sie dann brillieren können, wenn ihr Land die EU verlassen hat.

Zukunft gestalten, nicht vorschreiben

Meine Zweifel daran, dass es festgesetzte politische Termine für den Ausstieg aus der Verbrennungstechnologie geben sollte, wurden sicherlich deutlich. Dies heißt aber nicht, dass ich mich gegen die Elektromobilität aussprechen würde: Ganz im Gegenteil!

Wortgewaltige Ankündigungen ersetzen aber keine sachgerechte Industrie-, Technologie- und Umweltpolitik. Wir brauchen einen konsequenten Ausbau der Ladeinfrastruktur für E-Fahrzeuge verbunden mit der Erzeugung, Weiterleitung und Speicherung von regenerativ erzeugter Energie. Gerade die Speicherung macht heute doch die größten Probleme – und dies nicht nur in Deutschland. Die Herstellung von Batterien für E-Fahrzeuge bedarf der weiteren Förderung, damit auch die notwendigen Batteriezellen im industriellen Maßstab in Deutschland und Europa produziert werden können. Batteriefahrzeuge können, wenn sie an ihrer Ladestation hängen, auch als Zwischenspeicher für Energie genutzt werden, die bei hohem Bedarf zum Teil wieder ins Netz fließen kann.

Der größte 2nd-Use-Batteriespeicher der Welt ging 2016 im westfälischen Lünen ans Netz. Der 13 MWh-Speicher besteht aus 1 000 gebrauchten Elektrobatterien von smart fortwo electric drive Fahrzeugen der zweiten Generation.  Eine Nutzung nach dem Einsatz in E-Fahrzeugen macht nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch Sinn. Wer das Zeitalter der Elektromobilität einläutet, der muss auch für Speichermöglichkeiten von Ökostrom aus Wind- und Solarenergie sorgen. (Bild: Daimler)

Beim Ausbau der Stromnetze, die einen verbesserten Austausch zwischen Nord- und Süddeutschland ermöglichen, warten auf unsere Politiker ebenfalls ungelöste Aufgaben. Strom aus Off-shore-Windanlagen muss über befriedigend dimensionierte Netze auch in die süddeutschen Industriezentren transportiert werden können. Ähnliche Sorgen plagen gleichermaßen das Unternehmen „National Grid“, das im Vereinigten Königreich die Übertragungsnetze betreibt.

Bei der Elektromobilität sollten wir stärker als bisher – neben batteriebetrieben Fahrzeugen – auf Wasserstoff als Energieträger setzen. Wasserstoff könnte mit Strom hergestellt werden, der bei Wind- und Solaranlagen aktuell nicht benötigt wird. Dieser lässt sich derzeit einfacher speichern als Strom, er kann für den Betrieb von Fahrzeugen mit Brennstoffzellen genutzt, aber auch wieder rückverstromt und ins Versorgungsnetz eingespeist werden, wenn mehr Strom benötigt als erzeugt wird.

Wasserstoff als Treibstoff und Speichermedium wurde in Deutschland lange unterschätzt. Der Elektroantrieb zieht seine Kraft aus Wasserstoff, und dieser kann – wie Benzin oder Diesel – getankt werden. Somit sind längere Aufenthalte an einer Ladestation nicht notwendig. Daimler, Shell und Linde eröffneten am 31. Juli 2017 zwei Wasserstofftankstellen in Sindelfingen und Pforzheim. In Baden-Württemberg gibt es nun insgesamt bereits neun Betankungsmöglichkeiten für emissionsfreie Brennstoffzellen-Autos, was das Land an die Spitze der H2-Regionen in Deutschland bringt. Die Partner gehen damit einen weiteren Schritt in Richtung flächendeckendes H2-Versorgungsnetz für Deutschland. (Bild: Daimler)

Mehr Kernreaktoren statt Dieselmotoren?

Die europäischen Staaten stehen alle vor den gleichen Herausforderungen, da ist auch die Bündelung aller Kräfte notwendig. Auch innerhalb der EU müssen die Subventionsströme umdirigiert werden.

Nutzlos ist es, eine Technologie, wie den Verbrennungsmotor, totzureden, der Millionen Arbeitnehmer und ihre Familien ernährt, ganz nebenbei auch die Steuerkassen bedient, ohne die notwendigen Zwischenschritte in Ausbildung, Technologieentwicklung oder Infrastruktur zu beachten. Selbstverständlich muss auch die Wirtschaft ihren Anteil an der Weiterentwicklung erbringen und dabei müssen Nachhaltigkeit und Ehrlichkeit die gleiche Beachtung finden wie Technologie oder Design. Fortentwicklung ist im Übrigen auch bei Verbrennungsmotoren unerlässlich, wenn sie in Hybridfahrzeugen ein emissionsarmer Partner des Elektroantriebs sein sollen.

Für völlig absurd halte ich es, Elektromobilität in ihren unterschiedlichen Facetten voranzutreiben, und dabei – wie in Frankreich und im Vereinigten Königreich – auf Atomstrom zu setzen. Wer den Dieselmotor „abschaltet“ und dafür lieber mal den Kernreaktor „anwirft“, der handelt fahrlässig. Nur bei Nutzung regenerativ erzeugten Stroms ist die Elektromobilität ein nachhaltiger Schritt in die Zukunft.

3 Antworten auf „E- Autos: Freie Fahrt mit Atomstrom?“

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