Die Hexenküche brodelt: Insektizide, Herbizide, Pestizide, Neonics …

Werden Gärten und Parks zur Arche Noah der Insekten?

Wir leben schon in einer merkwürdigen Welt: Unsere sechsbeinigen Mitbewohner werden immer weniger, doch die Ewiggestrigen beim Deutschen Bauernverband, in der Agrarindustrie und in der EU, aber auch in der deutschen Politik verlangen nach immer neuen Studien, die belegen sollen, was jeder mitfühlende Zeitgenosse längst in seinem Alltag erkannt hat – die Insekten werden deutlich spürbar weniger. So habe ich immer wieder das Gefühl, dass die Vertreter der industriellen Landwirtschaft auch dann noch lauthals nach weiteren Studien rufen werden, wenn kein Schmetterling mehr durch unsere Lande flattert, keine Wildbiene mehr summt und das Gezwitscher der Vögel verstummt ist. Immer häufiger werden die Gärten und Parks in den Städten zum letzten Rückzugsort vieler Insekten- und Vogelarten.

Baumweißling an einer Distelblüte im Schwarzwald.
Die Insekten sind in den letzten Jahren um 75 % zurückgegangen, doch es fehlt an politischem Handeln: Wer heute nur nach neuen Studien ruft – wie der Deutsche Bauernverband -, der verpennt den Zeitpunkt zum Systemwandel: Nachhaltigkeit bleibt dann eine Worthülse und leere Phrasen nutzen diesem Baumweißling an der Distel wenig. Unsere Insekten brauchen artenreiche (Mager-) Wiesen, bienenfreundliche Gärten, blühende Weg- und Feldraine, … (Bild: Ulsamer)

Eine Agrarpolitik zum Verzweifeln

Natürlich gibt es auch zahlreiche Landwirte, die noch im engeren Sinne mit ihrer Feldflur und den Tieren leben, für die Boden, Luft und Wasser, Pflanzen und Tiere nicht zu reinen Produktionsfaktoren oder noch schlimmer, zu EU-Subventionskriterien verkommen sind. Eine Hauptschuld für die fehlgeleitete Agrarpolitik, die gerade auch kleine bäuerliche Betriebe oft die Existenz kostet, trägt jedoch die Europäische Union, die seit Jahren Landwirte zu Subventionsempfängern degradiert und zu wenig Anreize für ein Umdenken in Richtung Ökologie und Nachhaltigkeit geschaffen hat. Auch nach den jetzt anstehenden Veränderungen bei der Subventionsvergabe wird das grüne Mäntelchen die Mängel der industriellen Landwirtschaft nicht verdecken.

Auch in Deutschland fehlt es an entsprechenden Ansätzen, die der Natur wieder zu ihrem Recht verhelfen. Und wir alle, sei es als Wähler oder Verbraucher, sind aufgefordert, das Umdenken mit voran zu treiben: Gerade durch die Entscheidung, welches Obst und Gemüse wir in den Einkaufswagen legen, welches Fleisch und welche Nudeln wir auftischen, können wir Insekten und Vögeln, aber auch Säugetieren und Fischen helfen.

Und statt gegen Glyphosat, allerlei andere Pestizide oder Insektizide vorzugehen, machen sich viele Politikerinnen und Politiker, da denke ich z. B. an die Landwirtschaftsministerin und frühere Weinkönigin Julia Klöckner, auf zur Wolfs-Hatz, die dem Deutschen Bauernverband ebenfalls am Herzen liegt.

Traktor beim Versprühen chemischer Hilfsmittel. Im Hintergrund ein mahnendes weißes Steinkreuz.
Wenn der Sprühnebel kommt, dann lacht das Herz so manchen Landwirts, denn sein Feld hat eine makellose Einheitsfarbe. Aber Acker(„un“)kräuter, Schmetterlinge und Bienen haben das Nachsehen. Die EU-Förderung muss zukünftig stärker an naturschutzfachlichen Kriterien und weniger an der bearbeiteten Flächengröße orientiert werden. Dies käme auch vielen bäuerlichen Betrieben entgegen, die gegenüber der Agrarindustrie an Boden verlieren. (Bild: Ulsamer)

Die Chemie-Bombe tickt

Wenn in Deutschland jährlich fast 50 000 Tonnen an sogenannten Pflanzenschutzmitteln versprüht und verstreut werden, dann trifft dies ungeliebte Ackerkräuter und Insekten, aber auch Vögel oder Fische sind die Leidtragenden. Und wenn wir nicht aufpassen, dann bekommen auch wir unseren Anteil ab. Natürlich ist mir bewusst, dass all die Hilfsmittelchen der industriellen Landwirtschaft und vieler Hobbygärtner vor der Zulassung geprüft werden, doch würde es an ein Wunder grenzen, wenn bei den entsprechenden Untersuchungen Erkenntnisse entstünden, die über Jahre und Jahrzehnte Langzeitwirkungen voraussagen könnten. Die Hexenküche brodelte schon früher in der chemischen Industrie und der Landwirtschaft, man denke nur an das Insektizid DDT. Niemand hatte beim Einsatz in den frühen Jahren daran gedacht, dass sich dieses Insektizid bei Greifvögeln anreichern und die Eierschalen so dünn würden, dass sie zerbröselten und letztendlich Vogelarten – wie z.B. Wanderfalken – an den Rand der Ausrottung gerieten. Jahrzehnte wurde DDT weltweit eingesetzt und spätere Analysen ließen die Gefahr erkennen, dass es beim Menschen Krebs erzeugen könnte.

Ich bin mir bewusst, dass wir alle – oder zumindest viele –  hinterher schlauer sind als vorher, doch politisches Handeln muss sich daran orientieren, Gefahren für Mensch und Natur möglichst zu vermeiden und nicht erst im Sinne von Katastrophenhilfe nach dem Debakel die Scherben zusammen zu kehren. Aber gerade bei der industriellen Landwirtschaft springen die gravierenden Folgen für Pflanzen und Tiere, für Mensch und Natur ins Auge. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in unseren Nachbarstaaten, nimmt die Agrarwüste zu, die durch großflächigen Anbau und reichlichen Einsatz chemischer Hilfsmittel gekennzeichnet ist. Doch nichts geschieht! Ich würde mir in der Politik mal den gleichen Eifer beim Schutz von Schmetterlingen und Wildbienen wünschen, den die EU bei ihrer überzogenen Datenschutz-Grundverordnung an den Tag legt, desgleichen bei dem Verbot von Kunststoff-Trinkröhrchen und Wattestäbchen, obwohl es hier natürlich sinnvolle Alternativen gibt. Auch ist der sprichwörtliche Eifer, von dem deutsche Mandatsträger angetrieben werden, wenn sie sich auf die Dieseltechnologie stürzen, völlig unangemessen – besonders im Vergleich zu ihrer nahezu vollständigen Untätigkeit im Bereich des augenscheinlichen Insektensterbens und der Bezüge zur industriellen Landwirtschaft.

Selbstredend wird die Landwirtschaft nicht gänzlich ohne die chemische Keule auskommen, doch wer ständig damit zuschlägt, der verseucht Land und Wasser und zerstört den Lebensraum von Insekten und Vögeln.

Eine Hummel arbeitet sich in die weiße Blüte eines Glöckchenlauchs hinein.
Wenn zahlreiche Studien den dramatischen Rückgang von Insekten belegen, und dies auch jeder gutwillige Betrachter selbst erkennt, dann muss gehandelt werden: Die Lebensräume von Insekten und Vögeln werden immer stärker gerade auch durch die industrielle Landwirtschaft eingeengt. Diese Hummel hat am Glöckchen-Lauch noch ‚Wegzehrung‘ gefunden. (Bild: Ulsamer)

Irrflug der Bienen

Nicht nur unter Politikern gibt es Irrläufer, man denke an den früheren CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, der der Verlängerung der Glyphosat-Zulassung in der EU den Weg ebnete und dann auch noch betonte, eigentlich wolle er dieses Pestizid ja eindämmen, denn als Folge des Einsatzes von Neonicotinoiden verlieren Bienen die Orientierung. Lange hat es gedauert, doch dann wurden drei dieser Giftstoffe verboten – aber nur für den Freilandeinsatz.

Neonics werden zum Beizen von Saatgut eingesetzt, doch diese Nervengifte verbreiten sich dann in der heranwachsenden Pflanze bis in die Blüten, und Schmetterlinge, Hummeln oder Schwebfliegen sind die Leidtragenden. Sie fallen beim Besuch der Blüten nicht sofort tot vom Stängel, sondern verlieren die Orientierungsfähigkeit und finden nicht mehr zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Dort verhungert dann – gerade auch bei Wildbienen, die alleine leben -, die Brut. So betonte der Neurobiologe Professor Menzel in einem Interview mit dem NABU: „Bei den Bienen, die mit Neonics belastete Futterstellen besucht hatten, fanden viele nicht zum Stock zurück, und bei denen, die es schafften, war der Heimflug signifikant länger. Sie konnten offenbar ihr Landschaftsgedächtnis nicht mehr ausreichend nutzen.“ Diese Vorgänge wurden bei der Zulassung der Mittel nicht geprüft, sondern lediglich die sofortige Todesrate. „Mit Pollen, Nektar und gesammeltem Tauwasser gelangen die Nervengifte direkt in den Stock und reichern sich dort in Honig, Bienenbrot (Pollen) und Wachs an.“ Na, lecker, kann ich da nur sagen! „Weil die aufgenommene Dosis in der Regel nicht tödlich ist, nimmt der Anteil der Alzheimer-Bienen im Stock stetig zu.“

„Die Studie von Rundlöff und anderen“, so Professor Menzel weiter, „belegt, dass sich die Wildbienendichte halbiert hat, wenn die Tiere Blüten von gebeiztem Raps anflogen. Bei Hummeln sind die Brutzellen fast verschwunden. Außerdem können Einzelbienen Verluste ja nicht ausgleichen.“ Ach, immer diese Studien, stöhnen dann in trauter Zweisamkeit der Präsident des Deutschen Bauernverbands Joachim Rukwied und sein Generalsekretär Bernhard Krüsken auf – gerne auch im Fernsehen zur besten Sendezeit – und fordern zur Absicherung weitere Studien. Ich hätte nie gedacht, dass man einen wichtigen Verband mit solcher Engstirnigkeit führen kann. Aber was macht schon der Irrflug der Bienen aus, so scheinen manche Agrarlobbyisten zu denken, Hauptsache die EU-Subventionen fließen reichlich.

Ein Beet voller Schotter mit drei grünen gräserartigen Pflanzen ohne jede Blüte.
Modetrends gibt es auch in privaten Gärten und städtischen Anlagen: Leider dominiert immer häufiger selbst auf kleinen Restflächen Schotter statt Blühpflanzen. (Bild: Ulsamer)

Die Agrarwüste breitet sich aus

Mit Sicherheit spielt die Zersiedelung der Landschaft, die Zerschneidung durch Straßen und die Zerstörung der Hecken auch eine Rolle beim Verschwinden der Insekten, doch alles deutet darauf hin, dass die industrielle Landwirtschaft die Hauptschuld trägt. Ansonsten würden ja auch nicht viele Schmetterlinge oder Wildbienen ihr Heil – trotz der Zersiedelung – in städtischen Gärten und Parks suchen, und viele Vögel tun es ihnen auf Nahrungssuche oder beim Nestbau inzwischen gleich. Zumindest in den Gärten, in denen nicht ebenfalls das ‚Giftspray‘ immer in Reichweite ist.

Glyphosat oder Neonics sind nur einzelne Beispiele für eine chemieorientierte Landwirtschaft, die längst auch von den Ställen der Massentierhaltung Besitz ergriffen hat. Aber auch das oben angesprochene Verschwinden von Hecken und Bauminseln – auch im Zuge der Flurbereinigung in früheren Jahren – oder das Fehlen von Blüh- oder überjährigen Streifen spielen eine große Rolle. Wenn dann noch Wiesen und Äcker reichlich mit Gülle bedacht werden, notfalls auch noch Kunstdünger zum Einsatz kommt, dann muss man sich auch nicht wundern, dass selbst in Naturschutzgebieten die Zahl der Insekten rapide zurückgeht. Giftstoffe, die mit Wind und Wasser transportiert werden, wissen ja leider nicht, wo das nächste FFH-Gebiet – eine geschützte Region für Flora und Fauna – oder ein Natur- oder Vogelschutzgebiet beginnt.

Gefleckter Bock-Käfer mit einem langen schmalen Körper und noch deutlich längeren Fühlern auf einer Wiese in Tirol.
‚Hätten nur alle Politikerinnen und Politiker so lange Fühler wie ich‘, würde der Bock-Käfer wohl sagen, ‚dann hätten sie auch mehr Mitgefühl für uns Insekten – und würden endlich eine Neuorientierung der Landwirtschaft durchsetzen.‘ (Bild: Ulsamer)

75 % weniger Insekten

Selbstredend kann sich die Wissenschaft auch irren, können Naturschützer mit ihren Analysen falsch liegen, und nicht jeder hysterische Alarmschrei ist berechtigt, aber wenn nahezu einhellig von sachkundigen Personen und Organisationen ein Rückgang von Insekten in Deutschland diagnostiziert wird, dann wird die Frage doch erlaubt sein, welche Zusammenhänge es mit der Landnutzung gibt, auch wenn Bauernpräsident Rukwied ausruft „Wir brauchen keine Agrarwende.“ Der Entomologische Verein Krefeld, der sich seit über 100 Jahren der wissenschaftlich orientierten Insektenkunde widmet, hat in einer Langzeitstudie von 1989 bis 2016 einen Rückgang der Biomasse von Fluginsekten von über 75 % festgestellt – und dies in über 60 Naturschutzgebieten. Ganz folgerichtig ist der Schwund an Insekten auf landwirtschaftlichen Monokulturen noch dramatischer.

Der NABU Baden-Württemberg hat ergänzend über 20 Studien zusammengetragen, die allesamt den Schwund an Insekten belegen. Zu gleichen Ergebnissen kommen Langzeitbeobachtungen vom Rand der Schwäbischen Alb. Seit Jahrzehnten wird dort insbesondere der Vogelzug beobachtet, aber die Forschungsstation am Randecker Maar widmet sich auch wandernden Insekten. „Früher sind hier im Beobachtungszeitraum jeden Tag weit mehr als 1 000 Kohlweißlinge vorbeigeflogen“, unterstrich Wulf Gatter in der „Stuttgarter Zeitung“ (14.9.17) und er fuhr fort: „Wenn es jetzt noch 20 sind, dann war es ein guter Tag.“ Und statt 400 Tagpfauenaugen flattert jetzt im gleichen Zeitraum nur noch ein ‚verirrter‘ Schmetterling dieser Gattung herum. Zur weiteren Absicherung der Datenlage organisiert der NABU in diesem Jahr einen „Insektensommer“, bei dem engagierte Bürgerinnen und Bürger Insekten in Gärten, Parks und auf landwirtschaftlichen Flächen usw. zählen.

Hummel an einer blau-violetten Lupinenblüte.
Die Leistung von Insekten, die Pflanzen bestäuben, ist auch ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor. Oder sollen wir uns, wie in China, mit Wattestäbchen auf den Weg machen, um Nutzpflanzen zu bestäuben? Im Bild eine Hummel bei der Nahrungssuche an Lupinenblüten. (Bild: Ulsamer)

Bestäubungsspezialisten: Wirtschaftsfaktor Insekten

In China machen sich immer häufiger Heerscharen von Menschen auf den Weg, um die Blüten bei Nutzpflanzen zu bestäuben, da die sechsfüßigen Erntevorbereiter dank der Umweltverschmutzung fehlen. Dies ist eine ‚Alternative‘, doch würde ich gerne weiterhin auf die geflügelten Freunde setzen, die seit Jahrtausenden auf unserem Planeten für Obst, Gemüse und Getreide sorgen. Insekten auf der Suche nach Nektar und Pollen stellen „die sexuelle Vermehrung von weltweit 88 Prozent aller Pflanzen“ sicher, so der NABU.

Der eine oder andere mag vielleicht keine Insekten, auch ich tue mich mit Wespen beim Nachmittagstee schwer, wenn sie meinen Kuchen ansteuern, doch Wild- und Honigbienen, aber auch Schmetterlinge, Fliegen, Hummeln oder Käfer leisten ihren wirtschaftlichen Beitrag zu unserem Wohlstand. Die Obstteller blieben vielfach ohne die geflügelten Helfer leer. „Von den 107 weltweit am häufigsten angebauten Kulturpflanzen werden 91 in unterschiedlichem Ausmaß bestäubt.“ Über die Höhe der weltweiten Wertschöpfung, die (Wild-)Bienen, Schmetterlinge & Co. erbringen gibt es unterschiedliche Zahlenangaben, doch mögen diese bei 200 oder 500 Mrd. EURO liegen, eines ist sicher, ohne diese emsigen Arbeiterinnen wäre nicht nur bei uns der Tisch weniger reichlich gedeckt, sondern in anderen Regionen der Hunger noch weiter verbreitet.

Unsere gefiederten Freunde hungern

Manch einer mag ja noch weitere Studien benötigen, um zu erkennen, dass die Insekten dramatisch zurückgehen, doch eigentlich genügt auch der eigene – ganz unwissenschaftliche – Blick: Die Frontscheiben an Autos sind auch nach längeren Fahrten im Sommer nahezu sauber, und dies nicht nur in Deutschland. Aber auch bei Spaziergängen und Wanderungen vermissen wir die Schmetterlinge und Wildbienen oder bei Nacht die Motten, die an die beleuchteten Scheiben ‚klopfen‘. Und auf welcher Wiese finden wir denn noch zahlreiche Grashüpfer? Die Auswirkungen der industriellen Landwirtschaft und des Rückgangs der Insekten auf die Vogelwelt sind deutlich spürbar, denn seit Jahren sinkt auch die Zahl der Brutvogelpaare in Deutschland. Für viele Vögel, die besonders bei der Aufzucht der Brut auf Insekten angewiesen sind, fehlt die Nahrungsgrundlage, und in einer mehr und mehr industrialisierten Landschaft mit riesigen Mais- oder Rapsmonokulturen ohne Hecken und Blühstreifen mangelt es an Nist- und Versteckmöglichkeiten.

Ein Rotkehlchen sitzt mit Futter im Schnabel auf einem Maschndrahtzaun über einem Stechginsterbusch.
Nicht nur für Insekten, sondern auch für Vögel werden immer häufiger Gärten und Parks zur Arche Noah, da ihnen auf landwirtschaftlich genutzten Flächen der Pestizid- oder Insektizid-Nebel und zugleich Hungers- und Wohnungsnot drohen. Dieses Rotkehlchen bringt Insekten zu seinen Jungen ins Nest. (Bild: Ulsamer)

Beschwichtigend vermeldete ‚swr3‘: „Der deutsche Bauernverband verlangt deshalb, dass weiter geforscht wird. Er warnt davor, den Landwirten voreilig die Schuld für das Artensterben in die Schuhe zu schieben.“ In die Schuhe schieben möchte ich keiner Berufs- oder Bevölkerungsgruppe irgendetwas, denn alle anstehenden Probleme können wir nur gemeinsam lösen, aber weder beim Rückgang der Vögel noch der Insekten können wir bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag Studien erstellen, wir müssen jetzt handeln!

Auch die diesjährige NABU-Zählung der Gartenvögel lässt in erschreckender Weise erkennen, dass die Vögel in Deutschland immer mehr in Bedrängnis geraten. „Bisher haben bereits über 53.000 Vogelfreunde aus 35.000 Gärten eine Million Vögel gemeldet. Das sich abzeichnende Gesamtergebnis ist leider besorgniserregend: Unter den Top 15 unserer Gartenvögel weisen sieben Arten so geringe Zahlen wie noch nie in 14 Jahren auf.“

200 Millionen Insekten pro Nase

Die Smithsonian Institution kommt zum Schluss, dass es rd. 900 000 Insektenarten in unserer Welt gibt und auf jeden Menschen 200 Millionen Insekten entfallen. („Recent figures indicate that there are more than 200 million insects for each human on the planet!“). Da wird sich so mancher Zweifler am Insektensterben beruhigt zurücklehnen, doch dies wäre sicherlich falsch: Wenn die Zahl von bestäubungswilligen Bienen und Schmetterlingen in Deutschland um 75 % zurückgegangen ist, dann lässt sich dies nur schwer mit anderen Regionen oder ‚Krabbeltieren‘, die den Boden bevölkern, verrechnen. Wir dürfen dem leisen Sterben in unserer Natur nicht länger zusehen.

Blütenreiche Pflanzen an einem Wegrand, darunter viele Margeriten mit weißen Blütenblättern und einem gelben Zentrum.
Schmetterlinge, Hummeln und Bienen lieben blütenreiche Wegränder, aber sie sind auch ein Lebensraum für zahlreiche Käfer. (Bild: Ulsamer)

Doch auch Insekten, die sich nicht am Bestäuben von Pflanzen beteiligen, haben wichtige Funktionen in unserer Natur. Viele von ihnen machen sich über Tierkadaver oder Dung her und beugen so der Verbreitung von Krankheiten vor oder nehmen Schadinsekten die Nahrungsgrundlage. Sie zersetzen abgestorbene Pflanzen und führen dem Boden auf diese Weise wichtige Nährstoffe zu: so hat auch beispielsweise der Mistkäfer eine staatstragende Funktion.

Lebensgrundlage für Insekten und Vögel sichern

Wenn unsere Gärten und Parks nicht zur Arche Noah für Insekten und Vögel, vielleicht auch für Igel, Eichhörnchen oder Feldhasen werden sollen, dann brauchen wir eine Neuausrichtung der industriellen Landwirtschaft: Die von der EU per Gießkanne verteilten rd. 50 Mrd. EURO jährlich an Agrarsubventionen plus weitere Förderung der Staaten und Regionen müssen neu fokussiert werden, wenn wir Insekten und Vögeln eine Lebensgrundlage erhalten wollen. Und dies ist nicht nur ein Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren, sondern trägt auch zu einer gesunden Umwelt für uns Menschen bei.

Die beständige Intensivierung der Landwirtschaft muss gestoppt und umgekehrt werden, denn sie benötigt als Grundlage eine Flut von Insektiziden und Pestiziden. Diese Einsicht hatte auch die ehemalige SPD-Bundesumweltministerin Barbara Hendricks gewonnen: „Die heutige Landwirtschaft macht den Insekten das Überleben schwer: Es werden große Mengen von Pestiziden eigesetzt, und es gibt zu wenig Blühstreifen und Hecken.“ (FAZ, 15.7.17) Als sie jedoch vom Deutschen Bauernverband heftig angegriffen wurde, da zog sie umgehend eine Informationskampagne zurück, die zum Nachdenken über die industrialisierte Landwirtschaft aufforderte.

Scheckenfalter mit bräunlich-gelber Grundfarbe und dunklen Flecken auf einem Pflanzenstängel
Immer häufiger verlieren Schmetterlinge wie dieser Scheckenfalter ihren Lebensraum. Es ist unerträglich, wenn wir sie bald nur noch in Gärten oder Parks, im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb zu Gesicht bekommen. (Bild: Ulsamer)

Schmetterlinge und (Wild-)Bienen müssen überleben

Die immer größeren Ackerfluren müssen wieder durch Hecken und Blühstreifen unterbrochen werden, die Insekten und Vögeln als Lebensraum dienen können. Auf Brachflächen muss Wildwuchs geduldet werden, und dies gilt auch für städtische Grünanlagen. Einheitsgrün wie auf einem Sportplatzrasen hilft unseren Insekten nicht. Und erst recht hilft ihnen auch der modische Trend nicht weiter, Gärten mit Schotterflächen zu versehen, aus denen dann ein einsames ‚Bonsai-Bäumchen‘ oder ein Kunst-Gras herausragt. Die EU und die Einzelstaaten müssen den Trend zum Biolandbau stärker fördern. Wir müssen in der Hexenküche die Töpfe vom Herd nehmen, in denen Insektizide, Herbizide, Pestizide oder Neonicotinoide brodeln.

Besondere Bedeutung kommt dem Erhalt von Wiesen und Weiden zu, die viel zu lange dem Pflug zum Opfer fielen, weil auf einem Acker mehr Energiepflanzen für die nächste Biogasanlage produziert werden können. Der Rückgang des Grünlands scheint nach der EU-Reform von 2013, die zumindest ein Bisschen ‚Greening‘ brachte, und einem Umbruchverbot in einzelnen Bundesländern, in Deutschland gestoppt worden zu sein. Aber Wiese ist nicht gleich Wiese: Es kommt selbstredend auch auf das Mähregime an, sprich großflächige Mahd sollte durch kleinflächigen Schnitt verbunden mit Blühstreifen und überjährigen Streifen ersetzt werden. Ansonsten haben Insekten keine Überlebenschance auf diesen Flächen. Und auch die Gülleflut darf nicht über diese Wiesen schwappen.

Eine frühe Adonislibelle mit schwarzem Kopf und rotem Körper auf einem grünen Blatt.
Libellen – wie diese Frühe Adonislibelle im Schwarzwald – leben an Flüssen, Seen und Tümpeln, doch auch dort wirken sich immer stärker Pestizide oder Überdüngung negativ aus. Selbst Fische bekommen durch eingeschwemmte chemische Stoffe ihren Teil ab. (Bild: Ulsamer)

Agrarförderung jetzt an der Natur orientieren

Wenn wir eine nachhaltigere Produktion unserer Lebensmittel erreichen wollen, dann kann das Ziel nicht die immer intensivere Nutzung von Flächen und Tieren sein. Im Gegenteil: Die Orientierung an Naturschutz und Nachhaltigkeit muss in den Mittelpunkt der EU-Agrarpolitik gestellt werden. Danach sieht es aber auch bei den gegenwärtigen Diskussionen um die Neugestaltung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU nicht aus. Auf keinen Fall darf – wie bisher – die bearbeitete Fläche das zentrale Kriterium für Fördermittel sein. „Durch die Bindung der Zahlungen an die Fläche landen 80% der Zahlungen bei lediglich 20% der Empfänger, ein Ungleichgewicht, das auch von immer mehr Landwirten selbst kritisiert wird“, so der NABU.

Generell müssen Arbeiten, die dem Naturschutz dienen, und eine an der Natur orientierte Flächennutzung besser honoriert werden als bisher – und dies zu Lasten derer, die nur auf die chemische Keule setzen und bei denen die Natur unter den Traktor gerät. Insekten und Vögel brauchen jetzt eine Neuorientierung der Landwirtschaft, wenn sich die Bestände langfristig wieder erholen sollen. Dass eine Erholung möglich ist, zeigt beispielsweise die Zunahme der Greifvogelpopulation nach dem Verbot von DDT. Gärten und Parks mögen über einige Zeit die Arche Noah spielen, aber letztendlich entscheidet sich das Überleben von (Wild-)Bienen und Schmetterlingen, von Hummeln und Käfern auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Der Mohrenfalter ist dunkel und hat auf den Flügeln ein 'Doppelauge'
Schmetterlinge wie dieser Mohrenfalter brauchen auch Überlebenschancen in intensiv landwirtschaftlich genutzten Regionen. (Bild: Ulsamer)

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