„Das Runde“ – ach nein, der EURO – „muss in das Eckige“

Kommerzfußball soll Polizeieinsätze bezahlen!

Irgendwie ist es doch pervers, wenn man schon vor einem Fußballspiel weiß, dass es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen wird: Risikospiel! Oder auch Hochsicherheitsspiel! Dann treffen Mannschaften aufeinander, bei denen ein Teil der Fans seit Generationen verfeindet ist – warum auch immer. Prügeleien gibt es aber auch, wenn Vereine mit einer Historie auf solche treffen, die nicht so lange existieren, die aber einen wohlhabenden Sponsor ihr eigen nennen oder als Retortenverein gelten. Dann marschiert regelmäßig die Polizei auf und versucht die „Problemfans“, wie diese Gewalttäter verniedlichend genannt werden, schon am Bahnhof zu trennen und zum Stadion zu eskortieren. Nicht selten müssen die Bahnwaggons, in denen solche Hooligans anreisen, erst mal zur Reparatur. Und wir Steuerzahler haben das zweifelhafte Vergnügen, die Kosten für diese Polizeieinsätze über unsere Steuern zu bezahlen. Wenn ich dann noch lese, dass im europäischen Ausland über 222 Millionen Euro Ablöse für einen Fußballspieler bezahlt werden, dann fühle ich mich veräppelt.

„Das Runde muss in das Eckige“, so lautete in den 1950er Jahren noch die Devise des Bundestrainers Sepp Herberger. Heute gilt wohl eher, dass der EURO ins Tor soll, sprich ins eigene Kässlein.  Und bei Transfers wie bei Neymar und politisierten Vereinsaktivitäten frage ich mich schon, wer denn jeweils aufs Knöpfchen drückt. (Bild: Ulsamer)

Randale vor dem Stadion statt Spannung vor dem Tor

Zwar habe ich selbst mal Handball gespielt, dennoch gebe ich zu, dass Fußballspiele einen hohen Unterhaltungswert haben. Auch der Nachwuchsarbeit in den Fußballvereinen kommt unzweifelhaft große Bedeutung zu. Selbstverständlich gibt es auch bei anderen Sportarten rivalisierende Unterstützergruppen, aber zumindest in Deutschland konzentriert sich die Randale im Sport auf Bundesligaspiele. Und auch bei anderen Ereignissen – vom Oktoberfest bis zum G 20-Gipfel, vom Kirchentag bis zum Wahlkampfevent – sind Polizeibeamte zur Erhaltung der Sicherheit im Einsatz. Aber in ganz wenigen Fällen – mal vom G 20-Gipfel in Hamburg abgesehen – ist schon vorab klar, dass es zu Auseinandersetzungen kommen wird. Wieder ist eine dieser Ausnahmen der Fußball – im engeren Sinne der Profifußball.

Treffen Karlsruhe und Dresden aufeinander, dann kracht es zwischen den „Fans“, den Hooligans beider Seiten, und der Steuerzahler darf für den Polizeieinsatz bezahlen. So kann dies nicht weitergehen: Im Kommerzfußball müssen die Vereine auch für die Unkosten aufkommen und dürfen nicht nur per Pay-TV die Sahne abschöpfen. (Bild: Screenshot „SWR.de“, 1.8.17)

Vor diesem Hintergrund halte ich es durchaus für angemessen, erneut die Frage aufzuwerfen, ob die Fußballvereine oder die Deutsche Fußball Liga (DFL) nicht für die Kosten – ganz oder teilweise – aufkommen sollten, wenn umfangreiche Sicherungsmaßnahmen durch die Polizei notwendig sind. Ich glaube, dass diese Frage weit zugespitzter diskutiert würde, wenn es um eine andere Sportart – Leichtathletik oder Golf – gehen würde. Aber dort sind brutale Schlägereien zwischen ganzen Gruppen ohnehin nicht an der Tagesordnung. Dem Fußball kommt hier seit alters her eine Sonderstellung zu, die eine offene Diskussion fast unmöglich macht.

Versuche der öffentlichen Hand sind bisher gescheitert, die Fußballclubs an den Kosten für Polizeieinsätze zu beteiligten. So zuletzt in Bremen im Mai 2017, allerdings hat das Gericht einen Bescheid an die Deutsche Fußball Liga eher aus formalen Gründen zurückgewiesen. Ich erwarte, dass nicht nur das klamme Bremen den Klageweg fortsetzt – oder noch besser, einen weniger dilettantischen Bescheid verschickt -, sondern auch andere Bundesländer oder Fraktionen im Bundestag dafür sorgen, dass nicht die Bürgerinnen und Bürger für die Polizeikosten bei Fußballkrawallen aufkommen.

Kommerzialisierung heißt auch finanzielle Verantwortung

Der Profifußball hat sich nicht nur in Deutschland immer stärker kommerzialisiert, sondern noch mehr in anderen europäischen Staaten. Dies ist natürlich das gute Recht der Vereine – vielleicht auch notwendig. Dies kann und mag ich nicht beurteilen. Aber wer seine Profiabteilung in eine Aktiengesellschaft umwandelt, um sich besser an Millionentransfers von Spielern beteiligen zu können, der muss auch auf der Kostenseite in der gleichen Liga spielen. Rosinenpickerei ist es, wenn Proficlubs Aktionäre an Bord holen – häufig ehemalige Sponsoren – und so die Kasse füllen, aber bei den Polizeikosten auf die Gemeinschaft verweisen. Gerne kommt dann auch das Argument, die Vereine bezahlten ja auch Steuern, und damit sei das Herstellen von Recht und Ordnung allemal Sache der öffentlichen Hand.

Ganz so sehe ich dies nicht: Für mich ist es verwunderlich, dass Proficlubs, Politik und Sicherheitsinstitutionen nicht längst konsequenter Wege eingeschlagen haben, um die Krawallfans in ihre Schranken zu verweisen. So kommt es ja immer wieder nicht nur auf Straßen und Plätzen, sondern auch in den Stadien zu üblen Szenen. Großbritannien hatte über lange Jahre ähnliche Probleme, doch Margaret Thatcher setzte seinerzeit härtere Maßnahmen durch und konnte zumindest eine zeitweilige Beruhigung erreichen. „Nach dem Tod von 96 Liverpool-Fans bei dem Auswärtsspiel in Hillsborough am 15.April 1989 wurden alle Stadien der ersten Liga auf reinen Sitzplatzbetrieb umgebaut. Alkohol – und mittlerweile auch Rauchen – sind in der ersten Liga verboten“, so „Die Presse“ (29.11.2009). Im ach so liberalen Deutschland scheinen die „Rechte“ von Schlägern mehr zu zählen als das Recht auf körperliche Unversehrtheit bei normalen Besuchern – und Polizisten. Wollen wir abwarten bis auch in deutschen Stadien Hooligans eine Katastrophe heraufbeschwören?

Bezahl-Fernsehen dominiert

Irritierend finde ich es auch, dass die Bundesliga nicht nur in Richtung Aktiengesellschaft marschiert, sondern der Ball zunehmend nur noch im Pay-TV rollt. Auch hier wird deutlich, dass es nur um das Füllen der Kasse geht: So verteilt die Deutsche Fußball Liga jährlich eine Milliarde Euro an die Proficlubs, die letztendlich aus Medienrechten resultieren. Wenn schon Bezahl-Fernsehen, dann bitte auch das Bezahlen der Polizeieinsätze nicht vergessen.

Medienkonzerne bezahlen für die Jahre 2017/18 bis 2020/21 über 4,6 Mrd. Euro, um die überwiegende Mehrzahl der Bundesligaspiele für ihre Pay-TV-Programme oder Streamingdienste zu sichern. Auch dies ist selbstredend legitim, aber es ist ein weiterer Schritt in Richtung totale Kommerzialisierung. So werden auch die Spiele in der Champions League ab 2018/19 nur noch im Bezahl-Fernsehen oder bei Streamingdiensten zu sehen sein: Dann bitte auch – obwohl ich mich wiederhole – Bezahlung für Polizeieinsätze.

Kritiker werden betonen, dass deutsche Proficlubs ohnehin nicht über die Finanzmittel der ausländischen Konkurrenz verfügen, dies mag sein, aber es ist kein Freibrief für die Verlagerung von Lasten auf die Bürgerschaft. Und die Bundesligavereine haben immerhin einen Umsatz von mehreren Milliarden EURO im Jahr.

Wenn eine Ablösesumme für einen Fußballspieler wie Neymar über 200 Mio. EURO beträgt, dann sind alle Dimensionen verschoben: Und dies ausgerechnet mit Ölgeld aus Qatar. (Bild: Screenshot „Twitter“, 7.8.17)

Milliardärscliquen übernehmen das Ruder

Zwar bin ich kein Freund überzogener Regulierung, aber im europäischen Profifußball ist es Zeit, rechtliche Leitplanken einzuziehen, die helfen, den Sport vor dem Zugriff durch zum Teil fragwürdige politische Interessen und damit verwobene Sponsoren zu bewahren. Wenn z.B. Qatar den französischen Club Paris Saint Germain kauft, dann ist dies erst mal die Sache des Vereins und des Emirs von der arabischen Halbinsel. Wenn dann aber dank des großen Ölgeldes auch noch die Financial Fairplay-Grundsätze ausgehebelt werden, die sich die UEFA selbst gegeben haben, dann hilft nur noch eine drastische Rechtsetzung. Darum hätte sich die Europäische Union kümmern sollen und nicht um eine Vereinheitlichung des Traktorsitzes.

Der Emir von Qatar übernahm 2010 den Lieblingsverein des französischen Premierministers Nicolas Sarkozy, Paris Saint-Germain, und da kommen einem schon Gedanken, ob solche Aktivitäten etwa wichtig waren, als Qatar den Zuschlag für die Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2022 erhielt. Und dank unserer Ölmilliarden fehlt es auch nicht am nötigen Kleingeld, um jetzt den 25jährigen brasilianischen Fußballstar Neymar für die gigantische Ablösesumme von 222 Millionen EURO aus Barcelona nach Paris zu locken. Das Gesamtgeschäft – inklusive Steuern und fünf Jahresgehältern – soll rund 800 Millionen EURO betragen.

Zwar sollen Fußballvereine bei Zukäufen nur so viel Geld ausgeben dürfen wie sie auch realistisch wieder einnehmen: Ein guter Grundsatz des Financial Fairplay der UEFA. Doch die genannten Summen stehen nicht im richtigen Verhältnis zu den Einkünften bei Paris Saint-Germain. So kauft sich Neymar eben kurzerhand – mit Geld aus Qatar – selbst „frei“. Damit wird der Grundsatz des Financial Fairplay aber zur Farce.

Wenn man in der eigenen Region Ärger mit den Nachbarn hat, die Qatar Unterstützung des islamistischen Terrorismus vorwerfen, dann kann man das ramponierte Image in Europa und weltweit mit Fußball aufpolieren. Zumindest zweitweise.

Aber wie weit darf Politik den Sport beeinflussen oder dominieren? „Dass er Neymar aus Barcelona nach Paris lockt, nachdem von den Trikots der Katalanen der Schriftzug der Staatsairline Qatar Airways verschwunden ist – der Vertrag endete zum 30. Juni -, während der Verein weiterhin Geld von Banken aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie einer saudi-arabischen Fitnesskette bezieht, lässt seinen politischen Auftrag erkennen.“ (FAZ.net, 4.8.17)

Fairplay zwischen Vereinen und mit der Gesellschaft

Nun haben die irrwitzigen Geldströme, die Neymar nach Paris holen, nichts mehr mit dem üblichen Geschehen im Sport zu tun, auf den ersten Blick aber auch nichts mit der Situation in den deutschen Proficlubs, dennoch bekommt das Bild des Profifußballs Schräglage. Wenn der Kommerz den Sport beherrscht, dann müssen die Regeln strenger werden, und dies gilt für Deutschland ebenso wie für Europa. Financial Fairplay muss bei allen Fußballvereinen durchgesetzt werden, um zumindest eine gewisse Balance einzuhalten. Zur Ausgewogenheit gehört in Deutschland auch, dass kommerzialisierte Vereine für die Unkosten aufkommen, die sie verursachen. Wer seine gewalttätigen „Fans“ nicht in den Griff bekommt und die Polizei als „Schlichter“ benötigt, der muss auch zur Kasse gebeten werden.

Strafandrohungen beeindrucken Hooligans nicht: Es ist an der Zeit, dass drastische Strafen verhängt und vollstreckt werden. Und um den Druck auf die Profivereine und die Deutsche Fußball Liga zu erhöhen, müssen die Kosten für die Polizeieinsätze durch die Fuballclubs getragen werden. (Bild: Screenshot „Heute“, 6.8.17) )

Leider hat das alte Sprichwort von Bundestrainer Sepp Herberger aus den 1950er Jahren, „Das Runde muss in das Eckige“, vor dem Hintergrund der Kommerzialisierung für mich einen neuen Klang bekommen, der mich auch zur Überschrift des Beitrags inspiriert hat: „Der EURO muss in das Eckige“. Kommerz ist für mich in Ordnung, wenn sich alle an Regeln halten, und die Freude am Spiel nicht durch Ölmilliarden oder Rubelfluten weggespült wird. Dem Fußball bekommt weder die Korrumpierung durch das große Geld noch die Herrschaft der Hooligans.

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