Der 17. Juni 1953 wird kaum noch wahrgenommen

Die Geschichte des geteilten Deutschland gehört zu unserer Erinnerungskultur

Ein Blog-Beitrag zum 17. Juni am Tag danach? Ja, weil ich mich über die geringe politische Bedeutung geärgert habe, die diesem Gedenktag heute noch zuzukommen scheint.

„Auch wenn der 17. Juni kein Feiertag mehr ist: Der Aufstand in Ost-Berlin und der DDR gehört zu den prägendsten und bedeutendsten Ereignissen der jüngeren deutschen Geschichte“, so weiß die Bundesregierung auf ihrer Web-Seite zu berichten. Da kann ich nur zustimmen, denn am 17. Juni 1953 versuchten viele Bürgerinnen und Bürger in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) das Joch der kommunistischen Unterdrückung abzuschütteln. Aus Demonstrationen gegen die Erhöhung von Arbeitsnormen, die als ungerecht empfunden wurden, entwickelte sich ein Volksaufstand, den das SED-Regime mit Hilfe sowjetischer Panzer blutig niederschlug. Friedliche Protestanten hatten keine Chance gegen die Übermacht des Militärs mit dem roten Stern.

Titelseite des Jahreskalenders "Unbekannt? Vergessen?" mit einem Mann, der sich in der damaligen Tschechoslowakei einem Panzer entgegenstellt. Darunter das Juni-Blatt mit zwei Männern, die einen Sowjetpanzer mit Steinen bewerfen.
In unserem Jahreskalender „Unbekannt? Vergessen?“ haben wir 1982 dem Volksaufstand in der DDR das Juni-Blatt gewidmet. Dieses mutige Aufbegehren der Deutschen, die unter der SED-Diktatur litten, darf nicht vergessen werden. (Bild: Ulsamer)

Gedenktag für Eingeweihte?

Wenn ich mir die zentrale Gedenkfeier 2018 in Berlin anschaue, dann habe ich schon Zweifel, ob die Bundesregierung den 17. Juni „zu den prägendsten und bedeutendsten Ereignissen der jüngeren deutschen Geschichte“ zählt: Ich habe nichts gegen die Kulturstaatsministerin Monika Grütters und den Regierenden Bürgermeister Michael Müller einzuwenden, aber bei der zentralen Gedenkfeier hätte ich mir doch eine andere Vertretung der Bundesregierung gewünscht. Aber Bundeskanzlerin Angela Merkel und Innenminister Horst Seehofer waren in den Streit über die Lösung des Flüchtlingsproblems verstrickt, die anderen Schwergewichte in Bundesregierung und Bundestag wollten an anderer Stelle bei der Regierungskrise mitmischen. Könnte nicht auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hier zugegen sein? Aber die deutsche Geschichte macht ohnehin meist nur Probleme, mag so manch einer denken.

Bis 1990 war der 17. Juni in Deutschland ein Feiertag, doch schon 1981 habe ich in „Die DDR – das andere Deutschland“ geschrieben: „Mit steter Regelmäßigkeit entbrennt in jedem Jahr der Streit um den ‚17. Juni‘. Für viele ein Tag wie jeder andere – ein arbeitsfreier Tag, der zu Ausflügen einlädt – für andere ein Feiertag, ein nationaler Gedenktag“. Und so war es auch zu erwarten, dass der 17. Juni dem Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober weichen musste. So sehr ich mich über die Wiedervereinigung freue, die ganz Deutschland wieder Freiheit und Demokratie brachte, so bleibt für mich der 17. Juni dennoch von großer Bedeutung: Der Schrei nach Freiheit war laut und deutlich zu vernehmen gewesen, der Widerstand gegen ein Unrechtsregime speiste sich aus den Herzen und Köpfen der Bürgerinnen und Bürger. Sie gingen mit hastig ausgebuddelten Pflastersteinen gegen sowjetische Panzer vor, die einer kommunistischen Clique die Macht über den östlichen Teil Deutschlands erhalten wollte.

Post der Bundesregierung in "Facebook" mit DEmonstranten und einem sowjetischen Panzer.
Wenn der 17. Juni „ein prägender Tag deutscher Geschichte“ bleiben und nicht gänzlich vergessen werden soll, dann wäre eine deutliche Präsenz führender Politikerinnen und Politiker bei der Gedenkfeier im nächsten Jahr wünschenswert. (Bild: Screenshot, „Facebook“, 18.6.18)

Bewusstsein für Freiheit und Demokratie

Die immer wieder als friedliche Revolution bezeichnete Bürgerrechtsbewegung in der Endzeit der DDR schätze ich nicht gering, denn auch Ende der 1980er Jahre drohte allzu aufmüpfigen (Zeit-) Genossen Haft, doch dürfen wir das Aufbegehren der Deutschen in Ostdeutschland 1953 nicht vergessen, denn sie stehen in einer Reihe mit den Ungarn 1956, den Tschechen und Slowaken 1968 oder den Polen 1970.

Wie so oft kann ich der Bundesregierung zustimmen, wenn sie unter ‚bundesregierung.de‘ betont, der 17. Juni müsse ein Gedenktag bleiben „weil er das Bewusstsein dafür schärft, was Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie bedeuten“, doch das politische Handeln entspricht leider auch hier nicht den eigenen Vorgaben: Politische Schwergewichte hätten bei der zentralen Gedenkfeier zugegen sein müssen!

Kranzniederlegung in Berlin mit Monika Grütters u.a, ohne weitere Teilnehmer.
„Gerade weil wir uns heute glücklich schätzen, in einem freien und geeinten Deutschland zu leben, dürfen und werden wir jene nicht vergessen, die am 17. Juni 1953 nicht zuletzt auch für Freiheit und Demokratie zu Hunderttausenden auf die Straße gingen“, so Kulturstaatsministerin Monika Grütters. „Die Zivilcourage der Aufständischen, die den Machthabern die Stirn boten, kann und sollte uns lehren, uns als Wählende, als für die Demokratie Verantwortliche zu begreifen.“ Richtig – aber die Bilder bei der Kranzniederlegung und der zentralen Gedenkfeier sprechen Bände! Wenn wir die historische Bedeutung dieses Tages nicht deutlicher akzentuieren, dann ist der 17. Juni bald nur noch ein besonderer Tag für ein Häuflein Eingeweihter. (Bild: Screenshot, „Facebook“, 18.6.18)

Aber nicht nur der 17. Juni 1953 droht immer schneller aus dem Gedächtnis der Menschen zu verschwinden, wenn er überhaupt noch präsent ist. Es ist auch die Geschichte des geteilten Deutschlands, die in den Hintergrund getreten ist. Nicht selten habe ich den Eindruck, dass in manchen Kreisen die Wiedervereinigung zwar akzeptiert wird, doch viele wollen nicht mehr an die Diktatur der SED erinnert werden, die sich nicht von ungefähr ‚Sozialistische Einheitspartei Deutschlands‘ nannte. Nicht nur DIE LINKE tut sich schwer mit ihrem SED-Erbe, das sie natürlich ungern erwähnt sieht, denn jetzt huldigt diese Partei ja – wieder mal – einem anderen Sozialismus. Doch auch in weiteren Parteien scheint man zu hoffen, dass der großzügige Ausbau der Infrastruktur sich über die DDR-Historie lege. Irgendwie ist es völlig unverständlich, dass ausgerechnet unter einer Kanzlerin, die ihre Jugend in der DDR verbrachte, dem Bewusstsein für die DDR-Geschichte und daraus resultierenden Befindlichkeiten viel zu wenig Raum gegeben wird.

Trotz all der schönen Reden zum 3. Oktober, der selbstverständlich von enormer geschichtlicher Bedeutung ist, kommt doch der 17. Juni in unserem Land viel zu kurz. Es gab für die Wiedervereinigung, an die ich persönlich immer geglaubt hatte, nur eine –  einmalige – historische Chance, die Helmut Kohl mutig ergriff. Ich möchte gar nicht daran denken, wie die heutige Situation in beiden Teilen Deutschlands aussähe, wenn sich das Brandenburger Tor wieder geschlossen und Michail Gorbatschow es nicht offengehalten hätte.

Möglich wurde die Wiedervereinigung aber nur, weil sie unsere damaligen westlichen Verbündeten und unsere mittel-östlichen Nachbarn mittrugen. Dies sollten wir bei allen Diskussionen auch innerhalb der EU nicht vergessen.

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