Bundestag: Ein Schlag ins Gesicht der Weidetierhalter

Auf den Wolf schimpfen und bei der Weidetierprämie knausern

Da wollte doch unser XXL-Parlament in Berlin wieder zum zentralen Ort der Debatte werden, aber in Sachen Wölfe und Schafe hat sich der Deutsche Bundestag endgültig zum Nachtschlaf verabschiedet. Dies gilt zumindest für CDU/CSU und die SPD und in deren Schlepptau die FDP. Und so bitter dies für mich ist, ich muss schon zugeben, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke haben sich für die Weidetierprämie eingesetzt –  selbst die AfD. Irgendwie steht die politische Welt auf dem Kopf: Einst war der Naturschutz ein konservatives Anliegen – und diesem hatte ich vor Jahr und Tag in meiner Vierteljahresschrift „Perspektiven“ eine ganze Ausgabe gewidmet. Jetzt hoben ausgerechnet die Unions-Abgeordneten nicht die Hand für die Wanderschäfer, die so wichtig sind für den Erhalt unserer Kulturlandschaft. Aber ein Bisschen mehr Wolfsmonitoring durfte es schon sein, und man möge mir verzeihen, vielen geht es nicht um mehr Informationen über die Wölfe in Deutschland, sondern sie zielen auf die Freigabe zur Jagd.

Ein Mutterschaf mit Hörnern und drei Lämmer weiden auf einer grünen Wiese.
Schafe sorgen für den Erhalt der Kulturlandschaft, und deren Besitzerinnen und Besitzer haben in allen Mitgliedsstaaten eine nachhaltige Förderung durch die EU verdient. Statt den Wolf zum Sargnagel der Weidetierhaltung zu stilisieren, sollte die Bundesregierung eine Weidetierprämie bezahlen. Die Schäfer haben innerhalb der EU-Agrarpolitik mehr Unterstützung verdient – und dies gerne zu Lasten von Agrarindustriellen mit riesigen Stallungen. (Bild: Ulsamer)

Bei Schafen und Ziegen wird geknausert

Frappierend ist es für mich schon, dass in 22 EU-Staaten Halter von Weidetieren eine Prämie erhalten, die nicht an die Fläche gekoppelt ist. Aber ausgerechnet in Deutschland, wo z.B. schon vor ihrem Amtsantritt die frühere Weinkönigin und jetzige Bundesagrarministerin Julia Klöckner zur Hatz auf den Wolf blies, geben die Bundespolitiker mal wieder den Sparheimer. Als Nettozahler in der EU bringen wir das Geld in die Brüsseler Kasse, damit über 50 Mrd. EURO für eine fragwürdige Agrarpolitik ausgegeben werden können, aber bei unseren eigenen Schäfern oder Landwirten, die Schafe und Ziegen oder auch Rinder im Freiland halten und dabei auch noch Naturschutzaufgaben erledigen, da wird geknausert. Uns Schwaben wird ja Sparsamkeit nachgesagt, aber bei wichtigen und zukunftsorientierten Aufgaben, da muss sich doch das Geldsäckel öffnen!

Ich bin mir bewusst, dass zur Vermeidung von Milchseen und Fleischbergen die Förderung der EU von der Produktionsmenge entkoppelt und an der ganzjährig bearbeiteten Fläche angedockt wurde. Doch gerade Wanderschäfern sowie zahlreichen anderen Besitzern von Schafen und Ziegen – den sogenannten kleinen Wiederkäuern – hilft diese Förderlinie nichts, da sie häufig nicht über eigene Flächen verfügen bzw. diese nicht das ganze Jahr beweiden. Aber ganz folgerichtig gibt es dafür eine Ausnahmeregelung, die die Mehrheit unserer Partner in der Europäischen Union auch nutzt. Deutschland dagegen steht mal wieder abseits und geht einen anderen Weg.

Drei weiß-braune Ziegen in einem Gebüsch. Sie verbeißen die Büsche und halten so die Weidelandschaft frei. Eine steht dabei auf den Hinterbeinen.
Ziegen halten – wie hier auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg – durch Beweidung Wiesen von der Verbuschung frei und sichern damit die Artenvielfalt. (Bild: Ulsamer)

Ablenkungsmanöver Wolf

Die Bundesregierung geht einen Sonderweg – wohl eine Spezialität von uns Deutschen: Die zugewanderten Wölfe werden zum Feind der Schäferei stilisiert. Und nicht wenige Tierhalter fallen auch noch auf diesen Trick herein und stimmen in den Chor der Wolfshasser ein. Darüber vergessen sie ganz, dass ihre Lage bereits vor dem Auftauchen der Wölfe in Deutschland mehr als schlecht war. Schafsfleisch drängt von Neuseeland auf den Markt, die Wolle bringt wenig ein: Im EU-Raum können Schafhalter schon froh sein, wenn der Verkaufserlös aus der Wolle gerade mal den Lohn des Scherers deckt. Und schon jetzt können viele Schaf- oder Ziegenzüchter kaum wirtschaftlich überleben, und dies hat nichts mit Wolfsrissen zu tun. Das Getöse um die Wölfe soll nur davon ablenken, dass der Rückgang bei Schafen und Ziegen eine Folge der unbefriedigenden wirtschaftlichen Lage der Betriebe ist. Leicht abstrus klingt es dann, wenn die CDU/CSU-Bundestagsfraktion nach der Ablehnung der Weidetierprämie erklärt: „Als Fraktion anerkennen wir die große gesellschaftliche Bedeutung der Schafhaltung. Daher wollen wir für den Berufstand werben und junge Menschen ermutigen, in diesem Bereich tätig zu werden.“ Wenn Politiker „junge Menschen ermutigen“ wollen, einen bestimmten Beruf zu ergreifen, dann reichen laue Worte nicht, dann müssen auch die Einkommenschancen – incl. Alterssicherung – stimmen.

Zwei junge Herdenschutzhunde, dahinter Schafe und Bäume.
‚Wenn wir mal groß sind, dann passen wir gut auf unsere Mit-Schafe auf‘, scheinen diese beiden Nachwuchs-Herdenschutzhunde in Italien sagen zu wollen. Leider sind die Fotos von den großen Brüdern mitsamt der Kamera gestohlen worden: Hätten wir doch auch einen Schutzhund dabeigehabt! (Bild: Ulsamer)

Der Versuch von Grünen und Linken, die Bundesregierung zu einem Antrag bei der EU zu bewegen, die Weidetierprämie im Rahmen einer Ausnahmeregelung bezahlen zu dürfen, ist in unserem XXL-Bundestag, dem zweitgrößten Parlament der Welt, gescheitert. Und die Leidtragenden sind die Weidetierhalter. Im aufgeblähten Bundestag verhallten die Stimmen von Grünen und Linken, die zurecht betonten, „dass insbesondere die Halterinnen und Halter Kleiner Wiederkäuer mit ihrer Arbeit zum Natur-, Arten- , Hochwasser- und Klimaschutz, zum Schutz der biologischen Vielfalt und zur Versorgung mit hochwertigen Produkten beitragen. Gleichzeitig ist die Weidehaltung nach Aussage der Antragsteller die in der Gesellschaft anerkannteste Nutztierhaltung.“ Dennoch “sinkt … die Zahl der schafhaltenden Betriebe und der Schafe in Deutschland. Ursache für diese Entwicklung ist für sie die prekäre Einkommenssituation der Weidehalterinnen und -halter Kleiner Wiederkäuer.“ Es scheint für manche Politikerinnen und Politiker aber leichter zu sein, über die Wölfe zu poltern anstatt den Weidetierhaltern finanziell zu helfen. Und so heißt es wiederum bei CDU/CSU: „Eine mögliche Ausbreitung der Wölfe darf nicht zu Lasten der Weidetierhalter erfolgen. Der Schutz der landwirtschaftlichen Nutztiere muss vielmehr höchste Priorität haben.“ Der Herdenschutz ist sicherlich wichtig, doch ersetzt dieser nicht eine solide wirtschaftliche Basis der Schäfereibetriebe.

Kein Herz für Wanderschäfer

Für mich ist es geradezu unverantwortlich, dass CDU/CSU, SPD und FDP den Antrag auf Einführung einer Weidetierprämie ablehnten. Die Union hatte dann doch noch ihr Herz für Wanderschäfer entdeckt, allerdings hat dies erst mal keine Auswirkungen: Die zweite Säule der EU-Förderung nach der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) soll so umgestaltet werden, dass auch Wanderschäfer ohne eigene Flächen zum Zuge kommen. Es ist ohnehin ein Witz, dass in der ersten Säule die Förderung direkt an der Fläche gemessen wird, nur in der zweiten Säule kommen auch naturschutzfachliche Aspekte am Rande zum Tragen. Union, SPD und FDP setzen auch weiterhin zu stark auf die industrielle Landwirtschaft, und daher ist auch nicht damit zu rechnen, dass die deutschen Beiträge zur Änderung der EU-Agrarpolitik den Naturschutz stärker in den Mittelpunkt rücken. Leider kommen bisher auch die kleinen Familienbetriebe deutlich zu kurz.

Helle Schafe weiden auf einer grünen Wiese mit Hutebäumen.
Für mich unerklärlich: In 22 EU-Staaten wird die Weidetierprämie bezahlt, doch ausgerechnet in Deutschland haben CDU, CSU, SPD und FDP diese Förderung abgelehnt. Und dies obwohl viele Halter von Schafen und Ziegen wirtschaftlich gesehen mit dem Rücken zur Wand stehen. Diese Schafe weiden am Randecker Maar in Baden-Württemberg. (Bild: Ulsamer)

„Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion wird daher darauf achten, dass alle Schafhalter von der Weiterentwicklung der GAP profitieren werden.“ Na, das klingt doch richtig positiv, wenn da nicht ein zeitliches Problem bestünde: Neuregelungen zur gemeinsamen EU-Agrarpolitik – GAP – werden frühestens 2020 greifen, und niemand kann heute wissen, wer sich im EU-Gerangel durchsetzen wird. Die Weidetierhalter brauchen jetzt finanzielle Förderung und keine ungedeckten Schecks auf die Zukunft. Gerne können die notwendigen Finanzmittel bei agrarindustriellen Großställen und Mastanlagen eingespart werden!

Wer im Übrigen dem Wolf die Schuld am Niedergang von Schaf- und Ziegenhaltern zuschiebt, der ist schlichtweg ein Heuchler. Die Rückkehr des Wolfs nach Deutschland bringt in der Tat regional zusätzliche Herausforderungen für Weidetierhalte mit sich, denen daher auch eine in allen Bundesländern gleiche Unterstützung zustehen sollte: diese muss sowohl zusätzliches Sicherungsmaterial (höhere Zäune etc.) als auch die Kosten für Anschaffung und Unterhalt von Herdenschutzhunden umfassen – und nicht zu vergessen, auch der zeitliche Mehraufwand muss ausgeglichen werden. Und bei Wolfsrissen muss schnell entschädigt werden und zwar nach bundesweit gleichen Sätzen. Schutzmaßnahmen müssen vorbeugend greifen, damit zuwandernde Wölfe erst gar nicht auf den Schafs-Geschmack kommen.

Schafe auf einer Magerwiese, im Vordergrund ein verrottender Baumstumpf, im Hintergrund einige Bäume.
Auch bei einem Projekt, das ich im baden-württembergischen Immendingen an der Donau mit aus der Taufe heben durfte, kommen Schafe im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen zum Zug. Flächen im Bereich des neuen Daimler Prüf- und Technologiezentrums und in dessen Umfeld werden von einer für den Naturschutz besonders geeigneten Herde aus Skudden, Mufflons und weiteren Schafsrassen beweidet. (Bild: Ulsamer)

Naturschutzaufgaben besser bezahlen

Da Schafe und Ziegen häufig ohnehin im Dienst des Naturschutzes und der Landschaftspflege unterwegs sind und nicht wegen Fleisch oder Wolle gehalten werden, müssen auch die von öffentlichen Institutionen bezahlten Entgelte nicht nur kostendeckend sein, sondern gleichfalls eine Weiterentwicklung des Betriebs und eine angemessene Entlohnung und Absicherung des Schäfers erlauben.

In manchen Regionen Deutschlands und anderen europäischen Staaten werden landwirtschaftliche Betriebe aufgegeben und Wiesen drohen zuzuwachsen: Büsche und Bäume sind dann auf dem Vormarsch und der Wald breitet sich aus. Die für die Artenvielfalt so wichtigen (Mager-)Wiesen können am besten durch Beweidung erhalten werden. So wird nicht nur die Verbuschung verhindert, sondern die Tiere transportieren auch Samen von einer Weide zur anderen und sorgen für die Wiederansiedlung von seltenen Pflanzenarten. Und Schafe häckseln auch keine Kleintiere wie dies Freischneider oder Mähmaschinen tun. Wer eine weitere Verarmung von Flora und Fauna verhindern möchte, der muss auf Beweidung setzen – und dies gelingt nur, wenn die Weidetierhalter auch von ihren Betrieben leben können.

Eine Schafherde grast in der Nähe des Meeres auf einer Klippe.
Hier in Irland ‚droht‘ zwar kein Wolf, doch die Lage der Schäfereien ist ebenso schwierig wie in Deutschland oder anderen EU-Staaten. Es ist an der Zeit, dass die Bedeutung der Schafhaltung für Natur und Umwelt in der EU-Agrarpolitik höher bewertet wird. (Bild: Ulsamer)

Macht endlich den Geldsäckel auf!

Weidetierhalter brauchen eine sachorientierte finanzielle Förderung, denn nur dann können dauerhaft Schafe und Ziegen, aber auch Rinder ihren Beitrag zum Erhalt unserer Kulturlandschaft leisten. Es muss sich wieder lohnen, Tiere im Freien auf Wiesen weiden zu lassen. Es darf doch nicht wahr sein, dass die Massentierhaltung in Ställen zur normalen Lebensform von Schafen, Ziegen, Rindern und Schweinen wird.

„Eine Weidetierprämie ist aus Sicht der Unionsfraktion jedoch kritisch zu sehen, da dies eine Abkehr von der Orientierung der Agrarpolitik am Marktgeschehen bedeuten würde“, so lautet einer der Kernsätze der Presseinformation aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Für mich ist dies nun wirklich irreführend, denn was hat denn die EU-Agrarpolitik mit dem „Marktgeschehen“ zu tun? Viele Landwirte leben weit überwiegend von Fördermitteln der EU und ganz gewiss nicht vom eigentlichen Verkauf ihrer Produkte am Markt. Dies ist nicht der Fehler des einzelnen Landwirts, sondern die Folge einer fehlgeleiteten Agrarpolitik. Aber ausgerechnet bei der Weidetierprämie, da wird das Marktgeschehen zum Stolperstein. Wollen uns manche Parlamentarier eigentlich für dumm verkaufen? Die Perversion der Flächenprämie wird noch deutlicher, wenn man sie in einen anderen Wirtschaftsbereich überträgt: Wenn jeder Bäcker schon mal für das Vorhalten seiner Backstube und das Backen pro Quadratmeter eine Förderung aus der EU-Kasse bekäme, dann würde dies wohl auf größtes Unverständnis treffen. Er würde dann nicht mehr in erster Linie vom Verkauf seiner Brötchen, Brote und Kuchen leben, sondern von der EU-Förderung. Was hätte dies dann mit dem „Marktgeschehen“ zu tun? Nichts! Und so verhält es sich auch mit Flächenprämien ohne naturschutzfachlichen Zusatznutzen!

Wer dann noch behauptet, die Wölfe in Deutschland seien der Sargnagel für die Weidetierhaltung, der versucht von den wahren Ursachen abzulenken: Die finanzielle Situation ist für viele Schäfer so unerträglich, dass sie sich selbst ausbeuten und selbstredend keinen Nachwuchs mehr finden. Die europäische Agrarpolitik muss sich zukünftig stärker an Nachhaltigkeit, Ökologie, Naturschutz und Landschaftspflege orientieren, aber Verbesserungen für Weidetierhalter müssen auch kurzfristig greifen. Die Ablehnung einer Weidetierprämie durch Union, SPD und FDP im Deutschen Bundestag war ein Schlag ins Gesicht der Weidetierhalter.

Drei schwarze Kühe mit weißem Gesicht schauen über eine grüne eine Brombeerhecke mit grünen Blättern und weißen Blüten.
Sollte nicht für alle Schafe, Ziegen, Rinder, Schweine und Hühner eine spürbare Prämie bezahlt werden, wenn sie einen großen Teil des Jahres im Freien leben können? Die EU-Agrarpolitik muss sich zukünftig weit stärker als bisher an Nachhaltigkeit und Ökologie orientieren sowie Landschaftspflege und Tierwohl deutlicher fördern. Die Drei vom Brombeerbusch werfen im Südwesten Irlands einen neugierigen Blick auf den Fotografen – anstatt auf triste Wände im Stall. (Bild: Ulsamer)

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