CDU sucht neue Chefin oder neuen Chef: Geschlechterkampf?

Wer kramt denn da das Macho-Gespenst aus der Mottenkiste?

Nach dem Abgang von Angela Merkel als CDU-Vorsitzende hat sich ein Wettstreit zwischen Personen und Inhalten ergeben, und dieser ist auch dringend notwendig. Die CDU wird als Volkspartei nur dann Bestand haben, wenn sie sich wieder der täglichen Lebenswirklichkeit der Menschen annähert. Die „Wir schaffen das“-Kanzlerin hat hier leider viel Vertrauenskapital verspielt: Angela Merkel hat nicht nur die ungeordnete Flüchtlingswelle mit zu verantworten, sondern sie trägt auch eine Mitschuld an den zunehmenden Verwerfungen zwischen West und Ost in Deutschland, und noch mehr in der EU. Das lange Beharren auf der Zwangsquote bei der Verteilung von Flüchtlingen hat nicht nur Polen und Ungarn verschreckt. Griechenland und Italien werden wir auch nicht wieder stärker in die Europäische Union (EU) einbinden können, wenn Angela Merkel als Bundeskanzlerin den Taktstock schwingt.

Foto von Jens Spahn in einem Facebook-Post der Stuttgarter Zeitung mit dem Zitel "Jens SApahn wirbt mit Video: Schluss mit der Weiblichkeit".
Ich hätte nicht gedacht, dass die Stuttgarter Zeitung, Die Zeit u.a. aus der Entscheidung um den CDU-Vorsitz einen neuen – alten – Geschlechterkampf machen wollen. Dies führt uns nicht weiter und ist in unseren Tagen leicht absurd. (Bild: Screenshot, Facebook, 3.11.18)

Rückfall in alte Rollenzuschreibungen?

Somit könnte sich jetzt für die CDU eine wichtige Chance bieten, zuerst den CDU-Vorsitz neu zu besetzen und danach – baldmöglichst – auch frischen Wind ins Berliner Kanzleramt wehen zu lassen. Drei Kandidaten wie Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz oder Jens Spahn kann nicht jede Partei in so kurzer Zeit aus dem Hut zaubern. Hinter den Kulissen könnte noch die / der eine oder andere auf eine Chance lauern. Und wenn die CDU jetzt zeigt, dass sie in der Lage ist, das Parteischiff trotz verschiedener Leckagen wieder auf Kurs zu bringen, dann sollte dies auch die Schwesterpartei CSU und die SPD anregen, über die personelle Zukunft des Führungspersonals nachzudenken. Die Möglichkeit zur Neujustierung sollte aber bei der CDU nicht durch überkommene Spielchen gefährdet werden. Wenn die Frage, ob es sich um eine Kandidatin oder einen Kandidaten handelt, in den Mittelpunkt gerückt wird, dann ist dies alles andere als zielführend. Bedauerlicherweise gibt es  zunehmend Äußerungen in diese Richtung, die von verschiedenen Medien nur zu gerne aufgegriffen werden.

„Merz ist das Gesicht all jener CDU-Anhänger, die über Jahre unter Merkel gelitten haben, all der Männer, die sie auf ihrem langen Weg an die Macht überlebt hat. Die Wulffs, Kochs, Röttgens. Merz ist die verkörperte Sehnsucht nach der alten, konservativen, männlichen West-CDU“, so Ferdinand Otto in einem Zeit-Beitrag mit der Überschrift „CDU-Vorsitz: Der alte Fritz hält Hof“. Politik bekommt durch solche Formulierungen eine Schlagseite, die wir uns für unser Land nicht wünschen können. Aber so mancher Journalist freut sich, wenn er die von ihm heiß geliebten alten Frontlinien wieder beackern kann. Es ist ohnehin amüsant und zugleich bestürzend, dass Friedrich Merz dem einen vorschnell als Knecht des internationalen Großkapitals erscheint (Sahra Wagenknecht lässt grüßen), dem Zeit-Journalisten Ferdinand Otto als deutschtümelnder West-Konservativer. Aber mit solchen medialen Irrläufern muss man rechnen.

Foto eines Gebäudes mit dem Namenszug BlackRock im aufkommenden Dunkel.
Sahra Wagenknecht hört bei der „Finanzmafia die Korken knallen“, wenn Friedrich Merz bei der CDU den Chefsessel erklimmen kann und dann gar noch im Kanzleramt Platz nehmen sollte. Dieser Angriff aus Richtung der Linken adelt ihn in meinen Augen geradezu. Wir brauchen mehr wirtschaftliche und finanzpolitische Erfahrung in der Politik. Und ich hoffe auch, dass er sich Irrwegen wie der Nullzinspolitik verbunden mit einer Billionen-Geldschwemme durch die EZB sachorientiert entgegenstellt. Die SparerInnen in Deutschland und anderen europäischen Staaten werden es ihm danken. (Bild: Screenshot, Twitter, 3.11.18)

Machos oder Ikone der Frauen?

Weit schlimmer finde ich es, dass die Trennlinie wie in vergangenen Zeiten zwischen männlichen und weiblichen, vielleicht auch diversen Kandidaten verläuft – dies zumindest, wenn ich mir Zitate von CDU-Frauen anschaue und den einen oder anderen Kommentar lese. So lässt sich die CDU-Europaabgeordnete Inge Gräßle in der Stuttgarter Zeitung zitieren: „Die Sehnsucht nach dem starken Mann hat es in meiner Partei immer gegeben. Jetzt bricht sie sich erneut Bahn.“ Diese Aussage lässt mich doch ein wenig sprachlos zurück, da ich die europapolitische Arbeit von Inge Gräßle schätze. Verständnis habe ich für das Anliegen mancher Vertreterinnen der Frauen-Union, Annegret Kramp-Karrenbauer nach Merkel als Parteichefin zu installieren, doch ob man deswegen längst verbrauchte Feindbilder wiederaufleben lassen muss, das wage ich zu bezweifeln. Annette Widmann-Mauz, die Bundesvorsitzende der Frauen-Union, erklärt Angela Merkel auf der Internetseite der CDU-Frauen zur „Ikone für Frauen weltweit“ und betont „Ein Zurück zu den drei K – Kinder, Küche, Kirche – steht nicht auf unserer Agenda.“ In welchen Schützengraben hat sich denn Widmann-Mauz eingegraben? Ich glaube kaum, dass die beiden Konkurrenten von Annegret Kramp-Karrenbauer die CDU in die 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts führen wollen.

Angeregt durch die genannten und weiteren Äußerungen titelt die Stuttgarter Zeitung „Unionsfrauen wollen keine Macho-CDU“. Im Spanischen bezieht sich ‚macho‘ ganz einfach auf männlich, doch in der deutschen Nutzung geht es doch eher um einen Mann, der seine Männlichkeit stets unter Beweis stellen will und sich an traditionellen Rollenbildern des Mannes orientiert. Und ausgerechnet Jens Spahn wird diese Rolle nach seinem missglückten Video, das er per Twitter verbreitete, vorgeworfen. Wie passen denn die traditionellen Rollenbilder zu Spahn, der im Dezember 2017 seinen Lebenspartner heiratete? Der Macho – so zumindest weit überwiegend die Begriffsdefinitionen – zeigt seine ‚Männlichkeit‘ gegenüber Frauen – und dies über das Ziel hinausschießend. Zwar überzieht Spahn in diesem medialen Missgriff, in dem er sich zum Superhelden aufschwingt und die CDU zum „Herz unserer Demokratie“ stilisiert. Es ist mir – im Übrigen auch meiner Frau – ein Rätsel, wen Jens Spahn mit diesem Videoclip von sich überzeugen will und kann, aber ein Macho wird er damit noch lange nicht.

Jens Spahn im Anzug von hinten mit dem eingeblendeten Wort 'STARK'. Dabei breitet er die Arme wie zum Flug aus.
Einen echten Fehlstart hat Jens Spahn mit seinem per Twitter verbreiteten Videoclip hingelegt. Er mag die Arme zum Flug nach Hamburg zum CDU-Parteitag ausbreiten, doch mit dieser skurrilen Mischung aus Musik, angeschnittenen Bildern seines Gesichts und abgehackten Texteinblendungen wird er kaum landen können. (Bild: Screenshot, Twitter, 3.11.18)

Mediale Rückfälle statt Einfälle

Katja Bauer – nochmals Stuttgarter Zeitung – meint zu Spahns Clip: „Daher setzt er auf einen autoritären, altmodischen und männlichen Politikstil.“ Wie passt das dann zu Merkels Politikstil, denn Freude an der Debatte gehört allemal nicht dazu. Die Abkehr von der Kernkraft, die Aussetzung der Wehrpflicht und die Ehe für alle hat die Bundeskanzlerin letztendlich nicht in einer Debatte im Bundestag nach vorne gebracht, sondern autoritär entschieden und die Welt per Medien mit der Kursänderung beglückt. Ich glaube, Zuschreibungen wie männlich und weiblich passen bei der Entscheidung um den CDU-Vorsitz ganz und gar nicht. Wer sich auf längst überwachsene Trampelpfade zurück begibt, der leistet keinen sinnvollen und sachgerechten Beitrag zur Entscheidungsfindung in der CDU.

Erklärung von Annegret Kramp-Karrenbauer betont, sie werde sich erst nach einer Woche erklären, ob sie den CDU-Vorsitz anstrebe.
Annegret Kramp-Karrenbauer gilt als Wunschkandidatin von Angela Merkel für ihre Nachfolge als CDU-Vorsitzende. Ob dies Realität wird, entscheiden die Delegierten Anfang Dezember in Hamburg. Sie hat es vermieden, eine Rede zum Ehrenamt mit ihren eigenen Ambitionen zu vermengen, dafür gebührt ihr Respekt. (Bild: Screenshot, Facebook, 2.11.18)

Die bereits erwähnte Journalistin Katja Bauer knöpfte sich unter „Jens Spahn wirbt mit Video. Eine intellektuelle Beleidigung“ den Mitbewerber Spahn vor – und mit der Grundaussage hat sie völlig recht. Das Video ist zum Lachen oder zum Weinen – je nach Betrachter. Aber nicht mitgehen kann ich bei anderen Behauptungen im gleichen Kommentar: „Was sie symbolisch, emotional bedeutet, sehen wir an männlichen Insignien: Manschettenknöpfe, eine Krawatte, eine Uhr, eine Männerhand mit Ehering.“ Als Soziologe stehen mir bei einem solchen Satz die letzten Haare zu Berge! Die Männerhand mit dem Ehering gehört Jens Spahn und er ist – wie gesagt – mit seinem Partner verheiratet. Und warum definiert eine Uhr am Handgelenk einen Mann? Wie passt denn dieser geistige Winkelzug zur Rolex am Arm der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli? In den letzten Tagen hätte ich mir in manchen Medien dann doch sachkundigere Aussagen gewünscht.

In seiinem Tweet erklärt Friedrich Merz seine Kandidatur zum CDU-Vorsitzenden mit dem Wunsch nach Aufbruch und Erneuerung.
Ja, die CDU braucht „Aufbruch und Erneuerung“, wenn sie nicht weiter an Zustimmung in der Wählerschaft verlieren möchte. Friedrich Merz traue ich die Neuausrichtung der CDU als Volkspartei zu. (Bild: Screenshot, Twitter, 30.10.18)

Wirtschaftskenntnisse können nicht schaden

Der Zeit-Journalist Ferdinand Otto liegt nach meiner Ansicht nicht nur bei seinen Rollenbildern falsch, sondern auch bei anderen Aussagen zu Friedrich Merz: „Gleichzeitig schiebt er nonchalant hinterher, dass er die Nullzinspolitik der EZB für brandgefährlich halte. Ein Signal an die AfD-Wähler.“ Auch bis zur Zeit-Redaktion sollte vorgedrungen sein, dass sich Millionen von Sparern in Deutschland und in anderen europäischen Staaten Gedanken über den Wertverlust ihres Kapitals durch die Geldschwemme der Europäischen Zentralbank (EZB) unter Mario Draghi machen. Viele Menschen haben unter Entbehrungen während der Erwerbstätigkeit etwas Geld angespart, um mit den Zinsen ihre Rente aufzubessern, und jetzt fehlt dieser kleine Finanzzufluss im Geldbeutel. Wer die Empörung vieler Menschen über die Nullzinspolitik in direkten und ausschließlichen Zusammenhang mit der AfD setzt, der handelt unredlich. Aber als Zeit-Autor ist man vermutlich nicht auf die Zinseinnahmen angewiesen. Generell könnten mehr wirtschaftliche Kenntnisse in unserem politischen Alltag nichts schaden, und damit komme ich noch zum dritten Bewerber.

An dieser Stelle mache ich nochmals keinen Hehl daraus, dass ich hoffe, Friedrich Merz würde zum CDU-Vorsitzenden gewählt. Ihm traue ich zu, diese wichtige Volkspartei wieder auf einen zukunftsgerichteten Kurs zu bringen und auch wieder marktwirtschaftliches Denken mit sozialer Gerechtigkeit besser zu verbinden. Kaum verwunderlich war das Aufstöhnen auf der linken Seite des politischen Spektrums: Friedrich Merz gehe doch gar nicht, denn er habe in den letzten Jahren die Aktivitäten von BlackRock in Deutschland als Aufsichtsrat überwacht, und dieses Unternehmen sei doch eine Fondsgesellschaft, der weltgrößte unabhängige Vermögensverwalter. Damit sei er ja für alle Zukunft ein Lobbyist des Großkapitals. Wer hätte sich eigentlich aufgeregt, wenn Friedrich Merz Gewerkschafter wäre? Vermutlich kaum einer! Für mich ist es dagegen positiv, dass Friedrich Merz zu den Politikern gehört, die ihren Lebensunterhalt auch außerhalb von Parlamenten und Polit-Organisationen bestreiten können. Dazuhin wäre etwas mehr wirtschaftlicher Sachverstand in unserer Bundesregierung nicht falsch. Und ganz nebenbei, auch Friedrich Merz halte ich nicht für das Schreckgespenst eines ‚Macho‘.

Angela Merkel im Bild mit ihrer Erklärung, sie trete nicht mehr als CDU-Vorsitzende an.
Angela Merkel machte den Weg frei für eine neue Vorsitzende oder einen Vorsitzenden in der CDU. Und dies ist ihr hoch anzurechnen, denn sie erspart ihrer Partei einen unwürdigen Parteitag mit Kritik hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand. Stattdessen bieten sich jetzt Chancen für einen Neubeginn. Ich hoffe, dass die CDU diese Möglichkeit nutzt. (Bild: Screenshot, Facebook, 3.11.18)

Chance nicht vertun

Aus gesamtgesellschaftlichem Interesse hoffe ich sehr, dass die CDU die Chance nutzt, die Angela Merkel jetzt angeboten hat: Eine Neuorientierung tut Not, wenn sich die CDU aus dem Strom befreien will, der sie immer näher an den Abgrund führt. Wenn eine Wahl nach der anderen mit einer Klatsche endet, dann ist es höchste Zeit, personell und inhaltlich neue Impulse zu bringen. Wichtig ist es dabei, dass über zukunftsorientierte Themen diskutiert wird, und an diesen müssen die Bewerber für den CDU-Vorsitz gemessen werden.

Wer die Zeit jetzt mit einem Geschlechterkampf vertrödelt und den Macho als Schreckgespenst aus der Mottenkiste holt, der hat nicht gehört, was die Uhr geschlagen hat und in welchem Jahrhundert wir leben. Auch wenn ich mich wiederhole, die CDU hat jetzt eine sehr gute Ausgangslage, denn drei Bewerber haben sich bereits aus der Deckung gewagt. Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn und Friedrich Merz haben es verdient, an ihren inhaltlichen Konkretisierungen gemessen zu werden. Selbstverständlich spielt bei der Entscheidung auch die jeweilige Persönlichkeit eine Rolle. Ob es sich um eine Kandidatin oder einen Kandidaten handelt, das sollte aber in unseren Tagen keine Beachtung mehr finden! Ganz nebenbei werden bei der Wahl Anfang Dezember auch die Weichen in Richtung Kanzleramt gestellt, somit bekommt die Entscheidung der CDU-Delegierten eine Dimension, die weit über diese Volkspartei hinausgeht.

Das Bundeskanzleramt im Hintergrund und vorne eine rostbraune Skulptur von Eduardo Chillida.
Die CDU-Vorsitzende hat den Wettstreit um ihre Nachfolge als Bundesvorsitzende der CDU eröffnet, doch sie wird auch den zweiten Schritt baldmöglichst tun müssen und den Sessel im Kanzleramt freimachen. Ansonsten könnten die Wahlen im kommenden Jahr weitere Verluste bringen. (Bild: Ulsamer)

 

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