DDR: Vor 57 Jahren wurde die innerdeutsche Grenze zur Todeszone

Viel zu schnell wurde den sozialistischen Machthabern der DDR verziehen

Die von den sozialistischen DDR-Machthabern 1961 errichtete Berliner Mauer und die zum Todesstreifen gewordene Zonengrenze trennte nicht nur Familien und Dorfgemeinschaften, sondern teilte ein ganzes Land. Vor 57 Jahren versuchte die SED-Regierung mit brachialer Gewalt ihre Bürgerinnen und Bürger daran zu hindern, aus der Knechtschaft in den freien Westen zu wechseln. Ich bin mir bewusst, dass der eine oder andere dies bis heute anders sieht, doch die sozialistische DDR zog gewissermaßen die Notbremse, um den Aderlass zu stoppen. Die Begeisterung für den Sozialismus à la Deutsche Demokratische Republik war geschwunden – wenn jemals vorhanden – und viele Menschen zog es in den wirtschaftlich erfolgreicheren Teil Deutschlands, die Bundesrepublik, und nicht wenige wollten einem Regime den Rücken kehren, das Andersdenkende in den Kerker warf.

Hinweisschild "Achtung. Sie verlassen jetzt West-Berlin" vor der Mauer und dahinter das Brandenburger Tor.
Dem Ruf nach Freiheit, der in der DDR immer lauter wurde und dem Wunsch vieler Deutscher nach nationaler Einheit auf beiden Seiten der Mauer, haben wir die Wiedervereinigung mit zu verdanken. Aber ohne den Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, und seiner Politik der Öffnung (Glasnost) sowie Helmut Kohls beherztem Festhalten einer historischen Chance hätte sich das Zeitfenster für die Wiedervereinigung wieder geschlossen. Vor diesem Hintergrund sollte mit den Symbolen der Freiheit und der Unfreiheit wie dem Brandenburger Tor oder den Relikten der Mauer und anderen Grenzanlagen pfleglich umgegangen werden. (Bild: Ulsamer)

Die SED – Mitbegründer der Fake-News

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Diesen Satz sagte der damalige DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 in einer Pressekonferenz. Leider handelte es sich dabei auch um eine Fake News, denn bereits am 13. August – also nur zwei Monate später – war es soweit: Das sozialistische Regime riegelte den Ostteil Berlins hermetisch ab und errichtete in den folgenden Wochen eine Mauer. Berlin und ganz Deutschland wurden nun noch brutaler geteilt!

Nicht nur ein Land wurde geteilt, sondern Städte und Gemeinden zerschnitten, Familien zerrissen. Und wer sich durch Mauern und Zäune auf fast 1400 km, durch über 250 Beobachtungstürme, 144 Bunker und 260 Hundelaufanlagen nicht stoppen ließ, der wurde unter Beschuss genommen. 150 bis 250 Menschen haben – je nach Quelle – an dieser Grenze den Tod gefunden, Tausende wurden abgefangen und wanderten ins Gefängnis. In Berlin-Hohenschönhausen gab es die Vorstufe des ‚Water Boarding‘: Auf einer schiefen Ebene mit den Armen nach oben gefesselt und im eiskalten Wasser stehend, das war noch die ‚harmlosere‘ Art der SED- Foltermethoden.

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war die sozialistische DDR wirtschaftlich und politisch am Ende – die Umwelt zerstört. Dank der Milliardenzahlungen der Steuerbürger konnte der größte Teil des SED-Unrats zwischenzeitlich beseitigt werden, doch die Herrschaft des Sozialismus entfaltet bis heute ihre Zerstörungswirkung in vielen Menschen.

"Unbekannt? Vergessen" so der Obertitel des Kalnders mit dem Haupttitel "Das wahre Gesicht des Sozialismus" in roter Farbe. Auf dem Titelbild (oben) ein Demonstrant der sich mit aufgerissenem Hemd einem sowjetischen Panzer entgegenstellt, und im unteren Bild die Berliner Mauer.
Aus dem Jahre 1981 stammt dieser Ausriss aus unserem Jahreskalender „Unbekannt? Vergessen?“: Ich hatte immer die Hoffnung, dass die Mauer fällt und Deutschland in Freiheit wiedervereinigt wird. Über die Geschwindigkeit des Niedergangs der sozialistischen DDR-Wirtschaft war ich allerdings überrascht, der sich erst nach der Wende in seiner ganzen Tiefe erkennen ließ. (Bild: Ulsamer)

Eine Wahrheitskommission fehlte

Die politische und juristische Aufarbeitung kam zu kurz, dies empfinden gerade die Mitbürgerinnen und Mitbürger in besonderer Weise, die zu Opfern des sozialistischen Unrechtsstaats wurden. Damit stehen auch unsere Forderungen an andere Staaten auf wackligen Beinen, denen die deutsche Politik immer mal wieder eine systematische Aufarbeitung und Bestrafung des Unrechts ans Herz legt. Eine Wahrheitskommission hätte auch uns gut zu Gesicht gestanden!

Aber noch immer gibt es Orte, in denen die deutsch-deutsche Trennung bis heute deutlich spürbar ist. In Berlin haben sich die meisten Narben im Stadtbild geschlossen, Mauerreste erheben sich nur noch an wenigen Stellen aus dem Alltagsleben, ganz anders in Mödlareuth. Der Westteil dieses kleinen Ortes lag in Bayern, der Ostteil in Thüringen und zwischen den Ortsteilen verlief nicht nur der schmale Tannbach, sondern urplötzlich auch eine Mauer. „Little Berlin“, tauften es die US-Amerikaner.

Brandenburger Tor umgeben von Werbung und Klohäuschen.
Nichts gegen Public Viewing bei einer Welt- oder Europameisterschaft im Fußball, aber der Zugang zum Brandenburger Tor müsste für in- und ausländische Gäste auch bei solchen Events freigehalten werden. Dieses Symbol der Wiedervereinigung hat es auch unter einem rot-rot-grünen Berliner Senat nicht verdient, mit Bauzäunen und Sichtschutzfolien versperrt und dann noch mit Klo-Häuschen verunziert zu werden. (Bild: Ulsamer)

Die deutsche Geschichte darf nicht zum Klamauk missbraucht werden

Doch nochmals zurück zum Big Berlin: Immer häufiger habe ich auch dort den Eindruck, dass die deutsche Geschichte von Teilung und Wiedervereinigung kaum noch eine Rolle spielt. Gerade auch beim rot-rot-grünen Senat scheint mir das Fingerspitzengefühl zu fehlen, wenn z.B. das Brandenburger Tor bei der Fußball-Weltmeisterschaft und zahlreichen anderen Events zur Staffage verkommt: Das Brandenburger Tor – für mich ein Symbol von Trennung und Wiedervereinigung – wird dann hermetisch mit Bauzäunen, Gittern und Sichtschutzfolien abgeriegelt und auch noch mit Klo-Häuschen verunziert. Aber auch in die East Side Gallery werden für Immobilienprojekte Schneisen geschlagen und so eines der wenigen Überbleibsel der von der sozialistischen SED-Regierung errichteten Mauer zerstört. Für Die Linke, für mich zu erheblichen Teilen Nachfahrin der SED, mag dies keine Rolle spielen, aber was würde wohl der frühere Regierende Bürgermeister und spätere Bundeskanzler Willy Brandt zu solch einer Geschichtsvergessenheit sagen?

Als wir an der Bernauer Straße aus der U-Bahn stiegen, fiel unser Blick auf eine Gruppe von auffällig gekleideten Damen, die sich an einem Mauerstück versammelt hatten, um sich von einem professionellen Fotografen ablichten zu lassen, und eine Arrangeurin stellte das Grüppchen in die richtigen Positionen. Vom Outfit und Gehabe her war alles klar: Die Freundinnen begleiteten die Braut vor ihrer Hochzeit zur ‚Hen-Party‘: Ein Junggesellinnen-Abschied war am Start. Nun muss man sich nicht tagtäglich Gedanken über die Berliner Mauer machen, die die sozialistische DDR-Regierung schuf, um die Flüchtenden aufzuhalten, die ihr Heil im freien Westen suchten, aber ein wenig Respekt könnte dann doch nichts schaden. Respekt vor den Menschen, die sich aus den Fenstern in der Bernauer Straße abseilten oder unter Lebensgefahr in den Westen sprangen, ehe diese Fluchtmöglichkeit auch versperrt wurde.

Bunt geleidete Frauen und ein Fotograf mit Ausrüstung an der Berliner Mauer.
Wenn die Mauer zum Lifestyle-Hintergrund wird: Eine ‚Hen-Party‘, ein Junggesellinnenabschied, ausgerechnet an einem Mauerstück in der Bernauer Straße? Dort wo sich verzweifelte Menschen abseilten oder aus den Fenstern sprangen, um in den freien Teil Berlins zu gelangen? Da bekomme ich schon das Gefühl, dass sich viele Menschen nicht mehr der Bedeutung von Teilung und Wiedervereinigung bewusst sind. Klamauk hat an historischen Orten nichts verloren. (Bild: Ulsamer)

Aber auch viele ausländische Gäste tun sich schwer mit dem Respekt vor der Geschichte.  Da stehen sie am Checkpoint Charlie fleißig salutierend neben zwei berufsmäßig dreinschauenden US-Fake-Soldaten und grinsen für ein Foto in die Kamera. Kann man sich wirklich derart zum Affen machen? Den Checkpoint Charlie erlebte ich noch als einen der zentralen Grenzübergänge zwischen dem US-amerikanischen und dem sowjetischen Sektor der geteilten Stadt Berlin. Selbstverständlich bin ich froh, dass es heute keine Grenze in Berlin und innerhalb ganz Deutschlands gibt und auch das Lachen vieler Besucher ist mir lieber als das stoische Gesicht vieler sowjetischer oder ostdeutscher Grenzsoldaten, aber muss ein solcher historischer Ort wirklich zu einem Treffpunkt des Klamauks werden?

Die Teilung Deutschlands nicht vergessen

Wer die Gemeinde Mödlareuth und ihr Deutsch-Deutsches Museum heute besucht oder in Berlin nachdenklich die Bernauer Straße entlanggeht, der spürt die Bedrückung in den Jahren der Trennung und freut sich umso mehr, dass Deutschland wieder zusammengewachsen ist und auch die Teilung Europas überwunden werden konnte. Ein historischer Fortschritt, den es zu erhalten gilt. Ohne den verstorbenen Bundeskanzler Helmut Kohl und den Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow hätte es das Zeitfenster nicht gegeben, das die Wiedervereinigung ermöglichte, dessen müssen wir uns bewusst sein. Ein Blick auf die heutige politische Lage in Europa und der Welt führt uns leider vor Augen, dass in diesen Tagen keine Chance auf die Wiedervereinigung bestehen würde.

Menschen gehen an der Lücke in der East Side Gallery vorbei, die der Berliner Senat in die Überbleibsel der Berliner Mauer schlagen ließ.
Die East Side Gallery ist der längste noch erhaltene Teil der Berliner Mauer und dank der künstlerischen Werke im doppelten Sinne ein historisches Dokument. Doch für Immobilienprojekte lässt der rot-rot-grüne Senat Teile herausbrechen. (Bild: Ulsamer)

Den historischen Plätzen mit Symbolcharakter kommt daher eine besondere Bedeutung zu: Die Menschenrechtsverletzungen unter der SED-Diktatur wurden viel zu schnell in den Hintergrund gedrückt, die Handlanger des sozialistisch-kommunistischen DDR-Systems kamen zu einem Großteil ohne Gerichtsverfahren davon. Die Opfer des zweiten Unrechtssystems auf deutschem Boden tragen dagegen bis heute die Last der Unterdrückung mit sich. Dass dann ausgerechnet eine Vertreterin der Linken, Petra Pau, als stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Bundestags an der Gedenkfeier für die Opfer von Mauer und Teilung im Jahre 2018 teilgenommen hat, das lässt mich dann doch sprachlos zurück. Der 9. November 1989 brachte die Mauer zum Einsturz, doch ich hätte mir gewünscht, dass die Aufarbeitung intensiver und nachdrücklicher erfolgt wäre – und auch in unseren Tagen sollte die Berliner Mauer und die gesamten Grenzanlagen in unserem Gedächtnis bleiben. Zur Erinnerungskultur in Deutschland gehört es auch, den Opfern zweier Diktaturen zu gedenken, die – bei aller Unterschiedlichkeit und Unvergleichbarkeit – doch Menschen ihre Freiheitsrechte raubten. Wer wie die SED – die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands – die Demarkationslinie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik zur Todeszone machte, der darf nicht auf einen freundlichen Eintrag im Buch der deutschen Geschichte hoffen.

Im Vordergrund das verbogene Turmkreuz der Versöhnungskirche, im Hintergrund nach einem kleinen Weizenfeld die Versöhnungskapelle.
Schon beinahe kurz vor Toresschluss für die DDR ließ die SED die Versöhnungskirche sprengen, die ihrem perversen Perfektionismus bei der ‚Grenzsicherung‘ im Wege stand. So zitiert die Evangelische Versöhnungsgemeinde auf ihrer Internetseite aus dem „Maßnahmeplan“ der DDR die Begründung für die Zerstörung der Kirche: „zur Durchführung von baulichen Aufgaben für die Erhöhung von Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit an der Staatsgrenze zu Berlin-West“. Am 28. Februar 1985 sagte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in seinem Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland: „Das Ereignis ist ‚Symbol‘. Die Sprengung der Kirche zeigt, wie lang, wie schwer und wie ungewiß der Weg ist, der noch vor uns liegt, um mit der Teilung Europas auch die Spaltung Deutschlands zu überwinden.“ Zum Glück verblieben den DDR-Machthabern nur noch vier Jahre für ihre aberwitzige Politik. Wo die SED eine Kirche sprengen ließ, um freies Schussfeld zu erhalten, steht heute die Kapelle der Versöhnung mit dem geretteten Altar und zweier Glocken der alten Kirche. Im Vordergrund das Turmkreuz, das bei der Sprengung des Turms verbogen und von Friedhofsmitarbeitern heimlich geborgen wurde. (Bild: Ulsamer)

 

Zwei weiße Tauben tragen das Brandenburger Tor vor blauem Himmel in die Freiheit. Text: "Alles ist offen."
Auch an der East Side Gallery wird die intensive Verbindung des Brandenburger Tors mit dem Wunsch nach Freiheit deutlich. (Bild: Ulsamer)

 

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