Der Silbersee – ein Schatz des „realen Sozialismus“

DDR: „Dreck“ statt „Wohlstand“

Nein, mit Karl May‘s Schatz im Silbersee hat dieses Gewässer nichts zu tun! Es liegt in der Nähe von Leuna und Buna im früheren Chemiedreieck der DDR. „Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit“, so warben die sozialistischen Umweltsünder für diese Region um Bitterfeld, allerdings hatten ihre Hinterlassenschaften wenig mit diesem Slogan gemein.

Und das gilt in ganz besonderer Weise für diesen kleinen See, der u.a. die Chemikalienreste der ORWO-Filmproduktion enthält. Auch ich habe in der Zeit des Schwarz-Weiß-Films fleißig ORWO genutzt, ohne mir im mindesten vorstellen zu können, welche Umweltlasten  daraus entstanden. Ich habe immer an die Wiedervereinigung geglaubt und mich mit Schriften und Vorträgen der sozialistischen DDR gewidmet, aber nicht mit einer derart desolaten Umwelt gerechnet.

Materialverschwendung pur

An dieser Stelle sei ein Einschub erwähnt: Längeres Nachdenken über die Frage, was denn nach der Wiedervereinigung auf uns warten würde, war politisch nicht opportun. Dies erlebte ich immer wieder, wenn ich mich mit der DDR befasste und dabei eine Wiedervereinigung am Horizont aufscheinen sah. Schnell wurde man in der öffentlichen Diskussion als Revanchist diffamiert.

Ablesbar war die große Umweltsauerei allerdings auch an den Produktionsmethoden. „Der gesamtwirtschaftliche Produktivitätsrückstand der DDR dürfte im Verhältnis zur Bundesrepublik derzeit bei etwa 25 bis 30 % liegen. Die Gründe sind in einer starken Überalterung der Produktionsanlagen, einem zu hohen Verbrauch an Primärenergie (20 % über der internationalen Norm) und einem überdurchschnitlichen Materialverbrauch (30 % über der internationalen Norm) zu sehen“, so schrieb ich 1979 in dem von mir herausgegeben Büchlein „Bundesrepublik Deutschland – DDR: Eine Bilanz nach 30 Jahren“. Verschwendung in der Produktion war direkt mit einer unvorstellbaren Umweltverschmutzung verbunden.

So wurde auch die Norm für die zu produzierenden Kochtöpfe nicht an Qualitätsvorgaben festgemacht und gemessen, sondern am Gewicht der Jahresproduktion. Materialverschwendung in der Produktion waren die Folge und ein zu hoher Energieverbrauch beim Kochen.

„Wo der Dreck vom Himmel fällt“

Die meisten Tagebaue wurden nach der Wende rekultiviert und der sozialistische Müll wo immer möglich entsorgt.  Der kleine Silbersee – aber nicht nur er – kündet bis heute von den Folgen eines irrwitzigen Systems. „Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt“, so texteten damals treffend die Bewohner.

Der Silbersee mit seiner Giftbrühe bleibt weiter hermetisch abgesichert. (Bild: Ulsamer)

Aber nicht nur mit der Natur wurde in der DDR sträflich umgegangen, sondern auch mit den Menschen und Städten, man denke nur an die trostlosen Hausfassaden, an die zerfallenden Industrieanlagen und Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG).

Wer den Stand der Wendezeit mit heute vergleicht, den schmerzt auch sein Solidaritätszuschlag bei der Lohn- und Gehaltsabrechnung weniger.

 

 

 

 

 

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