Deutscher Bauernverband gegen Neuorientierung der industriellen Landwirtschaft

Insekten und Vögel brauchen unsere Hilfe

Wir müssen eine Neuorientierung der Landwirtschaft durchsetzen – und dies gemeinsam mit den ökologisch orientierten Bauern, notfalls gegen den Deutschen Bauernverband. Nicht die kleineren bäuerlichen Betriebe – gerade auch in Süddeutschland – sind die Gewinner bei den EU-Subventionen, sondern die industrielle Landwirtschaft mit ihren Großbetrieben. Wildbienen und Schmetterlinge brauchen blühende Pflanzen oder sollen wir irgendwann die Blüten mit dem Wattestäbchen selbst bestäuben? Aber der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied stellt sich mit seinen Getreuen einer Neuorientierung entgegen. Nachhaltigkeit und Ökologie führen auch diese Verbandsvertreter im Munde, aber im Grunde wollen sie weiterhin auf Kosten von Natur und Menschen ihre anachronistische Landwirtschaftspfründe erhalten.

Die industrielle Landwirtschaft muss in ihre Schranken gewiesen werden, ansonsten setzt sich der dramatische Rückgang von (Wild-)Bienen und Schmetterlingen fort. Aber bei der weiteren Zulassung von Glyphosat hat es sich gezeigt, dass die Vertreter der Herbizid-Produzenten und die Bauernverbände unter Führung des Multipräsidenten Rukwied wieder mal am längeren Hebel saßen: Sie zogen die Mehrheit der politischen Entscheider auf ihre Seite, auch wenn Natur und Umwelt leiden. Wir brauchen wieder mehr blühende Wiesen und Feldränder statt Agrarmonokulturen und gigantische Mastanlagen.

Bläuling auf einem Finger. In der Nähe der Donau aufgenommen.
Wann ist auf Ihren Fingern zuletzt ein Bläuling gelandet? Die Zahl der Insekten ist in den vergangenen Jahren um 75 % zurückgegangen. (Bild: Ulsamer)

Rukwied – „Dinosaurier des Jahres“

Fast folgerichtig wurde Joachim Rukwied Ende 2017 vom NABU als „Dinosaurier des Jahres“ ‚geehrt‘. So schrieb Deutschlands mitgliederstärkste Naturschutzorganisation: „Der NABU vergibt den ‚Dinosaurier des Jahres‘ an den Präsidenten des Deutschen Bauernverbands (DBV). Joachim Rukwied streitet die Verantwortung der Landwirtschaft für das Artensterben ab und verteidigt beharrlich ein Milliarden Euro teures Subventionssystem, das zulasten von Natur, Landwirten und Steuerzahlern geht.“ Bei so einer ‚Würdigung‘ wäre die Mehrheit der Verbandsvertreter sicherlich erschrocken zusammengezuckt, nicht aber Rukwied. Er fühlt sich – man mag es kaum glauben – sogar geehrt.  Er vertraut darauf, dass die Mitglieder des Deutschen Bauernverbands seine rückwärtsgerichtete Agrarpolitik weiterhin mittragen. Dieser Preis, so Rukwied, „werde von vielen Berufskollegen und Mitgliedern als Auszeichnung verstanden“.

Na, das lässt nichts Gutes erwarten: Wenn schon die Einsicht fehlt, dann wird vom Deutschen Bauernverband auch kaum eine ökologische Ausrichtung in der Zukunft zu erwarten sein. Vielleicht ist dieser Preis auch Voraussetzung dafür, in die Ahnentafel der Bauernverbandspräsidenten aufgenommen zu werden: So erhielt bereits Gerhard Sonnleiter im Jahr 2001 den „Dinosaurier“ zuerkannt, und wie Joachim Rukwied betonte er „Wir brauchen keine Agrarwende“.

Kleinbäuerliche Betriebe ohne Chance

Frappierend ist es für mich, dass viele Landwirte die Politik des Deutschen Bauernverbands weiterhin unterstützen, obwohl sie daraus keine Vorteile ziehen. So fallen die kleineren Bauernhöfe in Süddeutschland beim Einkommen immer weiter zurück. Dies ist nicht zuletzt die Folge einer Fehlallokation der Fördermittel durch die Europäische Union (EU). Hier werden die Großbetriebe deutlich bevorzugt. Immer mehr Bauernhöfe müssen aufgeben, und damit wird auch deutlich, dass diese kleineren Betriebe weder beim Deutschen Bauernverband noch in der EU eine echte Lobby haben. So hielt der rückläufige Trend der landwirtschaftlichen Betriebe – nach Angaben des Statistischen Bundesamtes – auch von 2013 bis 2016 an, und die Zahl der Betriebe reduzierte sich um 9 600. Von den erfassten 275 400 Betrieben sind im Übrigen nur 19 900 Öko-Betriebe.

Der frühere Präsident des Deutschen Bauernverbands Gerhard Sonnleitner und der aktuelle Präsident Joachim Rukwied mit der Aussage "Wir brauchen keine Agrarwende".
Der NABU zeichnete nun schon zwei Präsidenten des Deutschen Bauernverbands als „Dinosaurier des Jahres“ aus, da sie mit aller Kraft gegen eine Neuorientierung der Agrarpolitik in Deutschland und der EU kämpfen. Auch wenn Joachim Rukwied und Gerhard Sonnleitner einstimmig meinen „Wir brauchen keine Agrarwende“, bin ich da ganz anderer Meinung. Im Sinne von Umwelt, Natur und Mensch müssen die Agrarsubventionen zukünftig an Nachhaltigkeit und Ökologie orientiert werden. (Bild: Screenshot, „nabu.de“)

Diese Minderheit der Landwirte, die sich inzwischen auf eine ökologische Bewirtschaftung ihrer Äcker und Wiesen oder eine entsprechende Tierhaltung konzentrieren, müsste deutlich stärker gefördert werden, um die Neuorientierung der Landwirtschaft voranzubringen. Interessanterweise lässt sich das auch noch ohne Mehrkosten realisieren, wenn die Förderung der industriellen Landwirtschaft durch die EU kontinuierlich zurückgefahren würde. Geschieht dies nicht, dann leben Wildbienen und Schmetterlinge bald nur noch in Gärten und Parks. Aber nicht nur Wildbienen aller Art tun sich schwer in einer industrialisierten Flur, sondern immer mehr Imker suchen eine Zuflucht für ihre Bienenstöcke in Parkanlagen oder auf Waldlichtungen.

EU und Deutschland: Keine neuen Impulse

In meinen Augen ist es ein Skandal, dass die industrielle Landwirtschaft von der EU reichlich gefördert wird und bis heute von der EU-Kommission unter Jean-Claude Juncker keine neuen Vorschläge kommen. So spielte die Landwirtschaft auch in seiner „Rede zur Lage der Union 2017“ keine Rolle, und dies obwohl die Landwirtschaftssubventionen rd. 40 % des Budgets der EU verschlingen. Auch in den von der EU-Kommission entwickelten Szenarien für die zukünftige Entwicklung der EU fristet die Landwirtschaft ein inhaltliches Schattendasein.

Aber wenn schon vom Hauptgeldgeber der Landwirtschaft, der Europäischen Gemeinschaft, keine Impulse für eine nachhaltige Landwirtschaft kommen, dann vielleicht von der Bundesregierung. Doch auch hier seit Jahren Fehlanzeige: Im Schulterschluss mit dem Deutschen Bauernverband sorgte der CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt für den Stopp einer Informationskampagne des Bundesumweltministeriums, die sich zu engen Stallungen oder der hohen Nitratbelastung des Grundwassers durch Überdüngung widmete, und erneut im Widerspruch zur SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks setzte er in Brüssel eine Verlängerung der EU-Zulassung für Glyphosat durch.

Eine Hummel auf einer Blüte. Insekten brauchen eine Agrarwende auch gegen den Deutschen Bauernverband.
Liebe Leute, summt die Hummel, bitte weniger Einheitsäcker, Gülleflut und Herbizide, die meine Nahrungspflanzen killen und schon gar keine Insektizide! Vielleicht könnt ihr dies dem Bauernverband sagen! Glyphosat zerstört meine Nahrungsgrundlage, lieber Herr Rukwied. (Bild: Ulsamer)

Bauernverband: Taktik statt Veränderungswillen

Seit Jahren verschwinden immer mehr blühende Ackerränder, die landwirtschaftlichen Flächen werden noch eintöniger durch ausufernde Monokulturen, Wiesen werden großflächig gemäht, und zu guter Letzt gibt es noch eine Überdosis an Gülle und Herbiziden. Die Leidtragenden sind direkt die Insekten, die ihre Lebensräume und Nahrungsgrundlage verlieren, und indirekt die Vögel, die für sich und ihre Jungen nichts mehr zu ‚futtern‘ finden. Egal ob sie von Insekten oder Sämereien leben, Schmalhans ist bei unseren Vögeln – wie bei unseren Insekten – Küchenmeister. Ich bin mir nicht ganz sicher, warum ausgerechnet Verbandsvertreter aus dem landwirtschaftlichen Bereich diese Veränderungen nicht wahrnehmen oder nicht erkennen wollen. So laut kann doch der Traktor nicht tuckern, dass sie nicht das fehlende Gezwitscher unserer gefiederten Freunde vermissen. Und auch die Vertreter des Deutschen Bauernverbands fahren doch über unsere Straßen, und dann kann ihnen nicht entgehen, dass die Windschutzscheibe heute auch im Sommer sauber bleibt.

Interessant ist auch das taktische Verhalten mancher Verbandsvertreter, die – wie der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, Bernhard Krüsken – eifrig betonen, auch die Landwirtschaft sei auf Insekten angewiesen, aber dann beim Insektenschwund ganz ruhig erwidern, man warte auf eine eindeutige Beweislage bei den Ursachen. Man kann natürlich auch zuwarten, bis die Katastrophe eintritt, aber muss Politik nicht vorausschauend agieren und gerade im Sinne des Vorsorgeprinzips das Schlimmste verhindern? Ich denke schon. Irgendwie erinnern mich Joachim Rukwied und Bernhard Krüsken an Donald Trump: Letzterer leugnet die Bedeutung von CO2 für den Klimawandel, obwohl Stürme und Überschwemmungen zunehmen, Trockenperioden ganze Landstriche ausdörren, die Waldbrandgefahr – auch hierzulande – steigt, … – aber die Vertreter des Bauernverbands wollen partout keinen Zusammenhang zwischen industrieller Landwirtschaft und dem Insektensterben sehen. Mögen auch die Wissenschaftler Alarm schlagen, wir halten Kurs – direkt aufs nächste Riff, so scheint die Devise zu lauten.

Rückgang von Fluginsekten um 75 %

Selbstredend kann sich die Wissenschaft auch irren, können Naturschützer mit ihren Analysen auch falsch liegen, und nicht jeder hysterische Alarmschrei ist berechtigt, aber wenn nahezu einhellig von sachkundigen Personen und Organisationen ein Rückgang von Insekten in Deutschland diagnostiziert wird, dann wird die Frage doch erlaubt sein, welche Zusammenhänge es mit der Landnutzung gibt. Der Entomologische Verein Krefeld, der sich seit über 100 Jahren der wissenschaftlich orientierten Insektenkunde widmet, hat in einer Langzeitstudie von 1989 bis 2016 einen Rückgang der Biomasse von Fluginsekten von über 75 % festgestellt – und dies in über 60 Naturschutzgebieten. Ganz folgerichtig ist der Schwund an Insekten auf landwirtschaftlichen Monokulturen noch dramatischer.

Acker in den Farben rot, grün, gelb. Aufgenommen in Brandenburg
Farbenfrohe Äcker – wie hier in Brandenburg – und Wiesen weichen immer mehr Monokulturen ohne Wert für Bienen und Schmetterlinge. (Bild: Ulsamer)

Der NABU Baden-Württemberg hat über 20 Studien zusammengetragen, die allesamt den Schwund an Insekten belegen. Zu gleichen Ergebnissen kommen Langzeitbeobachtungen vom Rand der Schwäbischen Alb. Seit Jahrzehnten wird dort insbesondere der Vogelzug beobachtet, aber die Forschungsstation am Randecker Maar widmet sich auch wandernden Insekten. „Früher sind hier im Beobachtungszeitraum jeden Tag weit mehr als 1 000 Kohlweißlinge vorbeigeflogen“, unterstrich Wulf Gatter in der „Stuttgarter Zeitung“ (14.9.17) und er fuhr fort: „Wenn es jetzt noch 20 sind, dann war es ein guter Tag.“ Und statt 400 Tagpfauenaugen flattert jetzt im gleichen Zeitraum nur noch ein ‚verirrter‘ Schmetterling dieser Gattung herum.

Insektizide und Herbizide sind eine Bedrohung

„Etwa 60 Prozent aller Naturschutzgebiete sind hierzulande kleiner als 50 Hektar“, so schreibt der NABU. „Die Gebiete werden durch ihre Insellage und durch ihre langen Außengrenzen stark von ihrer Umgebung beeinflusst – äußere Einflüsse, wie der Eintrag von Pestiziden oder Nährstoffen (Eutrophierung) können nicht ausreichend abgepuffert werden. So liegt es nahe, dass durch Praktiken der intensiven Landwirtschaft der Erhaltungszustand vieler Schutzgebiete massiv beeinträchtigt wird – und nicht zuletzt der von Insekten.“ Und in Reinform bekommt man das Insektensterben dann auf vielen Agrarflächen zu spüren. So sind weder Mais- noch Rapsfelder ideale Bienenweiden, sondern eher ein Grund für ihr frühes Sterben.

Zu den zentralen Problemen, die unseren Insekten ihr Dasein verleiden, gehören der Einsatz von Insektiziden und Herbiziden als Teil der industriellen Landwirtschaft, und zusätzlich die großflächige Mahd. Mit modernen Geräten können auch 20 Hektar große Wiesen an einem Tag gemäht werden, und wenn dann noch das Gras umgehend als Winterfutter abtransportiert wird, landen nicht nur viele Insekten in den mit Kunststoffbahnen verpackten Grasballen, sondern auch denen, die sich zuerst noch hatten retten können, droht ein ungutes Schicksal: Sie finden keinen Unterschlupf und werden z.B. von Krähen umgehend verspeist. Gehen Sie doch mal über eine solche großflächig gemähte Wiese, sie werden sich wundern wie wenige Grashüpfer dort wirklich noch unterwegs sind. Auch vor der Mahd erschrecke ich immer wieder über die geringe Vielfalt an Insektenarten auf solchen Wiesen.

Heupferd an einer Hauswand umgeben von Wildem Wein.
So manches Heupferd flüchtet schon mal von der mehrfach und großflächig gemähten Wiese in einen Garten. Wir brauchen ein neues Mähregime, das jeweils kleine Parzellen umfasst und Blühstreifen, aber auch überjährigen Erhalt von Pflanzen ermöglicht. (Bild: Ulsamer)

Magerwiesen, Blühstreifen und Brachen sind Mangelware

Über Jahrzehnte wurde das Grünland zugunsten von Ackerflächen vermindert, und damit verschwanden auch viele Magerwiesen, die noch eine gewisse Vielfalt an Blühpflanzen auszeichnete. Brachflächen sind – nicht zuletzt durch den erhöhten Flächendruck – gleichfalls verschwunden, Blühstreifen an Ackerflächen sind inzwischen ebenfalls Mangelware. Aber auch Stickstoffeintrag oder Überweidung tragen zum Rückgang der Insekten bei. Nicht vergessen dürfen wir bei nachtaktiven Insektenarten auch die Lichtverschmutzung in unseren städtischen Bereichen, die sie nicht selten das Leben kostet.

Seit vielen Jahren fahren wir immer wieder durch Frankreich, Großbritannien und Irland, aber auch in den Süden, und überall tritt das gleiche Phänomen auf: Auch nach vielen Kilometern ist die Windschutzscheibe noch sauber, denn kaum noch Insekten finden ein trauriges Ende am Fahrzeug. Somit ist leicht erkennbar, dass der Insektenschwund auch in den anderen Regionen voranschreitet, die durch die EU-Agrarpolitik ‚gesegnet‘ sind.

Asphaltierter Weg in der Mitte, links und rechts kaum noch erkennbar der Feldrain mit etwas grünem Gras. Die Äcker grenzen fast unmittelbar an den Weg an.
Häufig wird der Feldrain immer stärker minimiert, so dass von einem Randstreifen zwischen dem Feld und dem Wirtschaftsweg kaum etwas zu sehen ist: Für Blühpflanzen, Gebüsch und Insekten bleibt nichts übrig. Feldhasen oder Rebhühner finden in einer ausgeräumten Landschaft keinen Schutz. (Bild: Ulsamer)

Insekten verschwinden – Vögel darben

Natürlich gehen nicht nur die Insekten zurück, sondern auch die Vögel finden immer weniger Nahrung. Lassen wir nochmals den NABU zu Wort kommen: „Wir beobachten seit Jahren in Deutschland und Europa stark zurückgehende Vogelbestände vor allem im Agrarbereich. In Deutschland ist, wie eine aktuelle Untersuchung des NABU zeigt, in den letzten zwölf Jahren die Anzahl der Brutvogelpaare um 15 Prozent zurückgegangen. Mit Sicherheit sind diese Einbußen auf den Rückgang der Insektenfauna zurückzuführen; fast alle betroffenen Arten füttern zumindest ihre Jungen mit Insekten. Dieser erneute ‚stumme Frühling‘ ist in vielen Regionen unseres Landes traurige Wirklichkeit geworden.“

Aber auch weitere Tiere – wie z.B. Feldhasen – finden immer weniger Lebensräume in einer ausgeräumten Landschaft, in der viele Hecken nicht nur einheitlichen Feldern, sondern z.B. auch dem Weinbau zum Opfer gefallen sind. Es grenzt dann ans Lächerliche, wenn das Fehlen von Rebhühnern und Feldhasen den Füchsen zugeschoben wird, und wie auf den Fildern bei Stuttgart zur großen ‚Fuchs-Jagd‘ geblasen wird.

Sechs Störche auf einer grünen Wiese.
Störche landen auch im halben Dutzend bei der Nahrungssuche, wenn die Wiesen noch halbwegs naturbelassen sind und sich Insekten, Frösche oder Mäuse tummeln – wie hier zwischen Oberried und Kirchzarten am südlichen Ausläufer des Schwarzwalds. Selbst eine Straße oder die nahe Wohnbebauung sind dann kein großes Problem. (Bild: Ulsamer)

Auch wenn Vertreter des Deutschen Bauernverbands weder durch das Insektensterben noch den Schwund im Vogelreich zu beeindrucken sind, immer mehr Menschen geht dieser Verlust an Artenvielfalt nahe. Dies zeigte sich auch bei meinem Blog. Der Beitrag „Vom leisen Sterben in der Natur“, in dem meine Frau, Cordula Ulsamer, auf das Verschwinden der Insekten einging, bescherte uns die höchste Besucherzahl an einem einzelnen Tag. Ich halte dies für ein gutes Zeichen im Sinne des Naturschutzes, aber es sollte auch dem Deutschen Bauernverband zu Denken geben: Soll das Ansehen der Landwirtschaft nicht weiter leiden und damit auch das Verständnis für Agrarsubventionen weiter schwinden, dann muss sich auch die organisierte Landwirtschaft um eine ökologische Zukunft kümmern.

EU-‚Greening‘ ist ein Bluff

Zwar läuft die Förderperiode der EU-Mittel nur noch bis 2020, allerdings lassen sich keine tiefgreifenden Änderungen für die Zukunft erkennen. Es droht eher die Gefahr, dass das überkommene System nur ein weiteres grünes Mäntelchen verpasst bekommt. Droht uns daher alter Wein in neuen Schläuchen? Kommt auf das bereits eingeführte ‚Greening‘ ein echter Neustart? Es sieht überhaupt nicht danach aus.

Seit 2014/15 wird ein Teil der Direktzahlungen, die an die Landwirte gehen, an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Diese mit dem Schlagwort ‚Greening‘ bezeichnete Änderung bringt aber nur bescheidene bis gar keine Fortschritte. So sollen Ackerbaubetriebe mit einer Fläche von mindestens 10 Hektar verschiedene Pflanzen kultivieren. Im Regelfall darf kein Grünland in eine Ackerfläche umgewandelt werden. Betriebe ab 15 Hektar Ackerfläche müssen fünf Prozent davon als ‚Ökologische Vorrangflächen‘ festlegen.

Hätte das sogenannte ‚Greening‘ wirklich etwas mit Naturschutz zu tun, dann wäre es eines Lobes wert. Aber wie so oft bei der EU: alles nur heiße Luft! Zu diesem Schluss kommen keine EU-Gegner, sondern eine Institution der EU, der Europäische Rechnungshof, der im Untertitel „Hüter der EU-Finanzen“ führt, in seinem „Sonderbericht Nr. 21/2017: Die Ökologisierung: eine komplexere Regelung zur Einkommenssicherung, die noch nicht ökologisch wirksam ist“. Vielleicht sollten die Altvorderen des Deutschen Bauernverbands diesen Bericht mal intensiv lesen. „Durch die Landwirtschaft ergeben sich, insbesondere wenn sie intensiv betrieben wird, negative Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima“, so der erste Satz der Internet-Mitteilung vom 12. Dezember 2017. Genau um diese negativen Auswirkungen zu begrenzen, wurden durch die EU-Kommission die oben geschilderten Vorgaben gemacht. Aber, der Europäische Rechnungshof stellt fest, „dass die Kommission keine vollständige Interventionslogik für die Ökologisierung entwickelt hat. Sie hat auch keine klaren, ausreichend ehrgeizigen Umweltziele festgelegt, die durch die Ökologisierung erreicht werden sollten. Ferner wird die Mittelzuweisung für die Ökologisierung nicht durch die ökologischen Inhalte der Politik gerechtfertigt. Die Ökologisierungszahlung bleibt im Grunde eine Regelung zur Einkommensstützung.“

Marienkäfer krabbelt über eine blühende Pflanze.
Einst war der Marienkäfer ein Glücksbringer, aber hat er auch im eigenen Lebensraum Glück? Gülle, Herbizide und Insektizide machen allen Insekten des Leben schwer. (Bild: Ulsamer)

Der letzte Satz belegt, dass das ‚Greening‘ nur der Subvention bestimmter landwirtschaftlicher Betriebe ein grünes Mäntelchen umhängt. Dass wir uns recht verstehen: Ich gönne jedem Landwirt sein Einkommen, aber nach meiner Meinung brauchen wir eine Agrarpolitik, die dafür Sorge trägt, dass Bauern von ihrer Hände Arbeit – sprich ihren Produkten – leben können und nicht nur durch EU-Fördermittel.

Nutzen für Umwelt und Natur fehlt

Der Europäische Rechnungshof beklagt die „beträchtlichen Mitnahmeeffekte“ und so sei es „unwahrscheinlich“, „dass die Ökologisierung einen signifikanten Nutzen für Umwelt und Klima erbringen wird“. Dies würde ich doch als ein vernichtendes Urteil über die Politik der EU-Kommission ansehen, die Agrarsubventionen vorgeblich etwas ökologischer ausrichten zu wollen. „Insbesondere hat die Ökologisierung nach Schätzung“ des Europäischen Rechnungshofs „nur auf ungefähr 5 % der landwirtschaftlichen Fläche in der EU zu Änderungen der landwirtschaftlichen Bewirtschaftungsmethoden geführt.“ Verschleierung ist ein Grundgedanke der EU unter ihrem Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, dies zeigt sich leider immer wieder. Mag der Nebel beim ‚Greening‘ auch grün sein, letztendlich verändert sich nichts im Sinne der Natur. Ich habe den generellen Eindruck, dass mit den jetzt handelnden Politikern auch keine echte Neuorientierung möglich ist. Das Führungspersonal und die durch dieses gestaltete Agrarpolitik sind Relikte vergangener Zeiten – womit wir wieder beim „Dinosaurier des Jahres“ wären.

Es ist längst Zeit für eine Orientierung der Landwirtschaft an einer nachhaltigen Erzeugung sowie dem Schutz von Tieren und Pflanzen. Bei vielen Äußerungen der Bauernverbände in Deutschland und anderen EU-Staaten habe ich den Eindruck, dass die Subventionierung der Landwirtschaft längst als Dauerlösung aufgefasst wird. Wer würde eigentlich eine solche Geldverteilung mit der Gießkanne mittragen, wenn jedem Bäcker oder Metzger Fördermittel überwiesen würden, allein mit der Begründung, dass er Brote oder Würste herstellt. Ich denke, der Widerspruch wäre lautstark! Nur bei der Landwirtschaft ist jede kritische Nachfrage ein Sakrileg. Zu bedenken ist ja auch, dass wir in vielen Bereichen über den deutschen Bedarf hinaus produzieren. Der Überschuss wird dann – wiederum mit Fördermitteln – außerhalb der EU abgesetzt und ruiniert dort heimische Produzenten.

Ziegenherde mit dunkelbraunen und weißen Tieren auf einer Wiese am Waldrand.
Wenn Schafe oder Ziegen – wie hier im Biosphärengebiet Schwarzwald – Wiesenflächen freihalten oder Kühe statt im Stall auf der Weide stehen, dann muss dies besser als bisher durch Agrarsubventionen gefördert werden, aber eine Alimentierung nach der bearbeiteten Fläche oder unter dem EU-Mäntelchen des ‚Greening‘ darf nicht fortgesetzt werden. (Bild: Ulsamer)

Fördermittel nur für ökologische Aktivitäten

Selbstverständlich sollen Landwirte auch zukünftig Fördermittel erhalten, aber nur, wenn sie ökologische Aktivitäten entfalten, die über einen modernen landwirtschaftlichen Standard hinausgehen. So fordert auch der Europäische Rechnungshof eine Reform der ‚Gemeinsamen Agrarpolitik‘ (GAP), die einen Beitrag zu den „umwelt- und klimaschutzbezogenen Zielen der EU“ leisten müsse.

So dürfen sich der Geldsegen aus der EU und von nationalen Institutionen nicht länger an den bearbeiteten Flächen orientieren, sondern es muss eine umwelt- und naturverträgliche Produktion in den Mittelpunkt gestellt werden. Naturschutzmaßnahmen – wie das Freihalten von Weideflächen – sollten besser bezahlt werden als bisher, und die Umstellung auf Ökolandbau muss konsequenter alimentiert werden. Ein gewisser Druck hin zu höherer Naturverträglichkeit wird sich dann automatisch ergeben, wenn nicht länger mit der Gießkanne Fördermittel verteilt werden. Diese Neuausrichtung umfasst auch die Minimierung von chemischen Insektenvernichtungsmitteln und Herbiziden. Weit stärker als bisher muss die regionale Vermarktung ausgebaut werden, um dadurch auch die notwendige Verkehrslogistik einzuschränken. Und am Rande sei angemerkt, dass oft kleinere Maßnahmen, wie z.B. ein verändertes Mähregime, Lebensräume für Insekten stabilisieren können. Wer große Wiesen nur in einzelnen Parzellen mäht, Blüh- und überjährige Streifen stehen lässt, der hat natürlich einen Mehraufwand, und dieser muss als Dienst an der Natur stärker bei Fördermitteln berücksichtigt werden.

Nachtpfauenauge auf einer Betonplatte. Am Kopf ist er dunkelbraun.
Auch wenn ich normalerweise bei Nacht unterwegs bin, meint das Nachtpfauenauge, so habe ich doch wichtige Funktionen in der Natur. Leider scheinen das noch nicht alle Menschen erkannt zu haben. (Bild: Ulsamer)

Keine explodierenden Verbraucherpreise

Die immer wieder ins Feld geführten deutlichen Belastungen, die der Endverbraucher bei einer stärker an der Ökologie orientierten Landwirtschaft zu tragen habe, kann ich nicht erkennen: Entweder fließen die EU-Mittel weiter in die Landwirtschaft, allerdings nur in Betriebe, die sich ökologisch ausrichten, und dies bremst die Preiserhöhungen, oder es werden die Subventionszahlungen gänzlich eingestellt, dann würde dies auch geringere Steuerbelastungen mit sich bringen. Gegengerechnet werden müssen auch Subventionen, die die EU aufbringt, um Tomaten oder Hühnerflügel zu Dumpingpreisen in afrikanische Märkte zu drücken, es müssen die Kosten für die Beherrschung von Überproduktionen berücksichtigt werden, die Zahlungen für Flächenstilllegungen usw. Ich halte das ewige Gerede von explodierenden Verbraucherpreisen für üble Panikmache: Damit soll nur der Status quo und damit der Fortbestand der industriellen Landwirtschaft gesichert werden. Und wer so tut als würde ohne Massentierhaltung die nächste Hungersnot drohen, der handelt unredlich. Wo kommt denn die hohe Nitratbelastung her, die immer häufiger zu komplexer Wasseraufbereitung und damit wieder erhöhten Kosten für den Endverbraucher beiträgt? In Bundesländern mit Massentierhaltung ist zumeist auch die Nitratbelastung höher!

Zumindest am Rande möchte ich auch erwähnen, dass im Nahrungssektor auch überlegt werden muss, welche Produkte wir aus wirtschaftlich weniger entwickelten Staaten beziehen können, um dort die Erzeuger zu stärken, anstatt sie mit Billigware aus der EU aus dem Markt zu drängen. Wer weitere Flüchtlingswellen verhindern möchte, die sich in Afrika gerade auch aus wirtschaftlichen Gründen entwickeln, der muss den in ihrer Existenz bedrohten Menschen auch Arbeits- und Absatzchancen bieten.

Schwarz-weißer Schmetterling auf blauer Blüte.
Zwar heiße ich Schachbrett, doch wäre ich sehr froh, wenn ich dennoch nicht in einem Spiel geopfert würde. Die Bauern sollten erkennen, dass auch sie nur eine Spielfigur in der industriellen Landwirtschaft sind. Heute ich und morgen Du! (Bild: Ulsamer)

Neuorientierung – jetzt!

Wenn wir uns heute für Bienen und Schmetterlinge oder Vögel und Feldhasen einsetzen, dann geht es doch auch um die Zukunft von uns allen. Das Verschwinden der Insekten ist ein Alarmsignal für uns alle: die menschliche Existenz ist langfristig natürlich gleichfalls gefährdet, wenn wir die industrielle Landwirtschaft nicht so fortentwickeln, dass Nachhaltigkeit und Ökologie im Vordergrund stehen. Aus meiner Sicht besteht auch eine große Diskrepanz zwischen dem Streit um jedes Mikrogramm Feinstaub an manchen Straßenkreuzungen und dem ungezügelten Einsatz von Herbiziden und Insektiziden, Überdüngung, Zerstörung der natürlichen Landschaft und Artensterben im landwirtschaftlichen Bereich.

Wir brauchen eine Neuorientierung der Agrarpolitik in der EU und in den einzelnen Staaten, allen voran in Deutschland. Dabei wird, dies hoffe ich sehr, auch die Landwirtschaft mitziehen, sollte sie dies – wie der Deutsche Bauernverband – nicht tun, dann muss die Politik dennoch die Änderungen im Sinne von Natur, Umwelt und Bürgern durchsetzen.

 

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