Die neue Berliner Mauer zur Fußball-Weltmeisterschaft

Wie das Brandenburger Tor verschandelt wurde

Wenn der Ball rollt – bei der Fußball-Weltmeisterschaft, dann zieht dies viele Menschen in seinen Bann. Das gilt selbst nach dem trostlosen Auftritt der deutschen Nationalmannschaft unter Coach Joachim Löw in Russland. Viele begeistern sich für die Spiele lieber in Gesellschaft und schauen sie sich in einer Fanmeile gemeinsam an. So ist das eben, die einen rennen auf dem Rasen und schwitzen, die anderen stehen auf dem Asphalt beim Public Viewing und bei sommerlichen Temperaturen rinnt auch bei ihnen der Schweiß. So gut oder auch so schlecht, wenn ich mir die Fanmeile in Berlin anschaue: Eine neue Berliner Mauer aus Bauzäunen, Sichtschutzfolien, Bühne, Werbung und Klohäuschen verunziert das Brandenburger Tor.

Brandenburger Tor umgeben von Werbung und Klohäuschen.
Ich glaube kaum, dass in Paris der Arc de Triomphe, in London der Palace of Westminster mit dem Parlament oder in Washington das Lincoln Memorial für ein Public Viewing von allen Seiten verrammelt und dann noch mit Klohäuschen verunziert würden. (Bild: Ulsamer)

Berliner Senat: Geschichtsbewusstsein fehlt

Für mich war das Brandenburger Tor in den Jahren der Teilung ein Sinnbild für den Wunsch nach Wiedervereinigung, und heute gehört es für mich bei einem Besuch in Berlin dazu, durch das Brandenburger Tor zu gehen. Menschen aus aller Welt tun dies, und viele von ihnen haben genau das gleiche Empfinden: Die Freiheit ist 1989/90 auch in den Ostteil Berlins und in die östlichen Bundesländer zurückgekehrt. Doch dem Berliner Senat aus SPD, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen scheint die Bedeutung des Brandenburger Tors gänzlich egal zu sein: Vor und hinter dem Brandenburger Tor riegelt eine neue ‚Mauer‘ den Durchgang ab. Es ist gewissermaßen die eigentliche vom damaligen Westen aus sichtbare Mauer und eine sogenannte Hinterland-Mauer wieder erstanden. Von Geschichtsbewusstsein keine Spur, und daran ändert auch das nur wenige Meter entfernte Willy Brandt Forum nichts. Was würde wohl der ehemalige Regierende Bürgermeister der Stadt und SPD-Bundeskanzler zu einem solch blamablen Erscheinungsbild des Brandenburger Tors sagen?

Hinweisschild "Achtung. Sie verlassen jetzt West-Berlin" vor der Mauer und dahinter das Brandenburger Tor.
Dem Ruf nach Freiheit, der in der DDR immer lauter wurde und dem Wunsch vieler Deutscher nach nationaler Einheit auf beiden Seiten der Mauer, haben wir die Wiedervereinigung mit zu verdanken. Aber ohne den Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, und seiner Politik der Öffnung sowie Helmut Kohls beherztem Festhalten einer historischen Chance hätte sich das Zeitfenster für die Wiedervereinigung wieder geschlossen. Die heutige Bundesregierung hätte vermutlich erst einige Kommissionen gegründet und so den Zug zur Wiedervereinigung verpasst. Der freie Zugang zum Brandenburger Tor darf daher nicht durch Zäune, Bühnen und Klohäuschen versperrt werden, darin wäre sich der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl sicherlich mit seinem Vor-Vor-Gänger Willy Brandt einig. (Bild: Ulsamer)

Selbstredend habe ich nichts gegen eine Fanmeile in Berlin, doch müsste diese in gebührendem Abstand zum Brandenburger Tor enden, denn dann könnten Besucher einen unverstellten Blick auf dieses Symbol der Wiedervereinigung werfen. Generell würde ich mir aber nicht nur mehr historisches Bewusstsein beim Brandenburger Tor, sondern auch bei anderen in Mitleidenschaft gezogenen Erinnerungsstätten wünschen. Beim Denkmal für die ermordeten Juden Europas muss man einen Durchschlupf suchen, um die Absperrgitter zu überwinden, und das sowjetische Ehrenmal in Tiergarten dient als „Notausgang“ beim Public Viewing. Ob die jubelnden Fans auch nur einen Augenblick darauf verschwenden, dass sie auf der Straße des 17. Junis stehen und sich dann an den Volksaufstand in der damaligen DDR erinnern? Wohl kaum.

Nachhilfeunterricht für Berliner Senat!

Aber selbst um 23.15 Uhr versperrte an einem Tag mit Public Viewing, aber lange nach Ende des Spiels, der ‚Sicherheitsdienst‘ den Weg zum Brandenburger Tor. Sehr freundlich war dabei ein relativ neu Zugewanderter, doch die auf meine Bitte hin zugezogenen ‚Vorgesetzten‘ antworteten barsch ‚Gehen Sie doch an den Zäunen entlang‘ um das Brandenburger Tor herum oder kommen sie ein andermal wieder. Auch der Hinweis, die Fanmeile sei offensichtlich leer, fruchtete nichts bei den Mitarbeitern mit guten Deutsch-, aber sicherlich sehr bescheidenen Geschichtskenntnissen. Sie erinnerten mich an Security-Mitarbeiter, die ich bei Flüchtlingseinrichtungen erleben durfte. Bei Nacht alleine würde ich ihnen ungern begegnen. Doch auch solche Erlebnisse sind dem rot-rot-grünen Senat vermutlich gleichgültig.

"Fanmeile Berlin" prangt auf einem Transparent: Der Zugang zum Brandenburger Tor ist versperrt.
Nichts gegen Public Viewing bei einer Welt- oder Europameisterschaft im Fußball, aber der Zugang zum Brandenburger Tor müsste für in- und ausländische Gäste freigehalten werden. Ein Symbol der Wiedervereinigung darf nicht zum Spielball des rot-rot-grünen Berliner Senats werden, der jegliches Geschichtsbewusstsein vermissen lässt. (Bild: Ulsamer)

An jenem Abend hatten wir zuerst die eindrucksvolle und emotionale Licht-Show an der Fassade des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses, das zum XXL-Bundestag gehört, gesehen. Mit Hilfe zahlreicher Projektoren wird die deutsche Geschichte in Fotos, Filmen und Texten dargestellt. Eine wichtige Rolle spielen darin auch die Teilung Deutschlands und die Wiedervereinigung. Vielleicht sollten sich die Senatsmitglieder mal zum Reichstag bequemen und sich über unsere deutsche Geschichte informieren. Wenn bei dieser ‚Geschichtsstunde‘ immer wieder betont wird, das Volk sei der Souverän, dann sollte dies aber auch heißen, dass die Menschen einen Zugang zum Brandenburger Tor haben – und selbstverständlich auch in Fußball-bewegten Wochen.

Die deutsche Geschichte darf auch in Tagen des Fußballs nicht zum Spielball in den Händen eines Senats werden, der zwar in Berlin sich selbst und leere Kassen verwaltet, dem jedoch jegliches Gespür für die Geschichte fehlt. Dies zeigt sich auch an anderen Stellen, so z.B. an der East Side Gallery, wo für Bauprojekte die verbliebenen Mauerteile mit samt den Gemälden brutal herausgerissen worden waren. Dazu demnächst mehr in meinem Blog.

 

Der Zugang zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist erschwert.
Völlig aberwitzig ist es, dass der Tiergarten komplett abgesperrt wird, wenn der Fußball auf dem Großbildschirm rollt und man beim Denkmal für die ermordeten Juden Europas einen Durchgang durch die Absperrgitter suchen muss. (Bild: Ulsamer)

 

Weiße Sichtschutzfolie und Zäune versperren den Zugang zum Brandenburger Tor.
Sichtschutzfolien und Bauzäune umgeben das Brandenburger Tor und versperren den Weg zu einem symbolträchtigen Ort. Hat der rot-rot-grüne Senat dies bei der SED gelernt? (Bild: Ulsamer)

 

Das Brandenburger Tor ist im oberen Bereich sichtbar, aber ein Zaun mit Sichtschutzfolie versperrt den Zugang.
Tausende von Besuchern fotografieren täglich das Brandenburger Tor – wie hier von der Ostseite – und nehmen dann den Eindruck mit nach Hause, das Brandenburger Tor sei wieder nicht zugänglich – wie in Zeiten der sozialistischen DDR. Aber dem rot-rot-grünen Senat scheint dies keine Kopfschmerzen zu bereiten. Nur gut, dass nicht auch noch eine Coca-Cola-Fahne die Quadriga bedeckt. (Bild: Ulsamer)

 

Großbildschirme versperren auch von der Straße des 17. Juni aus den Blick auf das Brandenburger Tor.
Während der Fanmeile erinnert die Straße des 17. Juni weniger an den Volksaufstand 1953 in der damaligen DDR, sondern eher an ein Volksfest – und an den meisten Tagesstunden verlieren sich die Besucher zwischen den Buden. (Bild: Ulsamer)

 

Im Hintergrund das sowjetische Ehrenmal mit einem russischen Soldaten auf einem hohen Sockel. Im Vordergrund dominieren Bauzäune und Absperrgitter.
Das sowjetische Ehrenmal im Bezirk Tiergarten wird beim Public Viewing zum Notausgang für die Fanmeile. Bauzäune und Absperrgitter dominieren. (Bild: Ulsamer)

Eine Antwort auf „Die neue Berliner Mauer zur Fußball-Weltmeisterschaft“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.