Des Landrats Bimmelbahn

Eisenbahn treibt Fledermäuse in die Flucht

Über lange Jahre wurden Schienen demontiert und Bahnhöfe verhökert, doch immer mehr Rathauschefs und Landräte wollen wieder ihre Eisenbahn. Und dies leider nicht in der Spielzeugvariante von Märklin für ihr trautes Heim, sondern in Originalgröße und auf Kosten der Steuerzahler.

So manche Bahn, die wieder reaktiviert wurde, zuckelt mit wenigen Fahrgästen durch die Lande, die leicht in einem Bus Platz gefunden hätten. Auf der anderen Seite wird am Geld für eine Optimierung der Busnetze gespart, es kommt in Deutschland auch wenig Lust auf, Schnellbussysteme in Stadt und Land zu realisieren, aber eine neue Anbindung per Bahn lässt Freude aufkommen.

Wo bleiben die echten „Jahrhundertprojekte“?

Und  auch wenn die Baugenehmigung für das Gesamtprojekt noch nicht vorliegt, dann werden schon mal Bäume gefällt, so z.B. bei der Hermann-Hesse-Bahn, die die baden-württembergischen Kommunen Calw mit Renningen und Weil der Stadt verbinden soll. Den gleichen Übereifer würde ich mir bei den wirklich wichtigen Bahnverbindungen wünschen, man denke nur an den Ausbau der Rheintalverbindungen.

„Ein Jahrhundertprojekt mit Geschichte“, so heißt es auf der Internetseite der Projektträger. „Und vor allem mit Zukunft.“ Jahrhundertprojekte hatte ich mir bisher anders vorgestellt!

Schon 2018 sollen die ersten Fahrgäste mit der Herrmann-Hesse-Bahn von Calw gen Stuttgart zuckeln. Ab Weil der Stadt fährt die Bimmelbahn dann mit der S-Bahn auf dem gleichen Gleis! Sieht so moderne Verkehrspolitik aus? (Bild: Screenshot von der Seite des Projektträgers, 5. 6. 2017)

„Schon Hermann Hesse schwärmte von der Württembergischen Schwarzwaldbahn. Jetzt wird der 1962 verstorbene Schriftsteller Namenspatron für die Hermann-Hesse-Bahn, die dem Traditionszug nachfolgt – und ihre Fahrt in Richtung Zukunft aufnimmt.“ Na, ob Hermann Hesse die Vorgehensweise gefallen hätte, mit der der Landkreis Calw unter Leitung seines Landrats Helmut Riegger das Projekt umsetzt?

Damit keine Zweifel aufkommen: Ich selbst bin selbstredend für einen zukunftsweisenden und innovativen Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Aber die Schwerpunktsetzung im politischen Bereich ist immer wieder verblüffend.

Wer schützt die Natur?

Wenig Rücksicht nehmen die Projektträger allerdings – wie der NABU betont – auf die Natur. Fledermäuse, die sich in den letzten drei Jahrzehnten in den nicht mehr genutzten Tunneln angesiedelt haben, scheinen keine Rolle zu spielen. Warum kann hier eine neue Strecke gebaut werden, die die geschützten Tiere vertreiben wird? Wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Bei privaten Bauvorhaben scheinen manche Landratsämter bei weitem pingeliger als bei Projekten, die sie selbst mit vorantreiben. Aber wenn der Landrat auch mal seine eigene Bimmelbahn einweihen möchte, dann fällt es der unteren Naturschutzbehörde – die ja im Hause des Landrats angsiedelt ist – schwer, einzugreifen.

„Im Einklang mit den strengen Vorgaben des Natur- und Artenschutzes werden die Bau- und Sanierungsmaßnahmen umgesetzt. Das alles geschieht mit großer Sorgfalt und gemeinsam mit den Naturschutzbehörden des Landkreises Calw und des Regierungspräsidiums Karlsruhe – zum Wohle seltener Steinkrebse und streng geschützter Fledermäuse“, so wiederum die Seite der Projektträger. Aber wie passt diese völlig richtige Anforderung an das Vorhaben dann zu den Aktivitäten der Projektträger?

Freie Fahrt für die Hermann-Hesse-Bahn, obwohl streng geschützte Fledermäuse die alten Tunnel bevölkern? Hätte nicht auch eine Optimierung der Busverbindungen bis zur S-Bahn in Weil der Stadt geholfen? (Bild: hermann-hesse-bahn.de)

Auch ein Gerichtsverfahren, das vom NABU angestrengt wurde, konnte den Bauherrn, den Landkreis Calw, im ersten Anlauf nicht aufhalten. Die Motorsäge regierte, und die Bäume im Umfeld eines Tunneleingangs verschwanden noch während des anhängigen Verfahrens. Das sollte man als privater Bauherr mal versuchen. Erst ein Eilantrag des NABU konnte weitere Rodungen stoppen.

Um den Konflikt abzumildern, hatte sich der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann als Moderator angeboten, um doch noch zu einer für alle Seiten akzeptablen Lösung zu kommen. Laut einer Pressemitteilung seines Hauses betonte er bei einem Gespräch am 16. März, dass er diese Bahn als sehr wichtiges Projekt für einen klimaverträglichen Verkehr ansehe. Ein Projektbefürworter als Moderator, das ist eine interessante Variante, bei der ich mir ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Inzwischen hat man sich wohl doch auf eine Moderation durch externe Profis geeinigt.

Bimmelbahn contra S-Bahn?

Amüsieren könnte man sich auch über die Tatsache, dass die Hermann-Hesse-Bahn, wenn sie denn gebaut wird, ab Weil der Stadt die gleiche Trasse wie die S-Bahn 6 nutzen würde. Dann drohen, so der Verband Region Stuttgart, Probleme mit der Zugabstimmung – vielleicht kommt es sogar zu Verspätungen der S-Bahn. Als Steuerbürger kann ich nur den Kopf schütteln, wenn zwei Bahnen auf der gleichen Kurzstrecke um Mitfahrer buhlen und sich letztendlich auch noch bahntechnisch in die Quere kommen: Auf dem eingleisigen Bahnabschnitt zwischen Weil der Stadt und Renningen bewegen sich dann die Dieseltriebwagen der Hermann-Hesse-Bahn und die S-Bahnen – immerhin sind diese schon im Elektrozeitalter angekommen.

Wird die Hermann-Hesse-Bahn in Baden-Württemberg zum Schildbürgerstreich:  Ab Weil der Stadt fahren die S-Bahn und die Hermann-Hesse-Bahn über den gleichen eingleisigen Abschnitt! Sind 100 Mio. EURO nicht zu viel für eine solche „Mobilitätsalternative“? (Bild: Screenshot von der Seite des Projektträgers, 5. 6. 2017)

Laut Landrat Riegger sollen die Dieseltriebwagen zu einem späteren Zeitpunkt durch Züge ersetzt werden, die einen Brennstoffzellenantrieb besitzen. Auch ich glaube, dass der Brennstoffzelle mit Wasserstoff die Zukunft gehört, aber wäre es dann nicht besser, die Hermann-Hesse-Bahn erst zu starten, wenn emissionsfreie Züge zur Verfügung stehen? Sicherlich liesse sich das Projekt dann auch unter Umwltgesichtspunkten eher durchsetzen.

Setzen wir die richtigen Prioritäten?

Das Bahnprojekt kostet den Steuerzahler 50 Mio. Euro an Baukosten, hälftig aufgebracht durch das Land Baden-Württemberg sowie Stadt und Kreis Calw plus weitere „Bahnfans“.  Ganz zu schweigen vom späteren Abmangel, der wiederum aus Steuergeldern abgedeckt werden muss. Mit diesen Mitteln hätten sich auch andere zukunftsorientierte Projekte zur Verbesserung der Mobilität zwischen Calw, Renningen und Weil der Stadt realisieren lassen.

Hätte nicht auch eine Verbesserung der Taktfolge von Bussen unter Einbindung von Expressbussen zum Ziel geführt? Diese Variante wäre in jedem Fall um ein Vielfaches günstiger zu haben – auch die Fledermäuse könnten aufatmen.

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