Arztfreie Diagnosen als Zukunftsmodell?

Vor einem zehnwöchigen Auslandsaufenthalt hatte ich einen Termin in einer großen Augenarztpraxis gebucht. Bei so einer langen Vorlaufzeit sollte man doch annehmen, daß alles klappt, ist man doch in Esslingen am Neckar. Nach einer Stunde Wartezeit war ich nicht bis zum Augenarzt vorgedrungen, keine der zahlreichen Mitarbeiterinnen wusste auch nur annähernd, wann ich dran kommen sollte. Fünf bis sechs Mitarbeiterinnen und – wie ich erfuhr – nur ein Arzt im Einsatz, das scheint auch nicht die optimale Funktionseinheit zu sein. So blieb es bei einer „Vorprüfung“ von Brille und Augen durch eine Mitarbeiterin.

Leicht genervt entschied ich mich zum Abgang und teilte dies auch den Damen am Empfang mit. Damit hielt ich die Angelegenheit für erledigt und ließ in einer anderen Praxis zur vollsten Zufriedenheit meine Augen kontrollieren.

Hoffentlich ist dies ein Einzelfall

Doch dann kam mit der Post eine Rechnung: Na, vielleicht für eine Stunde ungemütlich auf dem Gang sitzen? Weit gefehlt! Ich traute meinen Augen nicht!!! Nicht nur eine „Beratung, auch telefonisch“ wurde in Rechnung gestellt, sondern auch noch eine Diagnose gestellt:  „Hyperopie; Astigmatismus; Presbyopie; Myopie“. Bisher war ich ganz naiv davon ausgegangen, dass Diagnosen nach der Untersuchung durch den Arzt erstellt werden – aber vielleicht sehe ich dies – trotz Brille – ja auch falsch.

Mal was Neues: Diagnose ohne Arzt. (Bild: Ulsamer)

Ein Schreiben an die Augenarztpraxis blieb unbeantwortet. Die Gemeinsame Gutachterstelle der zuständigen Bezirksärztekammer – mein zweiter Adressat – teilte dann nach einiger Zeit mit, die Ärzte hätten „nach Rücksprache mit Ihnen“ die „Rechnung komplett storniert“. Der guten Ordnung halber sei noch angefügt: Die im Schreiben der Gutachterstelle erwähnten Ärzte hatten sich nie bei mir gemeldet.

Eine Rechnung für nicht erbrachte Leistungen! Keine Entschuldigung! Ein kleines Beispiel aus unserem Gesundheitssystem, das Schlimmeres befürchten läßt.

Aber vielleicht sind arztfreie Diagnosen auch die Lösung für unser überlastetes Gesundheitssystem.

Eine Antwort auf „Arztfreie Diagnosen als Zukunftsmodell?“

  1. Und das Schlimme ist, dass gesetzlich Versicherte (immerhin 87% laut Wikipedia) nie eine Rechnung zu sehen bekommen und somit eine Kontrolle der erbrachten Leistungen durch den Versicherten nicht möglich ist. Das öffnet großzügigen Abrechnungen Tür und Tor. Das sagt natürlich nichts darüber aus, wie oft offene Türen und Tore genutzt werden. Man soll ja nicht alle über einen Kamm scheren. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, um es mit der Devise des englischen Hosenbandordens zu sagen.

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