Castel del Monte: die Krone Apuliens

Steingewordener Mythos in Süditalien

Fährt man aus Richtung Bari ins Landesinnere, dann erblickt man auf einem Hügel trutzige Kalksteinmauern: Über der Ebene erhebt sich das Castel del Monte aus dem 13. Jahrhundert. Beeindruckend ist nicht nur der erste Blick aus der Ferne, sondern auch das Gebäude aus der Nähe. Charakteristisch sind die achteckigen Formen. Die Mauern erinnern an eine Burg, der mit Pilastern, Kapitellen und zwei staufischen Löwen reich geschmückte Eingang eher an ein Schloss. Seit 1996 gehört das Castel del Monte zum UNESCO-Weltkulturerbe, aber bis heute hütet es viele seiner Geheimnisse seit der Erbauung unter dem Stauferkaiser Friedrich II.

Als wir das Castel del Monte das erste Mal in seiner natürlichen Umgebung erblickten, da waren wir überwältigt und fühlten uns bestätigt: Dieses mittelalterliche Bauwerk hatte einen Abstecher in die Murgia mehr als verdient. Meine Frau und ich hatten im Landesmuseum Württemberg vor Jahrzehnten ein Modell gesehen und beschlossen, diesem staufischen Bauwerk irgendwann einmal einen Besuch abzustatten.

Das mittelalterliche Castel del Monte thront imposant auf einem Hügel in der süditalienischen Murgia. Die „steinerne Krone Apuliens“ wurde unter dem Stauferkaiser Friedrich II. erbaut und bewahrt bis heute viele ihrer Geheimnisse. (Bild: Ulsamer)

Grandioses Bauwerk

Viele gesicherte Details zur Entstehung des Castels gibt es bis heute nicht, und dies ist eher verwunderlich, da Friedrich II. zu den gebildeten Fürsten seiner Zeit gehörte, die Wert auf das geschriebene Wort legten. So sind 2 700 Urkunden aus der Kanzlei seines Hofes überliefert.

Erbaut wurde das Castel del Monte zwischen 1240 und 1250, doch schon bei der vermuteten Nutzung gehen die Meinungen weit auseinander. Für den einen ist das Castel ein fester Ort, an dem der Stauferkaiser Hof hielt, für andere diente es zeitweilig als Jagdschloss. Ziemlich sicher war es keine Festung, denn es fehlen nicht nur Verteidigungswälle oder Schießscharten, sondern auch das mit dem staufischen Löwen geschmückte Hauptportal lässt auf eine andere Art der Nutzung schließen. Diente es der Aufbewahrung des Staatsschatzes oder vielleicht – wegen seiner Bauform – doch eher astronomischen Überlegungen? Sollte die sogenannte „Steinerne Krone Apuliens“ nur der Machtdemonstration dienen? Viele Fragen, auf die es bis heute wenig Antworten gibt.

Das Portal mit reicher, romanisch anmutender Gestaltung führte wahrscheinlich zu einem umlaufenden Holzbalkon über dem Innenhof. Offen bleibt trotz aller Untersuchungen, welchem Zweck das Castel diente: Jagdschloß oder Sitz des Hofes von Friedrich II.? Oder sollte die „Krone Apuliens“ nur die Macht des Stauferkaisers demonstrieren? (Bild: Ulsamer)

Beim Castel del Monte ist es nach meiner Überzeugung wie bei anderen Gebäuden oder historischen Orten im weiteren Sinne: Je weniger fundierte Erkenntnisse vorliegen, desto eher eignen sie sich für die Bildung von Mythen. Dies gilt in ganz besonderer Weise für das Castel del Monte, da sein Bauherr bereits zu seinen Lebzeiten eher zu den umstrittenen Persönlichkeiten zählte. Die Interpretation seines Wirkens wird auch in den nachfolgenden Jahrhunderten durch eine breite Vielfalt charakterisiert.

Friedrich II. – ein Stauferkaiser mit Vorliebe für Italien

Friedrich II. wurde 1194 in Jesi bei Ancona geboren und verstarb 1250 bei Lucera – ebenfalls in Italien. Von seinen 39 Regierungsjahren als römisch-deutscher König und Kaiser hielt er sich 28 Jahre in Italien auf. Mag das Geschlecht der Staufer auch vom Hohenstaufen in Baden-Württemberg stammen, er selbst war in vielen Aspekten durch das südliche Italien geprägt. So ist der Stauferkaiser bis heute auch eine historische Persönlichkeit, die die Verbindung deutscher und italienischer Regionen symbolisiert.

Wenige Säulen aus Marmor sind von der Innengestaltung erhalten geblieben. Aber auch nach fast 800 Jahren ist die Kunstfertigkeit der Steinmetze zu erkennen. Kunst und Kultur spielten im Leben Friedrich II. eine bedeutende Rolle. (Bild: Ulsamer)

Zur zwiespältigen Überlieferung trugen sicherlich auch die Konflikte bei, die Friedrich II. z.B.  mit Papst Gregor IX. austrug, der ihn – u.a. wegen eines nach dessen Meinung gebrochenen Kreuzzugversprechens – zweimal exkommunizierte. Betrachtet man die geografische Ausdehnung seines Einflussgebiets und die damaligen Kommunikationsmittel, dann ist es verwunderlich, wie lange er sein Reich erhalten konnte. Bei den eingesetzten politischen Mitteln war Friedrich II. auch nicht wählerischer als seine Zeitgenossen in Staat und Kirche, aber er verstand es immer wieder auch Minderheiten einzubeziehen.

Nachdem Friedrich II. gegen die seit dem 9. Jahrhundert in Sizilien lebenden Muslime militärisch vorgegangen war, siedelte er einige Tausend Sarazenen im rd. 800 km entfernten Lucera an. Er gestand ihnen freie Religionsausübung sowie eigene Rechtsprechung zu und konnte sie so für sich gewinnen: Sie wurden Soldaten in seinem Heer und dienten am Hofe. Während eines Aufenthalts nördlich der Alpen berief er eine Gelehrtenkommission ein, die die gegen Juden in Fulda vorgetragenen Vorwürfe des Ritualmords entkräftete, was nicht nur zum Freispruch der inhaftierten Juden führte, sondern auch weitere Pogrome verhinderte.

Kultureller Austausch prägend

Die Förderung der Kultur durch Friedrich ist gut belegt: Christliche, muslimische und jüdische Gelehrte trugen zum Kulturtransfer bei. Dichtkunst und Mathematik waren ihm ebenso wichtig wie ein geordneter Staat. Die Jagd mit Falken war für ihn nicht nur Zeitvertreib, sondern auch ein wissenschaftliches Thema. Er ließ Jagdliteratur aus dem arabischen ins Lateinische übersetzen und verfasste auch ein eigenes Buch: „Über die Kunst mit Vögeln zu jagen“ („De arte venandi cum avibus“).

Die achteckigen Umrisse des Bauwerks geben bis heute Rätsel auf: Sind die Formen und Abstände der Gebäudeteile auch Hinweise auf die astronomischen Kenntnisse des Bauherrn? Zumindest hatte Friedrich II. einen freien Blick auf seine Falken am Himmel. (Bild: Ulsamer)

Wie die Entstehung und Nutzung seines Castels del Monte, so ist auch der Tod Friedrichs im Ungewissen beheimatet. Völlig überraschend starb der Stauferkaiser 1250, möglicherweise an Typhus oder Blutvergiftung. Ihm feindlich gegenüberstehende Geschichtsschreiber verstanden ihn als Ketzertod. Im darauf folgenden Jahr wurde er in der Kathedrale von Palermo beigesetzt.

Die „Steinerne Krone Apuliens“ aber beeindruckt auch nach Jahrhunderten noch viele Reisende durch ihren wuchtigen, achteckigen Grundriss, der sich auch in den Türmen wiederfindet, und ihre imposante Bauform. Mögen auch die Mythen überwiegen und viele Details nicht überliefert sein, so steht sie doch stellvertretend für das technische und mathematische Fachwissen der Baumeister jener Zeit. Aber auch die Verbundenheit der Menschen auf beiden Seiten der Alpen in den Tagen des Stauferkaisers Friedrich II. und der intensive Austausch zwischen Kulturen und Religionen sollte nicht vergessen werden.

Helles Sonnenlicht flutet in den Innenraum: In vielen mittelalterlichen Bauwerken ist dies eher eine Seltenheit, nicht so im süditalienischen Castel del Monte. (Bild: Ulsamer)

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